Im Galopp

Anders als bei den langsamen Medien, dem Buchdruck oder den Steintafeln, ist so ein Knopf bei wordpress schnell gedrückt. Vieles von dem, was ich gestern hier gepostet habe, spiegelt nicht nur meine Tagesverfassung, sondern ist gewachsen. Dennoch ist einiges so zugespitzt, dass es wieder pauschal klingt und andere, die anders sind ausklammert. Ich habe viel Zuspruch erhalten zu meinen Ausführungen, aber auch Kritik. Ich möchte nicht missverstanden werden.

Dadurch, dass die anderen uns als andere definieren und ich als eine andere über diese anderen schreibe und mich über ihre Definition von uns als andere aufrege, mache ich sie zu anderen. Damit pauschalisiere ich und lasse anderes weg.

Lasse den Moment weg, als ich gestaunt habe, wie aufmerksam ‚Hiesige‘ meinen Geschichten zugehört haben und nicht nur das, am Ende sogar gemeint haben, wie sehr diese Beschreibungen von Trauma und Verlust ihren eigenen Erfahrungen einer Kriegskindheit ähneln. Diesen, die anders sind, tu ich mit meinem Text unrecht.

Und anderen ‚Hiesigen‘, die stark mit uns als Gruppe verbunden sind, weil wir zusammen arbeiten, weil sie zu uns forschen oder schlicht mit einer/einem von uns verheiratet sind und sich dadurch in unsere Sichtweisen einfühlen können. Diesen, die sich ebenfalls von den ‚Hiesigen‘ unterscheiden, die ich gestern benannt habe, tu ich dann auch unrecht.
Nicht zu vergessen dem internationalen und ‚hiesigen‘ Haufen hier auf dem Blog, die meine Texte lesen und deren Befindlichkeiten tolerieren.

Ich habe überlegt, den ganzen Text einfach zu löschen, aber da sind Dinge drin, die mir selbst Erklärungsmuster bieten. Ich habe beschlossen, es nicht zu tun. Will das nicht zurücknehmen.

In einer Sache ist mein Denken noch nicht abgeschlossen und dennoch habe ich mit schwarzen Buchstaben auf weißer Fläche Sätze dazu geformt. Und den Knopf gedrückt. Mitten im Prozess.

Letztendlich sind es Notizen, die nicht abgeschlossen sind. Es stimmt, möglicherweise bin ich und einige andere aus meiner Minderheit sehr auf ihre Identität als Deutsche fixiert. Und mein Ansatz der Erklärung war, dass sie auf eine bestimmte Weise dazu geformt wurden, durch negative Zuschreibungen in einem von Rassismus geprägten System. Der Künstler Nikolaus Rode nennt das in einem Interview die Nationalitätenjacke, die man uns aufgezwängt hatte. Es ist ein Erklärungsversuch, aber keine Festschreibung.

Ich beschäftige mich sehr intensiv mit diesen Fragen, mit der Identität, der nationalen Zuschreibung und auch dem Begriff der Heimat. Weil ich diese Themen in unserer Gruppe stark sehe und sie uns auch von außen immer wieder angehängt werden. Eigentlich ich möchte mich nicht mein Leben lang über nationale oder örtliche Parameter definiert werden. Und dennoch rühre ich immer daran.

Die Nationalitäten-Jacke ist meiner Meinung nach eine Zwangsjacke, sie ist dreckig geworden und nach der langen Zeit ziemlich kaputt.

Ich weiß, dass es nicht einfach ist, sie einfach von heute auf morgen abzulegen. Ich weiß, dass es schmerzlich ist und ich verlange es auch von niemandem.

Aber die Frage der Nationalität zum einzigen Parameter zu machen, alles darin spiegeln zu wollen, halte ich persönlich für eine Sackgasse. Auch das wird vielleicht bei den gestrigen Ergüssen nicht deutlich.

Wir werden als Gruppe wahrgenommen, was aber nicht heißt, dass wir wie ein Schwarm denken und handeln. Meinen Text habe ich aber als ein Schwarm geschrieben. Als wir. Habe mich selten ausgeklammert und diesem Wir ein Ihr entgegengesetzt.

