In eigener Sache: Gesammelte Scherben

Es gibt manchmal seltsame Zeitpunkte für eine Ernte. So wie dieses Jahr. Das eigentlich ein Unjahr ist und von manchen am liebsten gestrichen werden würde.

Außerdem ist der November ein später Monat, kalt, ungemütlich, nicht gerade bekannt dafür, dass er viele Früchte bereithält. Und es ist sogar fast Dezember. Dennoch habe ich genau das anzukündigen: eine Frucht.
Naja, im Grunde genommen hinkt der Vergleich, Scherben fallen ja nicht von Bäumen, sie werden in jahrelanger Sammelarbeit zusammengetragen.

Wie auch immer.

Im Herforder ostbooks Verlag und mit freundlicher Unterstützung des BKDR (wers nicht kennt: Bayrisches Kulturzentrum der Deutschen aus Russland) in Nürnberg ist dieser Tage ein Buch erschienen.
Nicht ein Buch, mein Buch.

Voilà:

Eine Essenz aus den Geschichten und der Geschichte der Siedler, die vor langer Zeit nach Osten gezogen sind und derer, die nach ihnen kamen. Ein wenig Parallelwelt, ein wenig Erinnerungskultur, ein wenig Absurdes Theater. Weinen und Lachen nebeneinander.

Bei einer Online-Lesung wurde ich gefragt, ob im Buch alles Texte aus dem Blog sind. Meine Antwort ist:

Einige ja, wie „Die Scherbensammlerin“ oder „Unser Lädchen“. Aber es sind auch viele unveröffentlichte Texte der letzten Jahre eingeflossen und kleine Einsprengsel. Prosaische Miniaturen, irgendwie scherbenhaft und dennoch ein größeres Bild andeutend.

Anders als viele Beiträge hier im Blog sind es keine Essays, nichts, das wie ein Blogbeitrag etwas aus dem Moment aufgreift und deutet. Es sind Prosatexte, literarische Verdichtungen von Dingen, die ich gelesen, erlebt oder erzählt bekommen habe. Ohne starr autobiografisch zu sein. Obwohl nah daran orientiert, was mir bekannt ist.

Und die Texte, die doch aus diesem Blog stammen, sind oft stark verändert, redigiert, lektoriert und bearbeitet worden. So wie wir Menschen, die von einem Land in ein anderes auswandern. Auch wir werden redigiert und lektoriert. Irgendwie.

Ich hatte das Glück, Menschen an meiner Seite zu haben, die mich bei diesem Abenteuer begleitet haben. Denen ich es zu verdanken habe, dass aus einer Idee auf einmal ein gedrucktes Buch entstanden ist. Nicht zuletzt meiner Familie, meiner writers‘ room Kollegin Susanne Bienwald, die das Lektorat übernommen hat, meinem Verleger Artur Rosenstern und Frau Annelore Engel-Braunschmidt, die mit ihrem Nachwort einen Rahmen geschaffen hat, damit auch Menschen, die nicht in der Materie drinstecken, die Geschichten einordnen können.

Alles in allem also eine runde Sache. Trotz Brüche und scharfer Kanten.


Melitta L. Roth
Gesammelte Scherben
Erzählungen und literarische Miniaturen
ISBN 978 3 94 7270 101, 14 Euro
ostbooks Verlag, www.ostbooks.de

Im Buchhandel oder über den Verlag bestellbar über die ISBN Nummer.
Rezensionsexemplare gibt’s auf Anfrage bei mir oder beim ostbooks Verlag.

Das Verschwinden des Schäferhundes

Es ist schon seltsam. Eine dieser Ungereimtheiten der Welt. Dass diejenigen, die vermeintlich liberal sind, die sich aktiv gegen rassistische, homophobe und sonstwie menschenverachtende Ressentiments auflehnen, bei der Gruppe der Russlanddeutschen glauben, eine Ausnahme machen zu können.

Für einen modernen aufgeklärten Geist ist es verpönt, Frauen, LGTB Leute und Menschen mit Wurzeln aus anderen Ländern zu beleidigen. Aus sehr guten Gründen. Diese Tendenz, sensibel mit Minderheiten und diffamierten Gruppen umzugehen, ist nur zu begrüßen. Sie zeigt, dass wir uns weiterentwickeln.

Nur gegen die Deutschen aus Russland darf man hetzen. Feuer frei!
Woran liegt es? An unserem Ruf, konservativ, heimatverbunden und rückständig zu sein?

So, als wären wir alle aus einem Guss und würden aus einem Guss die AfD wählen, oder Gruppierungen, die noch rechtsradikaler sind?
Zugegeben, es gibt sie. Unter uns Aussiedlerinnen gibt es Rechte, gibt es Schwulenhasserinnen und Antisemit*innen. Aber doch nicht nur!

Zwischen 2016 und 2017 sind Medienberichte aufgetaucht, die das mit der AfD gebetsmühlenartig wiederholt haben, ohne wirkliche Basis. Die Studien, die darauf folgten, und die deutlich aufwiesen, dass unter den Deutschen aus Russland nur 15% zu dieser Partei neigen, also nur wenig mehr als in der Mehrheitsgesellschaft, sind aus irgendeinem Grund untergegangen.

Wer hat das in die Welt gesetzt? Wer hat den Linken und den Linksliberalen die Munition geliefert, sich so abschätzig und immer wieder so unkreativ (die hatten vor 200 Jahren mal nen deutschen Schäferhund) zu äußern?
Zum Beispiel, so en passant, in einem Eintrag eines sonst eher liberalen Journalisten:

Dass der Vergleich menschenverachtend ist, fällt scheinbar niemandem auf. Die Leute finden das lustig. Unter den 200 Likes sind an die 50 Lachsmilies. Und das auf der Seite von Hasnain Kazim, eines Journalisten, der sonst eine ganz andere, offene Gesinnung propagiert.

Wir haben keinen Zentralrat, der sofort eingreift. Wir sind verstreut und nicht homogen. Es gibt keine Instanz, die solchen Beiträgen gleich Einhalt gebietet. Jetzt nicht und 1996 auch nicht. Als der „Saarland-Gebieter“ Oskar Lafontaine meinte, mit Hetze gegen Aussiedler und Aussiedlerinnen Wahlen gewinnen zu können.

In seinen populistischen Attacken hat er den puren Neidinstinkt derer bedient, die sich vom Staat eh benachteiligt gefühlt haben. Ich denke, er hat mit solchen Aussagen sehr viel zu dem Bild, das noch immer von uns herrscht, beigetragen.

Hier ein Bericht des Spiegel über seine damaligen verbalen Entgleisungen und wohin sie geführt haben.

Wenn Lafontaine und Consorten geplant haben, die Minderheiten und verschiedenen Gruppen gegeneinander auszuspielen, waren sie erfolgreich.

Ob er damals schon in seinen Reden das mit dem deutschen Schäferhund eingeführt hat oder woher dieser unglaublich eloquente Vergleich kommt, kann ich nicht sagen. Aber er geistert wie ein schlechter Geruch noch immer durch die Diskurse. Wie ein Dämon, der, einmal in der Welt, nicht leicht wieder auszutreiben ist und uns immer wieder anfällt. Aus den unerwartetesten Ecken.

Denn leider wird dieser elende Vergleich nicht selten von Menschen herangezogen, die sich aktiv mit Diskriminierung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auseinandersetzen. Solchen, die sich in der antifaschistischen und linksliberalen Tradition sehen. Die alle mit den Samthandschuhen anpacken. Nur eben nicht die Deutschen aus Russland. Als ob die in deren Geschichte nicht schon genug gebeutelt wären! Aber von dieser Geschichte wissen diese belesenen Leute meistens nichts.

Vielleicht sollten wir selbst aktiv werden und ein Buch herausbringen, oder eine Broschüre, in der wir all die Hunde präsentieren, die wir drüben gehabt und verlassen haben. Nur so als Kontrapunkt. Als Statement. Schaut, das sind die Schäferhunde, über die ihr so gern redet.

auf einem Hockeyfeld in Omsk, Herbst 1978

Meine Familie hatte sich, zwei Jahre bevor wir ausgewandert sind, eine Boxerhündin angeschafft. Era hieß sie, nach Hera der Gattin des Großpatriarchen Zeus. Wir mussten sie da lassen, als wir nach Deutschland geflogen sind. Aus einer Hündin, die immer in Wohnungen gelebt und von Kindern und Erwachsenen bespielt und verwöhnt wurde, wurde über Nacht eine Hofhündin an der Kette. Es belastet mich noch immer und ich kann ein Lied nicht hören, ohne an sie zu denken und eine Träne zu verdrücken.

Hier ist dieses Lied, interpretiert von einem deutschstämmigen Kinderstar in Russland: Rutger Garecht.

