Von Arizona nach Tschewegur

Mal was ganz anderes. Manchmal entstehen Verbindungen. Nach Jahrzehnten wird sichtbar, was zusammengehört. Was woher kommt. Das ist wohl dieses die-Welt-ist-klein-Ding.
Vor 20 oder 25 Jahren hatte ich einen Lieblingsfilm. Mein Gott, es sind schon fast dreißig, so schnell geht das. Er wurde 1993 gedreht. Kam ein Jahr später bei uns in die Kinos. Der Film hieß Arizona Dream und war von Emir Kusturica. Ich habe ihn geliebt. Nicht unbedingt nur weil Johnny Depp da mitgespielt hat, sondern wegen der surrealen Szenen und gerade wegen der seltsamen Worte am Anfang. Und weil Jerry Lewis da mitgespielt hat.

Und natürlich wegen der Balkanmusik. Das war meine erste Begegnung mit Kompositionen von Goran Bregović. Und auch noch von Iggi Pop gesungen. Leute, Iggy himself!

Jerry und Johnny und der Fisch

Einer der Songs heißt: This is a Film.

Der Text, den Iggi darin singt, geht folgendermaßen:

This is a film about a man and a fish
This is a film about dramatic relationship between man and fish
The man stands between life and death
The man thinks
The horse thinks
The sheep thinks
The cow thinks
The dog thinks
The fish doesn’t think
The fish is mute, expressionless
The fish doesn’t think because the fish knows everything
The fish knows everything

Da ist eine Zeile drin, die mich ein Leben lang begleitet:

The fish doesn’t think because the fish knows – everything.

Fragt mich nicht warum, aber sie hat mein 23jähriges ich am meisten beeindruckt.

Meine Überraschung war groß, als ich vor einigen Tagen auf fast genau diesen Wortlaut in einem Roman stieß. Gleich zu Beginn, auf Seite 13. Ich bin fast aus den Latschen gekippt. Wäre ich gekippt, wenn ich nicht immer im liegen lesen würde.
In dieser Passage des Buches geht es kurz um einen russischen Fischer zu Anfang des 20 Jahrhunderts, der besessen ist von Fischen und vom Tod, der früh stirbt, ins Wasser geht, weil er den Tod für so etwas wie ein anderes Land hält, aus dem man wieder zurückkehren kann. Es heißt da:

„Sieh welche Weisheit. Der Fisch steht zwischen Leben und Tod, darum ist er stumm und sein Blick ohne Ausdruck; selbst ein Kalb denkt, aber ein Fisch nicht – er weiß schon alles.“

Der Roman heißt Tschewegur und ist von Andrej Platonov. Geschrieben hat er ihn 1926.

Zufall? Oder eine zufällige Inspirationsquelle? Eine lyrische Anleihe bei einem wuchtigen, nicht normkonformen und ewig verbotenen Autor der frühen Sowjetunion. Seine Worte haben den späteren Regisseur Kusturica wohl ebenso beeindruckt wie mich. Hat er Zugriff auf irgendwelche Samisdat-Kopien des Romans gehabt, während er noch verboten war? Ab Mitte der dreißiger wurde nichts mehr von ihm gedruckt, nachdem ihn Genosse Stalin als Abschaum betitelt hatte.

Nein, ich lese, ab den Achtzigern wurde Platonov so nach und nach in der Sowjetunion wiederentdeckt, nachdem er 50 Jahre früher auf der Liste der Undruckbaren gelandet ist. Er kann also theoretisch ein wirklich gedrucktes legales Buch vor sich gehabt haben.

Der Roman lohnt sich wirklich. Und es wundert mich nicht im geringsten, dass er nicht durch die Zensurmaschinerie geschafft hat. So niederträchtig und schäbig und einfach nur menschlich beschreibt er Orte und Menschen und den frühen Sozialismus. Und das mit so einer Kraft. Das täte den Machthabenden sicher nicht gefallen. Hat es ja auch nicht.

Jedenfalls hat mich der Soundtrack des Films über viele Jahre begleitet. Ebenso Platonows Worte, obwohl ich ihn damals noch nicht kannte. Die slavischen Gesänge in der Musik haben mir ein Stück Heimat vermittelt. Echte Ostalgie aus dem amerikanischen Kino. Mit surrealen Szenen zwischen Arizona und Antarktis.

Andrej Platonow
Tschewegur – Die Wanderung mit offenem Herzen. Roman
Surkamp Verlag, 2018
978-3-518-42803-0

Out of Duschanbe – Lia Frank

Du-schan-be – wie schön das klingt. Das Wort bedeutet auf tadschikisch profan Montag. Denn früher, sprich seit dem 5. Jahrhundert, wurde hier einmal die Woche ein Markt abgehalten. Saftige Melonen, süße Pfirsiche, Hülsenfrüchte aber auch Teppiche oder lebende Tiere wurden feilgeboten. Bis der kleine Marktflecken Bāzār-i Dušanbe zu einer Stadt herangewachsen ist und später zur Hauptstadt von Tadschikistan wurde.

Duschanbe, das war eine der vielen Stationen auf dem Lebensweg von Lia Frank. Sie selbst hat sich einmal, als eine „in Tadshikistan lebende und deutsch schreibende sowjetische Dichterin“ bezeichnet. Geboren ist sie 1921 in Kaunas, Litauen. Den Jobwechseln ihres Vaters ist es zu verdanken, dass sie in Berlin aufwuchs und dort auch zur Schule ging, ihr Abitur aber in der lettischen Kleinstadt Ludsa machte. Als Jüdin floh sie zu Beginn des zweiten Weltkrieges mit ihrer Familie hinter den Ural, wo sie ihr Studium beendete und ging nachdem Krieg wieder zurück nach Lettland. Doch weil sich ihr hier kaum Berufsperspektiven boten, zog sie 1960 mit Mann und Söhnen nach Duschanbe, arbeitete hier an der Uni als Dozentin für Latein und Deutsch.

Bis zu ihrer Ausreise in die Bundesrepublik lebte sie in der heißen Sowjetrepublik und schrieb. Immer auf einem hohen sprachlichen Niveau. Denn trotz des Lebens im Exil ist es ihr gelungen, die deutsche Sprache nicht nur zu bewahren, sondern auch weiterzuentwickeln und sich literarisch darin auszudrücken. Neben ihrer Arbeit als Deutschdozentin mga ihre ehrenamtliche Tätigkeit in der internationalen Buchhandlung „Mezhkniga“, für die sie gern schonmal Bücher auf deutsch bestellte, ihr dabei geholfen haben. Aber auch der eiserne Wille, in ihrer Muttersprache zu schreiben und zu vesich darin rständigen. Sie las, pflegte Kontakte zu deutschsprachigen Freund*innen im In- und Ausland und zu deutschen Tourist*innen in Tadschikistan (Ja, solche gab es auch) und zog ihre Enkelin zu einer Gesprächspartnerin heran, in dem sie ihr konsequent Deutsch beibrachte.

In einem Band mit Kurzprosa, das dieses Jahr im ostbooks Verlag erschienen ist, spielen ihre Lebensstationen eine wichtige Rolle und auch das Verhältnis zur deutschen Sprache wird in dem einen oder anderen Text behandelt. Ich durfte bei einer Online-Lesung zum Erscheinen ihres Erzählbandes im Rahmen der russlanddeutschen Kulturtage einige dieser Texte vorlesen und bin so tiefer in ihre Arbeit eingetaucht.

Viele dieser Geschichten und Verse handeln von Entfremdung, von Umbrüchen und Kriegsfolgen – nie programmatisch, nie aus der Vogelperspektive, sondern immer aus einem persönlichen Blickwinkel heraus. Manch einer Lebenssituation des realexistierenden Sozialismus gewinnt Lia Frank auch eine humoreske Seite ab, wie in den den Stücken „Fehlverbindungen“ oder „Hausflusromantik“. Es kommen aber auch wie gesagt ernste Themen vor. „Der Mann mit der Handgranate“ oder der „Lederne Mann“ zeigen die Auswirkungen von kriegerischen Konflikten vor 80 Jahren oder während des Zusammenbruchs der Sowjetunion in den 1990ern.

In der titelgebenden Erzählung „Das himmlische Kreuz“ , die kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges angesiedelt ist, deutet sie die zukünftigen Ereignisse im Leben von Jugendlichen in einer kleinen litauischen Stadt an, die kurz vor dem Abitur stehen, ohne sie explizit zu benennen. Wir ahnen, wie lebensverändernd und endgültig diese sein werden.

Im Anschluss an die Lesung meinte ihre Enkelin Jana, die aus Berlin zugeschaltet war, Lia wäre sicher eine hervorragende Bloggerin gewesen, wäre sie nur einige Jahrzehnte später zur Welt gekommen. Sie konnte Alltagsszenen festhalten und so auf den Punkt bringen wie kaum eine andere.

In russlanddeutschen Literaturkreisen ist Lia Frank als Autorin durchaus bekannt. Sie hat bereits in der Sowjetunionin den deutschsprachigen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht und war auch bei Seminaren dabei gewesen. Auch wenn sie von einigen Vertretern wie dem Literaturkritiker Reinhold Keil, nicht als russlanddeutsche Autorin akzeptiert wurde. Vielleicht weil sie als Jüdin in der Sowjetunion nicht den gleichen Repressalien ausgesetzt war wie fast alle DaR? Nicht das Schicksal der Schicksalsgemeinschaft teilte? In früheren Zeiten war es immer sehr wichtig, wer dazugehörte und die Richtlinien dieser Zugehörigkeit wurden sehr eng gesetzt. Nun. Nicht nur in früheren.

Auch wenn sie nicht diesen typischen Weg mit Verbannung, Zwangsarbeit und deutschfeindlichen Repressionen gegangen ist, gab es aufgrund von Flucht, Heimatverlust und des Nicht-Dazu-Gehörens durchaus Überschneidungen der Lebenswelten. Auch literarisch.