Wenn ich die Worte hätte in Stein meißeln sollen, wäre ich spätestens an dieser Stelle vorsichtig geworden, hätte sie mit Bedacht gewählt. Aber an so einem Computer ist ein Knopf einfach sehr schnell gedrückt.

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Aus der Seele gekotzt

Gedanken nach einer Lesung mit deutschen Autor*innen aus Russland. Versuch, diese Gedanken auf eine Postkarte zu bringen.

Lieber Dirk,

du hast gefragt, für wen wir eigentlich schreiben. (Wenn doch niemand von unseren eigenen Leuten zu unseren Lesungen kommt – dieser Satz hing noch in der Luft). Ich war so perplex und habe ich es dir im ersten Moment nicht sagen können. Ich habe nur mitgelacht und dir beigepflichtet. Ja, für wen eigentlich? Erst später, im Zug, ist es mir wieder eingefallen:

Wir schreiben für die, die gestorben sind und wir schreiben für die, die noch nicht geboren wurden.

Ach komm, ein bisschen Pathos darf schon sein. Bei dem Inhalt!

Hier war die Postkarte zuende.

Also nicht für jene, deren Leben durch die Verbannung oder Migration so verkorkst ist, dass sie zu stumpf geworden sind, um zu einem Buch zu greifen. Oder nur mit Existenzerhaltung beschäftigt sind. Existenzerhaltende Maßnahmen, so heißt es doch, wenn jemand auf der Intensivstation liegt. Auch da zieht man sich zurück ist und nicht offen für Jamben und Trochäen. Ich verwende jetzt einen Notaufnahmejargon für alle, die sich in der Krise befinden, posttraumatisch nur mit dem Jetzt beschäftigt sind. Eine egal wie brüchige Normalität aufrechterhaltend, so weit es geht. Vielleicht ist es zu medizinisch.

Dann doch lieber für diejenigen schreiben, die irgendwann frei davon sein können und sich fragen werden, wo komme ich eigentlich her? Unbeschwerte Generationen, die noch kommen sollen. Wird es sie geben?

Du hast recht, lieber Dirk, sie kommen nicht zu unseren Lesungen. Denn die Russlanddeutschen lesen ja nicht. Zu plump, zu dumm, kulturell zurückgeblieben irgendwie, nicht wahr? Das ist doch das Bild, das dabei entsteht?

Die Alten kommen nicht, weil sie befürchten, durch unsere Geschichten aufgewühlt und retraumatisiert zu werden. Wozu den Sumpf aufmischen? Lieber ruhen lassen. Still ruht der See.

Aber auch die Jüngeren haben andere Pläne, sie gehen lieber in die Russendisko mit Sowjetpop aus den 70ger, 80gern, 90gern und den Hits von heute. Lieber gehen sie im russischen Supermarkt einkaufen, und decken sich mit Süßigkeiten und Wurst ein, wie es sie nur dort gegeben hat. Damals.

Oder sie – die Alten wie die Jungen – schauen sich im Internet sowjetische Schmonzetten aus ihrer Kindheit und Jugend an und weinen ein bisschen. Weißer Bim, schwarzes Ohr, das ist eine herzergreifende Geschichte, solltest du dir auch mal ansehen. Ach, gibt es nicht bei Netflix? Nicht amerikanisch genug?

Eine Lesung von russlanddeutschen Autor*innen. Gott bewahre. Wozu? Sie wissen doch selbst, wer sie sind. Sie kennen ihre Geschichte, sie ist ihnen eingebrannt. Oder etwa nicht?

Dennoch müssen wir schreiben, auch wenn wir nicht gehört und nicht gelesen werden. Wir haben einen unsichtbaren Auftrag. Irgendwas treibt uns an. Bringt uns dazu, darüber zu reden und zu schreiben. Obwohl es niemand hören will. Wem sind wir denn verpflichtet? Wir sind nicht frei in unserer Kunst. Dann ist es wohl auch keine echte. Ich weiß, das hast du nicht gesagt.

