Schule machen – mBook über Russlanddeutsche

Mitte März ist ein multimediales Schulbuch (daher auch das kleine m vor dem Book) erschienen, das mBook russlanddeutsche Kulturgeschichte. Es ist kostenfrei und ohne zusätzliche Software im Internet abrufbar und besteht aus neun Kapiteln, darunter zum Beispiel Der Mensch als Wanderer, Identitäten und Heimaten oder Russen und Deutsche. aufgerufen kann es einfach werden unter: http://mbook.schule

Mit Fangfragen wie dieser wird der wissenschaftliche Grundton etwas aufgelockert:

Die Inhalte sind vielfältig und weit gestreut: es werden Vorurteile  behandelt aber auch gewichtige Fragen aufgeworfen wie: Sind Identitäten frei wählbar oder festgelegt? Mein Lieblingskapitel ist natürlich 6.4 Der Große Terror und die ‚5. Kolonne‘. Die einschneidenden Jahre 1937 und 1941 werden hier besprochen. Spannend: das Kapitel darüber, wie die Deutschen in Russland 1941 zwischen die Fronten geraten, führt zu einer Diskussion über die Doppelstaatlichkeit heute. Aktuelle Bezüge fehlen also nicht.

In dem Abschnitt Heimat geht durch den Magen sehen wir der Redaktion dabei zu, wie sie einen Borsch‘ nach dem Rezept der russlanddeutschen Oma Berg zubereitet und im Unterkapitel Kleider machen Leute werden in einer Modenschau unter anderem Fufaikas vorgeführt, das sind wattierte Jacken, die von den Lagerinsassen im Winter getragen wurden. Neben den Rüschenkleidern des 19. Jahrhunderts kommen auch Bastschuhe vor, sogenannte Lapti. In Russland seit je her typische Armeleute-Schuhe. Die Arbeit an dem Lernbuch war ein Work in Progress: während der Recherchen im Museum in Detmold entdeckt das Team im Archiv einige alte Kleidungsstücke und die Idee für die Moderstrecke wird geboren.

In multimedialen Einsprengseln, Videos und Audio-Aufnahmen kommen Personen zu Wort, wie die ehemalige Leiterin des Museums für Russlanddeutsche Geschichte Katharina Neufeld oder der Vorsitzende der Landsmannschaft in NRW Alexander Kühl. Die Redaktion spricht also nicht nur von Russlanddeutschen, sondern hat auch mit ihnen gesprochen. Überhaupt waren die Recherchen sehr umfassend – das Institut für digitales Lernen hat seit 2015 an diesem mBook gearbeitet. Ganz unten auf einer Einleitungsseite stellen sich die Autoren und die Autorin vor und berichten darüber, wie sie an das Thema herangegangen sind und was es bei ihnen ausgelöst hat.

Es wird schnell deutlich, dass es trotz wissenschaftlicher Herangehensweise nicht nur um historische Fakten geht, sondern die Geschichte in einen größeren Kontext eingebunden wird. Anhand des Schicksals dieser hin und her gebeutelten Volksgemeinschaft werden Themen behandelt, die weit mehr Menschen betreffen und universell sind.

Marcus Ventzke, einer der Autoren des mBooks, schreibt im Blog Multimediales Lernen dazu: die Geschichte der Russlanddeutschen enthält viele Orientierungsanlässe, um über die Grundfragen menschlichen Lebens und Zusammenlebens nachzudenken. Frieden und Krieg, Freiheit und Unterdrückung, Konflikt und Ausgleich, Sesshaftigkeit und Migration, Diktatur- und Demokratie-Erfahrungen: all das sind Themen, die weit über die Geschichte der Russlanddeutschen hinausgehen und daher für alle Lernergruppen interessant sind.

Fehlt was?

Nicht alle scheinen glücklich mit dem Ergebnis zu sein. Ein russlanddeutscher Historiker, Dr. Hist. Alex Dreger, kritisiert das Projekt, in dem er auf Ungenauigkeiten hinweist und den Autor*innen Verallgemeinerungen vorwirft. (Einige seiner Hinweise wurden sogar schon in das mBook aufgenommen, denn da es digital ist, kann es nachträglich verändert werden.)

Herr Dreger hängt seine Kritik hauptsächlich an der Frage auf, wer die Russlanddeutschen wirklich seien. Natürlich keine Russen und keine Migranten, sondern Deutsche. Diese Tatsache würde ihm wohl noch zu wenig betont. Möglicherweise entspricht die Einstellung der Redaktion zum Thema Nationalität und Nationalstaat nicht seinen Vorstellungen.
Das ist wohl ein grundsätzliches Problem und würde zu weit führen, es in einem Satz abzuhandeln oder gar zu lösen.

Es ist wohl schwerlich zu erwarten, dass in einem Schulbuch alle Feinheiten der Geschichte, alle Kontroversen und alle Widersprüche und Seitenwege auftauchen. Es ist ein didaktisches Werk für Jugendliche und kann nicht umfassend sein. Es vermittelt. Und es muss so gestaltet sein, dass es anspricht und nicht durch Bleiwüsten anödet. Das wirkt bei Eingeweihten dann vielleicht wie eine Verallgemeinerung.

Im mBook werden zum Beispiel Vorurteile gegenüber Russen aufgeführt. Zurecht wie ich finde, denn nicht selten werden wir mit ihnen in einen Topf geworfen. Herr Dreger fürchtet, dass das Aufgreifen der Vorurteile (insbesondere des des Wodkakonsums) ein falsches Licht auf die Russlanddeutschen wirft und den russlanddeutschen Schülerinnen und Schülern eher mehr Anfeindungen bringt als weniger.