So handeln ihre Verse aus dem Zyklus Ruheloser Februar 1990, die kurz vor der Ausreise in die Bundesrepublik entstanden sind, von Aufbruch und Verlust:

Erinnerungen. Noch sind wir daheim

Noch sind wir daheim –
Meine Bücher stehen
in den Regalen;
die Enkel sind in der Nähe [,]
die Katzen gut versorgt …

Doch liegen auf dem
Tisch schon Fragebogen,
für Auswanderer bestimmt –

nach Israel, Kanada,
Autralien … Gibt es
welche nach Neuseeland?

Großer Gott! Wo liegt
bloß NEUSEELAND?!
Noch sind wie daheim …

Lettisch, Russisch, Hebräisch und Jiddisch – Lia Frank beherrschte viele Sprachen. Sie war dennoch ihrer Muttersprache sehr verbunden und hat es wie gesagt geschafft, diese trotz Exil und eisernem Vorhang, zu erhalten und sich darin weiter zu vervollkommnen. Ihre Liebe zur deutschen Sprache blieb unvermindert, trotz alldem was das deutsche Volk den Jud*innen angetan hat. In diesem vielzitierten Gedicht bringt sie diese Zerrissenheit zum Ausdruck:

An euch gekettet / durch eure Sprache, / eure Gedichte und eure Lieder, die ich / mit dem Knebel der Schwermut / im Munde / immer wieder / zu singen versuche …

An euch gekettet / und eure Bücher, / euer Gelächter / und eure Bräuche, / an denen ich zerre, / mich zerfleischend, / und die ich nicht / lassen kann – / wie mein Leben …

Das Erbe wiegt schwer. Sie nimmt es an, sie beschäftigt sich damit. Aber veröffentlichen kann sie Gedichte über den Holocaust in der Sowjetunion eher nicht. In Zeitschriften wie Freundschaft oder Rote Fahne, die nach 1956 wieder erlaubt waren publiziert sie andere Gedichte. Die Prosastücke erscheinen gesammelt und nicht auf Anthologien verteilt, erst in diesem Jahr, in dem Band „Das himmlische Kreuz“ auf Initiative der Herausgeberin Annelore Engel-Braunschmidt.

Noch ein Land, noch eine Sprache und ästhetisches Verständnis kommt in späteren Jahren hinzu: Japan und die Haikus. Irgendwann stößt Lia Frank in Tadschikistan zufällig auf eine deutsche Übersetzung japanischer Haikus und fängt an, sich selbst mit dieser Verform zu befassen. Sie wird aus der Ferne Mitglied der deutschen Haiku-Gesellschaft und widmet sich gemeinsam mit dem japanischen Germanisten Tsutomu Itoh der vollständigen Übersetzung von Gedichtbänden des frühverstorbenen Japaners Takuboku – aus dem Japanischen ins Deutsche.
Sie korrespondiert fast täglich mit dem Germanisten, um Kleinigkeiten zu verbessern. Und jeder, der den postalischen Weg in der Sowjetunion kennt und weiß wie umständlich es war, Briefe ins Ausland zu schicken oder von dort zu erhalten, kann erahnen, was das bedeutet. Auch für den Geheimdienst, der die Briefe aufmachen und nach feindlichen Botschaften untersuchen musste. Ob die Herren und Damen Beamten die Haikus auf Deutsch für irgendeinen besonders perfiden Code gehalten haben?

Als sie in Deutschland lebt, erscheint im Verlag Robert Buhrau ein Band mit ihren eigenen Haikus: „Die Kraniche ziehen“. Allerdings ist dieses Buch vergriffen und wird nicht mehr aufgelegt.
Hier eine kleine Auswahl an Haikus aus ihrer Feder:

Vorkriegsfotos –
ich unter so vielen
jungen Toten.

***

Traurig schaut meine
Stube mich an – nimmt Abschied –
Wieder ins Exil …


***

Nach Kürze suchend
fand ich endlich den Pfad –
drei Zeilen …

Schon 1989 reist Lia Frank auf Einladung der deutschen Haiku-Gesellschaft in den Westen, ein Jahr später siedelt nach Berlin über, wo sie mehr als zwei Jahrzehnte bis zu ihrem Tod verbringt. So schließt sich der Kreis. Denn in Grunewald ist sie in der Vorkriegszeit ja zur Schule gegangen. Hier stirbt sie 2012 mit 91 Jahren.

Am 18. November wäre diese eigenwillige und starke Persönlichkeit 100 geworden. Ihre Prosa und ihre Verse sind so formvollendet und berührend, dass sie auf keinen Fall in Vergessenheit geraten sollten.

***

Lia Frank
„Das Himmlische Kreuz“
Hrsg. Annelore Engel-Braunschmidt
ostbooks Verlag, Herford, 2021
ISBN 9783 947270 149
16,-

Hier finden sich noch zwei Haikus von Ishikawa Tabkuboku aus dem gemeinsam übersetzten Buch „Eine Handvoll Sand.“ Aus dem japanischen Text übersetzt von Lia Frank und Tsutomu Itoh:
https://lyrikzeitung.com/2020/11/28/butterblumen-und-gaensebluemchen/

Hier noch mal der Link zur Lesung vom 19.10.2021:
Das Himmlische Kreuz: Lia Frank. Eine Lesung mit Annelore Engel-Braunschmidt, Melitta L. Roth und Artur Rosenstern (im Rahmen der russlanddeutschen Kulturtage der LmdR NRW)
https://www.youtube.com/watch?v=U5ZDtAWO7zo

und als Abschluss noch ein Gedicht:

Mein Gesicht

Du hast mir keine
billigen Freunde
eingebracht
mein Gesicht,

denn du warst herb.
Streng warst du
und abweisend,
und ich danke Dir!
Es haben dir
weder Lippenstift
noch Puderquaste
geholfen,
mein Gesicht,
immer bliebst du mir treu,
und ich durfte bloß
mit dem Glanz der Vernunft
in den Augen rechnen,
und ich danke dir,
mein Gesicht,
ich danke Dir!
Doch hat man dich
nie übersehen,

mein Gesicht,
nicht das harte Nasenbein,
das gebogene, die strengen
Augen nicht, den schmalen
Mund, – nein, übersehen
hat man dich nie.
Und wenn es auch
bitter war,
mein Gesicht,
ich danke dir,
denn du hast mir
keine Freundschaften
unverdient eingebracht

und auch keine
Freunde umsonst,
du mein herbes,
für andere
fremdes Gesicht.

Rikki Tikki Tavi reloaded

Korrektur. In einem Post von 2015, ist mir ein grober Fehler unterlaufen. Damals hatte ich geschrieben, dass Alfred Schnittke der Komponist zu einem Multfilm über Rikki Tikki Tavi sei. Schnittke hat schon zu einem Rikki Tikki Tavi Filmmusik komponiert, nur nicht zu diesem Multik. Das war ein ganz anderer, nämlich Witalij Gewiksmann (dessen Sohn Viktor heute als Rapper „Sadist“ bekannt ist, aber das nur am Rande.)

Gestern kam ein Kommentar von einem Leser oder einer Leserin mit den Initialen HB, der oder die mich auf diesen Patzer aufmerksam gemacht hat.

Ganz deutlich im Vorspann: W. Gewiksmann

Wie konnte ich nur. Verblendet, habe den Zeichentrick erkannt und gedacht, es gibt einen einzigen Rikki Tikki Tavi Film auf der Welt, nämlich diesen, weil ich ihn als Kind gesehen habe.

Schnittke hat für einen anderen Film aus Jahre 1975 die Musik geschrieben. Einen mit echten Menschen. Vom ersten Ton hätte mir auffallen müssen, dass die Multik Musik nicht von einem stammt, der moderne Musik komponiert. Ist es aber nicht.

Der Realfilm von 1975 ist nur nach Motiven von Rudyard Kipling entstanden. Es wird eine ganz andere Geschichte erzählt. Und ich vermute mal, dass sich der in Indien geborene, britische Autor 1975 ein paar Mal im Grab umgedreht hat. Denn dieser Streifen, obwohl als Kooperation zwischen Indien und der Sowjetunion entstanden, strotzt nur so von kolonialistischen Klischees und ist sogar eine ziemliche kulturelle Aneignung. Nur aus heutiger Sicht natürlich. Hätte ich ihn als Kind gesehen, wäre mir nichts dergleichen aufgefallen.

Statt der ursprünglichen Story, haben die Filmemacher*innen die Geschichte umgestaltet. Die Hauptrollen werden mit Weißen besetzt. Der Sinn umgedeutet. Wohl auch, damit sich die russischen Kinder, die den Film sehen, besser damit identifizieren können? Aber heute wirkt das nur schräg. Vor allem, wenn du die Originalgeschichte kennst.
Weißer Junge, weiße Mutter und ein weißer Vater mit Safarihut im indischen Dschungel. Das Haus wirkt wie das von Lew Tolstoj in Jasnaja Poljana. Die Inder und Inderinnen sind nur untergeordnete Statisten, Diener, Bauarbeiter, ein indischer Freund des Jungen, der plötzlich einfach nicht mehr auftaucht. Sie laufen mit, oder eher hinterher, den meisten Text haben die Weißen, wie dder britische Kolonialistensohn Teddy. Die anderen sagen wenig, erfüllen Befehle, hören zu, schweigen.
Nur ein Freund der Familie, Mister Chebna, der sich länger mit der viktorianisch gekleideten Lady unterhält, macht da eine Ausnahme.


Aber halt?
Ist das nicht die Verherrlichung des Imperialismus? Sind das nicht genau die Sturkturen, die im Kommunismus bekämpft werden sollten? Und das 1975. Warum wurde der Film nicht wegzensiert? Das ist wieder sehr interessant.

Heute jedenfalls wirkt dieser Film auf mich befremdlich. Wie eine kulturelle Aneignung in doppelter Weise. Nicht nur Indien und Kipling gegenüber, sondern sogar der Kolonialmacht Großbritannien gegenüber. Denn die eigentlichen Briten werden jetzt von russischen Schauspieler*innen verkörpert. Auf eine naive, fast schon melancholisch dostojewskijsche Art. Falls das überhaupt existiert. Immerhin wurden die indischen Darsteller nicht mit dunkelangemalten Russen ersetzt.