Wieso gibt es die russlanddeutsche Literatur nicht? Keine Kontinuität. Wo sind die alten Meister? Wo die genialen Jungen? Wo bleiben ihre Bücher?

Die Frage ist doch, weshalb sind sie nicht erhältlich? Versuch mal, was zu kriegen in irgendeiner Bibliothek oder Buchhandlung. Nischenverlage. Selbstverlag. Books on demand. Es gibt Ausnahmen, Schriftsteller*innen, die gedruckt werden von namhaften Verlagen. Aber insgesamt: ein blinder Fleck.

Dabei gibt es wohl eine Vergangenheit.

Es gibt Romane, die verschollen sind. Oder fast. Das Buch von Gerhard Sawatzki zum Beispiel. Vor dem 2. Weltkrieg geschrieben über ein wolgadeutsches Dorf in den Wirren nach der Revolution. Und obwohl es in einem bolschwistischen Geist verfasst wurde, durfte es damals nicht gedruckt werden. Zu viel Kritik sickerte durch an den Verhältnissen, an der Idee vom heilsamen Sozialismus. Trotz allem.

Der Roman hieß ‚wir selbst‘. Sein Autor kam in die Verbannung, ins Arbeitslager, wo er 1937 oder 38 starb. Seine Witwe hat die Druckfahnen aufbewahrt, versteckt, gerettet. Nur so konnten wir von diesem Buch erfahren. In den Späten 80gern erschien es kapitelweise in literarischen Zeitungen für die deutsche Minderheit in Moskau. Diese Hefte lagern heute im Archiv eines Museums in Detmold. Wer möchte, kann sich Kopien davon schicken lassen.

Russlanddeutsche Autorengruppe in den 20ger Jahren. Gerhard Sawatzki ist unter ihnen. Ich habe vergessen, welcher es war.

Und auch der Roman von Viktor Klein, über die Odyssee einer Familie während der Verschleppung von der Wolga, ist verloren gegangen. Nur das erste Kapitel davon hat sein Bruder verwahrt und später aus dem Gedächtnis wieder aufgeschrieben. Das sind nur zwei der Beispiele.

Dann gibt es noch tausende unredigierte Machwerke über das Leid und das Elend, die ebenfalls auf den Regalen des besagten Archivs des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte lagern. Wer soll sie lesen?
Die unsortierten, ungestalten, unausgegorenen und doch genau so erlebten Schmerzberichte.  Eintausend Schwarzbücher auf tausendundeiner Seite. Die niemand sich antun will, nicht nur weil das Deutsch etwas fehlerhaft ist.

Sie versuchen, das zu beschreiben, was alle Worte flieht, was alle Worte verlacht, was sich jedem Gedanken entzieht. Und kleiden es in diese authentischen, möglicherweise wahren, aber unzulänglichen Worthülsen. In kollektive Nacherzählungen individuell erlittenen Schmachs – ohne jeden künstlerischen Anspruch. Aus der Seele gekotzt. Das ist nicht unbedingt das, was gefällig ist, was dazu dienlich ist, über diese Schicksale zu berichten. So fristen sie da unter dem neutralen Begriff Zeitzeugenberichte ihr Dasein.

Leere Worthülsen. Gefüllt mich echtem Leid. Wo doch die einzig wahren Hülsen in den Gewehrläufen steckten, mit denen unsere Dichter und Denker erschossen worden sind. Als Abkömmlinge eines verhassten Feindes. Als reaktionäres Gesindel oder als vermeintliche Kollaborateure in der Vernichtung Europas durch Hitler.

Gerhard Sawatzki starb jung im Lager. Viktor Klein hat es überlebt. Sein Roman blieb aber verschwunden, bis auf dieses eine Kapitel. Es geistert irgendwo im Netz.

Erinnerst du dich, lieber Dirk, was Eleonora Hummel gleich nach der Lesung gesagt hat: Wie sollen Menschen mit Sprachverlust lesen?

