Einschub. Perfekter Fleck.

Heute geht es nicht um Literatur. Auf der Fahrt durch Wälder und Wiesen mit Kühen und an Bergmassiven vorbei haben wir ständig eine alte Platte von ‚Wir sind Helden‘ gehört. Einer der Songs hat sich bei mir besonders verfangen: Gekommen, um zu bleiben.

Nelli Kossko schreibt in ihrem Buch (Wo ist das Land…) an einer Stelle, das Kirchenlied ‚Großer Gott wir loben dich‘ sei zur inoffiziellen Hymne der gläubigen Deutschen in Russland geworden.

Mir kam beim Hören in den Sinn, dass dieser Song, den Judith Holofernes da trällert auch als eine inoffizielle Hymne durchgehen würde. Allerdings für diejenigen, die hierhergekommen sind:

Hier ein Ausschnitt mit dem Refrain:

Wir gehen nicht, aber wenn wir gehen, dann gehen wir in Scheiben
Entschuldigung, ich sagte: „Wir sind gekommen, um zu bleiben!“

Gekommen, um zu bleiben – wir gehen nicht mehr weg
(wir gehen nicht mehr weg)
Gekommen, um zu bleiben – wie ein perfekter Fleck (wie ein perfekter Fleck)
Gekommen, um zu bleiben – wir gehen nicht mehr weg
(wir gehen nicht mehr weg)
Ist dieser Fleck erst in der Hose, ist er nicht mehr raus zu reiben
Entschuldigung, ich glaub‘, wir sind gekommen, um zu bleiben

Klar. Die Sängerin hatte das Schicksal der Deutschen aus Russland in Deutschland sicher nicht im Sinn, als sie ihn schrieb. Auch das Video würde ich nicht als allererstes mit uns in Zusammenhang bringen. Es gibt auch in den Strophen viel Mischmasch aus Deutsch und Englisch, was charmant aber eher unaussiedlerisch ist.

Egal.

Wir sind gekommen, um zu bleiben. Wie ein perfekter Fleck. Irgendwie macht mich dieses Statement ganz emotional. Vielleicht wegen des unscheinbaren Tschuldigung davor? Irgendwas triggert dieses Lied bei mir.

Vielleicht gehts nur mir so. Wer hat einen besseren Vorschlag für eine Hymne?

Etwa das hier:

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Rühren in alten Töpfen, Markus Berges – Die Köchin von Bob Dylan

Jasmin Nickenig trägt immer nur Sneaker und T-Shirt. Sie war mal Literaturstudentin und ist irgendwie in das Kochbusiness reingerutscht. Da bietet ihr eine Freundin an, sie als Köchin eines alternden Rockstars bei der Tournee zu vertreten.

Wegen der privaten Einladung eines ukrainischen Oligarchen wird der Auftakt der Reise kurzerhand nach Jalta verlegt. Dieses Detail erweist sich als schicksalhaft, denn obwohl Jasmin selbst mit der Ukraine und der Sowjetunion nicht das Geringste zu tun hat, stammt ihre Großmutter Erna von der Krim. Als Angehörige der deutschen Minderheit kam sie in den Kriegswirren nach Deutschland.

Nach wenigen Tagen in der Ukraine bekommt die Köchin den Anruf eines unbekannten Mannes, der glaubt, mit ihr verwandt zu sein.

Spitzfindige unter uns würden sagen, dass ist nicht russlandeutsche Literatur. Stimmt. Denn Berges ist in der Bundesrepublik geboren und aufgewachsen und fällt selbst nicht in die Kategorie Aussiedler. Aber auch seine Oma gehörte zu der deutschen Minderheit in der Ukraine und er scheint sich nicht nur tief in die Materie eingearbeitet zu haben, sondern ist auch dort gewesen. Die Beschreibungen der Bazare und Straßen und die historischen Details zeugen jedenfalls davon.

Jasmins Erlebnisse in der Crew von Bob Dylan bilden den einen Strang der Geschichte, in einer zweiten Ebene gibt es Rückblenden in die Vergangenheit von Florentinius Malsam, der in Helenendorf, einem deutschen Dorf in der Ukraine aufwächst und von der Kollektivierung bis zur Besatzung durch die Wehrmacht alles hautnah miterlebt.

Typische Hochzeit in den 1930gern

Es hätte mit ein paar Abstrichen unsere Geschichte sein können. Der Autor beschreibt die Zeit des Hungers zum Beispiel so intensiv, dass ich die Lektüre mehrere Male unterbrechen musste. So nah ging mir das. Es tritt das plastisch vor Augen, was in den Familien nur noch bruchstückhaft kursiert. Es macht einen Unterschied das alles als Romangeschichte zu lesen, denn dadurch wird es seltsam real. Und es ist wohltuend das zu lesen. So als wäre die Geschichte unserer Leute, die eigentlich nie explizit auftaucht, auf einmal gültig. Als wäre sie wert, erzählt zu werden und nicht nur ein ewiges Jammern über verlorene Dörfer.