Aber gut, normalerweise, werden Russen, besonders böse Russen im Film von anderen dargestellt. Und zwar schlecht. Mit immergleichem, schiefem Akzent, falschen Kostümen und aufgesetzter Brutaloattitüde. Nun ist es eben andersrum. Aber hier durchaus nicht respektlos. Das ist ein Plus des Films.

Es ist ein literarischer Stoff und der wird umgesetzt. Besetzt, umgedeutet. Das ist wohl künstlerische Freiheit. Der Plot hat was von Heidi, von Johanna Spyri. Der Junge erinnert an Clara, die im Rollstuhl sitzt. Sehr melodramatisch alles.

Aber die Musik ist wirklich gut!
2007 wurde Schnittkes Musik zu dem Märchen der Wanderungen und Rikki Tikki Tavi vom Label Capriccio vertont, weiß ich ebenfalls aus dem Kommentar des Lesers (oder Leserin).

Alfred Schnittke, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Frank Strobel
Rikki-Tikki-Tavi / Das Märchen Der Wanderungen


Hier der Link zum Film, den mir HB gesendet hat, eine indisch synchronisierte Fassung was noch mal sehr viel schräger klingt:
https://www.dailymotion.com/video/x4e4utr


und hier die russische Originalversion auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=DKJ1LpbVBLg

Danke für das Feedback, das war sicher ein wirklich grober Schnitzer. Aber ich habe wieder was gelernt!




Bibliothek der vergessenen Bücher: Ein Weckglas voller Zettel

Wieder ein Buch mit einer ziemlichen Odyssee. Richtig vergessen war es eigentlich nie, ging nur für längere Zeit verloren. Aber zunächst macht die Autorin selbst eine nicht so angenehme Reise, als Verbannte an den arktischen Rand der Welt. Als Hitler und Stalin sich in einem Pakt Europa aufteilen, werden die baltischen Länder von der SU kurzerhand annektiert, rund 50.000 Menschen werden verhaftet und in einer großangelegten Aktion ab dem 14. Juni 1941 in sibirische Lager verfrachtet. Unter anderem Dalia Grinkevičiūtė und ihre Familie. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 14 Jahre alt.


Später schreibt Dalia ihre Erinnerungen an die ersten zwei Jahre Verbannung nieder, da ist sie bereits 23 und befindet sich auf der Flucht vor dem KGB in Litauen. Sie schafft es gerade noch, die losen Blätter in einem Einweckglas im Garten zu vergraben. Dann wird sie wieder verhaftet. Jahre später, nach einer Ausbildung zur Ärztin und ihrer Rehabilitierung sucht sie nach diesen Aufzeichnungen, findet sie aber nicht mehr. Aus der Erinnerung verfasst sie eine kürzere Version ihrer Erinnerungen, die in dissidentischen Schriften in Russland und Litauen und als Roman in den USA erscheint. Erst vier Jahre nach Dalias Tod 1991 wird zufällig ein Wildrosenbusch in dem besagten Garten in Kaunas verpflanzt und das Weckglas mit den 229 eng beschriebenen Seiten kommt ans Licht. Danach erscheinen die Aufzeichnungen als Buch in Litauen und werden in den Schulunterricht integriert. Im Jahre 2014 kommt mit dem lakonischen Titel „Aber der Himmel – grandios“ im Mathes&Seitz Verlag in Berlin heraus. Etwa 64 Jahre nachdem die Autorin das Manuskript verfasst hat.

Eine Seite aus dem Manuskript.

Statt ihre Teenagerjahre zu genießen, muss Dalia unter den unmenschlichsten Bedingungen im Altai Gebiet und in der Arktis Zwangsarbeit leisten. Aber sie ist eine, die überlebt. Insofern sind die Notizen auch eine Bekundung der Stärke und Lebensmut. Das Manuskript beginnt ohne Kapiteleinteilungen, und es endet auch sehr abrupt. Dalia hat es in größter Eile geschrieben, mit der Angst im Nacken, entdeckt zu werden. Dennoch ist es ihr gelungen, das Unmenschliche in einer kühlen aber kraftvollen Sprache festzuhalten.


Es will nur schwer in den Kopf, dass unser leitendes Personal auf Trofimowsk – jeder von ihnen – eine warme 2-Zimmer-Wohnung in einem Blockhaus hat. Wir haben diese Häuser gebaut. Sie haben genügend Kerzen, um ihre Wohnungen zu erleuchten, sie können essen was sie wollen. Ich dachte, in Kriegszeiten müsste jeder Entbehrungen auf sich nehmen, aber sie entbehren nichts. Nach dem Krieg werden sie erzählen: Wir haben die Kriegslast auf uns genommen, wir haben zum Wohle des Vaterlands die Massen für den Kapf motiviert. Sie werden Auszeichnungen bekommen und die mit litauischen und finnischen Leichen gefüllte Grube wird ein Zeugnis ihrer Mühen sein.
S 110

Grinkevičiūtė beschreibt auch Menschen, die trotz der unmenschlichen Verhältnisse und der Vernachlässigung ihre Würde nicht verloren haben. Wie die ehemalige Krankenschwester Lidia, die sich scheinbar aufgegeben hat, mit dem Nebeneffekt, dass sie überhaupt keine Angst mehr kennt, und somit von niemanden unter Druck gesetzt werden oder zu etwas gezwungen werden kann, auch nicht zum Dienst.

Dalia mit elf Jahren in ihrer Schuluniform. Drei Jahre vor der Deportation.


Alltägliches kommt in dieser Hölle auch vor. Dalias Freude ist groß, als sie mit anderen Jugendlichen in einer geheizten Stube Schulunterricht erhält, ihre Enttäuschung, als dieses Privileg aufhören soll, ebenso.

Ich stehe mit meinen eingerissenen Filzstiefeln in schmutzigen Arbeitshosen aus Watte vor der Tafel, Kreide in der Hand und wundere mich – wie ich hier landen konnte. Das ist ein Traum, hier ist es warm, hier brennen Kerzen, hier ist es hell, hier spricht man mit mir wie mit einem echten Menschen. […] Ich höre nichts, reagiere auf nichts. Dalia, du gehst wieder zur Schule meine Güte, wach auf, du Trottel. Langsam komme ich wieder zu mir, ich fühle mich in dieser Situation nicht mehr so verloren und fremd. In den Pausen setzen wir uns alle sechs um den Ofen und erzählen uns unser Leben. Meine guten lieben Klassenfreunde, sie bedauern mich, so wie ich sie bedauere. Sie sind hungrig wie Hunde, so wie ich, über ihren Rücken krabbeln in der Wärme erwachte Läuse, wie über meinen.
S 56

Unterscheiden sich diese Aufzeichnungen von Erfahrungen, die wir von anderen Zeitzeug*innen und Chronisten der stalinistischen Lager kennen? Ich denke schon, denn sie sind von einer sehr jungen Frau aufgeschrieben worden. Fast noch einem Kind. Und sie hat sie wenige Jahre nach den Erlebnissen notiert, hastig, ungeformt, aber sicher nicht ungefiltert. Es ist anders als bei Schalamow, als bei Solschenitzin, eine weibliche Sicht der Umstände. Trotz allem. Die Zeitzeugin beschreibt, ohne es zu werten, wie manche Frauen, um zu überleben, zu Geliebten der russischen Kommandanten werden.

So erzählt eine Mitgefangene:

Es ist nicht einfach zu flirten, Dalia, du lächelst und versuchst jemandem den Kopf zu verdrehen, bist aber ohne Rock, in einer zerrissenen Wattehose, von der dir die Wattestücke am Hintern kleben. Du versuchst die Löcher mit einem Tuch zu verdecken, während die Läuse, die in der guten warmen Stube aufgewacht sind, dir den Rücken entlangkrabbeln. Am liebsten würdest du dich kratzen, dich an eine Wand lehnen und sie zerdrücken, aber du musst lächeln. Obwohl der Magen knurrt… glaub mir, es ist schwer, Dalia, hinter dem Polarkreis zu flirten.
S 103

Es ist ein harter Überlebenskampf. Um zu überleben, gehen die Gefangenen bis an ihre Grenzen und auch darüber hinaus. Das kennen wir auch aus den Aufzeichnungen russlanddeutscher Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Warum ich gerade dieses Buch ausgewählt habe? Bei all der Beschäftigung mit dem russlanddeutschen Schicksal darf nicht vergessen werden, dass unsere Volksgruppe die Erinnerungen an die Verbannung und die Schikanen des Stalinismus nicht für sich allein gepachtet hat. Diese Erfahrung verbindet uns mit vielen anderen, die Aufgrund ihrer Ethnie oder der Lage ihrer Länder willkürlich verbannt wurden. Dazu gehören auch die drei baltischen Staaten und einige andere Länder des Warschauer Paktes aber auch die Krimtataren, Koreaner*innen, Menschen aus Tschetschenien oder die kommunistischen Griechen und Griechinnen, die vor ihrem eigenen rechten Regime in die Sowjetunion geflohen waren, um sich in Sondersiedlungen wiederzufinden.

Es gab Unterschiede, natürlich. Zum Beispiel konnten die Überlebenden aus dem Baltikum nach Stalins Tod, spätestens Ende der 1950, in ihre Heimat zurückkehren. Aber die Schrecken der sibirischen Kälte, die Folgen der Zwangsarbeit nahmen sie natürlich mit. Wir sind also nicht allein damit, wir haben dieses Leid nicht als einzige erfahren. Das ist gut zu wissen. Das Gulagsystem ist ein großer Gleichmacher. Lässt alle Geschichten zu einer verschmelzen. Und dennoch. Es gibt diese Unterschiede. Bemerkenswert ist zum Beispiel, wie unterschiedlich die Rezeption dieser Erlebnisse und Aufzeichnungen in den verschiedenen Ländern ist. Der 14. Juni, also der Beginn der stalinistischen Deportationen aus Estland, Lettland und Litauen ist in diesen Ländern seit dem Untergang der Sowjetunion ein offizieller Gedenktag. Die Tagebuch-Aufzeichnungen von Dalia Grinkevičiūtė gehören heute zum Nationalerbe des Landes. Eine Freundin von ihr hat in ihrem eigenen Wohnhaus in Kaunas ein privates Museum zu Ehren von Dalia Grinkevičiūtė eingerichtet.