Wie können Menschen, denen ihre Sprache systematisch verboten wurde (quasi aus dem Maul gerissen) Romane lesen oder schreiben? So wie Sawatzki oder Klein können nicht alle schreiben. Sie sind in einer anderen Zeit und in einer anderen Welt geboren. Sie haben noch die Kontinuität der deutschen Sprache in ihren Dörfern erlebt. Später war es verboten, deutsch zu sprechen. In unserer Generation ist die Sprache in vielen Familien verloren gegangen oder hat sich in einem volkstümlichen Dialekt erhalten. Keine Schriftsprache. Geeignet nur für Schwänke. Wenn es hochkommt.

Wir sind vielleicht nur eine Stufe. Über uns werden andere hinwegschreiten, schreibend, reflektierend, lesend. Mit einem generationsgroßen Schritt. Ohne das schwere Ziehen nach unten, nach hinten zu spüren. Sie werden auf dieses leidvolle Gewirr zurückgreifen und daraus Geschichten formen. Mit einem Plot, Spannungsbögen und wohl temperierten Metaphern, die Gänsehaut erzeugen.

Wir können nur notieren. Ein paar schnelle Zeilen, mit kratzenden Stiften und krakeligen Buchstaben. In uns sitzt noch zu viel. In uns sitzen Dämonen der Trauer, der Wut und der Angst. In uns sitzen die Unzulänglichkeit und der Mangel.

Wie können Hände, frag ich dich, die grob und schwielig sind vom Kohleschleppen, vom Bäumeschlagen, zerfressen von den Lachen der Salzbergwerke, wie können diese Hände einen Stift halten oder auch nur ein Buch? Hände, denen Finger fehlen, durch Erfrierungen oder durch Unfälle im Sägewerk.

Und auch wir, die Nachgeborenen, wie können wir kühle Worte formen mit unseren unversehrten Händen? Sie toben, die Dämonen. Auch in uns. Werfen uns nieder. Sind nachts um uns, machen uns stottern. Wir bäumen uns zwar auf, aber wir können sie nicht bändigen. Sie halten uns gefangen. Versuch so einen Plot zu finden oder eine passende Metapher.

Neue Wut kommt dazu. Ausgelöst von der Ignoranz und Kälte, dem allgemeinen Unverständnis, das uns hier empfangen hat, als wir ankamen in unseren Lumpen. Wir, die Lieblinge Helmut Kohls. Nach mehr als 200 Jahren. Ja, es war ein lustiger Ausflug in ein anderes Land, ein anderes Klima. Er hat Jahrhunderte gedauert und Hundertausende Teilnehmer sind dabei verreckt. Aber wir haben was gelernt fürs Leben, nicht wahr? Und Unvergessliches erlebt. Geschichten genug für 1001 Bücher.
Wir.
Wirtschaftsflüchtlinge.
Wir, mit unserem deutschen Schäferhund.
Kohls Lieblinge, wie gesagt.
Mit unserer altmodischen Deutschtümelei.
Unserer Sehnsucht nach Heimat.
Mit unserer gebrochenen Sprache und den zerrissenen Biografien.
Wir, Ewiggestrige.
wir selbst

Ja, das stimmt. Wir sind im Gestern gefangen. Es lässt uns nicht so leicht los. Zerrt an den Kleidern, den Haaren. Hängt sich an die Waden mit seinen abgefrorenen Fingern. Haut uns seine Zahnstummel ins Fleisch. Sabbert in uns hinein, lässt Schmodderspuren zurück. Und ewiggestrig mögen unsere Texte sein. Konventionelle Form, konventioneller Inhalt. Zu schwer und zu viel Pathos. So viel zu uns.

Die Illusion, ich würde für diejenigen schreiben, die von hier sind, habe ich aufgegeben. Aber die hast du auch nicht gemeint, als du mich fragtest, für wen wollt ihr denn eigentlich schreiben?
Nein. Die ‚Hiesigen‘, wie wir sie nennen, hast du damit nicht gemeint. Denn sie lesen wohl. Sie gehen zu kulturellen Veranstaltungen. Und sie waren ja auch da, interessiert, haben Fragen gestellt.

