Gut für Überraschungen. Oder auch nicht.

Das Buch ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin beginnt mit einer Überraschung: fast routinemäßig gibt die Autorin eines Tages den Namen ihrer Mutter in eine ukrainische Suchmaschine ein. Und anders als in den Jahren zuvor, landet sie einen Treffer.

Die darauf folgende Spurensuche wird zum Selbstläufer. Plötzlich öffnen sich neue Türen, tauchen unvermutet Dokumente auf und ein unermüdlicher Mitstreiter, der Hobbygeneologe Konstantin, mit dessen Hilfe ihr die Suche nach der eigenen Geschichte gelingt.

Am Anfang stehen ein Name, einige schwarzweiße Aufnahmen und die Stadt, in der alles begann: Mariupol, gelegen an der Küste des Asowschen Meeres.

Im Laufe der Zeit findet die Autorin manches, das überraschend ist. Oder auch nicht, denn schon als Kind hat sie phantastische Dinge über sich und ihre Herkunft erfunden und diese Lügenmärchen liegen erstaunlicherweise nicht allzu weit entfernt von der Wahrheit:

Mit Verwunderung betrachtete ich die Fotos dieser fremden Menschen und brach in inneres Gelächter aus. Ich hatte als Kind gar nicht so falsch gelogen, ich hatte sogar noch untertrieben.‘
S. 72

Unter ihren Anverwandten ist mindestens ein Opernsänger, ein italienischer Seefahrer, die Gründerin eines Mädchengymnasiums und ein berühmter Psychologe zu finden. Es befinden sich darunter aber auch glühende Revolutionär*innen und Menschen, die unter den Folgen der Revolution zu leiden haben: durch Hunger, Enteignung und Lagerhaft.

Das Schicksal der Ostarbeiter

Natascha Wodin hat aus den Wirren der Vergangenheit nicht nur die Geschichte ihrer Familie herausgeschält, es ist ihr auch gelungen, auf eine Gruppe aufmerksam zu machen, die üblicherweise keine Stimme in unserer Gesellschaft hat und fast gänzlich zwischen den Falten der Geschichte verschwindet: die Millionen Fremdarbeiter des zweiten Weltkrieges, und hier insbesondere die Ostarbeiter, die in den Arbeitslagern des NS-Regimes wie Sklaven gehalten wurden.

noch immer eine Leerstelle. Ostarbeiter*innen im Deutschen Reich.

Manche Dinge müssen einfach ans Licht. Und es ist schon seltsam, welche Wege sie bisweilen nehmen und wie viel Zeit sie dafür brauchen. Bei der Spurensuche stößt sie zufällig an ungeahnte Dokumente, wie zum Beispiel das Tagebuch einer Tante, das ein erhellendes Licht auf die Zeit der Stalinära wirft.

Schon in ihrem 1983 erschienenen Erstlingsroman ‚Die gläserne Stadt‘ fragt Wodin nach der Vergangenheit ihrer Mutter, von der sie damals nur einige wenige Anhaltspunkte hat. Die Tochter trägt mindestens ein Trauma mit sich. Denn die Eltern waren nicht nur Displaced Persons, die Mutter hat sich selbst das Leben genommen, als die Autorin zehn Jahre alt ist.

Dieser frühe Verlust hinterlässt bei ihr viele offene Fragen. Erst Jahrzehnte nach diesem Freitod ist die Zeit reif, diese zu auflösen. Zwar besteht der neue Roman gefühlt zu einem Großteil wieder aus Fragen, denn jede Antwort wirft viele neue auf, dennoch scheint Wodin genau die Richtige zu sein, um die Fäden zu entwirren. Sie ist genau zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle und mit genau den richtigen Eigenschaften, um das Gefundene in ein vielschichtiges Buch fassen zu können. Sprachgewaltig war sie ja schon immer, aber diesmal nimmt sich die Sprache zurück, sie ist nicht verspielt, sondern dient dem Verständnis mehr als einem dichterischen Ausdruck. Das Buch is klar strukturiert, aber es ist nicht reine geschichtliche Chronik, Teile davon tragen romanhafte Züge und führen die Leser*innen nah ans Geschehen und die handelnden Personen.
Schnipsel für Schnipsel trägt die Tochter-Autorin das Gefundene zusammen und entwickelt ein Bild der Zeit und ihrer eigenen Rolle darin. Der Stammbaum, den sie erstellt, ist kein Baum, sondern ein Wald in dem sie sich ständig verläuft, schreibt sie anfangs, dennoch gibt sie nicht auf.

Es gelingt ihr aus diesem Wust eine Landkarte zu erschaffen, die nachvollziehbar ist und die Leser*in Schritt für Schritt an einen Kern heranführt.

Denn gerade das Kapitel der Zwangsarbeit ist ein beklemmendes Erbe, das nicht leicht auszuhalten ist. Aber Wodin hat dieses Schwere und Unaussprechliche so geschickt aufgearbeitet und die Reihenfolge so gut gewählt, dass es möglich ist, in den Abgrund zu blicken.