 

Der Song Propala Sabaka, beschreibt die Suche nach einem heißgeliebten, verschwundenen Vierbeiner.
Das ist traurig, aber ich frage mich gerade, verschwundener Hund? Gilt das auch für metaphorische Schäferhunde? Wann wird die vermaledeite Schäferhund-Metapher endlich aus dem Diskurs verschwunden sein?

Nachtrag vom 10.11.

Es ist vielleicht interessant zu wissen, dass es auf Twitter und Facebook viel Gegenwind zu Kazims ursprünglichem Post gab. Sachliche und entrüstete (da war wohl ich bei) Kommentare, die die Unsäglichkeit dieses Vergleichs mit dem Schäferhund anprangerten.
Letztendlich wohl eine konstruktive Auseinandersetzung, denn mittlerweile hat Kazim seinen Eintrag von allen Kanälen gelöscht und wenige Tage nach dem ursprünglichen Post eine lange Replik veröffentlicht.

Nicht alle haben einen Zugang zu dem Programm, ich habe aber keine Lust, den Text in Gänze hier hineinkopieren. Er braucht eine Analyse, denn nach der einleitenden Entschuldigung, verwickelt er sich in weitere abstruse Vorurteile: Es sei aufgrund des deutschen Blutes, der Ethnie gewesen, dass die DaR damals ins Land geholt wurden.

Hier ein Ausschnitt aus Hasnain Kazims Erklärung:

Um es klar zu sagen: Ich gönne es allen, dass sie schnell(er) die Staatsbürgerschaft bekommen haben. Dass sie nicht das Elend der drohenden Abschiebung, die Verarmung durch fehlende Arbeitserlaubnis et cetera erleben mussten. Ich fordere aber von der Politik, dass auch all jene, die hier geboren oder sehr früh hergekommen sind, diese gleichen Rechte und Chancen bekommen. Meine Kritik richtet sich einzig und allein gegen die Kohl-Regierung, gegen diese Politik des „deutschen Blutes“, die Migranten in „echte Deutsche“ und in „die, die kein deutsches Blut haben“ unterteilt. Gegen eine Politik, die heute noch ein Kind, das in Deutschland geboren wird, Türke, Pakistaner, Marokkaner, Nigerianer, Brasilianer, aber nicht Deutschen sein lässt, wenn die Eltern keine deutsche Staatsbürgerschaft haben.

 

Auch unter diesem Post hagelte es Kommentare. Denn das mit dem Blut ist leider eine Falschaussage, die Menschen kamen aufgrund des Kriegsfolgengesetzes. Das mit dem „Blut“ ist ein Narrativ, dass die Politiker*innen vieler Parteien im Zusammenhang mit den Deutschen aus Russland damals befeuert hatten.
Ein unzutreffendes, aber eines, das uns noch immer nachhängt und viele Gräben öffnet.
Ich will das nicht unerwähnt lassen, habe diese Woche leider keine Zeit, mich eingehend damit zu befassen. Aber ich fange an, darüber nachzudenken und vielleicht entsteht in Zukunft etwas Geschriebenes dazu.

Auf jeden Fall bin ich froh, dass der Journalist (auch nachdem einige ihn in persönlichen Nachrichten angeschrieben hatten) seinen Fehler eingesehen hat und nun sogar angefangen hat, sich für unsere Geschichte zu interessieren.

Es muss nicht immer Kaviar sein

Als Jewgenij Samjatin, der Autor des dystopischen Romans „Wir“ 1930 aus der UdSSR nach Paris flieht, vermerkt er in sein Tagebuch, dass er nur zwei Bücher mithabe: Helene Molochowetz und Puschkin. Puschkin kennen wir. Aber wer ist diese Elena oder Helene Molochowetz und was macht ihr Werk so besonders?

Nun. Vielleicht hilf dieses Zitat weiter:

Die erste bekannte schriftliche Erwähnung eines Rinderfilet Stroganoff (als Gowjadina po-strogonowski) erfolgte durch Jelena Molochowetz in der 1871er Ausgabe ihres russischen Kochbuchs Podarok molodym chosajkam („Geschenk für junge Hausfrauen“). Dort ist das Gericht als eine Art Ragout mit einer auch Schmand enthaltenden Senfsauce beschrieben. Es lässt sich wohl nicht mehr feststellen, wer das Rezept wann erdacht hat.

Der in St. Petersburg tätige Küchenchef Charles Brière stellte das Boeuf Stroganoff 1891 bei einem Kochwettbewerb in Paris vor. In der Folge wurde es zu einem Klassiker der internationalen gehobenen Gastronomie. Zur Bekanntheit in der breiteren deutschen Öffentlichkeit auch abseits der gehobenen Gourmandise trugen Clemens Wilmenrod und Johannes Mario Simmel (durch die Beschreibung im Roman „Es muß nicht immer Kaviar sein“) bei.

So gefunden im Lexikon deutscher Frauen der Feder.

Wir wissen, wie Helene Molochowetz aussah. Ungefähr so:

Helene Molochowetz als junge Frau

Geboren wird sie 1831 als Elena Iwanowna Burman in Archangelsk, früh verwaist, absolviert sie mit 17 das Smolnij Institut in St. Petersburg, eine bekannte Schule für höhere Töchter. Kurz darauf heiratet sie den Architekten Franz Franzewitsch Molochowetz, bleibt Zeit ihres Lebens bekennende Protestantin und Monarchistin, wird Mutter von zehn Kindern (acht von ihnen sollen noch vor ihr sterben) und Autorin des wohl bekanntesten Kochbuches der russischen Küche.
Naja, als sie älter ist, verfasst sie noch dubiose Broschüren zu national-spiritistisch-religiösen Themen. Aber die gehen aus irgendeinem Grund irgendwie unter. Sie stirbt unter unbekannten Umständen in den Wirren der Revolution in St. Petersburg. Verarmt. Vermutungen gehen sogar soweit, dass die Herausgeberin und Verfasserin des bekannten Kochbuches verhungert sei.

Trauriges Kapitel. Doch zurück zum Buch an sich. Ein dicker Schinken von satten 700 Seiten. (Verzeiht meine billigen Metaphern, kann mich nicht zurückhalten) 1861 erstmalig herausgebracht. Da war sie dreißig, lebte mit ihrer Familie noch in Kursk, später zieht sie nach St. Petersburg. Das Geschenk enthält fünf Register aus 800 Mittagen, von bis. Vom einfachen Armer Ritter bis delikaten Wildgerichten. Plus 2000 Angaben der Zubereitung verschiedener Wirtschaftsvorräte, also Haltbarmachung von Lebensmitteln. Unter anderem beschreibt sie Beispiele französischer und russischer Küche aber auch deutsche Gerichte. Wie konnte eine junge Frau, die mit 17 die Mädchenschule verließ, um zu heiraten innerhalb von 13 Jahren so eine Sammlung anlegen? Nebst Kinderkriegen? Wie konnte sie mit knapp dreißig genug Kocherfahrung ansammeln, um diesen Wälzer herauszubringen, protestantisch sparsam, sättigend. Rubelgenau.

„Geschenk für die junge Hausfrau oder Mittel zur Verringerung der Wirtshaftsausgaben“ ganz schön sperriger Titel, dennoch gibt es in Russland bis 1917 29 Auflagen davon. Ein Meilenstein.

Die erste deutsche Ausgabe übersetzt sie 1877 kurzerhand selbst. Was für eine Powerfrau, möchte ich denken. Heute kostet ein antiquarisches Exemplar des deutschen „Geschenks“ mehrere hundert Euro.

Kolduny und Pelmenien, Seite um Seite voll mit den beliebten Teigspeisen. Niedliche Schreibweise: Pelmenien.

Oder hat sie das Buch am Ende nicht ganz allein geschafft? Zumindest nicht mehrere hundert verschiedene Gerichte selbst in ihrer Laborküche erprobt. Aber das werden wir vermutlich nie erfahren. Andererseits, es gibt solche Leute. Mit viel Sitzfleisch und Sinn für methodisches Arbeiten. Was ich mir allerdings eher vorstellen kann, ist, dass irgendeine Tante, irgendeine oder mehrere Köchinnen sie dabei unterstützt haben. Vielleicht sogar die Großmutter Burmann, die Mutter ihres Vaters, die sie nach dem Tod der Eltern unter ihre Fittiche genommen hat. Doch das sind nur Spekulationen meines überhitzten Gemütes. Vielleicht gab es da ein Familienrezeptbuch, auf das ihre methodische Arbeit fußte?
Und selbst wenn, trotz allem hat diese Frau eine großartige Leistung vollbracht und eine Spur in Russland hinterlassen. Als eine der wenigen Deutschen.