Aber es gibt genug Menschen, diesseits und jenseits des Rheins, die uns mit Vorurteilen begegnen und von vornherein die Schotten dicht machen. Sie wollen nichts drüber wissen. Was geht sie das alles an? Dieses Klümpchen Geschichte. Aus der Seele gekotzt. Konserviert in sibirischer Kälte. Sie wollen uns am liebsten wegschieben, mitsamt unserem Gefasel von früher.

Integriert euch gefälligst und macht euch ansonsten unsichtbar. Und wehe, wenn ihr radikal werdet oder unsere Ruhe stört. Wehe, ihr fangt an, mit Messern rumzufuchteln. Erschlagt doch eure Frauen, aber lasst uns in Ruhe. Mit eurem Mimimi.

Denn sie sehen in uns das nur Fremde, wir sind nur wilde Horden aus dem fernen Osten, Mongolen, Iwans, nicht unser (hier fehlt ein Wort)
Not our kin, sagt man in England.
Aber nicht unser Blut, geht nicht.
Nicht unser Volk, geht auch nicht.
So gemeint ist es aber. Zwischen den Zeilen. Mit den Blicken. Egal ob im Feuilleton oder in der Fernfahrerkneipe. Wie kann es sein, ihr kommt doch aus dem Ausland und fordert ein, keine Ausländer zu sein? Wer seid ihr denn?

Die anderen. Anders. Eure Sprache, euer Verhalten. Jedes europäische Volk ist mir näher als die Russlanddeutschen, sagte mal eine, die es hätte besser wissen sollen. Näher als diese verarmten Möchtegern-Verwandten, diese Hinterwäldler, die aus der Zeit gefallen sind. Die aus den 50ger Jahren zu stammen scheinen. Mit ihren veralteten Werten und ihrem konservativen Gebahren. Zeitversetzt. Mit denen brauchen wir uns als aufgeklärte Bürger*innen doch nicht abzugeben.

Russlanddeutsche werden für Urukays gehalten oder Orks, dabei sind sie eher wie die Hobbits.

Die schotten sich eh ab. Sie sind doch selbst schuld, dass wir ihnen nicht die Hand reichen. Wir würden schon wollen, aber die, bleiben auf ihren Datschen. In ihren Ghettos. Trinken ihren Wodka. Hören ihre russische Mucke, zu laut, und grillen, andauernd grillen die, das ist doch nicht normal!

Sie gehen nicht aus, feiern lieber bei sich. Unter sich. Dann dieses slawische Geschnatter. Die sind komisch. Reden nur russisch. Sagen nicht mal Hallo. Konsumieren RTV und halten Putin für einen guten Mann. Was sollen wir mit denen anfangen? Sie wählen doch alle die AfD!

Am besten wäre, wenn sie dorthin zurückkehren würden, wo sie hergekommen sind. Doch das sagen uns wirklich nur die äußerst Primitiven ins Gesicht. Die anderen denken es nur oder schreiben es in die Kommentare bei Facebook.

Als ob sie etwas wissen wollen von uns. Mit unserem Beharren auf unserem Deutschsein. Befremdlich ist das, irgendwie rechtsradikal, anrüchig und falsch.

Als ob sie verstehen könnten, wie eine Identität, die dir mit Peitschenhieben eingebrannt wird, so wichtig sein kann. Wie ein Abdruck, ein permanter Sticker, der dir auf die Haut geprägt wird, so wichtig werden kann. Wie ein Bestandteil deiner selbst. Ein Anti-Tattoo, dass du dir nicht aussuchen kannst und das bis nach innen reicht. Das wird wohl ‚brandmarken‘ genannt. Fünf scharlachrote Buchstaben: Nemez – Deutscher. Die fünfte Zeile in jedem Pass: Nationalität, deutsch.

Doch das wird keiner wissen wollen. Es wurde auch genug dafür getan, es zu verschweigen. Ein blinder Fleck auch in der russischen Geschichte.

Wer soll also kommen, wenn wir eine Lesung machen, mit Geschichten über die verlorene Heimat, über unseren Wunsch, dazuzugehören. Über die vielen Leben, die nicht gelebt wurden. Wen soll es angehen? Außer diejenigen, die schon gestorben sind und diejenigen, die noch nicht geboren wurden. Wozu das Ganze?