Dalia wurde aus ihrer angestammten Heimat entführt und kehrte dahin zurück. Es war von Anfang an klar, dass Litauen das Opfer und die Sowjets unter Stalin der Agressor sind. Obwohl es auch da Graustufen und Ambivalenzen gegeben haben muss. Nicht alles ist schwarzweiß, nicht alles liegt auf der Hand. Aber die Hauptzweige der Erzählung sind klarer als es mit dem schwierigen Verhältnis zwischen Deutschland und Russland sein kann. Mit den DaR irgendwo dazwischen hängend. Ich merke an dieser Stelle, dass ich mich längst mal mit der Wahrnehmung der Rückkehrer*innen nach Südkorea befassen wollte. Ob es hier ähnliche Erfahrungen mit der Rückkehr in ein Land gibt, von dem man solange abgespalten war? Wurden sie dort willkommen geheißen oder mussten sie sich ganz hinten anstellen? Heißen die dort auch Spätaussiedler? Und wie war es in Tschetschenien? Gibt es dort eigentlich eine Aufarbeitung der Ereignisse, jetzt, wo Kadyrow der beste Kumpel des russischen Machthabers ist?


Dalia Grinkevičiūtė
Aber der Himmel – grandios
Hrsg. Vytenė Muschick
Matthes und Seitz Verlag, 2014

Zu dem deutschen Buch existiert auch eine Website mit Hintergrundinfos und Terminen für Lesungen, die sicher bald wieder stattfinden können:

Gemeinsam mit dem Saxophonisten Martin Muschick und der Geräuschemacherin Friederike Kenneweg hat die Verlegerin Vytenė Muschick ein Lesungskonzept entwickelt, bei dem sich Textpassagen und Musik gegenseitig durchdringen und im Klang dem Zuhörer den erforderlichen Raum lassen. Die Musiktracks heißen u.a. „Dalia 1 Atem“ Oder „Dalia 3 Polarkreis“.
Wer mag, kann sie hier, ganz unten auf der Seite anhören:

Bibliothek der vergessenen Bücher: Die sieben Leben der Angelina Rohr

Es gibt eine Schriftstellerin, die als junge Frau nach Moskau gegangen ist, die Strapazen des GULag und der Verbannung überlebte und noch immer in Russland lebend, diese Erlebnisse in Prosa verarbeitet hat. Sie hat keinen russlanddeutschen Hintergrund, das nicht, hat aber auf ihrem Lebensweg DaR getroffen und auch über sie geschrieben, aber nur am Rande. Und nicht immer sehr vorteilhaft.

Doch zunächst möchte ich auf ihre Vita eingehen, nicht nur um einen Kontext für ihre schriftstellerische und journalistische Arbeit zu schaffen, sondern weil sie sich selbst wie das Drehbuch zu einem Film anhört.

1890 wird sie als Angela Müllner in Mähren geboren, begibt sich in die Dada und Surrealisten-Szene, lebt mit ihrem Ehemann vor dem ersten Weltkrieg mittellos in Paris, schreibt, und erwirbt Kenntnisse in Medizin und Psychologie, ohne einen akademischen Abschluss zu machen. Sie trifft Rilke, freundet sich mit ihm an. Er lobt ihre Prosa und ihren starken Ausdruck.

Mitte der Zwanziger Jahre folgt sie ihrem dritten Mann Wilhelm Rohr nach Moskau, heißt nun Angela (Angelina) Rohr und erhält die russische Staatsbürgerschaft. Sie arbeitet bis zur Schließung am dortigen Institut für Psychoanalyse mit und später in der russischen psychoanalytischen Vereinigung.
Als Korrespondentin schreibt sie Artikel und Reportagen für deutschsprachige Zeitungen in Österreich und Deutschland und der Schweiz. Als Bertholt Brecht in Moskau weilt und krank wird, ist sie seine behandelnde Ärztin. Er ist dabei ein Empfehlungsschreiben an den russischen Schriftsteller Konstantin Fedin zu schreiben und möchte sich für Angela einsetzen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse.
Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion wird Angela Rohr verhaftet und zu fünf Jahren Lager verurteilt. Danach ereilt sie das gleiche Schicksal wie alle Deutschen in der UdSSR. Sie bleibt bis Stalins Tod in Tawda, wo sie im Lager einsaß. Danach noch Jahre im Verbannungsgebiet. Erst nach ihrer Rehabilitierung Ende der Fünfziger darf sie nach Moskau zurückkehren.

Angela Rohr vor einer Forschungsreise nach Sibirien um 1927. PrivatarchivHans Marte, Wien

Insofern teilt sie das Schicksal, das alle deutschstämmigen in den Jahren nach 1941 ereilt: Verhaftung,Verbannung, Verbot an den Ort zurückzukehren, wo sie früher gelebt hat, später dann die Rehabilitierung. Ihr auf unkonventionellen Wegen erworbenes Medizinwissen erlaubt ihr im Lager als Hilfsärztin zu arbeiten. Wahrscheinlich rettet ihr diese kleine Lüge das Leben. Als Lagerärztin entdeckt die einen Heilmittel gegen Vergiftungen mit Schierlingspflanzen, was ihr ein Rennommée in wissenschaftlichen Kreisen einbringt.

Ihre Freunde im Westen glauben, sie sei 29-jährig verstorben. Sie hat aber bis ins hohe Alter in Moskau gelebt. Mit 67 Jahren fängt sie wieder an zu schreiben, Kurzprosa und einen Roman über das Lager. Ihre Manuskripte gehen unter, werden auch in der DDR abgelehnt, erst ein nach Wien geschmuggeltes Exemplar des Romans wird Mitte der Achtziger verlegt, unter einem Pseudonym. Leider erst ein Jahr nach ihrem Tod. Die Publizistin Gesine Bey aus Berlin entdeckt die Schriften Rohrs, die unter vielen Pseudonymen erschienen sind und gibt sie ab 2010 in Deutschland heraus. Der Roman „Lager“ erschien 2015 im Aufbau Verlag.

Das Besondere ist, dass wir über Angela Rohrs Werk und ihr sehr wechselvolles, langes Leben so wenig wissen. Und das obwohl ihre Geschichten mit einer unnachahmlichen, kraftvollen und dennoch eingänglichen Art eine hohe literarische Qualität aufweisen. Insofern passt sie in die Reihe der Bibliothek der vergessenen Bücher, die ich in unregelmäßigen Abständen vorstellen möchte.

Und nun zum Eigentlichen, zu ihrer Prosa:
Die Sammlungen enthalten auch frühere Essays, aus der Zeit als sie durch die Sowjetunion gereist ist. Begeistert für das neue Land, das neue System. Nichts ahnend von den Lagern im Hinterland. Was für ein Kontrast, die Analyse von Stalins Rede von 1933 und die Erzählung „Der Vogel“ knapp dreißig Jahre später. Viel ist dazwischen passiert.

Passierschein für Angelina Karlowna Ror 1948


Rilke, mit dem sie ja einmal befreundet war, hat über sie geschrieben: “… Angela hat beides, die Kraft, Einzelheiten festzuhalten und doch auch im Bewußtsein des Ganzen zu sein.“

Auch ich bin beeindruckt. Sie kommt mir vor wie eine Chirurgin der Wirklichkeit, als würde sie ihre Erlebnisse destillieren, klassifizieren und in kleine gläserne Kästchen packen, um sie später zu ettiketieren. Sie seziert das Grauen, beschreibt es so detailliert, so genau, dass es zum aufgespießten Insekt wird und an Schrecken verliert. Ihr gelingt es, Dinge einzufangen und auszudrücken, die außerhalb des menschlichen Horizonts, fast außerhalb der Sprache liegen.

Zum Beispiel die Beschreibung einer Untersuchung einer Gruppe weiblicher Gefangener durch ebenfalls weibliches Personal:

Das erste, was sie danach taten, war, daß sie uns mit aller Wucht in die Haare fuhren, so daß wir wankten. Auf ihren weiteren Befehl rissen wir den Mund auf, hoben die Zunge zum Gaumen und streckten sie dann in ihrer ganzen Länge aus. Wir mußten zeigen, daß wir nichts Verborgenes im Munde hielten. Wir hoben die Arme, deren Achselhöhlen sie kaum mit dem Blicke streiften, schon lange waren sie anscheinend als Versteck verpönt. Wir mußten uns dann, wie in der Gymnastikstunde, hinhocken, breitbeinig, um unser Inneres darzubieten, mit dem sie sich eingehend beschäftigten.
Leider waren auch sehr alte Frauen unter uns, die nach dieser Untersuchung nicht aufstehen konnten, die weiter hockten, mit verwirrten, verständnislosen Blicken um sich sahen und auf Hilfe hofften. Einige von uns, ruhigeren Charakters, legten dann nicht nur ihre, sondern auch die Sachen derer zu dieser Arbeit nun Unfähigen zusammen. Danach stand jeder mit seinem Bündel an Ort und Stelle, so als ob nicht geschehen wäre.

aus „Der Vogel“ (1959), S. 15

Irgendwo habe ich über Ihre Prosa gelesen, sie extrahiert das Absurde aus den Situationen. Kein Wunder, hing sie doch viel mit Dadaisten und Surrealisten ab in ihrer Jugend, vieles ist aber eher lakonisch bis sarkastisch:

Der Abend der Abfahrt war endlich da. Ich stand auf dem Bahnsteig, auf dem sich außer uns noch viele Fahrgäste befanden. Ich glaubte, den Ort nun für alle ewigen Zeiten verlassen zu können, hatte aber nicht mit der fürsorglichen Regierung dieses Landes gerechnet.
aus „Lager“, S. 132

oder:

Waren wir früher alle Spione gewesen, so hatte man uns schon längst zu Landesverrätern erhöht, obwohl ich den Unterschied zu diesen nie recht begreifen konnte.
Erzählung „Die Zeit“, aus dem Sammelband „Der Vogel“, S. 58


