Spruch der Woche – Wo kommst du denn her?

Gespräch im Flur einer Wohngemeinschaft, im Hintergrund Partymusik, Stimmen.

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern geschieden?

  • Hä?

  • Naja, ich habe mir vorgenommen auf die Frage Wo-kommst-du-denn-her jedes Mal mit der Frage zu antworten, sind deine Eltern geschieden. Also, bist du ein Scheidungskind?

  • Was soll das? Ich habe dich doch nicht angreifen wollen. Was bist du empfindlich.

  • Ich bins nur leid. Oder hast du jemals ein gutes Gespräch erlebt, das mit dieser Frage eröffnet wird?

  • Aber sie ist doch ganz harmlos, ich habe doch nur…

  • …eine Schublade geöffnet, mich hineingesteckt, die Schublade wieder zugemacht. Hast nur meinen Akzent gehört und wolltest zementieren, dass wir nicht die gleiche Luft atmen.

  • Aber ich war wirklich neugierig.

  • Wirklich? Und wenn ich keine Lust habe mit jedem Hinz und Kunz über meine Herkunft zu sprechen? Bestimmt gehörst du zu denjenigen, die eine große Person fragen: Sag mal, hast du nicht Probleme damit ein Bett zu finden, das groß genug ist? Und die sich dabei besonders originell vorkommen.

  • Ach, weißt du was, du hast einfach keinen Bock, dich mit mir zu unterhalten. Ich geh mal Richtung Küche.

  • Und Tschüss.

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern zufällig geschieden?

  • Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

  • Beides Fragen, die zur Eröffnung eines Gesprächs scheiße sind.

  • Alter, du bist ja ganz schön spaßbefreit.

  • Und Tschüss.

 

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern zufällig geschieden?

  • Woher weißt du das? Kennen wir uns?

  • Nein. Noch kennen wir uns nicht.

  • Hast du es mir angesehen oder was?

  • Hast du es mir angehört, dass ich nicht von hier komme, oder was?

  • Ja, schon. Irgendwie. Bist du denn deutsch?

  • Sehe ich so aus?

  • Nun, du siehst eher so südosteuropäisch aus. Mit den dunklen Haaren und so.

  • Und du fragst alle Dunkelhaarigen aus welcher Ecke Südosteuropas sie kommen, ja?

  • Äh, weißt du was, das ist mir jetzt zu bunt.

  • Und Tschüss

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du eigentlich her?

  • Aus Altona.

  • Nein, ich mein, wo kommst du ursprünglich her? Oder deine Eltern.

  • Und du?

  • Ich bin von hier. Ich wollte dich jetzt nicht beleidigen oder so. Ich war einfach neugierig. Und? Wo kommst du denn nun her?

  • Sind deine Eltern geschieden?

  • Dann eben nicht.

  • Und Tschüss.

Halbe Stunde später:

  • Und du, wo kommst du denn her? Irgendwo aus dem Osten, stimmts? Polen? Russland? Ich hab ein Ohr für sowas.

  • Sind deine Eltern eigentlich geschieden? Ich hab ein Auge für sowas.

  • Hey, nicht gleich beleidigt sein. Ich wollt nur freundlich sein, das ist alles.

  • Dann sag doch, deine Bluse gefällt mir, oder so.

  • Damit du gleich konterst, ich sei sexistisch? Ich bin doch nicht blöd.

  • Da hast du recht. Das geht nicht. Kennst du keine besseren Fragen? Woher kennst du Paul?  Wäre doch eine Option.

  • Und woher kennst du Paul?

  • Wir haben uns beim Studium kennengelernt. Slawistik.

  • Siehst du, wusst ichs doch. Irgendwas mit Polen oder Russland. Du kommst doch von da, oder?

  • Schönes Hemd!

  • Häh?

  • Und Tschüss.

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Die Hölle sind immer die anderen

Eine junge Frau, die mit ihrem weißen Kleid und mit dem Haarschmuck an eine Braut erinnert, steht bis zur Brust in einem See. Sie wird von einem älteren Mann gehalten und hintenüber in das Wasser eingetaucht. In den mennonitischen Brüdergemeinden ist es üblich, die Mitglieder erst mit 16 oder 18 zu taufen.

Glaubst du, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist? Versprichst du, ihm zu dienen in reinem Gewissen?