Musikalischer Einschub: Karaganda-Kosmos

Wenn ich schon über Karaganda schreibe, dann darf ein Lied nicht fehlen. Es ist ein Chanson von Veronika Dolina über die Ausreise der Deutschen aus Kasachstan. Den Verweis darauf habe ich auch bei Ulla Lachauer gefunden.

Die Singer-Songwriterin Veronika Dolina, Anfang der 50ger in Moskau geboren, hat dieses Chanson bereits 1990 geschrieben. Und den Abschiedsschmerz der Aussiedler auf eine unnachahmliche Weise eingefangen. Lufttransport heißt es. Karaganda-Kosmos ist eine Line daraus. Wie treffend.

…Goethe hat sie vergessen, Rilke hat sie im Stich gelassen, sie lernten Russisch, Kasachisch… Karaganda–Frankfurt, Karaganda–Kosmos…

Hier die Originalversion gesungen von Veronika Dolina:

Hier ist ein Video von einem Dmitrij Sirotin von einigen Tagen ins Netz gestellt:

Ich habe es mit meinen Worten übersetzt, weil ich keine Übersetzung im Netz gefunden hab. Einfach so wortwörtlich, ohne Reim, ohne Rhythmus. Aber wenn ich es im Original höre, warum muss ich, min Cherz, weinen?

Воздушный транспорт – Lufttransport

Этот воздушный транспорт,
Тот равнодушный голос,
Караганда-Франкфурт –
С полюса на полюс.

Hier ein Luft-Transport,
Dort eine gefühllose Stimme,
Karaganda – Frankfurt –
Von einem Pol zum andern

Женщины, дети, старцы,
Рвутся в свою Итаку,
Страшно, мин херц, страшно,
Хоть и не по этапу.

Frauen, Kinder, Alte
Erstürmen ihr eigenes Itaka
ich fürcht mich, min Cherz*, ich fürchte mich
Auch wenn es nicht in die Verbannung geht
* im Original auf Deutsch gesungen.

Птичий язык вьётся
В детском чумном крике,
Их позабыл Гёте,
Бросил в беде Рильке.

Der Schrei eines Vogels ertönt
aus wunder, Kinderkehle
Goethe hat sie vergessen
Rilke hat sie in ihrem Leid alleingelassen.

Выучили казахский,
Выучили б ненецкий,
И всё это по-хозяйски,
И всё это по-немецки.

Sie erlernten das Kasachische
Sie würden auch die Sprache der Nenzen lernen
Alles tun sie wie von zuhause
Alles tun sie auf deutsche Weise

Бледные эти маски,
Скудные эти тряпки
Надо бы сбросить в Москве
На шереметьевском трапе

Bleich sind ihre Gesichter
Ärmlich sind ihre Lumpen
Man müsste sie eigentlich abwerfen
Auf der Landebahn vom Scheremetjewo

И прочитать победно
Буковки на билете.
Жили темно и бедно,
Но всё же рождались дети.

Man müsste siegesgewiss
die Buchstaben auf dem Ticket lesen.
Haben dunkel und ärmlich gelebt,
Dennoch wurden Kinder geboren

Смолкнет дурная брань, хоть
Щёлкает ещё таймер,
Караганда-Франкфурт –
Пусть улетит лайнер.

Das dumme Gekeife verstummt, nur
das Ticken der Uhr ist zu hören
Karaganda – Frankfurt
Der Jet soll endlich abfliegen

И хоть я держусь в рамках,
Но сбился и мой компас:
Караганда-Франкфурт,
Караганда-космос.

Und auch wenn ich mich zusammenreiße
ist mein Kompass vom Kurs abgekommen:
Karaganda – Frankfurt,
Karaganda – Kosmos.