Es beeindruckt mich und ich denke, wer weiß, vielleicht hat diese kleine schmale Person diese Hölle bloß überlebt, weil sie sich gezwungen hat, zu beobachten. Von außen die Schrecknisse zu betrachten, um später darüber zu schreiben. Auf jedes Detail, jeden Satz achtend. Die Stimmung, die Szenerie, die Dialoge, die Personen genau einfangend. Zum Beispiel den Gesichtsausdruck einer Frau, die vom Verhör zurückkommt. Damit du es Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe später notieren kannst:

Die Frauen, die in jener Nacht verschwunden waren, gehörten nun für uns schon fast zu den Vergessenen. Nach ungefähr zehn Tagen kamen einige davon zurück, die anderen aber sahen wir nicht wieder. Das waren nun traurige Geschöpfe, die wir umringten. Sie hatten eine so merkwürdig fernen Ausdruck in ihren Gesichtern, ihre Arme gehorchten ihnen nicht ganz. Sie klagten, daß sie unsäglich müde seien, und so sahen sie auch aus. Das, was sie uns dann allmählich erzählten, das, was sie erlebt haben wollten, war schwer zu glauben und wir lehnten es auch ganz und gar ab. Wenn es die Wahrheit gewesen sein sollte, das, was sie uns mitteilten, hätte es uns doch auch treffen können. Es war besser und ganz richtig, daß wir diese Dinge nicht an uns herankommen ließen.
aus „Der Vogel“ S. 47

Hat sie deswegen überlebt? Weil sie sich vorgenommen hat, später zu berichten? Nein, das sind nur meine Spekulationen. Fragen kann ich sie nicht mehr, sie starb in Moskau im Jahr 1986, da lebte sie von einer Minirente in einer mit Büchern vollgestopften Wohnung. Und Tagebücher hatte sie meines Wissens nach nicht hinterlassen, nur ihre Prosa.
Möglicherweise hat sie das Arbeitslager überlebt, weil sie zäh war, weil sie Glück hatte, mehr als einmal. Ganz sicher, weil sie mutig war. Sie beschreibt ihre Zeit als Ärztin bei den Schwerverbrechern. Da kannst du dir nicht erlauben, auch nur die kleinsteSchwäche zu zeigen. Sie hat es geschafft, sich bei diesen Kriminellen Respekt zu verschaffen. Aber sie hätte niemals Ärztin von sich gesagt, immer nur Arzt.

Brot war natürlich das Wichtigste für uns, wenn auch jeder seine bestimmte Einstellung dazu hatte. Es war Nahrung, und auch wieder nicht, es war der Maßstab zu einem Charakter. Hier gab es Leute, die ihr Brot morgens, zusammen mit einem Viertelliter heißen Wassers, sofort und ohne zu schwanken aßen. Das waren die einen, die anderen aber zögerten aber damit und lebten in einer beständigen Angst, daß man es ihnen stehlen könnte, was auch ohne weiteres möglich war.
S. 20 „Der Vogel“

Hier haben wir keine Übertragung, keine Übersetzung aus dem Russischen oder dem Litauischen oder einem anderen Idiom. Es ist ein Zeitzeugenbericht in deutscher Sprache und von einer Qualität, die sich vor den Granddames und Grandmessieurs der Lagerliteratur nicht zu verstecken braucht.

Vereinzelt kommen auch Russlanddeutsche in ihren Geschichten vor. In den Erzählbänden taucht ein Artikel mit dem Titel „Deutsche Bauern in Russland“ auf, der 1930 in der Frankfurter Zeitung erschienen ist. Darin schildert sie die Eindrücke von einem Besuch eines deutschen Dorfes im nördlichen Kaukasus. Für mich ist es total spannend, das aus dieser Perspektive zu lesen, weder aus russischer noch von russlanddeutscher, sondern mit den Augen einer österreichischen Kommunistin.
Nicht immer schneiden die DaR bei Angela Rohr gut ab, sie zeigt sie mit all ihren Facetten. In ihrem Roman „Lager“ taucht eine eher grobe Wolgadeutsche auf, die sie, also die Protagonistin, bei den Wachhabenden anschwärzt, weil sie Angst hat, dass sie ihr den Platz als Sanitäterin streitig macht. Ein anderes Mal feiert sie Weihnachten mit drei wolgadeutschen Frauen, die in der Baracke „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen. Doch sie kommen nur am Rande vor, wenn überhaupt. Wie der Tod Stalins in einem deutschen Dorf aufgenommen wird, beschreibt sie so:

Der Tag seines Todes war für die Bewohner des Dorfes eine Zeit der Trauer. Ich traf weinende Frauen auf der Straße, die gleich mir und ebenfalls als Deutsche ewige Verbannung erhalten hatten. Verstehe das wer will!
aus „Lager“, S. 287

Das muss Angela Rohr irgendwann in den Achtzigern sein.

Ich bin dankbar für den Fund, durch Zufall habe ich den Roman letztes Jahr in einem Antiquariat gesichtet. Ich weiß nicht, woher Angela Rohrs kristalline Klarheit kommt, diese kalte, über allem schwebende Sprache, die Abstand schafft, die konkret ist, Gefühle weglässt und dennoch so unter die Haut geht. Jedenfalls ist es eine Bereicherung und verschafft Einblicke in ein Leben, von dem wir uns sonst gerne abwenden. Weil es schwer ist, hinzusehen.

Veröffentlichungen von Angela Rohr, herausgegeben von Gesine Bey:

Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen. Basisdruck Verlag Berlin 2010.

Lager. Autobiographischer Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2015. – Übersetzungen ins Niederländische, Tschechische und Italienische.

Zehn Frauen am Amur. Feuilletons für die Frankfurter Zeitung. Reportagen und Erzählungen aus der Sowjetunion (1928 – 1936). Mit Fotografien von Margarete Steffin und anderen. BasisDruck Verlag Berlin 2018.

Begegnung. In: Sinn und Form, Heft 3, Berlin 2016. S. 359-371

Doppelglasfenster

Ich höre öfter, wir Russlanddeutsche seien defensiv, klängen verbittert und fühlten und leicht gekränkt. Auch in der zweiten Generation. Oder der Anderthalbten. Erst kürzlich ist das wieder geschehen.
Nun, schön ist es nicht, aber es hat Gründe. Und wenn es keine gibt, finden wir eben welche. Zum Beispiel etwas, das harmlos klingt. Im Aachener Dom wird es anlässlich der Flutkatastrophe eine Gedenkfeier geben. Mit Frau Merkel und Herrn Steinmeier und anderen wichtigen Personen. Das ist gut, dagegen ist nichts zu sagen. Der Opfer der Flutkatastrophe sollte unbedingt gedacht werden.

Was mich stutzig macht, ist das Datum. Es fällt genau auf den Tag, an dem wir der russlanddeutschen Opfer der Deportation gedenken. Für Deutsche aus Russland gibt es wenn überhaupt, diesen 28.8.1941, einen Tag, der jetzt sich zum 80. Mal jährt und an dem sie ihrer Opfer gedenken können.

Dass dieser Aspekt bei der Terminwahl im Aachener Dom keine Rolle gespielt hat, ist ziemlich bezeichnend. Ich will, um Gottes Willen, nicht die eine Opfergruppe gegen eine andere ausspielen. Ich will nicht andeuten, dass ich lieber hätte, dass Merkel und Steinmeier im Aachener Dom der russlanddeutschen Opfer gedenken – das ist illusorisch. Bitte nicht falsch verstehen. Ich hier will nicht in ein Mimimi verfallen. Nur aufzeigen, was so läuft, den Status Quo benennen sozusagen. Den Grund dafür, warum DaR manchmal schmallippig werden und sich zurückziehen. Es ist schwer, Bitterkeit und Gekränktsein abzulegen, wenn dir, auch von offizieller Seite, ständig eine gewisse Ignoranz entgegenweht. Dir aufgezeigt wird, du kommst nicht vor. Du spielst keine Rolle.

Gut, die hatten es nicht auf dem Zettel. Ja, kann ich ihnen nicht verdenken. Es ist schlicht und einfach nicht bekannt, bleibt unter dem Radar, nur den Eingeweihten und denjenigen, die schon seit Wochen an zahlreichen Projekten zu diesem Thema arbeiten, ist der 28. August ein Begriff. Als Schlussfolgerung bedeutet das aber, die Öffnung ist noch nicht vollzogen. Die Integration, die ja eine beiderseitige ist, noch nicht erreicht. Das ist ein wenig so wie eine gläserne Decke.

Anderes Beispiel: Eine schreckliche Tat, in Würzburg begangen von einem Amokläufer, der mehrere Menschen tötet, viele verletzt. Einige Passanten haben sich ihm entgegengeworfen, haben versucht, ihn aufzuhalten. Mit Stühlen und anderen Dingen nach ihm geworfen. Die beiden Männer aus Syrien und dem Irak wurden von der Presse regelrecht gefeiert. Die drei jungen Russlanddeutschen, die das auch gemacht haben, nur einmal kurz erwähnt. Nicht wichtig. Nicht betonenswert genug, dass auch Aussiedler, nicht nur Asylanten, solche Heldentaten vollbringen. Vielleicht passen sie nicht ins Schema. Vielleicht kann aus ihnen keine Story gestrickt werden. Wenn sie in eine Schublade passen, dann in ihre eigene. Abgeschlossene, mit einem Schlüssel, der in einen See geworfen wurde.
Es gibt einige solcher Beispiele. Zum Beispiel wurden Russlanddeutsche vermehrt Opfer rassistischer Angriffe und sind nicht immer nur Angreifende. Doch das bleibt ebenfalls unter dem Radar.

Auch hier will ich niemanden gegeneinander ausspielen, sondern nur zeigen, dass Aussiedler noch immer ein weißer Fleck sind. Dabei ist Anerkennung und Gesehenwerden so wichtig für alle Menschen. Das verleiht ihnen Würde. Auch als Gruppe.