Bei den Nachspeisen ist mir ein Nachtisch aufgefallen, der modern klingt, Gefrorenes Tutti Frutti. Mich hat nur gewundert, wozu die 6 Kilo Salz gebraucht werden, ist ja schießlich eine Nachspeise. Aber ja, gestoßenes Eis und Salz benutzt die junge Hausfrau zum Haltbarmachen bis die erlauchten Gäste kommen und das Eis genießen, das in Schalen aus gefrorenem Wasser liegt. Das habe ich soweit kapiert, aber: Wo kriege ich heute Pomeranzenwasser her?

1043 Gefrorenes Tutti Frutti

Wie dem auch sei, dieses Kochbuch war lange Zeit der Renner bei den jungen und weniger jungen russischen Hausfrauen. Im sowjetischen Russland galt das „Geschenk“ als Höhepunkt kulinarischer Dekadenz, doch nach dem Zerfall der Sowjetunion 1986 wird das Kochbuch in Russland wieder gedruckt. In St. Petersburg haben fünf Frauen sogar ein Restaurant eröffnet, das wohl Molochowetz oder Molochowetz‘ Traum heißt und ausschließlich Speisen aus dem „Geschenk für die junge Hausfrau“ anbietet.

Molochowetz‘ Traum in der Radischew Straße in St Petersburg.
… und hier ist doch noch Kaviar rechts im Bild, na sowas.

In Abschluss ihres Vorwortes schreibt Elena Molochowetz:

“ Um sich davon zu überzeugen, daß die von mir angegebenen Portionen für 6 Personen hinreichend sind, ersuche ich jede Hausfrau zur Probe 3-4 Speisen zu wählen und sie in ihrer Gegenwart zubereiten zu lassen. Wenn ein kleines Mittag- oder Abendessen veranstaltet werden soll, kann man nach diesem Buche mit Rücksicht auf die Preise des betreffenden Wohnortes die Kosten annähernd vorausbestimmen.“

Und ich dachte, ich soll jetzt selbst an den Herd! Ok. Das wären pro Mahl 1-2 Silberrubel. Doch eine letzte Frage bleibt: Wo krieg ich nun das vermaledeite Pomeranzenwasser her? Habe nachgeschaut: Es ist schlicht Bitterorangen-Likör.

Übrigens wird Kaviar doch erwähnt. Und zwar u.a. auf Seite 359 im Zusammenhang mit den russischen Pfannkuchen Nr. 862:

Man reicht ganz frische geschmolzene Butter, saure Sahne und Caviar dazu.

Beim durchscrollen dieser Speisenzusammenstellungen (ich habe das Buch als PDF vorliegen, nicht als antikes Prachtstück) kann ich gut verstehen, dass der oben genannte Schriftsteller das dicke Buch mit ins Exil geschleppt hat. Denn geben uns nicht Gerichte der Kindheit und andere kulinarische Gewohnheiten auch sowas wie ein Heimatgefühl?

Ein dicker Wälzer, oder soll ich sagen Schinken?

 

 

 

Spruch der Woche: Vergangenheit ohne Land

Heute durchforste ich für einen Vortrag die alten Blogtexte und Bilder. Fast dreihundert Textscherben habe ich online gestellt. Aber in meinen Ordnern befinden sich noch viele mehr. Nicht weiterverfolgte Ideen. Vergessene, aussortierte, für später vorgemerkte. Eine regelrechte Herbsternte. Wie Fallobst liegen die Texte da. Einen habe ich für heute ausgesucht. Mal sehen.

Irgendwo habe ich den Satz aufgeschnappt: land without past, das ist der Titel eines Fotobandes aus England – Land ohne Vergangenheit.

Sofort hat sich das in meinem Kopf umgedreht:

past without landVergangenheit ohne Land. Geschichte ohne Land also.
Das passt doch zu uns. Das sind doch wir, habe ich gedacht. Aussiedler und Umsiedler und Landlose, die sich kurz irgendwo angedockt haben, um 1800 (plus minus 30 Jahre) vertrieben aus kriegsgebeutelten deutschen Ländern. Geflohen vor Hunger und Krieg.  Arme Drittsöhne ohne Anspruch auf ein Stück Land, in die weiten Steppen Russlands gelockt, mit unzähligen Privilegien und einer Aussicht auf Land. Auf ein Auskommen und Einkommen. Und die Nachkommen? Vertrieben und eingekerkert. Und wir? Zurück zum Ursprung? Gehen Sie über LOS, ziehen Sie kein Geld ein. Jetzt leben wir zum Teil wieder dort, woher unsere Vorväter und Vormütter aufgebrochen sind. Aber sind wir auch wirklich angekommen?


So viel Geschichte, so viele Geschichten und kein Land in Sicht. Unser Haus am Rande einer großen Baustelle, mit den zwei Lindenbäumen davor und dem aufgerissenen Asphalt, das ist für diesen Moment mein Land. Ein Provisorium. Wie das ganze Leben.

Vor einiger Zeit wurde im Radio ein Buch über Erben und Erbschaften vorgestellt. Großes Thema hierzulande. Die Autorin meint, Erbschaften machen nicht nur frei, sie belasten auch. Nachlass will verwaltet sein. Traditionen können Menschen daran hindern, den eigenen Weg zu gehen. Adel verpflichtet, wie es so schön heißt. Bedaure ich, dass ich kein Land geerbt habe, dass ich keine Erbin bin?

Aber wenn dir der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn alles, was du kennst durch eine Flucht in ein anderes System plötzlich infrage gestellt wird, das ist auch nicht eben förderlich.

In einem Telefonat hat mir der Autor Heinrich Rahn mal gesagt, die Menschen, die mehr als ein System kennen, die mehr Länder erleben, mehr Weisen etwas zu tun, die haben den anderen etwas voraus. Die lassen sich von einer einzigen Wahrheit nicht mehr einlullen, denn sie kennen mindestens zwei Perspektiven. Hoffentlich hat er recht.
Dann wäre das unser Erbstück, die andere Betrachtungsweise, die Doppelsicht der Dinge. Aber es ist die Frage, ob uns das handlungsfähiger macht. Manchmal kommt es mir vor, als ob uns die andere Sichtweise daran hindert, klar zu sehen, hier anzukommen. Wie eine überkommene Matrix, die nicht zu den Gegebenheiten passt.

Irgendwann ist auch das vorbei, die Wellen glätten jedes Holz, jeden Stein. Und ist nicht die Erde auf der wir uns bewegen, nicht doch wie Sand, der uns durch die Finger rinnt? Egal, ob sie uns gehört oder nicht. Am Ende bleiben nur noch Geschichten übrig. Und Geschichte, auch ohne Land.

 

Irgendwo im Nirgendwo – Das deutsche Theater in Temirtau

Im Herbst vergangenen Jahres ist ein Roman über das Deutsche Theater in Temirtau erschienen.

Wo nochmal?

Genau. Temirtau.
Irgendwo im Nirgendwo.

Wo ist das noch genau?

Die Geschichte dieses Theaters erinnert entfernt an Herzogs Film Fitzcarraldo, in dem ein Exzentriker, verkörpert durch Klaus Kinski, ein Opernhaus mitten im peruanischen Dschungel bauen will. Doch das war nur ein Film. Fiktion.

Das Theater, das Eleonora Hummel ihren Roman „Die Wandelbaren“ beschreibt, hat jedoch wirklich existiert. Es hat in den Achtziger Jahren einen kurzen Auftritt hingelegt, sozusagen ein Gastspiel in der Sowjetunion gegeben. Und das ausgerechnet in einer Metallurgen-Stadt in der kasachischen Steppe. Wie es dazu kam, zeichnet die Autorin in ihrer gewohnt lakonischen und trockenen Art in diesem Roman nach. Sie beschreibt die Entwicklung der unwirklich klingenden Geschichte anhand der Lebenswege einiger Mimen und entführt uns in eine andere Welt und eine andere Zeit.

Der Roman beginnt mit der Rekrutierung der angehenden Schauspieler und Schauspielerinnen. Zum Teil vom Feld weg. Schildert ihre Ausbildung in einer renommierten Schauspielschule in Moskau, in der sie neben Schauspielkunst, Theatergeschichte und Fechten auch noch ihre Muttersprache erlernen. Denn nach Jahrzehnten der Unterdrückung und systematischen Zerschlagung der deutschen Sprache und Kultur in der SU, ist wenig da, auf dem das Nationaltheater aufbauen könnte. Doch da die Oberen der Partei 1975 nun mal beschlossen hatten, dass es an der Zeit wäre, dass auch die Deutschen ein nationales Theater haben sollten, wurde alles in Bewegung gesetzt, um das zu erreichen. Wenn sie schon nicht eine eigene Republik bekommen.