Vielleicht war diese Genauigkeit möglich, weil Berges selbst aus einer gewissen Distanz schreiben kann. Russki plocho muss seine Protagonistin in den Bazaren immer wieder sagen, sie hat zwar die Erzählungen der Großmutter im Ohr, aber sie wirkt auf mich eher unbelastet. Sie fragt sich zum Beispiel, woher der Mitreisende im Bus sofort „Chände Choch“ zu ihr sagt, als er sie als Deutsche erkennt.

Jetzt, hinten im Bus fragte Jasmin sich, woher er das kannte. Der Mann hatte ungefähr nach sechzig ausgesehen, eher jünger, war also Anfang der Fünfziger geboren, frühestens. „Chände choch!“ Er musste das von seinen von den Deutschen eroberten Eltern haben.

Irrtum, hätte ich Jasmin sagen können, wäre ich im selben Bus gesessen. Aus den unzähligen Kriegsfilmen hat er das, mit denen nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder in der Sowjetunion unaufhörlich indoktriniert wurden. Und bis heute werden. Die bösen Deutschen, Cheil Gitler und Chände choch gehört zum Repertoire der Menschen bis heute.

Auch die Passagen der 30ger und 40ger Jahre in der Ukraine zeichnet Berges sichtbar durch die Brille dessen, der in der BRD sozialisiert wurde. Was aber nicht stört. Er beobachtet genau, er hat genau recherchiert, bis hin zur Syntax und den Vokabeln, die auch mir bezeichnend für die hermetisch abgeschiedene deutsche Minderheit erscheinen:

Und als diese Schwäne vor den Vorhang getanzt gekommen sind zur Musik – wie Tupfen auf ihrem Kleid, hat sie gedacht, wie Tupfen, obwohl, die Tupfen auf ihrem Kleid ja rot waren – … Schließlich aber ist alles gut geworden und hat ein glückliches Ende genommen und alle haben jubiliert. S 25

Dann fing der Onkel vom Kolchos an, dass längst alle wären hineingezwungen. Den Ehresmann, den Hunkele, den Haberlach und den Mack Georg, auch deren gesamte Familien, die hätten sie ja noch abgeholt als Kulaken. Danach habe der Kolchos dann Zulauf gehabt. S 39

Er benutzt das Wort Muhme für Tante. Den Vornamen nach hinten zu setzen ist ebenfalls typisch. Für Russen und auch für die Russlanddeutschen. Manche machen das bis heute. Das einzige, was ich zu monieren hätte, an einer Stelle reden zwei Liebende deutsch in der Öffentlichkeit und zwar in der Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf. Das hat es meiner Meinung nach in der Stalinzeit nicht gegeben, Pakt mit Hitler hin oder her.

Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf 1917
Schwarzmeerdeutsche Familie

Speisen, Tourerlebnisse und alte Familiengeschichten werden geschickt verwoben und es ist gut, dass der Autor als Mitglied und Texter der Band Erdmöbel sich in mindestens einem von diesen Bereichen sehr gut auszukennen scheint.

Ihm gelingen auch brillante Passagen zu den Themen Flucht und Vertreibung, Leid und Verlust. Insbesondere dort, wo die sogenannten Deutschländer, also die Reichdeutschen auf den Plan treten, wird die Beschreibung bis zur Ausdrucksweise der damaligen Zeit sehr authentisch.

Berges spart auch die sonst kaum benannten blinden Flecke in der Geschichte der Schwarzmeerdeutschen nicht aus, so werden die Wehrmachtssoldaten mit Freundlichkeit aber auch einigem Misstrauen in dem deutschen Dorf empfangen. Es gibt schon damals kulturelle Missverständnisse:

„Dass ihr Leutchen hier eure Namen immer verkehrt rum aufsagt. Ich heiße schon mein Leben lang Harald Finkchen. Zum Glück für dich einfach Herr Hauptsturmführer.“

„Kann ich euch was anbieten?“

„Und immer dieses ‚Euch‘ und ‚Ihr‘. Wer hätte das gedacht, Pluralis Majestatis ausgerechnet im Kommunismus. Wir ihrzen nicht mal den Führer. Ein Teechen mit Schuss tät ich nehmen, auch ohne Teechen zur Not.“ S 184

Und irgendwann kommt auch raus, woher die großzügigen Kleiderspenden für die Dörfler eigentlich stammen. Gänsehaut.

Die Verwirrung von einigen Leser*innen, die der Titel und der Covertext in die Irre geleitet hat, kann ich schon verstehen. Bob Dylan wird erst spät eingeführt und ums Kochen geht es auch nur marginal. Aber mir wurde ja das Buch von einer Kollegin wärmstens ans Herz gelegt, weil es um die Geschichte der Schwarzmeerdeutschen geht, so hatte ich keine falschen Erwartungen. Wen Jasmin da wirklich antrifft und was es mit ihr macht, möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten.