Neulich sagte jemand, aus unseren Texten auf der Schweigeminutenseite spricht Bitterkeit. Ja, es ist nicht leicht, diese abzulegen. Zumal in der Bevölkerung die einzige Ansprache eine gefühlt negative ist. So schrieb jemand neulich: „Nicht Russlanddeutsche, Rucksackdeutsche sind es.“
Noch immer nicht angekommen. Dass dieser Begriff aus der Zeit nach 1945 stammt und damals für die deutschen Flüchtlinge aus dem Osten gebraucht wurde, macht das Ganze nicht unbedingt besser. Wir sind also im besten Fall Reisende, oder eben Fremdkörper. Dabei hatten unsere Leute in den späten 1980ern und frühen 1990ern durchaus keine Rucksäcke mit, sondern diese unseligen karierten Plastiktaschen XXL mit Reißverschluss, die mit nicht besonders politisch korrekten Begriffen benannt wurden. Will ich hier nicht wiederholen. Die Hamburger Autorin Tina Übel nennt sie in ihrem Reiseblog: „Nachbarnationendisstasche“.

Ich weiß, dass so etwas niemals einseitig ist. Unsere Leute, unsere Instanzen sperren sich auch, verschließen sich selbst. Lassen junge Leute, die was ändern wollen, nicht ans Ruder. Zeigen ein Bild von uns in der Öffentlichkeit, das weder die Homogenität abbildet noch in die Gesellschaft zu passen scheint. Auch bei den meisten Feierlichkeiten anlässlich des schrecklichen Jahrestages 1941 bleiben wir scheinbar unter uns. Nein, nicht ganz. Nicht mehr. Ich übertreibe. Zum Beispiel wird es Ende des Monats eine Veranstaltung in Berlin geben, bei der nicht nur DaR dabei sind.

Dennoch. Noch immer haben wir dieses Image, das eigenbrötlerisch wirkt, deutschtümlerisch, nicht zeitgemäß. Aber ist es verwunderlich, wenn unsere größte Vertretung diesen Namen trägt: Landsmannschaft. Das klingt schon nach Burschenschaft und Blut-und-Boden-Ideologie. Nach zackigen Männern mit Waffe und Uniform. Seit Jahren weigert sich der Verein, den Namen zu ändern. Ist es ein Wunder, dass uns die Leute, besonders in linksgerichteten Kreisen nicht mit der Zange anfassen wollen? Wir sind selbst schuld. Keine gute und vor allem keine schnelle PR, das Image entweder vernachlässigt oder in die falsche Richtung gelenkt.

Es gibt durchaus Bestrebungen, das zu ändern. Die Podcasts „Steppenkinder“ vom Kulturreferat für Russlanddeutsche, der Podcast „X3“ – übrigens von der Landsmannschaft in NRW unterstützt, da ist doch schon eine Öffnung! – dann der Ableger von LibMod mit dem Namen ost[k]lick oder das „Russlanddeutsche Diarama“ von Dekoder sind große Schritte in die richtige Richtung. Es passiert hier eine Öffnung nicht nur zur Gesellschaft hin, sondern auch zu einer jüngeren Zielgruppe.

Aber die Landsmannschaft bleibt dennoch Landsmannschaft. Seit Ihrer Gründung Anfang der 1950er bis heute. Dieses antiquierte Bild dadurch zu kaschieren, dass man die sperrige Abkürzung LmDR benutzt, ist doch nur ein Feigenblatt.

Wie gesagt, die Öffnung ist nicht nur Sache der Aufnahmegesellschaft. Ich gebe zu, auch von Seiten unserer Gremien, Vertretungen, Instanzen wurden Barrieren errichtet und nicht nur Brücken gebaut oder Hände gereicht. Das ist die zweite Schicht der gläsernen Decke. So sitzen wir also in einem hübschen Raum mit Doppelglasfenster.
Ich hoffe stark, das ändert sich noch.

Laut Autorin Tina Übel eine „Nachbarnationendisstasche“

Einige Projekte und eine Veranstaltung anlässlich des Gedenktages der Deportation am 28.8. 1941:

https://www.erinnerungsnaht.de/

https://idrh-hessen.de/80-jahre-deportation/

https://www.bkge.de/Veranstaltungen/Kalender/3806-deportation-und-erinnerung-80.-jahrestag-der-zwangsumsiedlung-.html


Weitere Links:

Dekoder russlanddeutsches Diarama: https://nemcy.dekoder.org/de

Russlanddeutsche für Demokratie im Netz: https://www.ost-klick.de/

Der Podcast Steppenkinder: https://www.russlanddeutsche.de/de/kulturreferat/projekte/steppenkinder-der-aussiedler-podcast.html

Der Podcast X3: https://www.x3podcas

Warum so still?

Stille. Schweigen. Erinnern. Einige Zeit war es still auf diesem Blog. Andere Leute haben Projekte und Podcasts gestartet, Insta-Accounts mit Themen rund um Russlanddeutsche gefüllt. Jüngere, neue Generationen mit neuen Medien und neuen Sichtweisen. Vielleicht werde ich noch mal über all diese Erscheinungen berichten.

Auch wir haben so ein Projekt gewagt, in einigen Tagen geht der erste Beitrag online. Wir, das ist Edwin Warkentin vom Kulturreferat für RuDe in Detmold und ich. Als Autoren und Autorinnen konnten wir gewinnen: Eleonora Hummel, Felix Riefer, Artur Rosenstern, Katharina Heinrich, Christina Pauls und Viktor Funk.

Worum ging es?

Russlanddeutsche Erinnerungskultur anders aufzurollen, nicht frisch, das wäre verfehlt, aber neue Aspekte finden, andere Stimmen zu Wort kommen lassen. Zur Vielstimmigkeit beitragen.

Lange, lange haben wir nach einem Namen gesucht und einen gefunden:

Schweigeminuten


und als Unterzeile:
Beiträge zu einer vielstimmigen Erinnerungskultur

Der August ist ein besonderer Monat und das Jahr 1941 ein besonderes Jahr, denn ein Befehl von Stalin hat damals für die Deutschstämmigen in der SU alles ins Rollen gebracht. Die Verbannungswelle hat im großen Stil begonnen, später die Repatriierungen. Davor gab es schon Verhaftungen und Verbannungen, aber der 28.8.1941 bedeutet eine Kerbe, eine Zäsur.

Menschen der nachfolgenden Generationen sollten bei diesem Projekt ihre Sicht auf die Ereignisse liefern. So sind vorerst sieben Beiträge entstanden, die nach und nach ins Netz gestellt werden, als Videos auf Youtube und auch auf der Webseite des Kulturrefarats für RuDe.

Es sollten sehr persönliche Zugänge werden, sind es zum Teil auch. Ich hatte zeitweise richtige Schwierigkeiten. Nicht mit der Zusammenarbeit, nicht mit dem Entwickeln des Themas, der Themen oder der Gestaltung. Mit meinem eigenen Text. Denn ich habe mir Thema Nummer 5 Ausgesucht: die Fünfte Kolonne Hitlers. So der Arbeitstitel.
Mein Text wurde zunächst sperrig, hat mir im Magen gelegen wie ein Stein. Ich konnte ihm nicht beikommen, nicht nur weil das Thema komplex ist, sondern weil es mich zu sehr getroffen hat. Ich habe Hassattacken erlebt, Weinanfälle, auch Schweigeminuten.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich daraus eine persönliche Sache hätte machen können. Mir fehlt noch immer die Distanz dazu. Zu gewaltig waren die Konsequenzen, zu groß waren die Opfer, die daraus erwachsen sind. Auch Zahlenmäßig 900.000 Menschen, die verschickt, in Sondersiedlungen und Arbeitscamps gezwungen wurden. Das zentrale Trauma.

Ich wollte eigentlich über meine Eindrücke schreiben, als eine Moderatorin von RT darüber frisch und frei und geplaudert hat. In dem Tenor: Ja, sie waren Spione, das wissen doch alle. Keine Opfer. Das musste Stalin ja machen. Dann: naja, aber nicht viele waren Spione.

Was denn, ja oder nein. Damals war ich schon unfähig, einen Beitrag zu verfassen, mich hatte dieser Clip wie eine Faust in die Magengrube getroffen und für Tage außer Gefecht gesetzt. Also habe ich das weggelassen.

Nun ist der Text und auch der Film abgeschlossen. Aber persönlich ist er nicht geworden. Habe einen historischen Abriss geschrieben. Habe mich innerlich distanziert. Habe Quellen gelesen. Keine Zeitzeugenberichte. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, ihn zu beenden.

Die Arbeit an dem Thema hat für mich in Wirklichkeit gerade erst begonnen. Denn es ist weit komplexer, viel verwickelter und greift in meine eigene Familiengeschichte. Mehr als ich in einen 10-minütigen Film habe packen können. Es bleibt: Eine Annäherung. Eine Deklaration. Eine Standpunktsbestimmung, mehr nicht.

Hat das Projekt trotz meiner Schwierigkeiten mit dem Thema Spaß gemacht? Eindeutig ja! Es war bereichernd, mit den Autoren und Autorinnen zu arbeiten, ihre Texte zu lesen, in Detmold die Clips aufzunehmen, oder die Entwicklung des Logos zu verfolgen, dessen Gestaltung eine Freundin übernommen hat.

Da ist diese Linie, die die Wortteile von einander trennt. Es liegt etwas Unaussprechliches dazwischen, eine Pause, auch im Logo.

So haben auch viele der Texte mit diesem dem Schweigen und dem Verschwiegenwerden zu tun. Sie sind unterschiedlich, aber wie durch Magie gibt es Verbindungen, Querverweise, sie alle greifen ähnliche Punkte auf. Ergänzen einander. Das zu sehen war schon bemerkenswert. Es geht nicht nur darum, wie wir Gedenken oder dass wir der Ereignisse, die dieser Gruppe, unseren Vorfahren, widerfahren sind, gedenken, sondern vor allem darum, wie sie wahrgenommen werden. Wie passen unsere persönlichen kleinen-großen Familiengeschichten in die Geschichte dieses Landes und Europas. Spannende Aspekte, angerissen, sicher noch nicht ausgeschöpft.

Hier unser Trailer, der alles zusammenfasst:
https://youtu.be/Ve6ulbVlDmk


Die Arbeit an dem Projekt „Schweigeminuten“ hat mich absorbiert. Aber auch bereichert. Ich hoffe, es ist ein Anstoß zu etwas. Einer tieferen Beschäftigung mit der Täter-Opfer-Frage meinerseits und vielleicht eine intensivere Beschäftigung mit der Geschichte der RuDe seitens der Gesellschaft.