Recht bald war den hospitierenden Deutschlehrern aufgefallen, dass die muttersprachlichen Kenntnisse bei den Studenten sehr ungleich verteilt waren. Sie bestätigten gegenüber der Hochschulleitung, dass der auf unserer Seite vereinzelt vorhandene, rudimentäre Wortschatz für die Bühne nicht zu gebrauchen war. Mit diesen für Goethes und Schillers Werke unzumutbaren Dialekten unterschiedlicher Färbung, mit diesem Mischmasch an Mundarten sei einfach kein ernstzunehmendes Theater zu machen. Die Dozenten erklärten uns, man habe nicht nach Moskau geholt, um uns für Bauernschwänke auf Jahrmärkten auszubilden. Wir sollten die Bühne eines Nationaltheaters bespielen. Ob uns klar sei, was das bedeute?“
S 105

Aber sie schaffen es. Sie stellen ein Ensemble auf die Beine, Stücke werden geschrieben, umgeschrieben, Klassiker eingeübt.

Plakat für die Diplomaufführung im Malyi Theater in Moskau. Auf dem Plan: Die Ersten, ein Stück von Alexander Reimgen.

Die Charaktere des Romans sind fiktiv, basieren aber auf erlebter Geschichte. Die Autorin hat im Vorfeld viele Interviews mit den Ehemaligen geführt, hat viele persönliche Geschichten und Anekdoten gesammelt und daraus etwas eigenes geschaffen. Das Besondere: sie lässt die Handvoll Protagonisten (Emilia, Violetta, Arnold und Oswald) im Wechsel die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen. Sie begleitet sie über mehr als 15 Jahre hinweg. Bis zu ihrer letzten Wandlung, nach der Ausreise in das neue Leben in Deutschland.

Dort, wo das Wissen der Protagonisten nicht ausreicht, führt Hummel weitere Personen ein, einen Stadtbilderklärer, der einen Rundumschlag über die Geschichte macht, einen Impresario, der das Theaterschiff durch die Unbilde der sowjetischen Realität führt. Die fast noch absurder ist, als jedes Theaterstück von Samuel Beckett. Zum Beispiel auf Gastspielreisen an Orte, in denen Deutsche leben.

Zum Frühstück gab es nichts. Rudi sagte: Selbstversorgung. C‘est la vie. Geht hinaus und seht zu, wie ihr satt werdet. Abends hatten wir versäumt, uns von den Bauern nach der Aufführung etwas mitgeben zu lassen, Frischwaren wie Brot, Milch, Schmand und Speck. Nach jeder Vorstellung landeten die floralen Gaben in der Hotelbadewanne oder verwelkten auf der Gepäckablage im Theaterbus. Im Lebensmittelladen in der Nähe des Hotels verstaubten die Regale ohne Ware. Nur georgischer Rotwein hatte die Zeiten überdauert, wer weiß, aus welchem Grund. Wir schmissen unsere Scheine zusammen und kauften alle fünf Flaschen. Oswald schlug vor, uns in Gruppen aufzuteilen, um die Chancen auf Essensbeschaffung zu vergrößern (wie Partisanen auf Geheimmission).“
S 295

Wie gesagt, der gesamte Roman ist aus der Ich-Perspektive von wechselnden Akteurinnen und Akteuren erzählt. Es ist eine sehr große Herausforderung, die Geschichte des National-Theaters und die wechselvolle Geschichte der DaR ganz ohne Metaebene zu erzählen, ganz ohne eine allwissende Stimme aus dem Off.

So entsteht ein vielstimmiger Chor. Wenn das nicht theaterhaft ist, weiß ich auch nicht. War das nicht so, früher, im antiken griechischen Theater? War da nicht auch ein Chor, der ein Drama vorgestellt hat, Figuren, die sich aus der Masse lösen, was sagen, singen und dann wieder in der Masse verschwinden? So ähnlich wirken die Episoden in „Die Wandelbaren“. Sie haben ihre eigenen Wünsche, Ziele und Hintergründe. Treten aber in die Gruppe zurück, um die Geschichte vorwärts zu bringen.

Das Foto aus dem Jahr 1985 zeigt das Ensemble des Deutschen Theaters Temirtau in Kasachstan

Bald reift der Plan heran, die Diplomstücke bei den Olympischen Spielen in Moskau aufzuführen, 1980, als die gesamte Welt nach Moskau schaut. Sie bekommen eine zusage, üben fleißig. Doch, wie nicht anders zu erwarten:

„Irgendwann stand das Programm fest, unsere Stücke tauchten darin nicht auf. Wie war das möglich? Ein Fehler im Programm? Dann musste neu gedruckt werden! Ignatjewa verordnete sich plötzlich Schweigen, ließ den Enttäuschten und Ratlosen ausrichten, dass sie das Gastspiel eines anderen Jahrgangs begleiten müsse und wünschte uns weiterhin viel Glück und Erfolg.“
S195

Als Eliteabsolventen hatten wir die Flügel ausgebreitet, mit Adleraugen die Metropolen des Landes nach Jagdgründen abgesucht – um in Termirtau zu landen, wo es keine Beute für uns gab.
S195

Die Stadt der Metallurgen grüßt ihre Gäste!

[…] keine Olympischen Spiele, keine Hauptstadt, keine blühenden Apfelbäume, keine malerischen Bergketten am Horizont von Alma-Ata …
Stattdessen erwarteten uns Stahl, Rost, Kalk, Asbest, Zement und qualmende Schornsteine an der Seite von Hochöfen.
S196

Schlote und Kultur, durchaus vereinbare Gegensätze.

Nach der elitären Ausbildung in Moskau landen die verheißungsvollen Kulturträger der deutschen Minderheit mittendrin im Nirgendwo. In einer Metallurgen Stadt, wo die Luft so dreckig und giftig ist, dass die Wäsche nach wenigen Stunden an der Leine grau wird. Eine Ortschaft mit 250 Tausend Einwohnern, von denen ca. zehn Prozent deutscher Abstammung sind. Ein Provisorium, wie es ursprünglich von offizieller Seite heißt. Aber ein Provisorium, das sich verfestigt. Wie so oft in der Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken.

Und dennoch. Allein damit, dass sie adeutsches Theater auf Deutsch gemacht haben, damit, dass sie bei den Gastspielen durch kleine Orte und Dörfer getingelt sind mit Schwänken im Dialekt und alten Volksweisen, haben die Schauspieler des deutschen Theaters aus Temirtau den Leuten ein Stück Identität wiedergegeben.

Absurdes Theater kennen wir eigentlich von Beckett und Ionesco. Doch die Geschichte dieses Theaters ist auf allen Ebenen an Absurdität kaum zu übertreffen. Und dennoch sie ist real. Beziehungsweise, war ein Jahrzehnt lang real existierend – von 1980 bis 1990. Bis die gerade erst erstarkten Strukturen zusammenbrechen und alle, auch die Schauspieler nach und nach in den Westen ausreisen. Kurz zuvor gab es noch die Hoffnung auf eine vollständige Rehabilitierung der deutschen Minderheit, auf eine erneute deutsche Republik an der Wolga. Doch dieser Wunsch zerschlägt sich, es folgt eine massive Ausreisewelle. Diese Seite der Geschichte ist hierzulande wohlbekannt.

Das andere klingt so phantastisch, dass ein Lokalreporter, der bei der Buchvorstellung im Oktober vergangenen Jahres dabei gewesen ist, als erstes gefragt, das ist jetzt aber ausgedacht, oder? Das beruht doch nicht auf einer wahren Geschichte.

Doch tut es.

Es ist irgendwie unwirklich über ein Theater zu schreiben, eine Rezension zu diesem Buch zu machen, in einer Zeit, in der die Theater wie ausgestorben sind. Unwirklich. Was hoffentlich nicht so bleiben wird!

 

Eleonora Hummel, Die Wandelbaren
Müry Salzmann Verlag
464 Seiten
ISBN 978-3-99014-196-0
EUR 24,00

Wer sich weiter informieren möchte:

–  2018 ist das Buch „Schicksal eines Theaters“ von Rose Steinmark dazu veröffentlicht.

„Das Schicksal eines Theaters“

–  im Deutschlandfunk ist am 28.8. um kurz nach 20 Uhr ein Feature von Mirko Schwanitz dazu zu hören:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-unglaubliche-geschichte-eines-deutschen-theaters.3720.de.html?dram%3Aarticle_id=481516

Sommerlektüre: Tomaschewski holt Sie da schon raus

Marie Fürstin Gagarin
Blond war der Weizen der Ukraine
Bastei Lübbe 1991

Marie Fürstin Gagarina (Jahrgang 1904), eine russische Landadelige beschreibt ihre Kindheit und Jugend in Podolien bis zum Beginn des Bürgerkriegs und ihre Flucht nach Europa.

Ich finde das Buch in der Ferienwohnung, in der wir unseren Sommerurlaub verbringen. Ich freue mich, denke, das ist ein Buch, das mir liegen könnte, das mit meinen Themen etwas zu tun hat. Vielleicht lerne ich was dazu?

Wassilki hieß das Gut, auf dem Fürstin Marie aufgewachsen ist. Podolien ist ein Landstrich unter Wolhynien. Ukraine.