Die Szene ist Teil einer Reportage von Rita Knobel Ulrich, die Ende April im NDR Fernsehen lief. Es geht um russlanddeutsche Mennoniten in Cloppenburg, die in ihren Gemeinden einen freikirchlichen Glauben leben und eine relativ geschlossene Gemeinschaft bilden. Aus den 861 Kommentaren unter dem Film bei Youtube wird deutlich, dass diese Werte bei vielen sehr gut ankommen. Keine Drogen, klare Verhältnisse, freundlicher Umgang, Hilfsbereitschaft, Liebe zu Kindern – das alles ist in den Brüdergemeinden zu finden. Hier einige der Stimmen aus dem Netz:

‚Was für ein Segen, Frauen zu hören, die sagen, dass sie für ihre Kinder da sein wollen. ❤

‚Ehrliche, Aufrichtige und fleißige Leute. Wirklich Respekt dafür !! So viele Kinder großziehen, in der Freizeit ehrenamtlich arbeiten…. Auch die Kinder wirken alle sehr gut erzogen.

‚Ehrlich gesagt, bei mir kamen die Tränen. Eine schöne reine Gemeinschaftsleben jeder hilft jeden, sich angenommen fühlen gibt viel Selbstvertrauen.

Doch im Film und in den Kommentaren auf Youtube klingen bereits andere Töne an: …bleiben für sich…abgeschottet…die Kinder dürfen nicht auf Klassenfahrten mit …wie aus der Zeit gefallen… meist von den Außenstehenden, wie Mitschülern oder einer Lehrerin.

Wenn ich beobachte, dass die Frauen als Bedienstete herhalten und dem Manne untertan sein müssen und alle eigenen Wünsche an sich abtöten sollen, werde ich stutzig. Bereits die Kinder scheinen die Normen ihrer Gemeinde verinnerlicht zu haben. Nach Medien und Fernsehen gefragt, sagen einige, es interessiert mich nicht, oder: es macht die Augen kaputt und dann ist man nicht soviel draußen und so. Nur ein Junge sagt auf die Frage, ob er das Fernsehen nicht mal vermissen würde, verschämt: Manchmal.

Was ist Schlimmes daran, Kinder vor einem überbordenden Medienkonsum beschützen zu wollen und vor Alkohol und Drogen? Was ist verkehrt daran, wenn Menschen ihren Glauben so ausleben, wie sie es für richtig halten? Nichts. Wenn sie es aus freien Stücken tun.

Was geschieht aber mit denen, die nicht mehr wollen oder nicht mehr können? Die ausscheren und die anders sind?

In der Doku sagt der Prediger Ernst Fischer, vielfacher Familienvater und Großvater über den Einfluss der Medien, dass sie nichts Gutes bringen. Sowas braucht man nicht zu vermissen. Und als die Interviewerin ihn fragt, obs ein Problem wäre, wenn in der Gemeinde jemand sagen würde, er liebe einen Mann, antwortet er:  ‚Gottseidank habe ich sowas noch nie erlebt. Möchte ich auch nicht. Deshalb kann ich nichts dazu sagen, wie ich reagieren würde und was passieren würde. Es ist eben nicht so, dass wir diese Menschen hassen, aber das ist eben nicht nach Gottes Willen.‘

Abgesehen davon, das ich mich wundere, wie jemand Gottes Plan so genau durchschauen kann, habe ich mich beim Sehen die ganze Zeit gefragt, wie sich so ein geschlossenes System aufrechterhalten lässt. Was mit Andersdenkenden passiert. Und um welchen Preis.

Wo ist die Lücke im Paradies? Darauf gibt der Film leider keine Antworten. Aber ein Buch, das ich im Internet gefunden habe, ein schmales Bändchen von etwas über 200 Seiten mit dem Titel: Himmel Hölle Welt.

Geschrieben hat es Lena Klassen anfang der Nuller Jahre. In einem Nachwort schreibt sie, dass sie zwar nicht in einer freikirchlichen Gemeinde aufgewachsen sei, aber ein Jahr in einer solchen gelebt habe. Lena Klassen ist eine Deutsche aus Russland und hat sich (teilweise unter dem Pseudonym Maja Winter) als Autorin von Fantasy- und Mistery-Romanen einen Namen gemacht.

Dieses frühe Werk von ihr ist anders.