Hinter den Kulissen


Mein Dank geht an Edwin vom Kulturreferat, an den anderen Edwin, unseren Kameramann und Regisseur, an das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte für die Unterstützung, an Anja und Leo, die die Gestaltung übernommen haben, an Eduard fürs Bauen der Website und an euch, liebe Autorinnen und Autoren, die sich auf dieses Abenteuer eingelassen haben.

Seid gespannt und save the date:

Der erste Beitrag, der von der Schriftstellerin Eleonora Hummel, erscheint am 23.7. auf der Youtube-Seite des Museums und behandelt die Erzählkultur oder ihr Fehlen in vielen russlanddeutschen Familien.

Mehr Infos und die Links zu den Videos (sobald sie denn erscheinen) auf der Website des Kulturreferats:

https://www.russlanddeutsche.de/de/kulturreferat/projekte/schweigeminuten.html

Die Unschärfe der Masse

Alle Menschen

alle Menschen verallgemeinern, sagen:
alle Russen, alle Chinesen, alle Blondinen,
die Obrigkeit, alle Fahrer, alle Männer,
der Westen, alle Polizisten, sie, das Volk,
alle Dichter, alle Studenten und so weiter …
ich verallgemeinere nie,
aber die Menschen verallgemeinern gerne.

Sergej Tenjatnikow

Stellen Sie sich vor, Sie fotografieren eine Ansammlung von Menschen, eine Demo vielleicht. Die vorderen Personen sind noch einigermaßen deutlich auszumachen. Die im Hintergrund wirken dagegen unscharf. Sie verschwimmen zu einer Menschenmasse. Nehmen Sie dagegen ein Bild von einer kleineren Gruppe, beispielsweise einer Familie, werden die einzelnen Personen sichtbar, ihre Einzelheiten treten deutlich hervor. Noch mehr gilt das für Nahaufnahmen. Besonders bei den Portraits der niederländischen Meister. Die konnten das, den Charakter malen statt nur den Kopf.

Das alles klingt offensichtlich und banal, dennoch unterlaufen uns Generalisierungen. Wo wir doch in einer pluralistischen Gesellschaft leben, in der Individualität ein hohes Gut ist, wenn nicht das höchste überhaupt.

Im Fall der Deutschen aus Russland wiederholt sich diese Verallgemeinerung immer wieder. Mit fatalen Konsequenzen.

Pilzgeflecht

Eine Gruppe ist selten homogen. Dieses Begriffspaar homogen – heterogen wie abstrakt das klingt. Ein Bild wäre besser: Gehen wir davon aus, diese Gruppe, dieses WIR ist kein Granitblock, sondern eher wie ein unterirdisches Geflecht, ein rhizomatisches WIR-Gefüge. Ein Rhizom ist eigentlich ein Begriff aus der Biologie, er bezeichnet die Wurzeln von Pilzen unter der Erde. Die beiden Franzosen Gilles Deleuze und Felix Guattari haben das Rhizom bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in ihren philosophischen Diskurs aufgenommen und der Filmemacher Alexej Getmann hat bei einem Vortrag die kulturelle Verbundenheit der Deutschen aus Russland damit verglichen.
Demnach ist das WIR ein Zusammenschluss von vielen, einzelnen und auch Gruppen, die sich unterscheiden, aber auch Gemeinsamkeiten bilden. Es entstehen Knotenpunkte und Verdickungen dort, wo es Ähnlichkeiten und einheitliche Interessen gibt. Die einzelnen existieren für sich und sind trotzdem durch eine gemeinsame Erinnerungskultur oder andere Klammern miteinander verbunden. Zum Beispiel durch eine Sozialisation in den Sowjetstaaten oder durch die Erfahrung von Wanderungen von einer Kultur in die andere. Das Kulinarische scheint so eine Klammer zu sein. Doch selbst hier gibt es keinen Einklang. So zählen einige von uns nur Gerichte wie Krebble oder Strudel mit Sauerkraut zu unserem kulturellen Erbe. Andere haben slawische Nationalgerichte wie Borsch, Piroggen oder Pelmeni in den russlanddeutschen Küchenkanon aufgenommen und wiederum andere kochen auch mittelasiatische Speisen wie Plow oder Manty. Die entscheidende Frage ist, welche dieser Speisen gehören zu uns, welche Zugehörigkeiten zu anderen Kulturkreisen, und sei es durchs Essen, machen uns aus, bilden einen Teil unserer Identität? Eine starke Klammer sind natürlich auch die Zuschreibungen von außen.

Ein Stempel für alle
Anhand von ausgewählten Beispielen von früher und heute wird sichtbar, wie willkürlich solche Bezeichnungen sind und was für ein starkes kollektivierendes Element sie besitzen. So sah man unsere Leute in Russland ab 1914 und später ab 1941 in der Sowjetunion:

Spione
Diverssanten
Hitlers fünfte Kolonne
Volksfeinde
Kollaborateure
Faschisten
Fritzen

So sah man unsere Leute in Deutschland ab 1990 und ab 2016:

Passbeschenkte
Mitglieder der Russen-Maffia
Russen-Babuschkas (die berechtigte Frage: wer ist gefährlicher, Russen-Omas oder die Russen-Maffia?)
die mit dem deutschen Schäferhund
Putins fünfte Kolonne
AfD-Sympatisant*innen

Wie wir uns sehen:
Unsere Leute sind fleißige, sparsame Familienmenschen, sehr bescheiden, zuverlässig.

Diese Selbstwahrnehmung unterscheidet sich ziemlich stark von der Fremdwahrnehmung ist aber nicht weniger verallgemeinernd. Überhaupt unsere Leute.

die Unsrigen – die Hiesigen
wir – ihr
hier – drüben

Das sind so einige der Grenzmarkierungen, innerhalb derer wir (alle? einige von uns? die anderen, aber ich nicht?) uns bewegen.

Und dennoch, wenn wir näher ranzoomen, die einzelne Persönlichkeit in den Fokus nehmen, bemerken wir, dass die Identitäten nicht statisch, sondern schillernd sind. Das WIR ist divers. Unter uns gibt es welche, die schlau sind, welche die dumm sind, welche die spitzfindig und schnell beleidigt sind. Na gut, zugegeben, das sind wir alle, also schnell beleidigt.

Solche, die konventionell sind und solche, die pervers sind, divers pervers. Solche, die zart sind wie eine Elfe, auch Jungs. Auch unter den Unsrigen gibt es die Phantasievollen, Musikalischen und Sportlichen. Frauen, die sich weigern zu kochen, Männer, die sich in einem dezenten Anthrazitgrau die Nägel lackieren. Und es gibt genau diejenigen, die allen Klischees von Russlanddeutschen entsprechen. Ich habe selbst welche kennengelernt.
WIR, das sind nicht nur die Guten, Fleißigen, Sparsamen. Es gibt auch Faule und Verschwenderische und Hinterhältige darunter. Klar, auch den einen oder anderen Spion, warum nicht. Aber der größte Teil wurde unschuldig deportiert.
900.000 waren es insgsamt.


Doch ein Monolith?

Das WIR besteht aus vielen Individuen, es sei denn, von außen kommt eine determinierende Zuschreibung, die so starr und einschränkend ist, dass sie einer Pressform gleicht.

Nach der allgemeinen Spionomanie und antideutschen Haltung im Zarenreich, die 1914 ihren Höhepunkt erreicht, hat Stalins Gleichung von Fritz=Faschist=Hitlers Spion verheerende Auswirkungen auf die deutsche Minderheit im Land. Sie werden zu Kriegsbeginn zu zig-tausenden in Lager verbannt, die nicht so heißen, sondern Arbeitsarmee oder Sondersiedlung.
Einzelne Schicksale verschmelzen zu einem. Da ist der Transport in Viehwaggons. Da ist das Ausgeladen werden im Nichts. Kälte, Hunger, Gewalt – alles sehr große Gleichmacher. Jede Familie, jedes Schicksal wird dadurch austauschbar. Und doch, aus der Nähe am eigenen Leib erlebt, wenn es dich selbst, deine Mutter, deinen Bruder oder dein Kind trifft, wird es schnell wieder sehr persönlich.
Fällt es deshalb so leicht, die Russlanddeutschen als Masse zu sehen, weil sie durch dieses gleichmachende Trauma gegangen sind? Reicht eine äußere Pauschalisierung, wenn sie mit genug Gewalt vertreten wird, aus, um jede Individualität auszumerzen?

Haben WIR, also die Unsrigen, diese negative ethnische Zuschreibung so sehr eingestanzt bekommen, das wir sie verinnerlicht, dass wir sie als bestimmendes Merkmal in unsere Identität aufgenommen haben? Aus der äußeren Beschimpfung Faschisten ist vermutlich auch die innere Wahrnehmung: „Wir sind deutsch, wir sind fleißig, ehrlich und sparsam“ geworden. Aus reinem Selbstschutz heraus.

Was viele nicht wissen: in der Sowjetunion gibt es seit 1934 in jedem Pass die fünfte Linie für die Nationalität. Diese fünfte Linie hat drüben Menschen deutscher Herkunft zu wirklichen Passdeutschen gemacht. Du konntest deinen Vornamen zu Wolodja oder Walja ändern, konntest dir jeden Akzent abtrainieren, aber die fünfte Linie hat trotzdem dein Leben bestimmt. Im Guten, oder, wie im Falle der Deutschstämmigen, eher im schlechten. Das war die herrschende Realität.