Die Zwillinge Angeline und Madelaine. Maries jüngere Schwestern.

Was auffällt: sie sind ganz andere Großgrundbesitzer, nicht so, wie ich sie mir vorstelle. Weder ihr Vater, noch ihre Mutter, noch irgendwelche anderen Verwandten sind hinterhältige Ausbeuter. Im Gegenteil.
Ihnen liegt das Wohl ihrer Untergebenen am Herzen.
Zugegeben, die Behausungen der Herrschaften und der Bediensteten liegen auseinander und ja, die Dienerinnen müssen das Essen den Hügel hinab über eine wackelige lange Holztreppe bringen, die im Winter lebensgefährlich ist, weil sie vereist ist.

Hüst, hüst, so manche Mahlzeit dauerte dadurch wohl länger, durch diese Kraxelei, aber alle, ihr Cousin, ihre Oma, ihr Onkel waren herzensgute Menschen und immer gut zu den Leuten.
Und die Revoluzzer: ein Pack von Banditen. Ohne Manieren. Und fürchterlich gekleidet.

Das wäre meine Zusammenfassung. Sie beschreibt es aber ausführlicher. Und sie, die wagemutige, fröhliche Gutsbesitzertochter kommt dabei immer gut weg. Sie waren die Opfer, ihnen wurde alles weggenommen, was angetan. Aus ihrer Sicht ist diese ganze Revolution eine einzige Sauerei und die armen Schlucker sind nur Diebe und Plünderer. Natürlich.
Was erwarte ich von einer Aristokratin? Wenn sie auch eher zum niederen Adel gehört. Denn, so wohlhabend waren sie wohl nicht. Besaßen wohl weniger als zehn Menschen.

Dieses Buch ist wie gesagt ein Ferienwohnungs-Inventar. Mein Vorgänger hat das Buch bis zur Hälfte durchgehabt. Das Lesezeichen steckte da noch drin. Ich komme bis zu der Stelle nach der Fotostrecke, dann stocke auch ich. Bei solchen Büchern interessiert mich als erstes die Fotostrecke.

Die Fürstin als Studentin in Tschernowitz im Alter von 22 Jahren

Hinten steht:

Sie verbringt eine goldene wenn auch karge Kindheit auf dem Landgut ihrer Eltern, das im Herzen Podoliens in Weißrussland liegt. Doch tapfer behauptet sich Marie in den Turbulenzen der Geschichte …

Meine Leute, meine Vorfahren, ein Teil davon zumindest, hat nicht soo weit von Marie der Fürstin Gagarin gesiedelt. Irgendwo weiter östlich, zwischen Kiev und Odessa.

Das Gespann der Familie vor ihrem Haus in Chotin

Aber sie haben diese Zeit sicher ganz anders erlebt.
Was ich aus den Memoiren der Fürstin für mich herausholen kann, diesem Zeitzeuginnen-Bericht, wie unsicher die Menschen in diesen Gegenden zwischen 1914 und 1920 gelebt haben.

Bolschewiki, Weißarmisten, selbsternannte revolutionäre Gruppierungen, ukrainische Separatisten, polnische Garnisonen in österreichungarischen Uniformen. Das bedeutete für die Anwohner Fahnenwechsel im Wochentakt.
Es gab auch viel Blutvergießen aus nichtigsten Anlässen. Die Namen und Abkürzungen der damaligen Zeiten sind schon bemerkenswert. Da kommt am Ende ein bolschewistischer Trupp an mit

einem Politkommissar

einem Komm-Polk (Regiments-Kommissar)

einem Komm-Bat (Kommissar des Bataillons)

einem Wojennij-Kom (Kriegskommissar) und schlussendlich

einem Polit-Ruk (einem politischen Leiter)

Als die Abordnung der Vorhut des 363. Regiments der roten Infanterie vor den Toren steht, denkt das Fräulein Gagarina lediglich daran, die Noten zu „Karneval der Tiere“ in Sicherheit zu bringen.

„…in unseren Ohren klangen diese Bezeichnungen eher komisch, doch sie passten recht gut zu dem Bild, das wir uns von der roten Armee gemacht hatten.“ Seite 305

Abgesehen von den hochtrabenden Bezeichnungen und der unverständlichen Abkürzungen war das Fehlen von angemessenen Uniformen wohl typisch für sie, sie waren alle „salopp“ gekleidet.

Spannend für mich, die in einer agnostischen, einer nichtreligiösen Zeit in der Sowjetunion aufgewachsen ist, sind die Beschreibung dessen, wie sie auf dem Gut die Feiertage begehen. Die Fastenzeiten nehmen einen großen Raum ein. Auch bemerkenswert, ein Pope, der zur roten Armee überläuft.

Ich lese diese Seiten mit einer Mischung aus wirklicher Neugier und unerklärlicher Abscheu. Eine Nähe zum Geschehen, ein Eintauchen will sich nicht einstellen, obwohl die Fürstin aus ihrem späteren Exil in Frankreich heraus alle Namen der Dienerschaft, der Orte, der Hunde und Pferde noch immer weiß. Auch die Namen aller Bekannten und Verwandten, auch der entfernt Verwandten und wie selbstverständlich die Namen der frechen Invasoren, der ganzen Kommissare. Gut, die haben sich ihr wohl eingebrannt. Aber das allein stellt keine Nähe her.

Auf mich wirkt Marie wie ein wildes, aber überhebliches Adelsfräulein, das es mit viel Glück und Chuzpe in den Westen geschafft hat. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewissenhafter Bericht, den die Tochter der Fürstin nach deren Ableben gefunden und veröffentlicht hat.

Mascha Meril über ihre Mutter: Sie war eine außergewöhnliche Persönlichkeit.

Sie schreibt:

Das Leben der russischen Frauen war in früheren Zeiten – und ist es wohl noch heute – entbehrungsreich, doch für eine Aristokratin, die das Leben auf ein so bewegtes Schicksal nicht vorbereitet hatte, bewies meine Mutter im außergewöhnlichen Maße Kraft, Phantasie und Humor. Selbst unter drückender Armut war sie noch in der Lage, die Dinge mit spöttischer Distanz zu sehen, wodurch noch die trostlosesten Situationen unseres heimatlosen Schicksals erträglich wurden. Allein mit ihren drei Töchtern kämpfte sie wie eine Löwin, … Keine Wehmut, keine Klagen, bitte schön! wir müssen nach vorne schauen.

Sorry, aber angesichts der Wege und Leiden, die ich aus den Berichten unserer Leute kenne, rühren mich die Erlebnisse der Fürstin kein bisschen. Wahrscheinlich muss ich die Verhältnismäßigkeit sehen. Kann ich aber nicht. Nein, sie klagt nicht. Aber sie sieht alles nur aus ihrer eigenen Perspektive. Naja, aus welcher denn sonst?

Ein Kapitel des Buches ist eine Beschreibung des Frauengefängnisses in Rumänien, wohin Marie Gagarina durch einen blöden Zufall gekommen ist, und woraus sie, nach sage und schreibe zwei Tagen wieder frei kam. Ein Freund – Tomaschewski hatte interveniert. Und das war vielleicht das dunkelste Kapitel des Buches. Ihr ist die Flucht gelungen. Sie ist mit einem blauen Auge davongekommen. Und die Armut der späteren Jahre rührt wohl eher daher, dass sie einen aufregenden und gut aussehenden aber völlig zum Geldverdienen untauglichen Cousin geheiratet hatte. Und sich wieder scheiden ließ.

Wieso nehme ich sie und ihre Geschichte nicht ernst? Wieso nehme ich das Schicksal dieser ach so außergewöhnlichen Frau nicht ernst? Ich empfinde es angesichts dessen, was andere gleichaltrige Frauen, auch aus meiner Familie, erlebt haben, als einen abenteuerlichen Sonntagsspaziergang. Ich kann mir da nicht helfen. Das Gut haben sie verloren. Und Exilrussin in Frankreich zu sein ist sicher kein Zuckerschlecken in den Zwanzigern und Dreißigern des letzten Jahrhunderts. Wirtschaftskrise und Mittellosigkeit. Allein mit drei Kindern.

Warum bleibt mir beim Lesen dieses Buches ein schales Gefühl zurück? Ich ziehe Verbindungen zu einem Buch von Natasha Wodin und wie ihre Mutter die unruhige Zeit 1917 in Odessa erlebt hat. Ich vergleiche das Gelesene mit dem Roman „wir selbst“ von Gerhard Sawatzki. Dort fallen die Beschreibungen der Großgrundbesitzer und der Tagelöhner etwas anders aus.

Hier jedoch:

Sie brauchen nichts zu befürchten, Tomaschewski holt Sie da schon raus.“

„Ein gotisches und absurdes Leben …“

Über die Textsammlung von Julio Camba „Ich tauge nicht zum Deutschen“.