Anstatt zu würdigen, dass sich ein Team hingesetzt hat und sich über Jahre mit unserer Geschichte auseinandergesetzt und ein qualitativ so hochwertiges Ergebnis präsentiert, krittelt er an Kleinigkeiten herum.
Möglicherweise braucht es ein eigenes Buch, um die Bereitschaft von ehemals unterdrückten Minderheiten zu beschreiben, sich latent mißverstanden und ignoriert zu fühlen und hinter jeder Hecke eine Beleidigung und mangelnde Wertschätzung zu wittern. Dieses Phänomen resultiert wohl aus einem kollektiven Trauma, dass diese Minderheit erlebt hat. Aber auch die Beschäftigung mit diesem Thema würde die Kapazität eines Schulbuches sprengen.

Die Macher*innen des mBooks stellen jedenfalls Stereotype über Deutsche mit denen über Russen gegeneinander. In Kapitel 2.2 heißt es:

Ein weiteres Stereotyp über Russen lautet, dass sie eher nach einer starken, verbindenden Gemeinschaft streben, nicht so sehr nach dem Ausleben individueller Freiheit. Vielleicht liegt das an der Kälte und Weite des Landes oder am Kollektivdenken in der Sowjetunion; vielleicht ja auch an den gesellschaftlichen Veränderungen und Verwerfungen seit Zusammenbruch der Sowjetunion.
Viele Russen scheinen einen starken, manchmal auch übergriffigen Staat akzeptabel zu finden, solange dieser Staat das Versprechen einlöst, sich um seine Bürger zu kümmern. Gleichheit wird als gesellschaftliches Ziel höher geschätzt als Freiheit.

Ich finde die Stereotypen eher witzig und treffend, die Nähe zu Russland ist doch nicht zu leugnen. Wieso denn? Wir sind halt keine waschechten Teutonen, wenn man uns in Seifenlauge taucht, kommen ganz andere Schichten zutage. Aber die sind doch nichts, was uns peinlich sein sollte. Eher umgekehrt. Nicht nur den Hang zur Gemeinsamkeit haben die Russlanddeutschen aus Russland mitgebracht. Oder die Trinkfestigkeit. Sondern eine Angewohnheit, die im mBook unerwähnt bleibt: das Aufdrängen von Nahrung durch die Herrin des Hauses. Teller werden aufgehäuft, du kannst nicht aufstehen, bevor du platzt. Schlimm ist das! Und auch irgendwie typisch. Doch, auch das taucht auf, in Kapitel 3.4, wo gesagt wird, wenn du zu Russlanddeutschen eingeladen bist, sieh zu, dass du mit leerem Magen hingehst. Nun gut.

Meine persönlichen Nachbesserungsvorschläge wären: Begriffe wie Trudarmija oder Sondersiedlung, die im Text auftauchen und kurz erläutert werden, auch im Glossar aufzunehmen. Auf Kommunalka oder Komsomol würde ich verzichten, von mir aus. Aber Wenn schon Lapti (Bastschuhe) erwähnt werden, warum nicht auch Walenki (Filzstiefel)?

Als einer Angehörigen der betroffenen Gruppe wird mir höchstens nicht stark genug betont, dass die Deportation bis in die Mitte der 50er Jahre gedauert hat. Und danach die Menschen zwar frei ziehen konnten aber nicht mehr zurück in ihre angestammten Gebiete und nicht die Sowjetunion verlassen durften. Oh. Ich glaub, es taucht wohl auf. Weiter unten. Es ist halt auch so viel Stoff, dass ich es kaum schaffe, mich da durch zu kämpfen – allein 33 Unterkapitel und wenn man es ausdrucken würde, 470 Din A4 Seiten! (Keine Sorge, es gibt ein kurzes Erklärungsvideo, was die lila- und grünunterlegten Texte für Funktionen haben, aber für digital natives, also die meisten Schüler*innen ist das Gebilde wohl selbsterklärend.)

Orte der Verbannung multimedial erfahren

Das „mBook russlanddeutsche Kulturgeschichte“ geht auf eine Initiative des Landesbeirates für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen zurück. Aber dennoch hat kein/keine der Autor*innen einen russlanddeutschen Hintergrund. Es wird spürbar, dass hier eine Gruppe von außen beleuchtet wird. Wie durch einen Filter. Aber vielleicht ist es kein Nachteil. Sie bleiben sachlich und verlieren sich nicht in Befindlichkeiten oder Sorgen ums Nichtverstandenwordensein.

Ein Russlanddeutscher würde bestimmte Dinge kaum so formulieren: Sie besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit und dennoch beginne ich dieses Buch mit einem Kapitel über Migranten. Warum?

Um sie im nächsten Moment in einen Kontext zu stellen:

  • Erstens ist die Geschichte der Russlanddeutschen auch eine Geschichte der Wanderung. Aus ganz unterschiedlichen Gründen haben Russlanddeutsche immer wieder ihren Wohnort verlassen (manchmal freiwillig, manchmal gezwungenermaßen), um an einem anderen Ort zu leben. Um diese Geschichte zu verstehen, brauchen wir die Begriffe, die ich in diesem Kapitel vorgestellt habe. 
  • Zweitens sind die Russlanddeutschen heute in Deutschland oft in Situationen, in denen sie sich mit dem Begriff ‚Migrationshintergrund‘ auseinandersetzen müssen. Sie müssen oft einen Kampf darum führen, als ‚richtige Deutsche‘ akzeptiert zu werden. Diese Erlebnisse teilen sie mit den Nachkommen von Migranten, die seit ihrer Geburt in Deutschland leben.  