Gewinnerin des Buchpreises der Leipziger Buchmesse: Natascha Wodin

In der ZEIT steht über die Autorin:

Natascha Wodin, in Fürth als Kind ukrainischer Zwangsarbeiter geboren und in Nachkriegslagern aufgewachsen, lebt seit 1994 in Berlin. In ihren Büchern (etwa: Einmal lebt ich, Erfindung einer Liebe, Ehe) setzt sie sich vor allem mit den Themen Entwurzelung und Fremdheit auseinander. Für das Manuskript zu der jetzt ausgezeichneten Geschichte ihrer Mutter erhielt sie 2015 bereits den Alfred-Döblin-Preis. „Ich wünsche mir, dass möglichst viele vom Ausmaß der Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfahren“, sagte sie in einer ersten Reaktion.

Ein Buch mit vielen überraschenden Wendungen, nur dass ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin den Belletristik-Preis der diesjährigen Buchmesse in Leipzig erhalten hat ist keine Überraschung. Nicht wirklich. Gratulation!


Fundstück am Rande:

Das Gymnasium, das Natascha Wodins Großtante in Mariupol gegründet und geleitet hatte, wurde im Bürgerkrieg nach der Revolution verwüstet, unter den Nazis war es das Arbeitsamt für die Zwangsarbeiter und in den letzten Jahren das Polizei-Hauptquartier. Es wird das Haus, das drei Mal brannte, genannt. 1920, 1944 und 2014.

Das Haus, das drei Mal brannte

 

 

Worte wie Spatenhiebe. Die Baugrube von Andrej Platonow

Die Baugrube ist ein sehr kurzer Roman, der es in sich hat. Jeder Satz macht einen Knoten ins Hirn. Nein, Leichtkost ist dieses Werk beileibe nicht. Dennoch ist seine Sprache konsequent und einzigartig. Der Autor, Andrej Platonow, hat ihn 1928 geschrieben und das aufkommende Neusprech des Sozialismus darin verwoben. Nicht kunstvoll, eher wie mit dem Hackebeil hinein gehauen.
Wie benommen tragen die Protagonisten ihre schmerzreichen Körper durch die russische Provinz der Stalinära. Sie verwenden Parolen, halb verstandenes sozialistisches Gedankengut, fragmentiert und aus dem Zusammenhang gerissen. Der Hauptschauplatz ist eine Baustelle, aber Gabriele Leopold, die den Kurzroman letztes Jahr neu übersetzt hat, nennt ihn die Negierung des „Produktionsromans“. Die Stimmung ist antiproduktiv, zerstörerisch und bis zum Winseln hoffnungslos. Statt eine helle Zukunft zu errichten, taumeln alle dem Niedergang entgegen.

Menschliche Wesen in der Welt, ein Bild von Pawel Filonow, 1926

Kurze Inhaltsangabe:

Am Rand einer großen Stadt heben Arbeiter eine riesige Grube aus, um ein ‚gemeinproletarisches Haus‘ zu errichten. Vom Kriegsinvaliden über den Handlanger bis zum  Ingenieur bildet sich unter den freiwilligen Sklaven eine Hierarchie, die den sozialen Verhältnissen in Stalins Sowjetunion ähnelt. Mit Nastja, dem Waisenkind, das sich nach seiner bourgeoisen Mutter sehnt, ist der »neue Mensch« bereits unter ihnen. Doch am Ende wird es in der Baugrube beerdigt, dem kollektiven Grab, das sich die »Paradieserbauer« (Joseph Brodsky) geschaufelt haben.

Das Nichtmenschliche, der bürokratische Nominalstil dieser Sprache quillt unkontrolliert aus den Mündern der handelnden Personen.

‚Organisier dich mal dahin‘ sagen sie zueinander. Und:

‚Ach du, Masse, Masse! Es ist schwer aus dir den Grützbrei des Kommunismus zu organisieren!‘

‚Du Genosse Tschiklin, halt dich vorläufig zurück von deiner Deklaration (…) Die Frage ist hat sich prinzipiell erhoben und ist wieder niederzulegen nach der gesamten Theorie der Gefühle und der Massenpsychose…‘ S. 45

‚Ich mache diese Hirten und Schreiber im Nu zur Arbeiterklasse – die werden mir so zu graben anfangen, dass ihnen das ganze sterbliche Element aufs Gesicht heraustritt… Aber warum Nikita, liegt das Feld trübsinnig da? Ist wirklich Schwermut in der ganzen Welt, und nur allein in uns der Fünfjahrplan?‘ S.44

Dabei ist keine Ironie im Spiel, jedes Wort ist buchstäblich so gemeint, es gibt keine Metaebene. Das war anfangs irritierend. Das Buch ist nicht als Kritik des Sozialismus gedacht, sondern als eine genaue Blaupause der Zeit nach der Revolution.