Lesung und Interview mit Markus Berges auf der Buchmesse:

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rohwolt Berlin, März 2016,
€ 19,95,
ISBN 9783871347092, 286 Seiten

Lyrik – Agnes Gossen, Mein Erinnerungsrucksack

 

Mein Erinnerungsrucksack,
mitgebracht in die Fremde,
schlummert in einer Ecke.
Er ist zu groß, zu sperrig…
Mein Gedächtnis öffnet
ihn in der Nacht.
Ganz oben sehe ich
das Haus meiner Kindheit.
Es wurde zu alt und zu eng.
Ich riss in die Zukunft aus.
Doch so vieles blieb zurück
Fetzen meines Lebens
auf Telefonnotizen,
Begegnungen, Gespräche,
gespeichert in Wänden.
Wer wohnt wohl jetzt dort?
Spürt er meine Trauer,
meine Heiterkeit und Hoffnung,
die nächtlichen Seufzer,
wie Kaugummi
unter die Decke geklebt?
Hat er meine Spuren
vielleicht überpinselt?

In der neuen Heimat
schmücke ich mein Zuhause
mit alten vertrauten Bildern.

(Agnes Gossen, geboren im Ural, Übersiedlung nach Deutschland 1989)


Unter der Zirbelkiefer: Heinrich Rahn – Der Jukagire

In der Taiga ist vieles möglich. So steht es an einer Stelle im Roman Der Jukagire von Heinrich Rahn.

Es ist die Geschichte des Waisenjungen Ivan Nickel, dessen Eltern (ein Volksdeutscher und eine Jukagirin, also eine Frau aus einem Stamm sibirischer Ureinwohner) als Volksfeinde verhaftet worden sind. Wir schreiben das Jahr 1946, noch ist Stalin an der Macht und sein Scherge Berija gebietet über den Geheimdienst.

In einen Unfall mit tödlichem Ausgang verwickelt, gerät Ivan in ein Straflager, wo er den Rufnamen Jukagire verpasst bekommt. Später begibt er sich auf eine abenteuerliche Odyssee durch den Nordosten Sibiriens, wird Schamane und erlebt allerhand Verwicklungen. Auch amouröser Art.

Ist dieses Buch ein Abenteuerroman oder eine Liebesgeschichte? Schamanische Praktiken kommen drin vor ebenso wie alte Jäger, sibirische Nomaden und Lagerhäftlinge. Eine Karl-May-Story im wilden Nordosten, so scheint es zunächst. Statt Siuox und Apachen tauchen Jakuten und Jukagiren auf, statt Cowboys sitzen Zobeljäger und ungehobelte Sträflinge am Lagerfeuer und statt Whiskey wird Samogon (= selbstgebrannter hochprozentiger Wodka) rumgereicht. Die Geschichten von Old Surehand und Winnetou drängen sich förmlich auf. Doch schreibt Rahn ohne den überheblichen Ton eines europäischen Eroberers und ohne die Erhöhung des Protagonisten ins Übermenschliche wie es beim Hilfslehrer aus Radebeul der Fall ist. Obwohl der Jukagire mit seinen gestählten Muskeln, seiner gelehrsamen Art und Herzensweisheit ganz schön heldenhaft daherkommt.

Holzschnitt mit einer traditionell gekleideten Jukagirin und einem Jukagiren. Im Hintergrund ein Ren mit seinem Jungen
Holzschnitt von Wladimir Istomin. Frühling, 1973

Die historischen Tatsachen blitzen zwischen den Erzählsträngen auf, Schicksale werden miteinander verwoben. Das Leben im Sibirien der Nachkriegszeit tritt plastisch hervor, aber wie im Märchen, wie in einem Mythos, ohne dass der Dreck und das Blut in den Vordergrund tritt. Es ist eher ein Holzschnitt als eine naturalistische Fotografie.

Buschige Zirbelkiefern, helles Moos, Bären und Elche spielen eine nicht unerhebliche Rolle in diesem historischen Pelz-und-Flintenpanorama. Der Autor kennt die Taiga nur zu gut. Seine Liebe zur Wildnis, zu den Tieren und dem Wechsel der Jahreszeiten wird auf jeder Seite spürbar. Die Kapitel winden sich von Polarlicht zu Polarlicht. Auch die Darstellung der Menschen in dieser rauen Zone scheint sehr authentisch. Sowjetstaat plus extremes Klima – das ergibt einen besonderen Cocktail.