Auch ich hätte einiges sicher anders verfasst, unter das Foto der Bastschuhe hätte ich geschrieben:

Solche Lapti trugen die Sondersiedler im Sommer, bei Minus 40° hatten sie Walenki, gewalkte Filzstiefel. Was glauben Sie, wie viele Zehen da trotzdem abgefroren sind. Einmal das war schon in den Siebzigern und Sondersiedlungen längst aufgelöst, da bin ich mit meinem Vater im Bus gefahren und habe die Galosche zu meinem neuen Filzstiefel verloren. Er musste bis ins Depot fahren und da, welch ein Wunder, hat er meine Galosche auch gefunden! Aber wir sind an diesem Tag viel zu spät zum Abendessen gekommen.

So hätt ichs gemacht!

Ich bin keine Schülerin mehr und auch keine Lehrerin. Ich habe das mBook als eine durchgearbeitet, um die es geht. Habe dabei Bekanntes entdeckt und auch neue Details erfahren. Es wurden sogar einige neuralgische Punkte berührt, mit denen ich mich gedanklich schon länger rumschlage, und zwar eher „hinten“ im Book, wobei man bei multimedialen Werken ja nicht wirklich von vorne und hinten sprechen kann. Aber in den letzteren Kapiteln, wo es um ‚russlanddeutsche Identität heute‘ geht, finde ich zwei Aussagen, die etwas, das mich umtreibt, auf den Punkt bringen:

Deutsch sein

Das klingt banal, ist es aber nicht. Für Deutsche ohne Migrationshintergrund ist das Deutschsein oft etwas nebensächliches, eher ein Randaspekt der eigenen Identität. Russlanddeutsche haben zum Deutschsein einen anderen Bezug. Über lange Zeit wurden sie (oder ihre Eltern und Großeltern) für ihr Deutschsein diskriminiert, verfolgt und manchmal getötet. Und seit ihrer Ankunft in Deutschland müssen sie darum kämpfen, als Deutsche anerkannt zu werden. Nicht als deutsche Staatsbürger – das sind sie. Aber dafür, von ihren Mitmenschen nicht länger als ‚Russen‘, sondern als Deutsche wahrgenommen zu werden.

Hier das zweite Zitat:

Opfer sein

Ein Identitätsaspekt für viele Deutsche ist es, Nachkomme von Tätern – Nationalsozialisten, Kriegstreibern, Völkermördern – zu sein. Die Russlanddeutschen zählten nun aber nicht zu den Tätern, sondern zu den Opfern der großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts (siehe Kapitel 6). Es ist aber nicht leicht, in Deutschland über deutsche Opfer etwa des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Das heißt, dass russlanddeutsche Erinnerungen und Erfahrungen nur selten mitgeteilt und gehört werden.

Wobei das mit dem Opfer-Täter Prinzip natürlich nicht immer so klar ist. Aber es ist ein Schulbuch und kann nur eine gewisse Widersprüchlichkeit aufweisen. Dennoch werden hier zwei wesentliche Merkmale oder Unterschiede benannt, die die Russlanddeutschen von den Einheimischen trennen, denn sie wirken befremdlich. Das Pochen aufs Deutschtum und die Opfermentalität.

Klar würden unsere Autor*innen und unsere Historiker andere Akzente setzen, aber manchmal lernen wir mehr über uns selbst, wenn wir von außen gespiegelt werden. Und hier geschieht es mit einem wohlwollenden, respektvollen Blick. Der Schleier der Ignoranz ist zerrissen (Sorry, der Sprachschimmel geht mit mir durch!), jetzt kann ich unter die böswilligen Kommentare auf Facebook immer setzen: hier schau mal, da lernst du was. Mit einem Link oder einem Zitat.

Pastor Edgar Born in einem Videointerview

Unwissenheit schafft Vorurteile und Verstehen führt zu Verständnis. So sagt der Interviewpartner in einem Video, Pastor Edgar Born, Aussiedlerbeaftragter der evangelischen Kirche:

…unter den Jugendlichen, die mit dieses Buch mitbenutzen werden, werden Russlanddeutsche sein, die überhaupt nicht vertraut sind mit ihrer Geschichte, mit der Geschichte ihrer Volksgruppe, und die werden verstehen lernen.

Und auch die anderen, die von hier, werden vielleicht einen Grundrespekt entwickeln und hoffentlich nicht mehr vorschnell dreckige Russen oder Putinversteher rufen, nachdem sie die Zusammenhänge kennen.

Der erste Schritt in die Schulen ist geschafft! Es wurde aber auch langsam Zeit. Nun wird es sich erweisen, ob dieses mBook Schule machen wird!

Hier geht’s zur Hauptseite, von wo aus auch der Weg zum mBook nicht weit ist:
https://mbook.schule/rd/mbook/

Blog digitales Lernen:
http://blog.multimedia-lernen.de/das-mbook-russlanddeutsche-kulturgeschichte/

Treppenhausfluchten

Die im Treppenhaus abgestellten Dinge sind zu entfernen, sie sind aufgrund von Brandgefahr und der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ein Mal im Jahr schreibt die Hausverwaltung diese Aufforderung, das Zeug im Treppenhaus betreffend.

Das Treppenhaus ist aufgrund der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ungelogen. Das steht wirklich so da. Aufgrund von Freihaltung freizuhalten. Leider kann ich nicht entgegnen: Dieses Schreiben ist aufgrund von unschöner Sprache als gegenstandslos zu betrachten.