Wie im Film über Cloppenburg steht hier die Taufe einer jungen Frau am Anfang. Allerdings nicht in einem See, sondern im chlorhaltigen Wasser eines Waldschwimmbads. Doch abgesehen von diesem Ausgangspunkt, bewegt sich das Buch in eine ganz andere Richtung als die Doku. Es zeigt die Risse auf, schildert die unbequemen Seiten der Gemeinschaft und die Kehrseite der Frömmigkeit.

Anders als die Regisseurin im Film, die sich bemüht nicht zu werten, findet Lena Klassen klare Worte und eine klare Position. Bereits im Vorwort schreibt sie, dass die Bezeichnung Mennoniten-Brüdergemeinde … Programm ist, denn Schwestern haben da nicht viel zu sagen.  (S. 8) An der Spitze steht ein Gemeindevorstand, gewählt auf Lebenszeit. Er kann seinen Posten nur verlieren, wenn jemand aus seiner Familie vom richtigen Weg abkommt. Denn es wird angenommen, dass ein Mann, der seine Familie nicht im Griff hat, seine Gemeinde nicht lenken kann.

In so einer Brüder-Gemeinde wohnt Klassens Heldin, die 16-jährige Schülerin Elsa Epp. Bereits während der Taufe, vielleicht schon vorher, beschleichen sie Zweifel, nicht an Gott, nicht an ihrem Glauben, sondern an den menschengemachten Regeln. Es gibt Wendepunkte in ihrem Leben, wie die Hochzeit der besten Freundin und deren dramatische Veränderung danach, die ihr Zweifel einpflanzen. Es sind die Regeln, gegen die sie aufbegehrt.

…ist das schon zu viel Frisur? Oder ist das noch züchtig?

Frauen, die sich die Spitzen schneiden? Sünde, weil pure Eitelkeit. Ebenso lange Haare für  Männer. Ohringe: Sünde. Pop- oder Rockmusik: Sünde, weil weltlich. Tanzen: geht gar nicht. Es wird auch nicht gern gesehen, dass junge Leute viel lernen und studieren. Dann sind sie zu sehr in der Welt. Und Weltliches hat keinen Wert.

Die Jungen in der Gemeinde gefielen ihr nicht, und sie ihnen auch nicht, denn sie war eine Bedrohung für jeden christlichen jungen Mann, weil sie aufs Gymnasium ging. Ein christlicher Mann hatte das Recht auf eine gläubige, gehorsame Frau, und Elsa stand schon jetzt in dem Ruf „stolz“ zu sein. S. 30

Elsa setzt es durch, studieren zu dürfen, sie geht zum Friseur und zieht Ohringe an. Das erste Mal, als sie in Hosen durch die Straßen der Stadt läuft, ist für sie ein Moment des Triumphes. Zunächst lebt sie ein Doppelleben und verbirgt alles vor ihrer Familie. Später geht sie auf direkten Konfrontationskurs mit ihr. Sie lernt andere Menschen kennen, die bereits früher aus den freikirchlichen Zusammenhängen ausgeschert sind. Wie den Opa Wiens zum Beispiel, der kein Blatt vor den Mund nimmt:

Ordnung und Disziplin nennen sie es, und so sorgen sie dafür, dass ihnen die Macht nicht aus den Händen gleitet, und so missbrauchen sie das das man ihnen entgegenbringt, auch die Naivität der Gläubigen. Man darf ja nicht vergessen, was das für Menschen sind. Sie kommen aus einer Diktatur, lange vor der Perestroika und den ganzen Veränderungen dort, sie sind es gewöhnt, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen. Manche haben nur drei oder vier Jahre eine Schule besucht und können lesen und schreiben, aber auch nicht viel mehr. Studieren durften Gläubige in Russland sowieso nicht. Sie sind es nicht gewöhnt, selbständig zu denken. Das gibt den Leitenden natürlich eine ungeheure Macht.
S. 175

Elsa durchläuft verschiedene Phasen der Entfremdung, ringt in zahlreichen Monologen mit sich und setzt sich mit vielem auseinander, mit den Rollenbildern, mit ihrem Glauben und den Werten ihrer Gemeinde. Bis sie einen Weg findet, wie sie ihren Glauben leben und dennoch sie selbst sein kann. Natürlich gibt es Widerstand seitens ihrer Familie und der Gemeinde. Aber und das ist vielleicht die einzige Schwäche des Romans, der Konflikt wird nicht bis in die letzte Konsequenz durchgespielt. Es geht glimpflich aus.