Monströse Versatzstücke wie ‚Feierlichkeit des Todes während des sich entwickelnden lichten Moments der Vergesellschaftung des Besitzes‘ muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Die Baugrube galt dementsprechend lange als unübersetzbar. Gabriele Leopold, die schon Warlam Scharlamow „Erzählungen aus Kolyma“ ins Deutsche übertragen hatte, ist damit ein Meisterwerk gelungen. Allein wie und wann sie die Vokabel ‚vergesellschaftet‘ einsetzt. Leopold hat im Vorfeld Kongresse für die Interpretation der Werke Platonows besucht, hat in Archiven und mit originalen Typoskripten gearbeitet und in den Neologismen der DDR Formulierungen und Sprechgewohnheiten entlehnt. Bizarr und faszinierend ist das Ergebnis geworden. Hier einige Worte der Übersetzerin zum Roman und zum Prozess der Übersetzung:

Als 1931 eine andere Erzählung Platonows in einer Zeitschrift erschienen ist, worin eine leise Kritik an der Zwangskollektivierung angedeutet war, schrieb Stalin persönlich das Wort „Lump“ (сволочь) an den Rand. Zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus wurde seine Prosa nicht mehr gedruckt. Platonow starb 1951. Erst in den Achtziger Jahren setzte seine Wiedernetdeckung ein.

Platonow hat unter anderem als Spezialist für Elektrifizierung und Landgewinnung gearbeitet

1984 schrieb Joseph Brodsky aus seinem Exil in den USA: A great writer is one who elongates the perspective of human sensibility, who shows a man at the end of his wits an opening and a pattern to follow. After Platonov, there was no other such writer of Russian prose again”. The suppression of the novel Chevengur and The Foundation Pit, he claimed, “set back the entire literature fifty years.

(… Nach Platonow gab es keinen vergleichbaren Autor russischer Prosa mehr. Die Unterdrückung der Novellen Chevengur und Die Baugrube hat die gesamte Literatur um 50 Jahre zurückgeworfen.)

Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist dieser Autor aktueller denn je. Er lässt uns diese Epoche auf seine unnachahmliche Weise erfahren. Aber ein Schmöker, den wir kurz mal eben vor dem Einschlafen durchblättern ist die Baugrube nicht. Es ist gut, dass diesem verdichteten Text Anmerkungen und Kommentare hintangestellt sind.

Andrej Platonow, Die Baugrube
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold
Mit einem Essay von Sibylle Lewitscharoff
Suhrkamp, 239 Seiten, 24.00 Euro

Internet-Geplänkel und noch ein kulinarisches Intermezzo

Wir Russlanddeutschen essen nur russische Gerichte. Sprich, wir passen uns nicht an. Dieses Postulat lese ich gelegentlich. Wie neulich bei einer Diskussion in den sozialen Netzwerken. Im Thread hinter einem Artikel der Zeit, bei dem Aussiedler als identitätsverwirrte Russlandnostalgiker*innen dargestellt wurden, die durch russische Medien gehirngewaschen sind und den starken Kerl Putin toll finden und darüber hinaus sich in Russendiskos auf Highheels zu uralten Sowjetsongs drehen.

Es ist wirklich erschreckend, welches Bild die russischen Sender von Europa zeichnen. Aber in den Kommentaren gings nicht darum. Sie waren wie üblich so:

Sehen fast aus wie Tortellini diese Pelmeni. Aber nur fast…

Nun dann auf zurück zu Putin , wenns den Damen und Herren in Deutschland nicht gefällt.“

Nutzliche Idioten des russischen Despoten!“

Sie würden als stimmvieh für die CDU reingelassen und jetzt müssen wir es ausbaden“

…die wolga wartet! die aufgabe von journalismus ist zu fragen und aufdecken, nicht leugnen und verdunkeln. wer sich auf rt verlässt, den interessieren fakten nur preripher….“

Nix wie ab nach Russland.“

(Ich habe die Rechtschreibung und die Interpunktion so gelassen, wie sie war.)

Aber an anderer Stelle stand: Denn als Deutsche sehen sie sich nur wenn es um Vorteile und Demokratie geht, an sonst reden und atmen die russisch.

Darauf schrieb ich, woher er das wüsste und nicht alle seien so. Auf die Nachfrage, ob der Kommentator wohl schlechte Erfahrungen gemacht hätte kam, dass er vor einiger Zeit auf so Biker getroffen hätte, die ihn nicht reingelassen haben in einen Treff, nur wenn er die Tickets auf Russisch verlangt hätte. (Spannend zu erfahren, woher er Russisch konnte, aber das habe ich nicht gefragt.)