Was ist eigentlich typisch deutsch? Diese Frage wird sehr elegant, sehr eloquent und vor allem sehr witzig von einem spanischen Reporter beantwortet.
Aber nicht jetzt. Sondern …
gehen wir weiter zurück …
wandern wir an der  Corona-Pandemie vorbei, an den ganzen Scharmützel der letzten Jahrezehnte, an der Wiedervereinigung, am kalten Krieg, an einem zweiten Krieg ebenfalls am ersten Krieg und landen im Jahr 1912.

Der spanische Auslandskorrespondent Julio Camba lebte damals zwei Jahre lang in Berlin und in München. Von seinem Aufenthalt in Deutschland ist eine Sammlung von Kolumnen erhalten, die in den Zeitungen La Tribuna und ABC erschienen sind und die nun erstmalig ins Deutsche übersetzt wurden.

Berlin, Friedrichstraße, 1912

„Ich tauge nicht zum Deutschen“ ist alles außer einem Reiseführer – es ist eine Zeitreise in eine fern scheinende Vergangenheit. Man meint, diese versunkene Welt hat nichts mit uns, nichts mit dem heutigen Deutschland zu tun, Spitzhauben und Kutschen sind ja längst passé – bis dieser bissige Beobachter doch den Nagel auf den Kopf trifft und wir uns darin wiederfinden.

Fermentierter Kohl, Frankfurter Würstchen und natürlich das Bier spielen eine immense Rolle in seinen Texten. Dennoch ergeht sich der Autor nicht in Gemeinplätzen. Und wenn dann fügt er sie auf unkonventionelle Weise zusammen.

Um sich an die deutsche Kultur anzupassen, ist vor allem ein eiserner Magen vonnöten. Dies habe ich anderntags einem Landsmann gesagt, der sich innerhalb von zwei Minuten eine riesige Portion Schweinebraten mit Marmelade einverleibte.
– Sie werden es noch zu was bringen. Man wird Ihnen innerhalb kürzester Zeit einen Lehrstuhl an der Zentraluniversität anbieten und man wird nach Ihnen die Haushaltskommission benennen. Zumindest wird Ihnen im Institut für Sozialreformen niemand den Platz streitig machen.
Seite 88

Ein wenig schockiert aber nicht überrascht war ich, wie sexistisch und frauenverachtend die Kellnerinnen während des Oktoberfestes behandelt wurden und mit welcher Selbstverständlichkeit der ausländischer Reporter das wiedergibt. Es ist also nicht nur eine amüsante Lektüre, sondern auch ein Zeitdokument und ein Bild unseres Landes. Der allgegenwärtige Militarismus der Kaiserzeit gibt ebenfalls zu denken.

Julio Camba, * 1884, war alles, nur nicht auf den Mund gefallen. Er war ein formvollendeter Dandy und ein widerspenstiger Anarchist, ein wohlwollender Spötter und spitzfindiger Beobachter. Ein unabhängiger Geist, der sich während des spanischen Bürgerkriegs sowohl über die Faschisten als auch über die kommunistischen Rebellen mockiert hat und der die letzten Jahre seines Lebens in einem Luxushotel residierte.

Das was Wladimir Kaminer rund ein Jahrhundert später macht – launige Kurzprosa über deutsche Eigenheiten aus fremder Sicht zu verfassen – hat Camba bereits vor dem ersten Weltkrieg getan. Bei ihm driften die Beobachtungen oft dermaßen ins Absurde, Surreale, dass ich ihn vielleicht doch besser mit Henri Michaux vergleichen sollte, als mit Kaminer.
Allein wie er beschreibt, dass in Berlin der Neuzeit die Verstorbenen im Automobil auf den Friedhof gebracht werden:

Natürlich ist es den Toten lieber, auf eine langsame und feierliche Art zum Friedhof gefahren zu werden, gezogen von Pferden, deren Kruppe mit einer Schmuckdecke verziert ist und zu den Klängen einer Musik von Anno dazumal. Ebenfalls gefiele es ihnen sehr, wenn ihre Freunde sie auf den Schultern trügen, während die Glocken läuteten. Tote sind sehr zeremoniös veranlagt. Sie sind auch ein wenig theatralisch. Sie wollen ein Publikum, Reden und Kränze. Um einem Toten Gesellschaft leisten zu dürfen, muss man sich mit einem Gehrock bekleidet präsentieren – je älter der Gehrock, desto besser – sich von jemandem einen Zylinder leihen, sich schwarze Handschuhe anziehen und Haltung annehmen.
Seite 43

Stettiner Bahnhof, 1912

Ein anderes Beispiel: Ein deutsches Fräulein kann aus Postkarten aus aller Welt die spanischen in sekundenschnelle ausmachen, da darauf mindestens ein Mensch zu sehen ist, der an einer Laterne lehnt. Aus diesem an-Laternen-lehnen leitet Camba spezifische und prognostische Gedanken über sein eigenes Land ab. Nicht nur die Deutschen bekommen in diesen Kolumnen ihr Fett weg. Auch die Portugiesen, die Engländer, die Franzosen und natürlich: seine eigenen Landsleute.

Es sind Beobachtungen aus einem kurzen Zeitraum, zugegeben, und Deutsche als kompliziert und groß und regelkonform darzustellen ist an sich nichts Neues. Aber die Art und Weise wie dieser Kolumnist es tut, ist originell und sympathisch. Am meisten gefallen haben mir seine ernst (bierernst?) vorgetragenen Vorschläge, wie die sperrige deutsche Grammatik zu umgehen ist.
Als Zugfahren noch normal war, saß ich mit diesem Band im ICE von Berlin nach Hamburg und habe öffentlich Ärgernis erregt, indem ich andauernd auflachen musste. Und das nicht nur einmal.

Was das Buch herausragend macht, ist sicher auch die kongeniale Übersetzung von Andreas Lampert, der beide Sprachen hervorragend beherrscht und sich in beiden Kulturen auszukennen scheint, der spanischen und der deutschen. Auch das Vorwort ist von ihm. Da heißt es:

Nie kommt es in seinen Texten zu einer endgültigen Wertung, Camba wackelt an Podesten, stößt hier und da eine Idee vom Thron, eine Person vom bürgerlichen Ohrensessel, jagt einen König aus seinem Schloss oder zieht einen Kaiser oder einen Bürger an seinem Bart. Aber gleich schlendert er vergnügt weiter, um sich über die nächste alltägliche Wunderlichkeit zu amüsieren und auch sie ins absurde zu wenden, und verliert keine Zeit damit, neue Götzen anzubeten.
Seite 11

Auch der Kaiser Wilhelm wird nicht verschont. Hier bei der Jagd mit Franz Ferdinand, 1912

Da reist Julio Camba also ins wilhelminische Deutschland und es kommen nicht nur witzige, kleine Miniaturen über Bandwurmworte, steife Krägen und enorme, ich möchte sagen, kolossale Schnurrbärte heraus sondern ein überaus skurriles Bild von einem Land, das einiges mit uns zu tun hat und dann wieder nicht.

Es ist für mich spannend zu sehen, wie tief sich Strukturen erhalten, über die Verwerfungen der Geschichte hinweg. Und andere nicht. Und was mich , falls jemand fragen sollte, überhaupt dazu bringt, diese Rezension gerade hier auf diesem Blog zu bringen: unsere Leute arbeiten sich auch seit Jahrhunderten daran ab, was eigentlich deutsch ist und wer eigentlich deutsch ist.

Außerdem waren wir in diesem Land auch mal neu, aus einer anderen Kultur kommend, manche mit Rudimenten einer deutschen Kultur ausgestattet, die nicht mehr up to date war. Auch wir haben gestaunt, wenn nicht über Pickelhauben und die darunter liegenden Glatzen, so doch über andere Aspekte des Deutschseins, die einem nur ins Auge fallen, wenn man oder in meinem Fall, kind irgendwo fremd ist.