Alte Jäger plaudern über Unerhörtes und über Gehörtes, verweben Erlebtes mit Legenden. Die Stelle, wo Matwej und Lukjan sich in der eingeschneiten Hütte unterhalten, gehört zu meinen Lieblingspassagen im Buch.
Lukjan strich sich wieder über seinen Schnurrbart und begann: „Marischa hat nun einen Geologen geheiratet und wohnt in Amurstadt. Ihr Vater, der alte Sachar, ist zurückgeblieben und lebt mit meiner Schwester zusammen.“ S 143

Die Geschichten der Minderheiten, ob von Russlanddeutschen, Tataren und auch der Urvölker Sibiriens werden unauffällig und ohne großes Lamento eingeführt.

Es gelingt dem Autor ein Spannungsfeld schaffen, über viele Seiten hinweg. Das ist seine große Stärke. Doch dann driftet die Story ab. Was wie ein Karl-May-Spektakel mit schamanistischen Einsprengseln anfängt, verwandelt sich in einen leicht chaotischen Konsalik-Thriller, um in einer fulminanten Doppelagentenstory zu enden. In der Taiga ist vieles möglich – aber doch nicht alles. Alle losen Fäden auf eine so abenteuerliche Weise zum Ende hin miteinander wieder zu verbinden, scheint mir sogar hier, im legendendurchtränkten Polargebiet, eher wenig wahrscheinlich. Aber im echten Leben gibt es sicher noch heftigere Zufälle.

Es gäbe da einen interessanten Konflikt, bei dem ich aufhorche. Die unter der Urbevölkerung verbreiteten schamanischen Bräuche sind ein Dorn im Auge der kommunistischen Partei und sollen unterbunden werden. Doch dann löst sich diese Diskrepanz aus heiterem Himmel wieder auf. Was ein tragendes Element hätte werden können, versickert sang- und klanglos.

Wenn ich die Lebensläufe von Ivan, Kina, Marischa und den anderen Figuren wie Fäden vom Geschehen abziehe, entdecke ich auf der Metaebene zwei Muster, die sich durchziehen.
Zum einen handeln diese Erzählungen von auseinandergerissenen Familien, verlorengegangenen Geschwistern und Ehemännern, behördlicher Willkür und abgebrochenen Lebensläufen. Zum anderen halten sich die Protagonisten und Protagonistinnen seltsam tapfer dabei. Sie bleiben stark. Zeigen ihren Schmerz nicht. Sie sind nicht zerrissen, sondern bewältigen den Alltag wie nebenher und schieben die erlittenen Traumata wie Spinnweben beiseite. Das ist erstaunlich. Oder auch nicht. Denn in der Generation derjenigen, die diese Verluste, Verfolgungen und Verbannungen am eigenen Leib erlebt haben, ist diese Verhaltensweise üblich. Weitermachen und Verdrängen. Und das Aufarbeiten anderen überlassen. Doch das ist jetzt meine eigene Interpretation. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Charakterisierung dem Autor genau so vorgeschwebt hatte.

Was hätte diesem fulminanten Reigen besser getan, ein Weniger an Plots oder ein Mehr an Seiten, um sie ausreifen zu lassen? An manchen Stellen wäre ein strengeres Lektorat wünschenswert, zum Beispiel auf Seite 169, wo es heißt:
Nach dem Trinken hörte man das knisternde Zerkauen von Sauerkraut als Nachspeise.
Achtung: Hier geht es nicht um ein Sauerkraut-Dessert, sondern es ist die Sakuska gemeint, das Stück Brot oder Salzgurke, das die Russen gern nach hochprozentigen Getränken hinterheressen – oder eben Sauerkraut. Das sind so typische Missverständnisse zwischen russischen und deutschen Begrifflichkeiten.

Es sind nur Kleinigkeiten, denn im großen und Ganzen liest sich der Roman mit seiner klaren und bildhaften Syntax sehr flüssig. An einigen Stellen, wenn es um das Liebesspiel geht, wirkt die Sprache allerdings leicht abgedreht und esoterisch. Aber in der Taiga mag vieles möglich sein, auch dass ‚die gemeinsamen Sehnsüchte aus einer erfrischenden, ewigen Quelle vollkommener Leidenschaft‘ erquickt werden. (S223)

Würde ichs noch mal lesen? Jeder Zeit.

Der Jukagire, Heinrich Rahn, Geest-Verlag, 2008
ISBN-13: 978-3866851344
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Fokus-Pokus

 

Der Blog steht still und schweiget. Nein, ich schweige. Seit Monaten habe ich vor, die Weichen neu zu stellen. Und meine Ankündigung von vor zwei Jahren wahrzumachen, nämlich mich eingehender mit der Literatur der Deutschen aus Russland zu beschäftigen. Doch.

Seitdem der Bücherstapel wächst, fliege ich wie ein Falter von einem Buch zum anderen. Kann mich nicht zentrieren. Fresse mich durch Buchseiten, fast wahllos, wie eine Raupe in Trance.

Kann nicht entscheiden, mit welchem anfangen. Jeder Versuch mich zu zentrieren, verläuft im Sand. Der Fokus ist weg.