Er schrieb:

… es ist Fakt das die Rußlanddeutschen untereinander russisch sprechen, russische Musik und Filme schauen, russisches Fernsehen sehen und auch russisch kochen.
Das alles ist nicht verwerflich, es ist auch kein Haß von meiner Seite. Es ist nur objektiv gesehen und die Wahrheit. […] Der Zusammenhalt ist außergewöhnlich, Hut ab, aber in die falsche Richtung. “

Es gibt diese geschlossenen Gesellschaften, die sich hermetisch abriegeln, weil sie sich ausgeschlossen fühlen. Oder warum auch immer. Biker. Womöglich noch graue Wölfe.

Aber es gibt genug Aussiedler*innen, die sich gut eingelebt haben und mit diesem Land und diesen Leuten hier verbunden sind. Und trotzdem ab und zu so einen Film auf Russisch schauen.

Und was das russische, bzw. mittelasiatische Essen angeht, andere bringen doch auch Gerichte aus dem Urlaub mit und kochen gern italienisch oder thailändisch oder auch japanisch. Kokosmilch und Algen gibt es an fast jeder Ecke.

So kann man es doch auch betrachten, die Deutschen haben aus Russland eben auch kulinarische Anregungen mitgebracht. Aus ihrem mehr als 200 Jahre währenden „Urlaub“ dort. Unterbrochen von einigen mageren Jahren und Fastenzeiten, wie Hungersnöten und Kriegen oder den gelegentlichen Ausflügen in den Gulag und in die Sondersiedlungszonen. Da haben sich die Leute halt angepasst und landesüblich gekocht. Wenn Kohl da war, wurde halt Kohl genommen. Wenn Baumrinde da war, wurde halt Baumrinde genommen. Punkt. Nicht immer gab es kulinarische Highlights zu erwarten. Aber es sollte satt machen. Hat es oft leider nicht.

Seltsam aber, dass die berühmte Kartoffelschalensuppe oder Salate aus Unkräutern heute unter den Aussiedlern kaum verbreitet sind, sondern nur Speisen aus den „fetten Jahren“ wie Borsch‘ und Manty und natürlich Plow. Viele von uns können noch Tomaten und Paprika einlegen und kochen auch Kobra, das ist so eine scharfe Soße, ähnlich wie Sambal Oelek, noch selbst ein.

Es braucht Zeit, sich kulinarisch einzuleben. Ich denke an die ersten Spaghetti Bolognese, die meine Mutter, auf meinen sehnlichsten Wunsch hin zubereitet hatte. Selbst die schmeckten irgendwie russisch, obwohl Tomatensoße dran war. Aber die Soße erinnerte eher an das Innere von Pelmeni und an Frikadellen. Mit viel Zwiebeln und Pfeffer.

Und was sollen die Frauen, wenn sie hierher kommen, auch sofort anderes kochen, als das, was sie schon kennen? Ich spreche meist von Frauen, von Herrinnen über Haus und Küche. Es scheint, als hätten sie mit den Gerichten auch ein althergebrachtes Frauenbild im Gepäck dabei, das so von 1763 oder so stammt. Wirkt zumindest so. Aber es gibt auch rühmliche Ausnahmen, wie zum Beispiel Onkel Jos’ka, einen Freund meiner Eltern. Seine Canneloni schmecken wie beim Italiener. Nee, besser. Er räuchert auch Fisch selbst und keltert eigenen Kirschwein. Überhaupt ist DIY, also tu alles, was du kannst selber, auch ein Thema aus der Community. Das haben die Deutschen aus den Steppen ebenfalls mitgebracht, alles selbst zu machen, vom Räucherofen bis zum Hausausbau. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ich frage mich, warum ich so empfindlich auf die Pauschalisierungen und dieses immerwährende Aussiedler-Bashing reagiere? Einer der Kommentatoren meinte auf den Einwand, der Zeitartikel sei etwas einseitig und woher die Autorin wohl diese Vorzeigeexemplare hätte:

Steht im Titel: „In Berlins größtem Club für Russlanddeutsche“ – Nicht jede Reportage, nicht jedes Portrait kann und muss alle Meinungen abdecken. Dafür gibt’s demographische Umfragen. Es steht ja auch nirgends im Text, dass ALLE so denken. Natürlich gibt es auch unter Russlanddeutschen ein breites Spektrum von Meinungen, und viele, die Putin ablehnen – aber es gibt eben auch das beschriebene Millieu, und es ist nicht klein; auch wenn das für so manchen schmerzhaft oder peinlich ist. Im Übrigen kommt die Autorin wohl selbst aus Russland.‘

Allerdings kommen mir  wirklich viele Artikel über Russlanddeutsche und wie sie sich geben unter die Nase. Komisch, aber sie fallen mir eben auf. Und die wenigsten von ihnen beleuchten die andere Seite des Spektrums.

Ich leugne es nicht. Es gibt sie. Die nur Russia Today schauen, die Biker, die sich weigern auf Deutsch zu antworten. Auch die Teenies, die keinerlei Geschichtsbewusstsein haben und glauben Wladimir Putin wäre ein weiser, gütiger Monarch. Ähem, ich meine natürlich Präsident, oder Kanzler? Was ist er nun seit der letzten Wahl? Es gibt sie, die AfD-Kandidatinnen mit russlanddeutschem Hintergrund, die Hitlerbildchen auf Whats-App versenden und hinterher meinen, es sei doch alles nur ein Scherz gewesen.