Wie bei allem im Leben, gibt es verschiedene Nuancen und nicht alle freikirchlichen Gemeinden werden so streng und so bigott sein, wie die im Buch beschriebene. Nicht alle ziehen einen Moralkodex durch, wie er vor 200 Jahren geherrscht hat. Aber darauf will das Buch auch nicht hinaus.

Im hinteren Teil des Buches befindet sich ein extra Kapitel, das sich mit der Geschichte, den Bräuchen und der Struktur der Mennoniten beschäftigt, die im Siebzehnten Jahrhundert nach Russland gezogen sind, um ihre Lebensweise und ihren Glauben zu bewahren. Dass es über so lange Zeit und unter den schlimmsten Bedingungen gelungen ist, mag uns einiges an Respekt abverlangen. Aber auch hier stellt sich die Frage: zu welchem Preis? Und: wer zahlt ihn? Und womit?

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Link zur Reportage Russlanddeutsche in Cloppenburg:

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Himmel Hölle Welt, Lena Klassen
220 Seiten, Taschenbuch, BMV Verlag 2001, 10,80 €
Zu bestellen bei: info[at]bmv-burau.de
Bitte geben Sie den Titel an, die gewünschte Anzahl der Bücher und vergessen Sie nicht Ihre Anschrift! (Portokosten abhängig vom Umfang des Pakets)

 

 

 

 

 

I’m a British man in – Moskow

Es gibt Bücher über Russland, die werden geschrieben mit Liebe und Respekt, aber sie sollten nicht von Leuten gelesen werden, die ein wenig Ahnung haben von diesem Land und seiner Geschichte. So ein Buch ist ‚Ein Gentleman in Moskau‘ des Amerikaners Amor Towles. Es ist letztes Jahr auf den deutschen Markt gekommen.

Gut erzählte Story, gefühlig, hat aber mit der Realität eines Moskau nach der Oktoberrevolution so wenig zu tun wie Wassermelonen mit Fellkapuzen.

Super Roman. Wie gesagt. Nur könnte er genau so gut auf dem Mars spielen. Statt dessen spielt er in einem Luxushotel, wo ein irgendwie französischstämmiger Küchenchef die erlesensten Speisen auf die Goldrandteller zaubert (mit passenden Weinen in passenden Kelchen dazu), während die Hungersnot weite Flächen des Riesenlandes durchflutet. Der Maitre muss nur ein bisschen improvisieren und Hühnchen nehmen statt Rind. Die Zeiten haben sich eben geändert.

Die Rahmenhandlung: Nach der Oktoberrevolution kehrt Graf Rostow aus dem Ausland an die Newa zurück und wird – o Wunder, nicht hingerichtet. Er kommt auch nicht ins Gefängnis oder in ein Lager, sondern ins Metropol unter der Bedingung, dass er das Luxushotel nicht verlässt.

In diesem Kammerspiel trifft er auf verschiedene Gäste und erlebt kleine poetische Abenteuer. Innerhalb der Hotelmauern selbstverständlich. Er ist ja eingeschlossen, kann aber tun und lassen was er will und wird nicht überwacht. Die haben ihn wohl vergessen. Naja, war ja auch so viel los damals.

Unbehelligt schickt er Boten durch Moskau, empfängt alte Freunde, hängt philosophischen Vergleichen nach und liest die Essays von Montaigne.

Nicht wenige Clischés werden bedient. Troikas und Schnee und schöne Damen mit Jagdhunden und klirrende Gläser. Ja, Poet-Revoluzionäre, die bei einer Sitzung Gläser vor Begeisterung zerwerfen. Woher kommt bloß diese unausrottbare Idee, die es nur im Westen gibt, dass alle Russen Gläser an die Wand werfen? Skandal!

Huch! Ai verbibscht!

Die Manieren der Grafen sind vortrefflich. Er hat nie jemandem was Böses getan. Behandelt alle Bediensteten mit Respekt. (Wieso wurde die herrschende Klasse in Russland gleich abgeschafft, wenn die alle so gut waren?) Der Graf wird, trotz seiner aristokratischen Herkunft, also respektvoll behandelt, als gäbe es nicht die Umwälzung. Der Terror passiert in den Fußnoten. Nicht in den teppichausgelegten Fluren des Metropol.