Aufgepasst, ein Fokusnik am Werk! Hier gemalt von Hieronimus Bosch

Apropos Fokus. Im Russischen ist ein фокусник (Fokusnik, weibl. Fokusniza) jemand, der Streiche macht, ein lustiger Trickbetrüger, ein Scharlatan. Im besten Sinn jemand der/die andere manipuliert.

Möglicherweise ist mein Unbewusstes gerade nach bester Fokusnik-Manier dabei, mich dahingehend zu manipulieren, dass ich meinen Fokus verliere? Wäre nicht das erste Mal.
Möglicherweise ist auch die Zeit noch nicht gekommen, einen Fokus zu setzen. Möglicherweise muss ich mich erst durch tausende Seiten durchfressen. Mich dann verpuppen, einen Kokon bilden. Um später einen Seidenfaden draus zu spinnen.

Diese Literatur entzieht sich gern. Verfängt sich zwischen den Zeilen, bewegt sich unter ferner liefen. Nicht nur bei mir.

Denn mit der russlanddeutschen Literatur verhält es sich so. Gehst du in eine Buchhandlung und fragst danach, kommt erst mal nichts.

Auch waren in unserer Stadtbücherei von 20 Namen, die ich nenne, höchstens zwei in der Datei enthalten. Und die habe ich schon als Buch vorliegen.

Nora Pfeffer?
Nichts.
Viktor Heinz?
Nada.
Aber doch sicher Nelly Däs.
Nie von gehört.

Die Literaturwissenschaftlerin Frau Prof. Dr. Annelore Engel-Braunschmidt, die über diese Nischenliteratur geforscht hat, erzählt Ähnliches. Sie hat sich einen Spaß draus gemacht, in den Buchhandlungen gezielt nach der Literatur der Deutschen aus Russland zu fragen. Nach einem Zögern käme oft, Sie meinten doch nicht Wladimir Kaminer? Oder was von Natascha Wodin? Wir hätten da ein Buch von Nana Haratischwili? Aber nein, sie ist ja Georgierin.

Die Literatur der Deutschen aus Russland ist ein blinder Fleck. Viele Werke nur antiquarisch erhältlich oder in der Bibliothek der russlanddeutschen Museums in Detmold ausleihbar. Wenn überhaupt.

Gut, osteuropäische Literatur an sich ist nicht gerade der Renner, es sei denn eins der baltischen Länder oder Polen ist Gastland bei einer Buch-Messe. Ansonsten gilt der uralte Spruch Slavica non leguntur. Diese kirchenlateinische Sentenz bezieht sich zwar auf die Rezeption slavischer religiöser Texte im Mittelalter, aber sie lässt sich sehr gut auf die Welt der Literatur übertragen. Die Kultur der Nachbarn aus dem Osten wird hier nicht wahrgenommen. Es sind böhmische Dörfer. Noch immer.

Um so mehr das Schreiben derjenigen, die als kulturelle Insulaner in Russland lebten und später mit ihrer veralteten Mundart zurück nach Deutschland eingewandert sind – und nun teilweise sogar auf Russisch schreiben.

An einem heißer Wochenende im Juni war ich in Fischbach/Nürnberg. Zu einer Tagung für russlanddeutsche Autoren. Da waren sie zu finden. Die auf Deutsch schreibenden, genau so wie die mit den wunderbaren russischen Gedichten.

Ich habe mir eine Liste gemacht. Und schon angefangen, zu blättern und zu lesen. Die Fische von Berlin, Der Jukagire, Eisberge der Zivilisation.
Und Gedichte, viele Gedichte.

Ein Buch hat sich vorgedrängt. Ein heißer Tipp von einer anderen Autorin aus unserem Literaturkreis, Maria Scheffer. Es ist Die Köchin von Bob Dylan, von Markus Berges. Einige werden ihn als Mitglied der Band Erdmöbel kennen. Dabei ist dieser Autor noch nicht mal ein im wirklichen Sinn russlanddeutscher Autor. Ist in Westdeutschland geboren und aufgewachsen, aber seine Oma stammt von der Krim. Er hat allerdings unsere Geschichte verarbeitet und hat genau den Roman geschrieben, der mir unter den Fingern brannte. Und er hat es sehr gut gemacht.

Damit könnte ich doch anfangen. Oder vielleicht doch lieber mit… Mal sehen, was in der Sommerpause noch passiert. Ich bin bereit. Der Fokus-Pokus kann beginnen.