Das Buch ist im Regenbrecht Verlag zu erwerben:


Julio Camba
Ich tauge nicht zum Deutschen.
Beobachtungen eines Spaniers in Deutschland (1912–1914)
Übersetzt, herausgegeben und mit einem Vorwort
versehen von Andreas Lampert
Regenbrecht Verlag, Berlin
Softcover, 172 Seiten, 9,90 €
ISBN 978-3-943889-87-1
E-Book: ISBN 9783943889727

 

Unsere kleinlauten Momente

MEINS!, so heißt ein Band mit Erzählungen, das die Autorin Ida Häusser kürzlich herausgebracht hat. Ursprünglich sind einige der Texte in einem Kurs für autobiografisches Schreiben entstanden, doch sind sie weit mehr als bloße Schreibübungen. Vor uns breitet die Autorin erzählerisch gekonnt ihre Kindheit und Jugend im Norden Kasachstans aus, in Aktjubinsk, „einer aufstrebenden Industriestadt am Fuße des Uralgebirges, das bekanntlich Europa und Asien trennt.“

„Aufgewachsen: zwischen mehreren Kulturen, oben die offizielle sozialistische des Kindergartens und der Schule, mit auswendig gelernten Parolen, darunter, in unserer jungen Siedlung, ein Nebeneinander der sowjetischen „Brudervölker“, mit Menschen unterschiedlichster Nationalitäten, Ethnien, Überzeugungen und Stände; Russen, Kasachen, Griechen, Polen, Juden, Koreaner. Menschenmassen, die wie von einer übermächtigen Hand in diese einsame Gegend gesetzt wurden. […]

Und inmitten all des Durcheinanders die dritte Kultur, der heimliche deutsche Kokon – daheim.
[…]

Parallelwelten. Mehrfach parallel.“
S.11

„Meins!“ so lautet der Titel dieses Bändchens. Doch es ist ein stückweit nicht nur „ihrs“ es ist auch „meins“ oder genau genommen: „unser“. Die beschriebenen Themen kennen wir, die wir aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, nur zu gut. Die Gerüche, die Worte, die Wege und die Schikanen haben sich in anderen russlanddeutschen Familien genau so oder so ähnlich abgespielt. Einiges ist wiedererkennbar, vieles nachvollziehbar.
Worte wie Loskutiki oder Taburetka oder Motozikl.
Tanten, die Mädchen Ratschläge geben. Oder auch diese kleinen süßen Äpfel, die es hier bei uns nicht gibt. Schwärmereien über diese Äpfelchen habe ich in der russlanddetuschen Community schon vielfach gehört und gelesen. Ranetki heißen sie.

Auch über das weitverbreitete Vergnügen sowjetischer Mädchen,   Bonbonpapierchen unter Glasscherben zu verstecken, habe ich bereits hier auf dem Blog geschrieben. Als Kinder, als Mädchen haben wir ebenfalls Sekretiki gespielt, nur einen Tick anders. Auch dieses Spiel kommt in dem Büchlein vor.

In 21 Kapiteln reiht die Autorin lose zusammenhängende Erinnerungsfragmente aneinander und bringt sie in einen Bezug zu ihrem jetzigen Leben. Dennoch ist da keine Ostalgie spürbar, pragmatisch und mit viel Liebe für die Menschen zeichnet sie das Bild der damaligen Zeit. Sie beschreibt ihre ersten Erinnerungen als ein Leben in einem Kokon, wo das Russische sich draußen abspielte und das Deutsche innen. Sie spielt mit Vergleichen und verbindet konkrete Erinnerungen mit Überlegungen über den Aspekt der Heimat oder die Geschichte ihrer Familie.  Ida Häusser befördert Fragmente ans Tageslicht, die unser Gedächtnis nach hinten geschoben hat. Manche Anekdoten erinnern an ein sozialistisches Bullerbü. Sie handeln davon, wie die Kinder selbst gezogene Radieschen auf dem Markt verkaufen oder ein ausrangiertes Schaukelpferdchen heimschleppen, das später beim Brüderchen unterm Weihnachtsbaum landet.

Es sind eben nicht nur sehnsüchtige Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit, wunderbar leicht erzählt, sondern in die Tiefe gehende Momentaufnahmen aus einer verschwundenen Zeit. Es gelingt der Autorin ebenfalls, auf leichtfüßige Weise, die tragische Geschichte hinter den Geschichten zu erzählen, ohne wehleidig zu wirken und ohne anzuklagen.

Meine Mutter sagt immer Wald, wenn sie mit ihren Geschwistern über ihre Kindheit in Archangelsk spricht, auch heute noch. Wie ein Code-Wort. Nie Verbannung oder Sondersiedlung. Gelegentlich sagen sei vielleicht noch Sibirien, wenn sie mit anderen darüber sprechen. Aber untereinander sagen sie immer Wald. Wald, und schon ist alles gesagt.“
S 87

Kulturelle Mißverständnisse ziehen sich durch die Geschichten ebenso wie das Bestreben der kleinen Ida, ihren Weg zu finden. In einem der ersten Kapitel, die sich auch wie kleine abgeschlossene Geschichten lesen lassen, geht es um diese kleinen Äpfelchen, wie sie nur in asiatischen Ländern wachsen und vielleicht noch in Sibirien. Eingebettet ist diese Erinnerung in Überlegungen zum Thema Herkunft und Heimat, deren Aneignung und Verlust:

Ich hatte doch einen Platz, wo ich mich geborgen fühlte, das war im Aktjubinsk meiner Kindheit. Unter unserer Ranetka. […] Mein Vater pflanzte sie in dem Dreieck zwischen den Eingangsstufen zum Haus, dem Durchgang zur Garage und dem Weg zur Sommerküche. […] Ich stellte mir eine Klappliege darunter und schaute den Äpfelchen beim Reifen zu. Auf den Boden daneben legte ich eine alte Zeitung und darauf einen Berg Ranetki, nahm ein Buch in die Hand und tauchte ab.“
S 25

In Deutschland versucht sie dieses Gefühl wieder hervorzuholen und diese Apfelsorte in Baumschulen und Gärtnereien ausfindig zu machen. Bisher vergeblich.

Die letzte Geschichte, die mit den Tulpenfeldern in der Steppe, handelt vom Abschied. Die blühende Steppe ist die letzte Erinnerung der Autorin an ihr Leben in Kasachstan.

Ein gewisser Stolz schwingt in dem Titel des Buches mit, nicht nur über die kreative Umsetzung, sondern im Sinne von: das ist meine Geschichte und ich stehe dazu.
Es gelingt ihr, kleine Momente einzufangen und sie in einen größeren Zusammenhang zu setzen. Sie fragt sich an einer Stelle, ob es nicht die „kleinlauten Momente“ sind, die sich uns besser einprägen. Kleinlaut würde ich diese Fragmente nicht nennen, eher leise aber eindringlich. Sie haben es verdient, sich Raum zu verschaffen und gelesen zu werden. Vielleicht verhelfen sie auch anderen zu einem Tauchgang in die Vergangenheit.

Im Grunde vollführt Ida in diesem Band dasselbe, was ich in diesem Blog seit Jahren versuche, aber statt Scherben sind es bei ihr Loskutiki, kleine Stofffetzen, die sie sorgsam aus dem Nebel der Erinnerung birgt und zu Geschichten verarbeitet. Ich gratuliere der Autorin zu diesem Debut und wünsche ihr, dass sie in Deutschland, oder auch in den Nachbarländern eine Baumschule findet, die ihre Ranetka aus Aktjubinsk kultiviert und verkauft.



Ida Häusser
Meins!, Erzählungen über eine Kindheit im Norden Kasachstans
ISBN-13: 9783744838740

120 Seiten, Books on Demand, 6,99 €, portofrei

Unter die Haut

… oder

Hasch mich ich bin der Mörder!

Was passiert, wenn man sich mit der bloßen Haut auf ein feines Gitter legt? Dann gibt es einen Abdruck, eine Prägung. Sie schneidet manchmal ein. Nach Stunden verschwindet sie. Normalerweise.

Und was ist mit einer Zuschreibung, der du immer und immer wieder ausgesetzt bist? Über Jahre, über Generationen?

Irgendwas von dieser Struktur geht dann doch unter die Haut, setzt sich fest.

Das ist, was die Leute hier verwechseln, wenn sie empört ausrufen, oder in die Kommentarspalten schreiben, viele Deutsch-Russen sind Rechtsextreme.

Einige sicher. Kein Volk, keine Gruppe bleibt in unserer Zeit von diesen braunen Gesinnungsgenossen verschont.

Doch. Warum klebt es an uns, wie Pech? Es gibt fließende Übergänge. Heimatliebe führt nicht immer zu Ausgrenzung.

Aber kann es durchaus. Falschverstandener Patriotismus, fehlgeleiteter Patriotismus. Falsch verstandene Betonung des Deutschtums, die in Ethnoreinheitsphantasien mündet.

Kann durchaus vorkommen, wenn du nicht aufpasst.

Doch. Wieso denken alle, die DaR sind besonders anfällig dafür? (Mag vielleicht daran liegen, dass Gruppen wie DaR für AfD eine besonders laute PR-Maschinerie am laufen haben? Oder es einfach opportun ist, nur über diese Gruppierungen zu berichten.)

Alle schreien nach einem nicht schwarz-weißen Denken. Nur hier verlässt sie plötzlich die Fähigkeit zu differenzieren.

Zugegeben. Viele Deutsche aus Russland haben ein Thema mit Heimat, Identität und Deutschsein. Sie zelebrieren ihr Deutschsein zuweilen auf extreme Weise. Mit alten Volksweisen und dirndlartigen Kleidchen. Oft mag das fremd und übertrieben wirken, aber es hat historische Gründe, steht alles in den Geschichtsbüchern.