Aber bitte, liebe Presseleute und fleißigen Kommentierer*innen, das bildet doch nicht alle ab. Mich nicht und die meisten meiner Freunde und Freundinnen aus den Reihen der Aussiedler auch nicht. Ein Artikel kann nicht alle Meinungen abbilden. Aber in der Summe sind sie doch sehr tendentiös. Mal wieder.

Wir sind gut integriert. Auch wenn wir gern mal einen Teller Borsch‘ essen oder einen ganzen Topf mit Pelmeni (wer mag sie eigentlich lieber mit Essig?) vertilgen und dabei eine alte Sowjetschnulzette auf Youtube schauen. Schnulzette trifft es aber eigentlich nicht. Diese Machwerke mit ihrer ungeschlagenen Mischung aus Naivität und Abgeklärtheit, gibt es sonst kaum. Außer vielleicht im italienischen Autorenfilm der früher Fünfziger Jahre. Aber zu diesen Filmen passen nun wirklich eher Canneloni oder eine selbstgemachte Pizza. Abgesehen davon darf man nicht vorm Bildschirm essen! Das ist nun wirklich kulturlos. Habe ich das geschrieben? War alles bloß Fake-News.

Rosenkohl-Glamour

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Wenn Aussiedler ein Gemüse wären, wären sie sicher Rosenkohlröschen. Kein häufig verbreitetes wie Kürbis oder Möhre, kein exotisches wie die Tomate, die ja halb eine Frucht ist. Nicht Spinat oder Kartoffel. Auch keine Gurke, trotz ihrer Zugehörigkeit zum Wodka. Auch kein Superfood. Saisonal und leicht bitter. Nicht von allen gemocht, aber nahrhaft und bodenständig. Ein wenig bekannter Cousin des geschmeidigen Italieners Brokkoli. Er steht in zweiter Reihe. Oder dritter. Oder vierter.

Es werden keine Oden an den Rosenkohl gesungen. Er wird nicht auf Gemälden verewigt wie der Granatapfel. Er ist nicht die blaue Blume der Romantik. Aber er ist da. Und ergibt eine gute nahrhafte Suppe im Winter. Reduktion und Durchhalten. Nicht Fülle.

Smoothies mit Rosenkohl? Wohl kaum. Rosenkohlparfait? Eher selten. Rosenkohlsoufflee. Noch nie gegessen.

Er wird höchstens mal mit einer zünftigen Lammkeule serviert. Als Beilage. Und auch nicht beim Bankett, sondern eher in der Alltagsküche. Und wachsen tun die Köpfchen gemeinsam an einem Strunk, als Großfamilie sozusagen. Auch das passt. Alle zusammen.

Auf dem Mitmachblog habe ich heute den Beitrag von Karo-Tina entdeckt, da hat sie zum Thema Perlen Rosenkohlköpchen fotografiert.
Endlich kommt dieser Vertreter der Kohlfamilie zu etwas Glamour. Und mich hat diese Idee zum Nachdenken angeregt. Und zwar nicht nur darüber, was es heute zu mittag gibt.

Aber einen Denkfehler habe ich wohl doch gemacht. Rosenkohl ist in Russland weitestgehend unbekannt. Oder nein, vielleicht passt das ja gerade deswegen. Ein ein fremdes Kohlköpfchen im Land des Weißkohls.

Da fällt mir ein Gemüsewitz aus dem Sozialismus ein. Sitzen Radieschen, Gürkchen und die Kartoffel im Vorzimmer des KP-Büros. Einer von ihnen soll heute zum Vorzeigegemüse des Kommunismus gewählt werden.

„Mensch Kartoffel, du hast die besten Chancen,“ sagt Gürkchen, „Du bist die Hauptspeise für Millionen von Arbeitern. Mit ihren bloßen Händen graben sie dich aus der gefrorenen Erde Sibiriens und auf weichwogenden Feldern der Ukraine bist du auch zu finden.“

„Ach was“, sagt Kartoffel, „Radieschen hat wird das Soz-Gemüse des Volkes. So rot wie sie ist.“

„Warum sie dich eingeladen haben, Gurke,“ sagt Radieschen siegesgewiss, „kann ich nicht verstehen. Als Salzgurke bist du bei jedem Besäufnis dabei. Das ist moralisch nicht zu vertreten.“

Kartoffel wird hereingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus. Niedergeschlagen.

„Sie haben gesagt, ich sei zwar die Speise des Volkes, komme aber ursprünglich aus Amerika. Und bin dementsprechend ein Spion und ein Diversant,“ klagt Kartoffel.

Radieschen wird reingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus, niedergeschlagen.