Out of Karaganda

‚Ritas Leute‘ ist ein Dokuroman der Journalistin Ulla Lachauer von 2002. Karaganda und Kehl sind nur zwei der vielen Stationen der Familie Pauls, die mit dem Strom der Aussiedler nach Deutschland kommen. Die Autorin lernt die Studentin Rita Pauls Anfang der Neunziger kennen und mit ihr eine ihr fremde Welt und ein unbekanntes Stück deutscher Geschichte. Sie beschließt, die Lebenswege der Familie zurückzuverfolgen und darüber einer breiten Öffentlichkeit zu berichten. Lachauer wohnt Familienfesten bei, begleitet Rita, wenn diese als Sängerin auftritt und unterhält sich mit deren Großmutter. Die Journalistin besucht die russlanddeutsche Familie aber nicht nur in Kehl sondern reist mit Rita zu den Orten, die für die Familie von Bedeutung sind, darunter Karaganda in Kasachstan oder das ehemalige deutsche Dorf Lysanderhöh.
beautyful Karaganda at its best

In der ersten Hälfte war ich begeistert von Ulla Lachauers Buch. Es ist gut recherchiert und nah an den Menschen erzählt. Das einzige, was ich ihr vielleicht vorwerfen kann ist, dass sie die Familie Pauls zwar nicht direkt vorführt, aber als befremdliche  Exoten darstellt. Ihr Zugang zu unserem Thema erfolgt aus der Distanz, ist aber nicht despektierlich, dachte ich zunächst.

Und so früh, also schon Mitte der Neuziger hatte sich hier im Westen niemand so richtig für uns interessiert, dann kommt sie und begleitet eine junge Frau aus russlanddeutscher Familie in die verschiedenen Sphären ihrer Familiengeschichte. Nach Kasachstan in die Ukraine, nach Sibirien und auch nach Kanada.

Anfangs gibt es eine kurze Episode über den russischen Begriff Knochen waschen. (Мыть кости/косточки). An einer Stelle sagt Rita, sie war mit einer Freundin unterwegs, sie hätten „Knochen gewaschen“. Das ist eine russische Wendung und bedeutet so etwas wie Lästern, über jemanden herziehen. Im Deutschen gibt es eine ähnliche Redewendung: sich bis auf die Knochen blamieren.

Beim Lesen beschleicht mich der Eindruck, dass es keine echte Dokumentation ist, denn dafür positioniert sich die Autorin zu gern selbst zu den Neuankömmlingen und ihrer Lebensart. Sie bleibt nicht neutral und eigentich ist es ein Buch über sie selbst. Lachauer kann sich einfach nicht verkneifen zu urteilen und kann sich nicht in die Lage der Familie versetzen. Da ist Empathie, aber wir bleiben das für sie: unbegreifliche Fremdlinge. Aber ist es ein echtes Knöchelchen waschen? Wohl eher auch nicht.

Sie hat natürlich ein Recht darauf ein persönliches, nicht neutral beobachtendes Buch zu schreiben. Aber sie macht sich auch nicht die Mühe, Schlüsse zu ziehen, zwischen dem was diese Menschen erlebt haben und dem, wie sie drauf sind.

Zwischen der Autorin und ihren „Objekten“ tut sich immer mehr eine Kluft auf. Beispielsweise äußert sie sich fast beleidigt über das Desinteresse der russlanddeutschen Familie am Fall der Berliner Mauer 1989. Sie leben in ihrem eigene Universum und nehmen kaum Notiz davon. Das verübelt sie Ihnen sehr.
Erst habe ich es nicht glauben, dann nicht wahrhaben wollen, aber es ist so, bis heute: der dramatische, unblutige Zusammenbruch der Nachkriegsordnung ist für sie nebensächlich! Darin liegt – für mich – die schockierendste aller Fremdheiten zwischen den Pauls und mir. […], dass sie das Überwältigende, mit dem sie existenziell durch ihre Ausreise, verbunden sind, nicht mitdenken und mitempfinden können. Ich werde mich an diesen Herbst 1989 zeitlebens nicht ohne Herzklopfen erinnern können. S. 238

So what, sind die Pauls nicht erst 1989 ausgewandert? Dann haben sie sicher andere Sachen im Kopf gehabt als den Fall der Mauer. Und ich erinnere mich, politisch haben wir in der ersten Zeit auch wie unter einer Glocke gelebt. Nicht wie mündige Bürger, die sich aus Zeitung und TV über das Weltgeschehen informieren und es vor allem ständig kommentieren. Es wurden Manty gemacht. Es wurde sich getroffen. Deutschkurse besucht. Sich an die Bürokratie gewöhnt. Auch unsere Welt war überschaubar und schloss globale Ereignisse von weltbewegender Bedeutung aus.