Jedes Jahr um diese Zeit stellen wir das Schuhregal in die Wohnung, bringen die Stöcke und die Kreide, die Eimer mit Ostsee-Steinen, Rollschuhe und Roller und alles was sich angesammelt hat, raus oder hoch auf den Dachboden. Und nach einer bis zwei Wochen wandert alles wieder an den Platz neben der Haustür. Zuerst die Schuhe, danach die gesammelten Dinge, die nicht in die Wohnung gehören. Bis zur nächsten Aufforderung, die Fluchtwege freizuhalten.

Was wissen die schon von Fluchtwegen? Auf welchen Wegen sind sie denn schon geflohen?

Ich sollte ihnen entgegnen: es ist ein für alle Mal vorbei mit Flucht und Vertreibung. Von Ost nach West, von West nach Ost. Ein ewiges hin und her. Aus, Schluss, vorbei!

Alle Koffer sind doch schon ausgepackt und verstaut, oben auf dem Schrank oder unter dem Bett. Koffer, die höchstens hervorgeholt werden sollen, wenn es auf Urlaub geht, ab in den sonnigen Süden oder in den windigen Norden.

Ich sollte Ihnen entgegnen: Fluchtwege dürfen nicht freigehalten werden. Das Haus muss die Menschen festhalten dürfen, schreien, geh nicht, bleib hier, verlass mich nicht. Ein Haus verliert nichts gern. Am wenigsten seine Bewohner. Denn dann steht es ohne seine Bestimmung da. Also hört es nicht auf, zu wiederholen: Setz deinen Fuß zurück auf meine Dielen, setz dich aufs Sofa, an den Küchentisch und verharre da. Du gehörst zu mir, wie dein Name an der Tür.

Eigentlich muss uns die Hausverwaltung noch dankbar sein. Denn es sind doch alles Fluchtverhinderer da draußen im Flur. All die Gegenstände, die wir anhäufen, verhindern unser Fliehen, weil wir sie nicht mitnehmen können.

Wie viel Leben passt schon in einen Koffer? Wie viel Leben kannst du mitnehmen auf der Flucht treppab, fernab vom heimischen Herd. Ein paar Schuhe. Die Kleidung am Leib. Einige Fotos und etwas das dir heilig ist. Etwas Proviant. Sonst nichts.

Aber so werde ich heute das Regal mit den Schuhen, die Kreide und die Ostseesteine entfernen und warten, bis die Verwaltung ihre Objektbegehung hinter sich gebracht hat.

Gut für Überraschungen. Oder auch nicht.

Das Buch ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin beginnt mit einer Überraschung: fast routinemäßig gibt die Autorin eines Tages den Namen ihrer Mutter in eine ukrainische Suchmaschine ein. Und anders als in den Jahren zuvor, landet sie einen Treffer.

Die darauf folgende Spurensuche wird zum Selbstläufer. Plötzlich öffnen sich neue Türen, tauchen unvermutet Dokumente auf und ein unermüdlicher Mitstreiter, der Hobbygeneologe Konstantin, mit dessen Hilfe ihr die Suche nach der eigenen Geschichte gelingt.

Am Anfang stehen ein Name, einige schwarzweiße Aufnahmen und die Stadt, in der alles begann: Mariupol, gelegen an der Küste des Asowschen Meeres.

Im Laufe der Zeit findet die Autorin manches, das überraschend ist. Oder auch nicht, denn schon als Kind hat sie phantastische Dinge über sich und ihre Herkunft erfunden und diese Lügenmärchen liegen erstaunlicherweise nicht allzu weit entfernt von der Wahrheit:

Mit Verwunderung betrachtete ich die Fotos dieser fremden Menschen und brach in inneres Gelächter aus. Ich hatte als Kind gar nicht so falsch gelogen, ich hatte sogar noch untertrieben.‘
S. 72

Unter ihren Anverwandten ist mindestens ein Opernsänger, ein italienischer Seefahrer, die Gründerin eines Mädchengymnasiums und ein berühmter Psychologe zu finden. Es befinden sich darunter aber auch glühende Revolutionär*innen und Menschen, die unter den Folgen der Revolution zu leiden haben: durch Hunger, Enteignung und Lagerhaft.

Das Schicksal der Ostarbeiter

Natascha Wodin hat aus den Wirren der Vergangenheit nicht nur die Geschichte ihrer Familie herausgeschält, es ist ihr auch gelungen, auf eine Gruppe aufmerksam zu machen, die üblicherweise keine Stimme in unserer Gesellschaft hat und fast gänzlich zwischen den Falten der Geschichte verschwindet: die Millionen Fremdarbeiter des zweiten Weltkrieges, und hier insbesondere die Ostarbeiter, die in den Arbeitslagern des NS-Regimes wie Sklaven gehalten wurden.

noch immer eine Leerstelle. Ostarbeiter*innen im Deutschen Reich.

Manche Dinge müssen einfach ans Licht. Und es ist schon seltsam, welche Wege sie bisweilen nehmen und wie viel Zeit sie dafür brauchen. Bei der Spurensuche stößt sie zufällig an ungeahnte Dokumente, wie zum Beispiel das Tagebuch einer Tante, das ein erhellendes Licht auf die Zeit der Stalinära wirft.