Der adlige Protagonist besitzt noch einen ganzen Batzen Gold, so gut versteckt, dass die Bolschewiken nie im Leben drauf kommen. Die sind so doof. Proleten halt. So kann er speisen, und seinen Bart stutzen lassen und führt ein gemächliches Leben, bis…

Diese Geschichte ist so konstruiert, dass sogar die schönen überraschenden Begegnungen und herzerwärmenden Wendungen an mir abprallen, wie Gläser an der Wand.

Der Autor Amor Towles soll ein Händchen für historische Stoffe haben, aber das revolutionäre Russland hat er nicht verstanden. Moskau und die Ereignisse sind nur gemalte Kulisse. Vielleicht wäre es leichter gewesen, das Metropol nach London zu versetzen. Oder nach Manhattan der 20ger Jahre?
Oder nach Bangkok. Oder in eine entfernte britische Ex-Kolonie.

Dem Grafen Rostow vor Weihnachten Dickens Klassiker mit Ebenezer Srcooge als Lektüre zu verpassen, ist ja das reine Aufstülpen seiner eigenen Kultur auf eine andere, mein Bester Towles! Unverzeihlich, ich muss schon sagen. Passiert Ihnen an einigen Stellen. Waren Sie überhaupt schon mal in Russland? Zu Sowjetzeiten? Mal drüber gelesen, wie das so war?

Oder kann sich jemand vorstellen, dass eine Schauspielerin 1922 alle ihre Pariser Seidenklamotten (wo hat sie die denn her?) voller Wucht aus dem Fenster der Hotelsuite wirft, stundenlang heult, bis sie sich beruhigt hat und dann seelenruhig runtersteigt, um sie alle wieder aufzusammeln? Vielleicht in einem Dorf in Nord-Schweden, wo auch die Räder nicht abgeschlossen werden.

Aber ansonsten, gut geschrieben. Nur hätte er in seinem Kulturkreis bleiben sollen. Nun. In gewisser Weise ist er das auch.

Zitat:
‚Wer hätte damals geglaubt, als du zu Hausarrest im Metropol verurteilt wurdest, dass du eines Tages der glücklichste Mensch Russlands sein würdest?‘

Wie makaber. Fragt die Kinder von deutschen Kominternmitarbeitern, die im Hotel Lux eingesperrt leben mussten. Die würden ganz andere Dinge erzählen als dieser Gentleman.

Aus der Tiefe

Es liegen Worte auf dem Grund. Pro Mensch ein Satz oder zwei. Wie im tiefen Wasser liegen sie, die meiste Zeit bleiben sie unerkannt. Sie sind vergraben im Sand oder Schlick. Doch es kann passieren, dass etwas sie nach oben schwemmt, etwas Aufwühlendes, das die Oberfläche berührt und tiefer geht. Dann werden sie aufgewirbelt, steigen in Spiralen hoch und kommen ans Licht.

Neulich war ich dabei, wie so ein Satz empor kam. Wir saßen mit meiner Tante am Tisch, redeten von früher und sie sagte plötzlich zu uns: Ich habe nie eine Kindheit gehabt.

Und aus ihren Augen sprach ein acht Jahre altes Mädchen.

Mit acht, als ihre Mutter starb, musste sie mit einem Schlag erwachsen werden. Von der ersten Minute an wurde sie zu den Tätigkeiten herangezogen, die erwachsene Frauen in einem Haushalt üblicherweise verrichten. Bei der Stiefmutter sollte sie für neun Leute kochen, putzen, Wäsche waschen, natürlich mit der Hand. Auch die mit Maschinenöl verschmutzten Lappen auswaschen, die der Vater von der Arbeit mitbrachte.

„Und stopfen. Man war ja arm, da konnte man nicht immer alles neu kaufen,“ erzählte sie. Alles wurde ausgebessert und gestopft. Socken, Bettwäsche, Hemden, Kleider. Alles. Und so saß sie da.
Einmal durfte sie sogar nicht zu der Beerdigung eines Schulfreundes raus, der im Schwimmbad ertrunken war. Ssenjka Antonow, einer der Zwillinge, war tot und sie musste zuhause sitzen und stopfen.

„Sobald ich erwachsen war, habe ich nie wieder auch nur eine Socke gestopft,“ erzählte sie weiter. „Ich schmeiß die Sachen alle gleich weg, wenn sie kaputt sind.“

Ich habe nie eine Kindheit gehabt – ist so ein Satz aus der Tiefe. Wie ein Faden durchdringt er alle Lebenslagen, zieht sich durch die Stoffe und Muster, die das Leben bereithält. Stört die Farbgebung, lenkt vom Eigentlichen ab, durchsetzt alles. Überschattet die glücklichsten Momente.