Völlig ausgeblendet – Maja Haderlaps ‚Engel des Vergessens‘

Der Roman ‚Engel des Vergessens‘  behandelt eine persönliche Familiengeschichte und stellt ein wenig beleuchtetes Kapitel österreichischer Zeitgeschichte in den Fokus. Es geht um die slowenische Minderheit in Kärnten, die noch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an dessen Folgen und der Verfolgung durch die nationalsozialitischen Machthaber leidet. Die Großmutter der Ich-Erzählerin wurde als junge Frau nach Ravensbrück verschleppt und kommt ständig auf die Toten, die Verluste und die Erlebnisse von damals zu sprechen. Nur Kraft ihres im Aberglauben wurzelnden Christentums hat sie überlebt und gibt nun ihre Überlebensstrategien an die Enkelin weiter. Bringt ihr bei, sich heimlich mit der Zungenspitze am Gaumen zu bekreuzigen, damit es keiner mitbekommt. Nimmt Räucherungen mit einer heißen Kohlenpfanne vor. Lauter krudes Zeug, das jedoch verhindert hat, dass sie in der Hölle des Lagers den Verstand und den Mut verliert. Mechanismen zur Abwehr des Bösen, die in der Gegenwart deplaziert wirken.

Wie aus dem Nichts tauchen bei den Erwachsenen um sie herum Erinnerungssplitter von Kinderleichen oder Erniedrigungen im Lager auf. Dieses Phänomen kommt mir aus meiner Familie sehr bekannt vor.

Auch dass die Menschen an ihrer Vergangenheit zerbrechen, kann ich nur zu gut verstehen. Im Roman ist da zum Beispiel der Vater der Protagonistin, der schon als kleiner Junge zu den Partisanen gegangen ist und von den Nazis gefoltert wurde. Er kann das Erlebte nicht verarbeiten und gibt die Gewalt ungefiltert nach außen weiter. Das Stillschweigen, mit dem dieses Thema noch heute behandelt wird, verstärkt sein Trauma noch. Denn die Demütigung geht weiter: in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft wurden die slowenischen Partisanen mit Verbrechern und Verrätern gleichgesetzt.

Lakonisch wird die Sprache der Autorin dann, wenn sie darüber sinniert, dass ihre Landsleute neben Marienfahrtsorten auch Konzentrationslager wie Mauthausen oder Ravensbrück zu ihren Lieblingsausflugszielen küren. Poetisch wird sie dagegen, wenn es um die Beschreibung des Waldes geht, der zu einem Protagonisten in diesem Buch wird. Aber nicht nur.

Haderlap betrachtet das Geschehene zwar mit der Distanz einer Nachgeborenen, ist aber mit den Abgründen ihrer Familie und der slowenischen Gemeinschaft in Kärnten verbunden. Hier einige Beispiele der verdichteten Kraft ihrer Prosa:

Der Krieg ist ein hinterhältiger Menschenfischer. Er hat sein Netz nach den Erwachsenen geworfen und hält sie mit seinen Todesscherben, mit seinem Gedächtnisplunder gefangen. (Seite 92)

***

Ich lerne im selbstvergessenen Kärnten nicht vergessen zu können. Der Boden, auf dem ich stehe, muss eine unsichtbare Unterseite haben, die vollgesogen ist mit Gewesenem, aus dem ich zu wachsen scheine, auf das ich zurückgeworfen werde. Immer wiederkehrend, verfällt das Land in einen Taumel, in dem es eine Geschichte beschwört, die nichts anderes ist, als ein Rechtfertigungsphantom, mit dem es sich auf der richtigen Seite wähnt. Alle, die unter die Räder des Nationalsozialismus gekommen sind, bleiben aus diesem Selbstbild ausgeschlossen. (Seite 275)

***

Großmutter schneidet von einem Laib Brot, der ihr gereicht wird, ein kleines Stück ab. Sie reicht mir einen Bissen und sagt, mit dem Brot habe sie ein Stück Ewigkeit abgeschnitten, am Brot werden wir uns im Jenseits erkennen, am Brot, das wir bei den Totenwachen verzehren. Ich bezweifle, ob ich von diesem Brot essen möchte, weil mich die Vorstellung, den Toten im Jenseits zu begegnen, ängstigt. Den Bissen nehme ich rasch aus dem Mund und stecke ihn in meine Jackentasche. (Seite 106)

Preisträgerin

2011 hat Maja Haderlap mit ‚Engel des Vergessens‘ in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Was daraufhin in einigen Feuilletons verlautbart wurde, wundert mich nicht, macht mich aber relativ ratlos.

Es ist offenkundig, dass die Niederschrift ein Akt der Befreiung war, und als Leser daran teilzunehmen ist ein ambivalentes Erlebnis, schreibt Ulrich Greiner in der ZEIT. Er bemerkt, dass das Präsens, in dem das Buch durchgängig verfasst ist, zwar ‚plastische Szenen einer archaischen Landschaft und des bäuerlichen Lebens‘ stimmungsvoll darstellen könne, jedoch ungeeignet sei ‚für die Inszenierung eines historischen Raums, um den es hier hauptsächlich geht. Wo alles Gegenwart ist, entsteht kein Bogen, der die Tiefe der Zeit überspannen könnte.‘  Er schließt mit den Worten:
Ihr den Klagenfurter Bachmann-Preis zuzuerkennen, war eine noble Geste, denn Haderlaps Anstrengung richtet sich auf ein einziges Thema: Gerechtigkeit für die Slowenen.