Schon in ihrem 1983 erschienenen Erstlingsroman ‚Die gläserne Stadt‘ fragt Wodin nach der Vergangenheit ihrer Mutter, von der sie damals nur einige wenige Anhaltspunkte hat. Die Tochter trägt mindestens ein Trauma mit sich. Denn die Eltern waren nicht nur Displaced Persons, die Mutter hat sich selbst das Leben genommen, als die Autorin zehn Jahre alt ist.

Dieser frühe Verlust hinterlässt bei ihr viele offene Fragen. Erst Jahrzehnte nach diesem Freitod ist die Zeit reif, diese zu auflösen. Zwar besteht der neue Roman gefühlt zu einem Großteil wieder aus Fragen, denn jede Antwort wirft viele neue auf, dennoch scheint Wodin genau die Richtige zu sein, um die Fäden zu entwirren. Sie ist genau zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle und mit genau den richtigen Eigenschaften, um das Gefundene in ein vielschichtiges Buch fassen zu können. Sprachgewaltig war sie ja schon immer, aber diesmal nimmt sich die Sprache zurück, sie ist nicht verspielt, sondern dient dem Verständnis mehr als einem dichterischen Ausdruck. Das Buch is klar strukturiert, aber es ist nicht reine geschichtliche Chronik, Teile davon tragen romanhafte Züge und führen die Leser*innen nah ans Geschehen und die handelnden Personen.
Schnipsel für Schnipsel trägt die Tochter-Autorin das Gefundene zusammen und entwickelt ein Bild der Zeit und ihrer eigenen Rolle darin. Der Stammbaum, den sie erstellt, ist kein Baum, sondern ein Wald in dem sie sich ständig verläuft, schreibt sie anfangs, dennoch gibt sie nicht auf.

Es gelingt ihr aus diesem Wust eine Landkarte zu erschaffen, die nachvollziehbar ist und die Leser*in Schritt für Schritt an einen Kern heranführt.

Denn gerade das Kapitel der Zwangsarbeit ist ein beklemmendes Erbe, das nicht leicht auszuhalten ist. Aber Wodin hat dieses Schwere und Unaussprechliche so geschickt aufgearbeitet und die Reihenfolge so gut gewählt, dass es möglich ist, in den Abgrund zu blicken.

Gewinnerin des Buchpreises der Leipziger Buchmesse: Natascha Wodin

In der ZEIT steht über die Autorin:

Natascha Wodin, in Fürth als Kind ukrainischer Zwangsarbeiter geboren und in Nachkriegslagern aufgewachsen, lebt seit 1994 in Berlin. In ihren Büchern (etwa: Einmal lebt ich, Erfindung einer Liebe, Ehe) setzt sie sich vor allem mit den Themen Entwurzelung und Fremdheit auseinander. Für das Manuskript zu der jetzt ausgezeichneten Geschichte ihrer Mutter erhielt sie 2015 bereits den Alfred-Döblin-Preis. „Ich wünsche mir, dass möglichst viele vom Ausmaß der Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfahren“, sagte sie in einer ersten Reaktion.

Ein Buch mit vielen überraschenden Wendungen, nur dass ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin den Belletristik-Preis der diesjährigen Buchmesse in Leipzig erhalten hat ist keine Überraschung. Nicht wirklich. Gratulation!


Fundstück am Rande:

Das Gymnasium, das Natascha Wodins Großtante in Mariupol gegründet und geleitet hatte, wurde im Bürgerkrieg nach der Revolution verwüstet, unter den Nazis war es das Arbeitsamt für die Zwangsarbeiter und in den letzten Jahren das Polizei-Hauptquartier. Es wird das Haus, das drei Mal brannte, genannt. 1920, 1944 und 2014.

Das Haus, das drei Mal brannte

 

 

Worte wie Spatenhiebe. Die Baugrube von Andrej Platonow

Die Baugrube ist ein sehr kurzer Roman, der es in sich hat. Jeder Satz macht einen Knoten ins Hirn. Nein, Leichtkost ist dieses Werk beileibe nicht. Dennoch ist seine Sprache konsequent und einzigartig. Der Autor, Andrej Platonow, hat ihn 1928 geschrieben und das aufkommende Neusprech des Sozialismus darin verwoben. Nicht kunstvoll, eher wie mit dem Hackebeil hinein gehauen.
Wie benommen tragen die Protagonisten ihre schmerzreichen Körper durch die russische Provinz der Stalinära. Sie verwenden Parolen, halb verstandenes sozialistisches Gedankengut, fragmentiert und aus dem Zusammenhang gerissen. Der Hauptschauplatz ist eine Baustelle, aber Gabriele Leopold, die den Kurzroman letztes Jahr neu übersetzt hat, nennt ihn die Negierung des „Produktionsromans“. Die Stimmung ist antiproduktiv, zerstörerisch und bis zum Winseln hoffnungslos. Statt eine helle Zukunft zu errichten, taumeln alle dem Niedergang entgegen.

Menschliche Wesen in der Welt, ein Bild von Pawel Filonow, 1926

Kurze Inhaltsangabe:

Am Rand einer großen Stadt heben Arbeiter eine riesige Grube aus, um ein ‚gemeinproletarisches Haus‘ zu errichten. Vom Kriegsinvaliden über den Handlanger bis zum  Ingenieur bildet sich unter den freiwilligen Sklaven eine Hierarchie, die den sozialen Verhältnissen in Stalins Sowjetunion ähnelt. Mit Nastja, dem Waisenkind, das sich nach seiner bourgeoisen Mutter sehnt, ist der »neue Mensch« bereits unter ihnen. Doch am Ende wird es in der Baugrube beerdigt, dem kollektiven Grab, das sich die »Paradieserbauer« (Joseph Brodsky) geschaufelt haben.