Zwei andere Sätze, die unten verborgen lagen: niemand will uns haben, wir gehören nirgends hin. Zwei Satzhälften, durch ein Komma getrennt. Auch so ein Rhythmus, der alles übertönt. Der als kaum wahrnehmbarer, aber durchdringender Tinnitus immer im Ohr mitschwingt.

Es sind die Sätze meines Vaters.

Ich sah ihn, einen erwachsenen Mann, auf einmal aufschluchzen. Er las gerade einen Text des Dichters Alexander Schmidt, in dem es um Heimat und Verlust ging, in dem der Protagonist in die jetzt fremde Heimat zurückgefahren ist. Der Autor schreibt im letzten Absatz: Selig sind die Vertriebenen…, die alles verlieren, die Heimat, das Haus, die Gräber der Ahnen. […]Nur eins bleibt, Großmutters Gebet. Nur ein Wort.

Darüber wimmerte mein Vater laut auf, schüttelte sich und brachte die Sätze heraus: Wir gehören nirgends hin, niemand will uns haben.

Er wurde wieder zu dem kleinen Jungen, der von überall weg musste, für den es kein Ankommen gab, gefühlt bis heute nicht gibt. Wir gehören nirgends hin, schluchzte der, der fast 16 Mal so alt war, wie der kleine Junge von damals und wischte sich die Träne aus dem Augenwinkel. Mit der Geste eines Kindes.

Was ist wohl mein Satz? Was liegt bei mir auf dem Grund?

 

Ein paar eingeritzte Buchstaben

Zwei unbeholfen eingeritzte Buchstaben auf einem Klappmesser deuten auf ein Geheimnis hin, dem die Protagonistin von Eleonora Hummels Roman „Die Fische von Berlin“ auf die Spur kommt.

Familie Schmidt lebt in Kasachstan und steht kurz vor der Ausreise nach Deutschland. Ihre jüngste Tochter Alina verbringt viel Zeit mit ihrem Großvater, mit dem sie ein besonderes Band verbindet.

„Was hast du mit dem Großvater zu tuscheln?“ fragte Großmutter mit ihrer erzieherischen Stimme.
„Wir tuscheln nicht. Er erzählt mir von seiner Jugend.“
„Von seiner Jugend gibt’s nichts zu erzählen.“

Doch Alina lässt nicht locker und erfährt nach und nach, was es mit den Fischen von Berlin auf sich hat und welches Familiengeheimnis sich hinter dem Messer verbirgt, das der Großvater stets bei sich trägt. Sie taucht tief in die Odyssee ihrer russlanddeutschen Familie ein. Dabei findet sie ein Fotoalbum auf einem Dachboden und beobachtet, wie sich ihre Schwester von einem Fastmatrosen den Kopf verdrehen lässt.

Berlin: Angler an der Friedrichsgracht. Foto: Rudolph 21.4.1949

Aufreihen von Tatsachen oder künstlerischer Ausdruck?

Eleonora Hummels Romandebüt von 2005 kommt daher wie ein autobiografischer Bericht. Aber anders als viele Bücher der Erinnerungs- und Erlebnisliteratur hat die Autorin ein Werk geschaffen, das eigenständig ist und sich über die reine Erfahrung erhebt.

In einem Interview von 1979 spricht Regisseur Andrej Tarkowskij darüber, welchen Einfluss die Kindheit auf das Leben eines schöpferischen Menschen haben kann. Dass es eine wichtige Erfahrung ist und dass eine intensive Kindheit ausreicht, um Stoff für viele Werke zu bilden. Er sagt aber auch, dass es keine Kunst sei, die Erlebnisse eins zu eins zu erzählen. Sie brauchen ein transformatorisches Moment, eine Verdichtung in der Sprache oder eine Form, die aus der erlebten Geschichte einen Film oder einen Roman macht.

Der Autorin gelingt genau das. Sie benutzt die Familienanekdoten, die sich in den Schicksalen der Deutschen aus Russland in vielen Punkten gleichen und macht etwas daraus, das über das Offensichtliche hinaus geht.