„Und, was ist Radieschen, warum haben sie dich nicht genommen?“

„Sie sagten, ich sei zwar außen rot, aber innen bin ich weiß!“

Gurke geht rein. Kommt mit stolzgeschwellter Brust raus. Mit Medaille darauf.

„Du! Du bist es geworden?“

„Ja. Ich bin zwar nicht rot, aber ich bin auf jedem Tisch im Land, bei jeder Feier und im Alltag. Mit meinem Freund dem Dill.

Und außerdem bin ich durch und durch hiesig (unser). Und kein Ausländer.“

 

Zeitkapsel – Erlebtes Leben zwischen zwei Welten

Seit Jahr und Tag trage ich ein Büchlein mit mir herum. Es ist nicht umfangreich, aber es umfasst eine ganze Epoche und zwei Diktaturen.

Wie ich dran gekommen bin, ist eher zufällig gewesen, wie so vieles. Im Sommer oder Herbst 2015, nach dem ich einen Blog-Beitrag über Alexander Schmorell gepostet hatte, war ich auf der Suche nach einem Buch, das Texte und Gebete von ihm enthält. Und die Datenbank der christlichen Buchhandlung spuckte mir diesen Titel aus. Erlebtes Leben – unter Stalin und Hitler, geschrieben von jemand anderem, Frau Brigitte Werth-Schmorell.

Das kann kein Zufall sein, dachte ich. Und stimmt. Es ist eine Cousine des Gründers der Weißen Rose, die diese autobiografische Werk verfasst hat. Wie ein anderer Zufall es will, lebt sie auch in Hamburg. Und ich habe sie über den Verlag erreicht und mich mit ihr getroffen.

Seit Jahr und Tag schleppe ich dieses Büchlein mit mir rum, ins Café, auf Zugfahrten und sogar in den Ruheraum der Sauna. Habe schon zig Seiten Notizen dazu, wieder verlegt und verloren, nach Monaten wiedergefunden. Warum ich nicht wenigstens eine Kurzrezension von einige Zeilen darüber verfasst habe, kann ich nicht sagen. Aber dann passiert es eben an diesem Februartag. Und eins weiß ich. Ich werde mich nicht kurz fassen können.

Diese Biografie ist nicht eins der typischen Erinnerungsfragmente Deutscher aus Russland. So viel kann ich sagen. Wahrscheinlich weil die Schreiberin selbst nicht typisch ist. Nach der Definition von Historikern ist sie auch keine Russlanddeutsche im engeren Sinn. Das sind nur diejenigen Deutschen, die nach 1763 auf den Geheiß der Zarin Katharina II zumeist an die Wolgaregion und andere ländliche Gebiete gezogen sind. Die Familie Schmorell hat sich aber in Städten niedergelassen. Sie waren Händler und Ärzte in Orenburg im Ural. Weitere Ahnen von ihnen sind nach Moskau und St. Petersburg gezogen. Sie gehören zu den Deutschen, die in Russland Kutschen bauten, mit denen Alexander Puschkin oder Alexander von Humboldt herumgefahren sind. Sie verkehrten in gehobeneren Kreisen und haben die Kultur der beiden Metropolen geprägt. In meinen Augen wäre es eine Sünde, sie auszuschließen. Aber wenn sie keine Russlanddeutschen sind, was sind sie dann? Und was sind wir? Haarspaltereien. Die mögen andere betreiben.

Vielleicht habe ich wegen dieser Unklarheiten gezögert. Vielleicht weil die Dame, die ich in einer Konditorei in einem Hamburger Vorort getroffen habe, sich sehr zurückhaltend gezeigt hat und sich partout nicht fotografieren wollte. Ihre Privatsphäre war ihr unglaublich wichtig. Und das ist doch sehr sympathisch in diesen Zeiten. Vielleicht zögere ich, ihre Geschichte preiszugeben, vielleicht bin ich aber einfach eine zögerliche Person.

Moskau Tram, 1933. Quelle: oldmos.ru
Moskau Tram, 1933. Quelle: oldmos.ru

Als sie an diesem Herbstmorgen die Konditorei betritt, würde niemand erraten, dass sie nicht lange nach Lenins Tod geboren wurde. Mit ihrer selbstgehäkelten Kappe aus weißem Baumwollgarn auf dem Kopf, die mit einer näckischen Strassbrosche geschmückt ist, blickt sie wach und unternehmungslustig in den Raum. Sie wirkt körperlich nicht weniger fit als ich, im Gegenteil.

Anfangs ist sie skeptisch mir gegenüber, will genau wissen, was und wozu ich es wissen will.

Sie möchte nicht viel von sich preisgeben, nicht fotografiert werden. Und das ist ein sehr vernünftiger Umgang mit dem unbekannten Terrain Internet.

Und was genau ein Blog ist, kann ich nicht beschreiben mit alten Begriffen. Ein schwarzes Brett? Ein Notizbuch für die Öffentlichkeit? Wer sieht das alles?