Das Nichtmenschliche, der bürokratische Nominalstil dieser Sprache quillt unkontrolliert aus den Mündern der handelnden Personen.

‚Organisier dich mal dahin‘ sagen sie zueinander. Und:

‚Ach du, Masse, Masse! Es ist schwer aus dir den Grützbrei des Kommunismus zu organisieren!‘

‚Du Genosse Tschiklin, halt dich vorläufig zurück von deiner Deklaration (…) Die Frage ist hat sich prinzipiell erhoben und ist wieder niederzulegen nach der gesamten Theorie der Gefühle und der Massenpsychose…‘ S. 45

‚Ich mache diese Hirten und Schreiber im Nu zur Arbeiterklasse – die werden mir so zu graben anfangen, dass ihnen das ganze sterbliche Element aufs Gesicht heraustritt… Aber warum Nikita, liegt das Feld trübsinnig da? Ist wirklich Schwermut in der ganzen Welt, und nur allein in uns der Fünfjahrplan?‘ S.44

Dabei ist keine Ironie im Spiel, jedes Wort ist buchstäblich so gemeint, es gibt keine Metaebene. Das war anfangs irritierend. Das Buch ist nicht als Kritik des Sozialismus gedacht, sondern als eine genaue Blaupause der Zeit nach der Revolution.

Monströse Versatzstücke wie ‚Feierlichkeit des Todes während des sich entwickelnden lichten Moments der Vergesellschaftung des Besitzes‘ muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Die Baugrube galt dementsprechend lange als unübersetzbar. Gabriele Leopold, die schon Warlam Scharlamow „Erzählungen aus Kolyma“ ins Deutsche übertragen hatte, ist damit ein Meisterwerk gelungen. Allein wie und wann sie die Vokabel ‚vergesellschaftet‘ einsetzt. Leopold hat im Vorfeld Kongresse für die Interpretation der Werke Platonows besucht, hat in Archiven und mit originalen Typoskripten gearbeitet und in den Neologismen der DDR Formulierungen und Sprechgewohnheiten entlehnt. Bizarr und faszinierend ist das Ergebnis geworden. Hier einige Worte der Übersetzerin zum Roman und zum Prozess der Übersetzung:

Als 1931 eine andere Erzählung Platonows in einer Zeitschrift erschienen ist, worin eine leise Kritik an der Zwangskollektivierung angedeutet war, schrieb Stalin persönlich das Wort „Lump“ (сволочь) an den Rand. Zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus wurde seine Prosa nicht mehr gedruckt. Platonow starb 1951. Erst in den Achtziger Jahren setzte seine Wiedernetdeckung ein.

Platonow hat unter anderem als Spezialist für Elektrifizierung und Landgewinnung gearbeitet

1984 schrieb Joseph Brodsky aus seinem Exil in den USA: A great writer is one who elongates the perspective of human sensibility, who shows a man at the end of his wits an opening and a pattern to follow. After Platonov, there was no other such writer of Russian prose again”. The suppression of the novel Chevengur and The Foundation Pit, he claimed, “set back the entire literature fifty years.

(… Nach Platonow gab es keinen vergleichbaren Autor russischer Prosa mehr. Die Unterdrückung der Novellen Chevengur und Die Baugrube hat die gesamte Literatur um 50 Jahre zurückgeworfen.)

Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist dieser Autor aktueller denn je. Er lässt uns diese Epoche auf seine unnachahmliche Weise erfahren. Aber ein Schmöker, den wir kurz mal eben vor dem Einschlafen durchblättern ist die Baugrube nicht. Es ist gut, dass diesem verdichteten Text Anmerkungen und Kommentare hintangestellt sind.

Andrej Platonow, Die Baugrube
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold
Mit einem Essay von Sibylle Lewitscharoff
Suhrkamp, 239 Seiten, 24.00 Euro

Internet-Geplänkel und noch ein kulinarisches Intermezzo

Wir Russlanddeutschen essen nur russische Gerichte. Sprich, wir passen uns nicht an. Dieses Postulat lese ich gelegentlich. Wie neulich bei einer Diskussion in den sozialen Netzwerken. Im Thread hinter einem Artikel der Zeit, bei dem Aussiedler als identitätsverwirrte Russlandnostalgiker*innen dargestellt wurden, die durch russische Medien gehirngewaschen sind und den starken Kerl Putin toll finden und darüber hinaus sich in Russendiskos auf Highheels zu uralten Sowjetsongs drehen.

Es ist wirklich erschreckend, welches Bild die russischen Sender von Europa zeichnen. Aber in den Kommentaren gings nicht darum. Sie waren wie üblich so:

Sehen fast aus wie Tortellini diese Pelmeni. Aber nur fast…

Nun dann auf zurück zu Putin , wenns den Damen und Herren in Deutschland nicht gefällt.“

Nutzliche Idioten des russischen Despoten!“

Sie würden als stimmvieh für die CDU reingelassen und jetzt müssen wir es ausbaden“

…die wolga wartet! die aufgabe von journalismus ist zu fragen und aufdecken, nicht leugnen und verdunkeln. wer sich auf rt verlässt, den interessieren fakten nur preripher….“

Nix wie ab nach Russland.“

(Ich habe die Rechtschreibung und die Interpunktion so gelassen, wie sie war.)

Aber an anderer Stelle stand: Denn als Deutsche sehen sie sich nur wenn es um Vorteile und Demokratie geht, an sonst reden und atmen die russisch.