Allein die Vokabel noble Geste zeugt von einer immensen Überheblichkeit gegenüber der Autorin und ihrem Werk. Als ob dieser Roman nicht für sich stehen könnte, sondern den Preis nur aus Gnade erhalten hätte. Als Annerkennung für die historische Leistung nicht für die literarische. Auf mich wirkt diese Deutung eher wie eine weitere Distanzierung und Verleugnung. Aber ich sehe es vielleicht auch bloß gefärbt durch meine eigene Minderheitenbrille.

Meine Idee ist, dass Roman unter anderem im Präsens geschrieben wurde, weil die alten Geschichten bis in die Jetztzeit ausstrahlen. Der Vater gibt seine Traumatisierung an die Tochter weiter, die Großmutter füllt sie mit ihren Erzählungen von Verlust und Tod. Das Kind trägt die Gedanken an den Tod in sich, Ängste und Scham sind ihre ständigen Begleiter. Das Mädchen bildet das Gefäß, den Resonanzraum für das Unverarbeitete und die Erlebnisse, die über den menschlichen Verstand gehen.

In einer anderen Rezension wird die Zerstückelung, die Bruchstückhaftigkeit des Erzählten kritisiert, die an einer Stelle in einem Herunterleiern von Namen und Momentaufnahmen gipfelt. Die Rezensionsschreiberin hat sich womöglich noch nie mit Traumatisierten unterhalten und nie ihrem teilnahmslosen Herunterbeten von Namen, Geschehnissen und Orten gelauscht. Ich finde diese Erzählweise gut beobachtet und meisterhaft wiedergegeben.

Die Autorin selbst bezeichnet ihr Werk als ‚…eine Art literarische Geisteraustreibung, die neurotische Aufladungen durch eine klare Sprache entlasten sollen.‘

Parallelen

Beim Lesen erkenne ich auf jeder Seite Parallelen zu meiner eigenen Situation. Zwar handelt es sich um ein anderes Land, eine andere Minderheit aber ich sehe Mechanismen, die auch bei unserer Volksgruppe zum Tragen kommen: die weitergegebenen Traumata und deren Auswirkungen und das Verschwiegenwerden im öffentlichen Diskurs. Und womöglich bestärken sich diese beiden Aspekte sogar noch. Etwas, das unterschwellig schwelt, nicht abgeschlossen ist, arbeitet in den Seelen der Nachkommen weiter. Solche Wunden heilen nicht so leicht.

In Szene gesetzt

Für das Akademietheater in Klagenfurt hat Maja Haderlap, die dort früher als Chefdramaturgin tätig war, gemeinsam mit dem Regisseur Georg Schmiedleitner eine Bühnenfassung dieses Erinnerungsromans erarbeitet, die 2015 aufgeführt wurde. Allein das Bühnenbild ist sehr eindrucksvoll. Wer weiß, obs in ein Theater in unserer Nähe kommt, ich hätte gern gesehen, wie sie das alles umgesetzt hat.

© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
 „Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater
„Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater

Hier ist eine kurze Doku vom ORF über das Stück, das Museum der Partisanen in Kärnten und O-Tönen der Autorin_

‚Dass dieser Widerstand der Kärntner Slowenen nicht in die Öffentlichkeit geraten ist, […] hat Verdrängungskraft der österreichischen Gesellschaft zu tun,‘ sagt Maja Haderlap in dem Interview, ‚Die Volksgruppe hat man völlig ausgeblendet.‘

Fazit: Es ist sicherlich kein leichtes und angenehmes Thema. Keine Urlaubslektüre, um sich auf einen sorglosen Aufenthalt auf grünen Auen und schroffen Bergwelten vorzubereiten. Denn dort lauern überall Abgründe.

Engel des Vergessens, Maja Haderlap, btb Verlag 2013
ISBN: 978-3-442-7442-74476-3

Okroschka und die AfD

Die Russifizierung Europas schreitet voran! Und ich genieße das, denn gestern habe ich im (nichtrussischen) Supermarkt Kwas in Dosen gefunden. Von zwei verschiedenen Firmen sogar. Heute mache ich mal eine Okroschka-Suppe und teste, ob dieser Kwas was taugt. Das Rezept für die frische Sommersuppe mit Kartoffeln und Dill steht bei einem früheren Eintrag auf diesem Blog.