Dann – Tadaaa – reisen diese geplagten Passdeutschen nach Deutschland aus. Zu den vermeintlich Unsrigen, also Ihrigen. Was für ein großes Hallo da entstanden ist. Denn die Hiesigen waren dabei, eine neue Realität zu schaffen: nach der Ethnomanie der Nazis waren sie dabei, sich vom ethnozentristischem Denken zu befreien. Da kommen hunderttausende Zerlumpte mit ihrer amputierten Sprache daher und behaupten, WIR sind Deutsche wie IHR. Von der Geschichte dieser Leute wusste niemand etwas. Und WIR – gewohnt, uns zu ducken und über uns zu schweigen, haben weiter geschwiegen. Übrigens, das nur am Rande, allein wegen der ethnischen Zugehörigkeit wäre wohl niemand aufgenommen worden. Die Tür in den Westen hieß nicht Bello, der deutsche Schäferhund, sie hieß Kriegsfolgeschicksal. Aber das ist im öffentlichen Diskurs leider untergegangen. Auch hier hat sich die Unschärfe der Masse gegen uns gewendet. Dabei ist auch das einfach wie banal. Wer den Fokus wieder auf den einzelnen Menschen richtet, verwandelt Generalisierungen zu dem, was sie in Wirklichkeit sind: zu lächerlichen Krücken. Dann tritt der einzelne Kopf wieder deutlich hervor, mit all seinen Merkmalen und Eigenschaften. Dann braucht es keine Zuschreibungen mehr, die jedes individuelle Merkmal verschwimmen lassen. Wie ein kaputtes Objektiv.

Glaube nicht, hab keine Angst, bitte nie

…sondern steh einfach auf und lauf los! Der russische Beitrag zum diesjährigen ESC stammt von Manizha und heißt „russian woman“. Es ist schon erstaunlich, dass das russische Imperium so eine Gesandte auf eine europäische Bühne entlässt. Die Sängerin ist die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die als Flüchtling aus Tadschikistan nach Moskau kam. Sie ist Feministin und setzt sich in einer eher homophoben Gesellschaft für die Belange von LGBTQ Menschen ein. Ihre Selbstverständlichkeit, den Begriff der der russischen Frau von dem traditionellen und nationalistischen Bild zu lösen, dürfte nicht allen politischen Kräften in Russland gefallen haben. Zumindest den konservativen, nationalen und homophoben nicht.

Möglicherweise will die Regierung im Kreml sich liberaler und weltoffener gebärden als sie ist. Oder sie halten den Contest für unwichtig und die Botschaft, die von ihm ausgeht für harmlos.



Die Journalistin Katja Garmasch schreibt dazu auf ihrem FB-Account:
Schon im Vorfeld gab es Unmengen Unmut in klassischen und digitalen Medien – die Tadschikin sei nicht russisch genug um über russische Frauen zu singen, ihre Stimme nicht gut genug, ganz geschweige von diesem Äußeren, ihre feministische Lyrics gehen gegen alle russische Werte, und die Musik gegen alle russische Harmonien. Es gab sogar eine Klage von Veteranen-Verein (und die sind in Russland heilig) und ich dachte schon: Nie wird diese Frau nach Rotterdam schaffen! Und doch, steht nun diese unrussische unschöne Frau in unfraulichem Outfit auf der ESC Bühne, singt darüber, dass die Frauen auf die Erwartungen der Gesellschaft scheißen sollen und lässt auch noch im Hintergrund ein Chor von Journalistinnen, Bürgerrechtlerinnen, Unternehmerinnen und anderen regierungskritischen Frauen, gegen den Chauvinismus ansingen so, dass man denkt: Moment mal, war das mit Putin abgesprochen?! Sie wird doch gleich von der Bühne abgeführt!

Das offizielle Video polarisiert: hat heute über 300.000 Likes, und fast 180.000 Dislikes.

Der Veteranen-Verein konnte sich diesmal wohl nicht durchsetzen, Manizha wurde nominiert und nach Rotterdam geschickt.

Sie tritt zunächst in traditionell wirkenden, kaftanähnlichen Gewändern auf, wirft sie bald ab, darunter kommt ein Jumpsuit in Rot zum Vorschein – nicht gerade Glamour, keine Pailletten, nichts Figurbetontes, und gerade deshalb so stark. Das Outfit erinnert eher an eine Arbeiterinnenkluft, Klamotten mit denen frau malochen geht und sicher nicht in die Chefetagen und wenn, dann als Mitarbeiterin einer Reinigungsfirma. So wie das Kostüm ist auch die musikalische Kombi aus Hiphop und einem traditionell klingenden Chorus, ein Mix aus Tradition und Moderne. Mit einer klaren Botschaft. Hier ein Clip des Auftritts am 18. Mai in Rotterdam. Die Lautsprache-Übersetzerin scheint offensichtlich genauso viel Spaß zu haben:
https://youtu.be/Cn38A8iUTxc

Alles an dem Auftritt ist stimmig, ein Statement, alles ein Spiel mit wechselnden Paradigmen. Ein kraftvoller und empowernder Song über „rashn women“, mit der Botschaft, lass dir nichts sagen, hab keine Angst, bitte nicht, sondern geh einfach deinen Weg.

Worauf wartest du: Steh auf und geh los! Die Liedzeile ist wohl einer der Sprüche ihrer Mutter gewesen, die auch die Managerin von Manizha ist.

In einem Interview sagt die Interpretin, ob sie gewinnt oder nicht, ist nicht wichtig, die Botschaft findet auch so ihren Weg. Es würde mich nicht wundern, wenn es Manizha und ihr Team in die TopTen des European Song Contestes schafft.

Hier das Video als Studioaufnahme mit englischen Untertiteln:
https://youtu.be/h3Eg2PyByBQ

Ein kleines Buch über die Pest

Viele Personen, viele Dialoge, viele Szenenwechsel auf nur 112 Seiten. „Eine Seuche in der Stadt“ ist kein Roman und keine Erzählung als solche, sondern war ursprünglich als filmisches Skript konzipiert, das Ludmilla Ulitzkaja für ein Drehbuchseminar eingereicht hatte, um daran teilzunehmen. Und zwar 1978. Sie wurde abgelehnt.

Situiert ist die Geschichte, die auf einer wirklichen Begebenheit beruht, im Jahre 1939. Rudolf Iwanowitsch Meyer, ein Arzt, der an einem Medikament gegen die Pest forscht, infiziert sich am Erreger. Da er mit dem Zug zu einer wissenschaftlichen Konferenz nach Moskau reist, um dort einen Vortrag zu halten, bringt er den Pesterreger in die Metropole.

Es könnte zu einem schlimmen Ausbruch kommen. Könnte. Wir dürfen nicht vergessen, im Vorkriegsjahr herrscht in der Sowjetunion noch immer ein despotisches Regime, die Zeit des Terrors ist noch nicht vorbei. Der Apparat des Sicherheitsdienstes läuft wie geschmiert und – Spoiler – das Schlimmste kann durch die Effizienz des NKWD gerade noch verhindert werden.

Noch 1978 scheint diese Story so explosiv zu sein, dass sie nicht publik gemacht werden kann. Daher die Ablehnung des Drehbuchs. Es landet in der Schublade, um von der Autorin jetzt, in der Zeit der weltweiten Pandemie, hervorgeholt und veröffentlicht zu werden. Ich muss nicht erwähnen, dass öffentlich niemals etwas über diese Gefahr ruchbar geworden ist. Und die Autorin hat nur über eine Freundin darüber erfahren, deren Verwandter unmittelbar daran beteiligt gewesen ist.

Die Pest mit Cholera bekämpfen. Gibt es nicht so einen Ausdruck? In dieser Geschichte geschieht genau das, ein gefährlicher Erreger wird durch die Mechanismen eines noch gefährlicheren Systems unschädlich gemacht.

So schreibt die Autorin denn auch in dem Nachwort zu dem Band:
„Das ist das Subtile an der geschilderten Situation: Die Pest zu Zeiten der politischen ‚Pest‘„.

Klar, denke ich, in Zeiten von Epidemien und Ausbrüchen von hochansteckenden Krankheiten, ist so ein despotisches Regime einfach das bessere Modell. Erregungsherde ausfindig machen, abholen, auch um drei Uhr Nachts, isolieren, wenn nötig unschädlich machen – und das schnell und effizient. Das sind die Kernkompetenzen von Geheimdiensten, die im Dienst von Diktatoren stehen.

Schwarzer Rabe, lange vor 1939, aber so sahen die aus.

Dennoch wäre mir unser System lieber, trotz allem. Auch das Herumgeeiere, dass alle Bundesländer ihren eigenen Schuh fahren, das Kreuz und Quer der Maßnahmen, also nicht so sehr quer, mehr so der Zick-Zack-Kurs der Maßnahmen. Stümperhaft im Vergleich zu so einem stalinistisch effizienten Apparat. Denn so ein Erreger ist irgendwann vorbei. Naja, der Stalinismus irgendwann auch, aber eher nach mehr als einem Sommer. Oder zwei.

Und noch so ein Gedanke: all diejenigen, die schreien, wir leben in einer Diktatur, wünschen sich genau das. Ich spüre da eine Sehnsucht nach autoritärem Durchgreifen. Sie wollen in Wirklichkeit sowas wie damals 1939 in Moskau, dass einer kommt, handelt und alles ist wieder gut. Das ist jetzt kein Fakt, nur so eine Meinung, sogar nur so eine Ahnung. Vielleicht sind gerade nicht diejenigen frei, die so sehr auf Freiheiten pochen? Sondern die anderen, die aus freien Stücken auf absehbare Zeit auf einige ihrer Freiheiten verzichten können, wie auf die, nach Feierabend in der Kneipe ein Bier zu trinken oder ins Kino zu gehen.

Apropos Wünsche. Ich wünsche mir keine Diktatur, sondern dass dieses Drehbuch von einem fachkundigen Regisseur, oder einer Regisseurin verfilmt wird. Wie wäre es mit der kongenialen Agnieszka Holland? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie das absurde Szenario, in dem im minutentakt Pseudo-Verhaftungen erfolgen, filmisch gut umsetzen kann. Und vielleicht sogar die Atmo eines Moskaus in der Vorkriegszeit einfangen und die handelnden und erduldenden Personen authentisch zeichenen kann.
Dann können wir uns – wenn es wieder möglich ist – gemütlich mit ner Tüte Popcorn in einem dunklen, vollen, geschlossenen, schlecht belüfteten Kinosaal zurücklehnen und genüsslich betrachten, wie so ein fieser, kleiner Erreger in kürzester Zeit unschädlich gemacht wird. Dank den Häschern des NKWD.


Ljudmilla Ulitzkaja
Eine Seuche in der Stadt
Hanser Verlag, 2021
ISBN 978-3-446-26966-8, Preis: 16,00 €

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