Darauf schrieb ich, woher er das wüsste und nicht alle seien so. Auf die Nachfrage, ob der Kommentator wohl schlechte Erfahrungen gemacht hätte kam, dass er vor einiger Zeit auf so Biker getroffen hätte, die ihn nicht reingelassen haben in einen Treff, nur wenn er die Tickets auf Russisch verlangt hätte. (Spannend zu erfahren, woher er Russisch konnte, aber das habe ich nicht gefragt.)

Er schrieb:

… es ist Fakt das die Rußlanddeutschen untereinander russisch sprechen, russische Musik und Filme schauen, russisches Fernsehen sehen und auch russisch kochen.
Das alles ist nicht verwerflich, es ist auch kein Haß von meiner Seite. Es ist nur objektiv gesehen und die Wahrheit. […] Der Zusammenhalt ist außergewöhnlich, Hut ab, aber in die falsche Richtung. “

Es gibt diese geschlossenen Gesellschaften, die sich hermetisch abriegeln, weil sie sich ausgeschlossen fühlen. Oder warum auch immer. Biker. Womöglich noch graue Wölfe.

Aber es gibt genug Aussiedler*innen, die sich gut eingelebt haben und mit diesem Land und diesen Leuten hier verbunden sind. Und trotzdem ab und zu so einen Film auf Russisch schauen.

Und was das russische, bzw. mittelasiatische Essen angeht, andere bringen doch auch Gerichte aus dem Urlaub mit und kochen gern italienisch oder thailändisch oder auch japanisch. Kokosmilch und Algen gibt es an fast jeder Ecke.

So kann man es doch auch betrachten, die Deutschen haben aus Russland eben auch kulinarische Anregungen mitgebracht. Aus ihrem mehr als 200 Jahre währenden „Urlaub“ dort. Unterbrochen von einigen mageren Jahren und Fastenzeiten, wie Hungersnöten und Kriegen oder den gelegentlichen Ausflügen in den Gulag und in die Sondersiedlungszonen. Da haben sich die Leute halt angepasst und landesüblich gekocht. Wenn Kohl da war, wurde halt Kohl genommen. Wenn Baumrinde da war, wurde halt Baumrinde genommen. Punkt. Nicht immer gab es kulinarische Highlights zu erwarten. Aber es sollte satt machen. Hat es oft leider nicht.

Seltsam aber, dass die berühmte Kartoffelschalensuppe oder Salate aus Unkräutern heute unter den Aussiedlern kaum verbreitet sind, sondern nur Speisen aus den „fetten Jahren“ wie Borsch‘ und Manty und natürlich Plow. Viele von uns können noch Tomaten und Paprika einlegen und kochen auch Kobra, das ist so eine scharfe Soße, ähnlich wie Sambal Oelek, noch selbst ein.

Es braucht Zeit, sich kulinarisch einzuleben. Ich denke an die ersten Spaghetti Bolognese, die meine Mutter, auf meinen sehnlichsten Wunsch hin zubereitet hatte. Selbst die schmeckten irgendwie russisch, obwohl Tomatensoße dran war. Aber die Soße erinnerte eher an das Innere von Pelmeni und an Frikadellen. Mit viel Zwiebeln und Pfeffer.

Und was sollen die Frauen, wenn sie hierher kommen, auch sofort anderes kochen, als das, was sie schon kennen? Ich spreche meist von Frauen, von Herrinnen über Haus und Küche. Es scheint, als hätten sie mit den Gerichten auch ein althergebrachtes Frauenbild im Gepäck dabei, das so von 1763 oder so stammt. Wirkt zumindest so. Aber es gibt auch rühmliche Ausnahmen, wie zum Beispiel Onkel Jos’ka, einen Freund meiner Eltern. Seine Canneloni schmecken wie beim Italiener. Nee, besser. Er räuchert auch Fisch selbst und keltert eigenen Kirschwein. Überhaupt ist DIY, also tu alles, was du kannst selber, auch ein Thema aus der Community. Das haben die Deutschen aus den Steppen ebenfalls mitgebracht, alles selbst zu machen, vom Räucherofen bis zum Hausausbau. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ich frage mich, warum ich so empfindlich auf die Pauschalisierungen und dieses immerwährende Aussiedler-Bashing reagiere? Einer der Kommentatoren meinte auf den Einwand, der Zeitartikel sei etwas einseitig und woher die Autorin wohl diese Vorzeigeexemplare hätte:

Steht im Titel: „In Berlins größtem Club für Russlanddeutsche“ – Nicht jede Reportage, nicht jedes Portrait kann und muss alle Meinungen abdecken. Dafür gibt’s demographische Umfragen. Es steht ja auch nirgends im Text, dass ALLE so denken. Natürlich gibt es auch unter Russlanddeutschen ein breites Spektrum von Meinungen, und viele, die Putin ablehnen – aber es gibt eben auch das beschriebene Millieu, und es ist nicht klein; auch wenn das für so manchen schmerzhaft oder peinlich ist. Im Übrigen kommt die Autorin wohl selbst aus Russland.‘

Allerdings kommen mir  wirklich viele Artikel über Russlanddeutsche und wie sie sich geben unter die Nase. Komisch, aber sie fallen mir eben auf. Und die wenigsten von ihnen beleuchten die andere Seite des Spektrums.