Auf anderen Kanälen wird ebenfalls eine schleichende oder galoppierende Russifizierung moniert. Russlanddeutsche tauchen als potentielle AfD-Wähler fast epidemisch in allen möglichen Artikeln und bei Sendungen wie Monitor im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf. Diese bucklige Verwandtschaft, die sich störrisch gegen jegliche Modernisierung und Anpassung an eine offene multikulturelle Gesellschaft sträubt. Die mit einem astreinen russischen Akzent oder auf Russisch gegen Fremde herzieht. So kommen wir rüber. Zwar ist der Ton ist nicht mehr so abweisend wie noch vor 20 Jahren und es werden sogar Aussagen getroffen, wie diese: Dann werden sich die Demokraten von rechts bis links über die Parallelgesellschaften, den Mangel an Demokratieverständnis der Migranten und ihre Beeinflussung durch den Kreml empören. Dabei sei jetzt schon bemerkt: Das sind die russischsprachigen Aktivisten, die sich für die demokratischen Werte einsetzen, und das ist die deutsche Politik, die sie dabei im Stich lässt.

Der vollständige Beitrag der FAZ vom Donnerstag ist hier zu finden. Dieser Artikel ist dabei noch einigermaßen differenziert.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

Wenn eine Gesellschaft eine Gruppe in Ghettos pfercht, ihnen den Zugang zu qualifizierten Jobs und Bildungschancen wenn nicht sperrt, so doch erschwert, dann kommen ganz sicher keine zufriedenen und weltoffenen Bürger*innen heraus. So oder so ähnlich sehen das manche Kommentare auf Facebook zu diesem Artikel. Zumindest diejenigen, die nicht gegen Schäferhundrussen pöbeln.

Ich kann es nicht leugnen. Es scheint etwas an dieser Partei zu geben, das insbesondere Russlanddeutsche anzieht. Es steht noch aus, die Gründe dafür zu untersuchen.

Was mich allerdings wundert: aus dem Spektrum der vielen Menschen, der Schicksale und Einstellungen werden gerade diejenigen herausgefischt, die solch extremen Ansichten vertreten wie Eugen Schmitz oder Heinrich Groth, der behauptet bei Monitor so abstruse Sachen wie diese: den Deutschen sei es unter Adolf ja nicht so schlecht gegangen. Gegenüber dem russischen Sender RTDV hat er Anfang April gesagt: ich als Biologe weiß genau, was die Verunreinigung der biologischen Masse bedeutet. Der Mann ist einfach ein Extremist und soll nun alle Russlanddeutschen repräsentieren? Ich weiß genau, dass die Medien das besser hinkriegen könnten. Warum tun sie das nicht? Weshalb fehlt hier die nötige Differenzierung, die an anderer Stelle so stark eingefordert wird?

Traurig, dass kaum andere O-Töne gesucht und gefunden werden. Aber vielleicht sind progressive, gut integrierte Aussiedler*innen einfach zu banal? Passen nicht ins Konzept. Dienen nicht dem Aufbau eines simplen Feindbildes?

Und was ist unsere Volksgruppe eigentlich anderes als eine Okroschka-Suppe, denke ich und zupfe die feinen Äste vom Dill ab: Ein zusammengewürfeltes Gebilde aus vielen verschiedenen Zutaten. Die einen sind eben die Salzgürkchen für den säuerlichen Geschmack und andere die Kartoffeln, die breite Basis. Radieschen mit außen roter Haut und innen weißer Masse habe ich schon an anderer Stelle behandelt. Wer ist dann aber der Dill? Die sogenannten Kulturarbeiter*innen? Und wer kommt daher, wie eine scharfe Frühlingszwiebel? Der Kwas und der Schmand sind dann die beiden gemeinsamen Sprachen, das Fluidum, in dem alle schwimmen. Übrigens steht auf der einen Kwas Dose als Slogan: Refresh Yourselfsky! Was soviel heißen soll wie: Erfrisch dich selbskij. Witzig. Und: Kvass Drovje! Weniger witzig. Ein Männeken tanzt Kasatschök. Aus dem piefigen Armeleutegetränk ist ein trendiges veganes Produkt geworden. Leider ist dieser Kwas etwas zu süß für meinen Geschmack, da hätte ich auch gleich Malzbier nehmen können. Schmand habe ich auch nicht, werde wohl wieder griechischen Joghurt drauftun, damit schmeckt es ebenso gut.

Ist es so schwer zu begreifen, dass die Gruppe der Aussiedler nicht etwas Homogenes ist, sondern etwas ebenso Zusammengewürfeltes wie eine Okroschka, bestehend aus vielen Grüppchen und Individuen. Ein jeder und eine jede befindet sich an anderer Stelle im Prozess der Loslösung von der alten Heimat und dem sich Verwurzeln in der Neuen. Manche verleugnen das Russische in sich, andere distanzieren sich eher vom deutschen Anteil. Und dazwischen gibt es 2 Millionen 399 Tausend 998 weiterer Nuancen. Die pauschale Annahme, alle fänden Putin prima und die AfD wählbar, kann und will ich nicht akzeptieren, sie tut mir fast körperlich weh.

Aber mich fragt ja keiner. Pah! Dann geh ich eben weiterschnibbeln. Auf Wiedersehnje!