Als die Computer noch schwer und unhandlich waren, hatte sie sich mit über 70 das Arbeiten am PC eigenhändig beigebracht, um ihrem Mann, einem Wissenschaftler bei seinen Publikationen zu unterstützen. Und er hat sie auch ermuntert, ihre Geschichte öffentlich zu machen. ‚Schreib es nieder‘, hat er ihr immer wieder geraten. 2009 hat sie ihre sehr stringenten Erinnerungen publiziert. Für die nächsten Generationen, wie sie selbst in dem Einleitungstext bemerkt.

So wie diese ältere Dame, die viel erlebt hat, ist auch ihr Buch.

Es ist sehr persönlich, aber es gibt nicht viel preis. Es bindet die eigene Geschichte in die größeren Zusammenhänge ein. Ein wenig Nostalgie, Anekdoten und Lebensaugenblicke verknüpft mit historischen Ereignissen und Personen.

Aber ich greife vor.

Alexander Schmorell
Alexander Schmorell, genannt Schurik

Wir reden über ihren Verwandten, Alexander Schmorell, der zum Kleeblatt, zum inneren Kern der Weißen Rose gehörte. Ich rege mich über seine Darstellung in Filmen und Büchern auf. In einer russischen Rubacha. Wie ein Kolchosbauer.

Schurik war ein aristokratischer Mensch, ihn in einen Bauernkittel zu stecken ist typisch deutsch, ob er überhaupt Balalaika gespielt hat? Er konnte sehr gut Klavier spielen, das ja.‘

Sie gibt mir eine viel schönere Ikone von Alexander Schmorell, der vor einigen Jahren heilig gesprochen wurde. ‚Sehen Sie, da ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden und das rote Kreuz, das darauf hinweist, dass er Arzt war, oder werden sollte.‘

Die schönste Beschreibung von Alexander stamme von seinem Vater, Hugo Schmorell. Er hat sie in einem Brief an die Schriftstellerin Ricarda Huch geschrieben. Schon 1945. Doch leider ist sie nicht mehr dazu gekommen, ihr Buch zu vollenden. Sie starb zwei Jahre später.

Aufzeichnungen von Frau Wehrt-Schmorell sind zum Teil aus einer Kinderperspektive erzählt. Es ist das Jahr 1934. Mit etwa neun Jahren kommt Brigitte mit ihrer Familie aus dem stalinistischen Russland ins Vorkriegsdeutschland.

In einer Nacht – und Nebelaktion reisen ihre Eltern aus Russland ab. Mit zwei Kindern und zwei Koffern an der Hand.

Freunde von meinen Eltern, Edelkommunisten, haben meinen Eltern einen Wink gegeben.‘

Stalin sind sie entronnen. In der neuen Heimat herrscht aber eine nicht mindere Diktatur.

Ihre Mutter Agnes, die sich hinsetzt und „Mein Kampf“ durchackert, ist betrübt: ‚Drüben mussten wir schweigen und uns still verhalten‘, sagt sie, ‚Und hier geht es weiter, glaubt mir.‘ Nach dieser Lektüre sieben Jahre vor der Operation Barbarossa schätzt sie die Lage klar ein: ‚Der meint es ernst, es wird noch einen Krieg mit Russland geben.‘

Ja, Kinder kriegen viel mit.

Der Vater hat den Wechsel in das andere Land, in die neue Diktatur nicht gut verkraftet. Kurz nach der Einreise wird er von der Gestapo verhört. Er hätte ja ein bolschewistischer Spion sein können. Danach wird er immer verschlossener. Redet nicht, zieht sich immer mehr in sich zurück. Er hat nie etwas aufgezeichnet. Und ihr Bruder auch nicht. Hat immer nur abgewunken, wenn sie mit ihm über die Vergangenheit reden wollte. Ihm ist es schwerer gefallen, im neuen Land anzukommen. Er war schon Schulkind, wurde auf dem Schulhof gehänselt – in Moskau als dreckiger Deutscher. In Deutschland als Russe. Er hat die Vergangenheit abgestreift.

Die Mutter geht da pragmatischer mit um. Sie bittet ihre Kinder, nur noch deutsch miteinander zu reden.

Als eine ihrer Lehrerinnen bemerkt, sie sei so schweigsam und ernst für ihr Alter, erwidert ihre Mutter: ‚Bedenken Sie doch, was unsere Kinder an Schrecken erlebt haben.‘

Im Buch berührt sie schreckliche Erlebnisse, aber an keiner Stelle wird sie weinerlich oder anklagend. Es ist ihr wichtig mitzuteilen, dass es neben dem Schrecken auch die glücklichen Momente gab.

Die russische Njanja, die abends beim Einschlafen, wenn die Mutter schon rausgegangen war, an ihrem Bett saß und ihr Geschichten erzählte und ihr Gebete beibrachte, nannte sie immer Gitjulenka, eine eigens kreierte slawische Verniedlichung auf den nordischen Namen. An sie denkt Brigitte Wehrt-Schmorell noch heute sehr liebevoll zurück. Es gelingt ihr, ein Büchlein, ein andenken an dieses Kindermädchen ins neue Leben zu retten.