Ich leugne es nicht. Es gibt sie. Die nur Russia Today schauen, die Biker, die sich weigern auf Deutsch zu antworten. Auch die Teenies, die keinerlei Geschichtsbewusstsein haben und glauben Wladimir Putin wäre ein weiser, gütiger Monarch. Ähem, ich meine natürlich Präsident, oder Kanzler? Was ist er nun seit der letzten Wahl? Es gibt sie, die AfD-Kandidatinnen mit russlanddeutschem Hintergrund, die Hitlerbildchen auf Whats-App versenden und hinterher meinen, es sei doch alles nur ein Scherz gewesen.

Aber bitte, liebe Presseleute und fleißigen Kommentierer*innen, das bildet doch nicht alle ab. Mich nicht und die meisten meiner Freunde und Freundinnen aus den Reihen der Aussiedler auch nicht. Ein Artikel kann nicht alle Meinungen abbilden. Aber in der Summe sind sie doch sehr tendentiös. Mal wieder.

Wir sind gut integriert. Auch wenn wir gern mal einen Teller Borsch‘ essen oder einen ganzen Topf mit Pelmeni (wer mag sie eigentlich lieber mit Essig?) vertilgen und dabei eine alte Sowjetschnulzette auf Youtube schauen. Schnulzette trifft es aber eigentlich nicht. Diese Machwerke mit ihrer ungeschlagenen Mischung aus Naivität und Abgeklärtheit, gibt es sonst kaum. Außer vielleicht im italienischen Autorenfilm der früher Fünfziger Jahre. Aber zu diesen Filmen passen nun wirklich eher Canneloni oder eine selbstgemachte Pizza. Abgesehen davon darf man nicht vorm Bildschirm essen! Das ist nun wirklich kulturlos. Habe ich das geschrieben? War alles bloß Fake-News.

Rosenkohl-Glamour

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Wenn Aussiedler ein Gemüse wären, wären sie sicher Rosenkohlröschen. Kein häufig verbreitetes wie Kürbis oder Möhre, kein exotisches wie die Tomate, die ja halb eine Frucht ist. Nicht Spinat oder Kartoffel. Auch keine Gurke, trotz ihrer Zugehörigkeit zum Wodka. Auch kein Superfood. Saisonal und leicht bitter. Nicht von allen gemocht, aber nahrhaft und bodenständig. Ein wenig bekannter Cousin des geschmeidigen Italieners Brokkoli. Er steht in zweiter Reihe. Oder dritter. Oder vierter.

Es werden keine Oden an den Rosenkohl gesungen. Er wird nicht auf Gemälden verewigt wie der Granatapfel. Er ist nicht die blaue Blume der Romantik. Aber er ist da. Und ergibt eine gute nahrhafte Suppe im Winter. Reduktion und Durchhalten. Nicht Fülle.

Smoothies mit Rosenkohl? Wohl kaum. Rosenkohlparfait? Eher selten. Rosenkohlsoufflee. Noch nie gegessen.

Er wird höchstens mal mit einer zünftigen Lammkeule serviert. Als Beilage. Und auch nicht beim Bankett, sondern eher in der Alltagsküche. Und wachsen tun die Köpfchen gemeinsam an einem Strunk, als Großfamilie sozusagen. Auch das passt. Alle zusammen.

Auf dem Mitmachblog habe ich heute den Beitrag von Karo-Tina entdeckt, da hat sie zum Thema Perlen Rosenkohlköpchen fotografiert.
Endlich kommt dieser Vertreter der Kohlfamilie zu etwas Glamour. Und mich hat diese Idee zum Nachdenken angeregt. Und zwar nicht nur darüber, was es heute zu mittag gibt.

Aber einen Denkfehler habe ich wohl doch gemacht. Rosenkohl ist in Russland weitestgehend unbekannt. Oder nein, vielleicht passt das ja gerade deswegen. Ein ein fremdes Kohlköpfchen im Land des Weißkohls.

Da fällt mir ein Gemüsewitz aus dem Sozialismus ein. Sitzen Radieschen, Gürkchen und die Kartoffel im Vorzimmer des KP-Büros. Einer von ihnen soll heute zum Vorzeigegemüse des Kommunismus gewählt werden.

„Mensch Kartoffel, du hast die besten Chancen,“ sagt Gürkchen, „Du bist die Hauptspeise für Millionen von Arbeitern. Mit ihren bloßen Händen graben sie dich aus der gefrorenen Erde Sibiriens und auf weichwogenden Feldern der Ukraine bist du auch zu finden.“

„Ach was“, sagt Kartoffel, „Radieschen hat wird das Soz-Gemüse des Volkes. So rot wie sie ist.“

„Warum sie dich eingeladen haben, Gurke,“ sagt Radieschen siegesgewiss, „kann ich nicht verstehen. Als Salzgurke bist du bei jedem Besäufnis dabei. Das ist moralisch nicht zu vertreten.“

Kartoffel wird hereingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus. Niedergeschlagen.

„Sie haben gesagt, ich sei zwar die Speise des Volkes, komme aber ursprünglich aus Amerika. Und bin dementsprechend ein Spion und ein Diversant,“ klagt Kartoffel.

Radieschen wird reingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus, niedergeschlagen.

„Und, was ist Radieschen, warum haben sie dich nicht genommen?“

„Sie sagten, ich sei zwar außen rot, aber innen bin ich weiß!“

Gurke geht rein. Kommt mit stolzgeschwellter Brust raus. Mit Medaille darauf.

„Du! Du bist es geworden?“

„Ja. Ich bin zwar nicht rot, aber ich bin auf jedem Tisch im Land, bei jeder Feier und im Alltag. Mit meinem Freund dem Dill.

Und außerdem bin ich durch und durch hiesig (unser). Und kein Ausländer.“