Scherz.

Steht natürlich nicht dort. Denn außer der Leute vom Institut für digitalen Lernen mit ihren mBooks, hat sich keiner bis jetzt die Mühe gemacht, unsere Geschichte für die Schule aufzuarbeiten.

Wozu Unkenntnis und Unwissenheit führt, auch die der eigenen Geschichte, wissen wir ja…

Aber in vielen Quellen im Internet steht was dazu. Die muss man sich nur mühsam zusammensuchen.

Heimat und Deutschsein ist unser Thema. Aber macht es uns alle zu rechten Extremisten?

Wieso gewinnen die Leute den Eindruck, wir wären alle so? Das wird den DaR vorgeworfen, wenn sie betonen, wir sind doch Deutsche und stolz darauf. Dann denken hiesige Liberale gleich, Achtung, braune Gesinnung.

Ja, das kann, muss aber nicht sein.

Es kann mit der Prägung zusammenhängen. Siehe Vergleich mit dem Gitter. Eine Prägung, die dir als Deutschen in Russland zwangsläufig aufgedrückt wird. Nicht zu unterschätzen, was das mit Menschen macht.

Eigentlich ein spannendes Forschungsthema.

Wenn du also als verhasste, verschwiegene, unterdrückte Minderheit irgendwo lebst, im Schlimmsten Fall in einem Land, wo die deinigen als Feinde betrachtet werden, wo den Leuten als erstes „Heil Hitler“ und „Hände Hoch“ einfällt, wenn sie nach deutschen Wörtern gefragt werden, dann kann man sich vorstellen, wie diese Prägung ausfallen kann.

Dann bleibt es an dir hängen. Deine persönliche Identität wird von diesen Zuschreibungen geprägt. Das legt sich nicht so einfach ab. Nicht innerhalb von einer Generation.

Ein Freund hatte sich in Russland gut eingerichtet. Hatte nicht vor auszureisen. Mit einem deutschen Namen konnte er studieren und sich eine Existenz aufbauen. Bis, das war wohl schon in den 90ern, sein kleiner Sohn vom Spielen heimkam und sagte: Papa, bin ich ein Faschist? Warum?

Das hat ihm sein bester Freund gesteckt. Ein Junge, der eingentlich aus einer modernen, aufgekärten Familie kam.

Unausrottbar, solche Vorurteile.
Das war der Moment, in dem die Familie die Koffer für die Ausreise in den Westen gepackt hatte.

Bis heute existieren in Russland diese Zuschreibungen. Zumal noch immer unbekannt ist, warum die Deutschen nach Russland kamen, wann, was mit ihnen passiert ist.

Wenn Russen und Russinnen auf der Straße gefragt werden, wie die Deutschen nach Russland kamen, sagen noch immer viele, na die kamen um zu studieren, sie kamen zu Besuch und sind geblieben.

Was für ein Hohn. Zu Besuch!

Viele auf beiden Seiten glauben noch immer, dass es die Nachkommen deutscher Kriegsgefangener sind,  die  Gebiete im Altai und um Omskherum bevölkern.

Chände Choch!

Der Abdruck Faschist wird nicht so leicht verschwinden. Auch mit mehr Informationspolitik nicht. Zuschreibungen sind hartnäckig.

Wie sind die Deutschen in der Sowjetunion damit umgegangen?

Sie haben es umgeformt, aus dem Negativabdruck, aus dem einschneidenden Gittermuster auf der Haut etwas Positives gemacht. Strudel und alte Lieder, Traditionen und die Liebe zu einer Landschaft, die kaum einer von den Sowjetdeutschen je zu Gesicht bekommen hatte. Ein Schutzmechanismus, der sich nun gegen sie wendet.

Pech, dass in der Zwischenzeit, in den 70 Jahren, in Deutschland eine andere Entwicklung stattgefunden hat. Eine folgerichtige und notwendige. Doch nicht gerade eine günstige für die Heimkehrer.

Deutsch-Russen sind Rechtsextreme. Sie wollen auf Teufel komm raus Deutsche sein. So ist nun die Vereinbarung. Warum das so ist, was für Schicksalswege dahinter stehen, danach fragt keiner.

Und wir?

Schweigen. Was sollen wir denn tun. Schweigen, uns ducken, denn das können wir. Bloß nicht auffallen. Das kann böse enden.

Einer schreibt in den Kommentaren etwas zum Fall LISA:

RT Deutsch war eine der ersten Verkünder, wenn nicht der erste Verkünder! Auch ein Jahr später, war es noch bei RT Deutsch zu finden, was direkten Draht zum Kreml hat! Das ist so! Bei den Deutsch-Russen gibt es viele Rechtsextreme!

Diese beiden Verbindungen, Kreml und Rechtsextremismus kleben hier an uns. So wie Faschismus und Verrat an der Sowjetunion dort an uns geklebt haben. Das ist Pech.

Pech, das brennt wenns heiß ist, es brennt es sich ein, lässt sich nicht abwaschen.

Und was tun wir?  Wir regen uns darüber auf, dass uns die Leute und die Medien hier Deutsch-Russen nennen. Ist doch nur ein Wort mit Bindestrich. Hab dich nicht so!

Sind wir deshalb schon rechtsextrem?

Die Wahrheit liegt in den Schatten. In den Schattierungen.  Wie immer. Die freundlichen, offenen weltzugewandten unter uns werden nicht gesehen. Nur die aus voller Kehle rufen: die bringen uns die Messerstecher-Kultur ins Land. Volksaustauch!

Leichen im Keller – auf kreative Weise entsorgt. Oder auch nicht.

In einem Radiointerview, das kürzlich beim WDR lief, hat Luise Reddemann, eine Therapeutin, die sich seit langem mit Traumata beschäftigt, etwas sehr Kluges gesagt.

Die Ablehnung der Geflüchteten, basiere manchmal, nicht immer, aber manchmal, darauf, dass die Leute sich an ihre eigenen verdrängten Fluchterfahrungen und Diskriminierungserfahrungen erinnert fühlen.

Das Verdrängte zeigt sich im Gesicht der Fremden, die in Booten übers Mittelmeer kommen.

Und weils schmerzlich und verhasst ist, weil die Erinnerung nicht gewollt wird, werden negative Gefühle auf die fremden Menschen übertragen. Wut, Schmerz, Angst. Die ganze Palette.

Sie meinte nicht die DaR, aber es lässt sich sehr gut übertragen.

Oft stand in den Kommentaren in letzter Zeit: Aber die DaR kamen doch selbst als Fremde, warum verhalten sie sich so aggressiv gegen die Neuankömmlinge? (Wobei sich viele im Dialog der Kulturen engagieren, das darf nicht vergessen werden.)

Was die Therapeutin genannt hat, das mag nur ein kleiner Erklärungsversuch sein und deckt nicht alles ab. Aber er kommt mir schlüssig vor.

Denn sich mit dem Trauma befassen, das haben unsere Alten weder dort noch hier gelernt. Das weisen gerade die ab, die es am meisten brauchen. Sie sind schnell gekränkt und fertig. Verlagern die Probleme.

Es ist verjährt. Der alte Schmerz ist wie ein Kadaver, der 70 Jahre hinterm Sofa vor sich hin fault. Wer will sich damit abgeben? Zu spät.

„Begrabt die alte Gram doch endlich!“, möchte man ihnen zurufen.

Aber weil das Schweigen so lang darüber ausgebreitet war, weil es nicht sein durfte, dass sie Opfer waren, geht das nicht. Es ist kein Abschluss da. Noch nicht mal ein Anfang!
Im Osten nicht, noch immer nicht, und im Westen schon gar nicht. So taucht die Leiche immer wieder auf.

Lässt sich nicht unters Sofa schieben, sie lässt sich noch nicht mal in eine Statue eingipsen oder unter dem Pavillon begraben, wie in diesem Louis-de-Funes-Film.

Wohin damit?

Wir sind Opfer gewesen!

Nein!

Doch!

Oh!

Sorry, verjährt, sorry, uninteressant. Schaut nach vorne, lasst das Alte sein!

Solche Stimmen gibt es. Klar.

Aber sich dann wundern, wie viele von uns austicken, wie viele gegen andere agitieren, wie die Wut einzelne überflutet und sie blindwütig und gewalttätig werden.

Nein!

Doch!

Ohhh!

Naja, vielleicht lässt sich das Unliebsame, das Rechtsextreme, das Scherliche doch unter dem weißen Sofa verstecken. Es muss nur groß genug sein…

Was nicht vollständig erklärt, dass es hin und wieder doch rechtsextreme und völkische Gedanken unter den Deutschen aus Russland gibt. Aber sie sind mir ebenso fremd wie die der hiesigen Nazis.

Doch zum Glück, muss ich mir für deren Motivation nicht auch noch Erklärungen suchen.