Manchmal habe ich den Eindruck, unsere Leute sind getrieben, die schweren Schicksale in Worte zu kleiden, damit die Erinnerung nicht verlorengeht. Es ist wie ein innerer Auftrag und diese Autoren und Autorinnen fangen oft mit der Geschichte der eigenen Familie an. Aus der Aneinanderreihung von echten Erlebnissen und Anekdoten entsteht dann häufig nicht mehr als eine ausführliche Familienchronik. Viele dieser Bücher wirken so, als seien sie aus einer Opferhaltung geschrieben, sie verzichten nicht auf ein gewisses Selbstmitleid oder haben einen vorwurfsvollen Ton. Was hier angeklagt wird, das Schicksal oder die ignorante Leserschaft, kann man nicht immer deuten.

Der Roman von Eleonora Hummel steht in angenehmen Konstrast zu diesen Erlebnisbiografien, die zweifelsohne ihre historische und therapeutische Berechtigung haben.

Sie schafft es, in ihrem Erstlingswerk Dinge auszusprechen, die oft schwer auszuhalten sind. Es ist schon harter Tobak, den sie wenn nicht direkt leicht, aber in einer schnörkellosen Sprache leichthin erzählt. Sie verdichtet viel und bereits hier ist ihr typischer, lakonisch-zielsicherer Stil zu spüren. Eleonora Hummel beherrscht die Kunst der Andeutungen, kann vieles ungesagt lassen oder zwischen den Zeilen verstecken. Mit Auslassungen und kühlen Untertreibungen lässt sie uns die Zeit dennoch in ihrer ganzen Härte spüren.

Hier einige Erinnerungen von Alinas Großvater in der Zeit des zweiten Weltkrieges:

Mutter erschien mir so klein und zart in ihrem schwarzen Kleid, dass ich nicht wagte, sie in den Arm zu nehmen. Wir nahmen uns nie in den Arm. Im Dorf hatte man andere Dinge zu tun. S 120

Hinter ihr stand meine Schwester, die die Frau eines Volksfeinds war. Sie legte ihr schwarzes Kopftuch zusammen, das gefaltet aussah wie die Flügel eines Raben. S120

Bevor ich zum Mobilisieren ging, gab ich Mutter die paar Münzen, die noch in meiner Hosentasche waren. „Nimm sie für eine neue Kuh“, sagte ich. Sie stand regungslos da, ich drückte ihre Hand auseinander und legte die Münzen hinein. So blieb sie stehen, die Münzen in der offenen Hand und neben ihr der kläffende Hund, den man ihr statt der Kinder gelassen hatte. S121

Von der Thematik, von der geschichtlichen Verankerung hat es ein wenig mit dem Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ von Markus Berges gemein. Sprachlich besitzt das Buch eine ganz eigene Kraft und auch die Umsetzung unterscheidet sich. Es ist deutlich zu merken, dass da nicht eine Schriftstellerin aus der Distanz ein Thema betrachtet, das sie sorgsam in Archiven recherchiert hat oder aus Erzählungen kennt. Sie hat das sowjetische Schulsystem selbst erlebt und kennt Menschen und Gegebenheiten aus persönlicher Erfahrung.

Die Autorin pickt beispielhaft die Geschichte einer deutschen Familie aus Russland aus. Letztendlich ist es aber unser aller Geschichte. Sie hätte so zumindest sein können. Es ist ein schwerer Stoff, der leicht mit knappen, treffenden Worten ohne viele Schnörkel erzählt wird. Das nimmt ihm zwar nicht seine Tragik, ermöglicht es uns aber das Erzählte überhaupt aufzunehmen. Hin und her Getriebene Menschen. Das Schweigen der Älteren. Das alles kennen wir Deutschen aus Russland nur zur genüge. Und auch lang verschüttete Geheimnisse, die aus heiterem Himmel auftauchen, weil sich jemand plötzlich erinnert.


Eleonora Hummel

Die Fische von Berlin
Steidl Verlag, Göttingen 2005
223 Seiten, € 18.00

SüßwaCCER – poetische Parabel über das Ankommen

Ein Junge und sein Fisch. Dieser Kurzfilm ist eine gelungene poetische Umsetzung der Themen Fremdsein und Ankommen am Beispiel eines Aussiedlerkindes. Vor ca 10 Jahren hat ihn der Animationskünstler Viktor Stickel als Abschlussarbeit an der Akademie für Mediendesign in Ravensburg vorgestellt.

„Süßwaccep – ein Kurzfilm zum Thema Migration und Integration“ – 2008