Deutsche Familie in Orenburg
Deutsche Familie aus Orenburg

Viel später, als sie schon lange in Deutschland ist, flüchtet sie sich in die Erinnerungen aus ihrer Kindheit, wenn es ihr schlechtgeht.

Das war für mich wie ein unantastbarer Hort, stellen Sie sich vor, eine Kindheit im Stalinismus!‘

Denn die Erwachsenen verstanden es, trotz der widrigen Umstände den Kindern mit kleinen Ritualen Geborgenheit zu vermitteln. Eine Welt zu schaffen, in der sie sich sicher fühlen sollten, auch wenn die Außenwelt aus den Fugen geraten war. So wurden aus Wachsresten heimlich Kerzen gegossen und mitten im Stalinismus christliche Feste wie Weihnachten gefeiert, hinter zugezogenen Gardinen.

Ihre Wurzeln gehen auch auf Baltendeutsche zurück, ein anderer Ururgroßvater war Wagenbauer und hat Alexander von Humboldt auf seiner Reise durch Russland ausgerüstet. Auch der dichter Puschkin hat seine Kutschen lobend in seinen Briefen erwähnt. Brigitte Wehrt Schmorell stößt auf einer ihrer Reisen nach Russland mehr oder weniger zufällig auf die Grabstätte ihrer Vorfahren und recherchiert die Geschichten. Auch davon handelt das Buch.

Auch davon, was in der Zeit nach der Revolution mit einer deutschen Kaufmannsfamilie geschehen ist. Nach der Machtübernahme durch die Bolschewiken werden sie enteignet und zunächst in eine gemeinsame Wohnung gesetzt. Dem weitverzweigten großen Klan stehen immerhin sieben Zimmer statt dem hochherrschaftlichen Haus zur Verfügung. Das achte Zimmer bewohnen Fremde, die sie bespitzeln sollen.

Innerhalb der sieben Zimmer wird deutsch gesprochen. Außerhalb der Hausmauern reden sie russisch.

Die Stalinzeit und Kampagnen gegen Deutsche sind auch an dieser weitläufigen Familie nicht spurlos verübergegangen. Der jüngste Bruder ihres Vaters ist im Lager verhungert, drei Brüder der Mutter sind ebenfalls umgekommen. Und auch Brigittes Vater saß vier Jahre in Sibirien fest.

‚Als Ingenieur war er technisch sehr versiert,‘ erzählt sie, ‚konnte überall eingesetzt werden auch in Tomsk und Nowosibirsk. Dort hat man ihn dann verhaftet. Es reichte ja ein Deutscher zu sein.‘

‚Musik, hat mich gerettet. Und dieser Doktor.‘ Ein befreundeter Arzt in dem Ort, an dem sie sich niedergelassen haben in Deutschland, der Verständnis hatte für die seelischen Schmerzen dieser eingewanderten Familie. In den Dreißigern eine Ausnahmeerscheinung. Drei Jahre leidet sie. Der befreundete Arzt kann den Trennungsschmerz heilen.

Auch die Reisen nach Russland haben geholfen. Sobald es möglich war, ist Brigitte immer wieder dahin zurück gefahren. 1961 schon in Moskau, und dann immer wieder.

Frau Wehrt-Schmorell macht mich auf eine Besonderheit aufmerksam, was ihren Vornamen angeht: Brigitte. Einmal brauchte sie für irgendeine behördliche Sache ihren Taufschein, ein Glück, ihr Mann hat ihn aufbewahrt. Doch die deutschen Behörden bemerken eine Unregelmäßigkeit, die ihr fast zum Verhängnis wurde.

1925, wenige Jahre nach der Oktoberrevolution, wurde das Baby Brigitte nicht in einer Kirche, sondern privat, zu Hause getauft. Der Taufschein war auf russisch ausgestellt und ihr Name wurde auf Kyrillisch mit Бригита angegeben, also Brigita mit einem a am Ende.

Diese kleine Abweichung beim letzten Buchstaben führt bis heute dazu, dass sie bei offiziellen Dingen stets darauf achten muss, mit Brigitta zu unterschreiben, sonst ist das Dokument nicht rechtsgültig. Und wenn sie eines Tages in das Familiengrab beigesetzt wird, dort wo ihr geliebter Mann seit fast zwei Jahren ruht, möchte sie, dass auf ihrem Grabstein als Vorname Brigitta steht mit a.

Fazit: Dieser ganz andere Blickwinkel auf die Geschichte und die Wurzeln von Deutschen in Russland macht die Lektüre so wertvoll.

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Erlebtes Leben unter Stalin und Hitler

Mit einem Geschichtsabriss: Deutsche in Russland

112 Seiten, Taschenbuch (Paperback)

EUR 8,90 · ISBN 978-3-8280-2767-1