An einer anderen Stelle fragt Lachauer, welchen Bezug die Russlanddeutschen zur Heimat hätten. Und wenn, dann wäre deren Heimat doch eindeutig an der Wolga. Was eher naiv und kurz gedacht ist und nicht für alle zutreffen kann. Diese und andere Bemerkungen führen sicher nicht dazu, dass dieses Buch von der community akzeptiert wird.

Vor Jahren muss ich das Buch schon einmal gelesen haben. Ich erinnere mich an die Bilder. Jedoch konnte ich damals mit dem Inhalt wohl nicht so viel anfangen. So lese ich es dieses Jahr wie zum ersten Mal. Gut, es ist überarbeitet, aber die Ausgabe von heute ist identisch mit meinem Taschenbuch von 2002.

Ich finde den geschichtlichen Rahmen, das Forschen nach der Verwandtschaft und was sie an den Orten wiederfinden höchst aufschlussreich. Vieles davon war selbst mir unbekannt.
Einiges war mir geläufig:

Die ersten Karagandiner waren Erdmenschen …S.129

Das soll bedeuten, die Verbannten, nicht nur Deutsche, wurden in der Steppe ausgesetzt, ohne Häuser, ohne Zelte oder Baracken. Sie haben sich Erdhütten gebuddelt und die erste Zeit unter der Erde gelebt.

So beschreibt sie die Entstehung und Entwicklung der Stadt Karaganda, die Zivil- und Kriegsgefangene in der kasachischen Steppe praktisch aus dem Nichts heraus gestampft haben. Sie lässt die Großmutter aus der Zeit nach der Revolution erzählen und vermittelt mir ein reiches Bild in einer deutschen Siedlung in diesen bewegten Zeiten. Vieles ist gut beobachtet, bis in die abweichenden Redewendungen und andere Sprachliche Blüten Ritas und ihrer Sippe.

wir sind anders – und unsere Tomaten auch. Karaganda

‚Karaganda‘ ist übrigens auch eine Tomatensorte. Im Buch geht es viel um Tomaten von dort. Ritas Mutter schafft es, eine Fleischtomate aus Kasachstan in Kehl heimisch zu machen.

Wie gesagt spätestens ab der Mitte des Buches, blieb beim Lesen ein schaler Nachgeschmack zurück. Besonders in der Art, in der sie uns als Gruppe bewertet. Distanziert freundlich, aber wie etwas gänzlich Fremdartiges. Wie Käfer in einem Reagenzglas.

Schon auf Seite 16 schreibt die Autorin über die „russische Nachtigall“, wie sie Rita nennt:

Bei aller Zuneigung blieb eine gegenseitige Scheu, das Bewusstsein des Ungewöhnlichen. Mein Mann und ich waren die einzigen „richtigen Deutschen“, mit denen Rita und Irene [eine Freundin] verkehrten. Sie waren die einzigen Russlanddeutschen, mit denen wir verkehrten.

Dabei beteuert Lachauer bei einem Interview in der Vereinszeitschrift der Landsmannschaft im Jahre 2004, sie möchte folgendes weitergeben, nämlich‚ dass es DIE Russlanddeutschen nicht gibt, sondern eine ungewöhnliche Vielzahl von Herkünften, Verhaltensweisen in der Sowjetzeit, Ausreisemotiven etc. Warum sie zu uns gehören, obwohl sie fast 200 Jahre in russischen Kontexten gelebt haben und viele die Sprache und Kultur ihrer deutschen Vorfahren verloren haben. Es geht darum, sich ganz konkret vorzustellen, was den Deutschen dort in der Stalin-Zeit widerfahren ist.‘

Sie plädiert für mehr ‚Verständnis für das Leben unter dieser östlichen Diktatur, den Alltag z.B. in einem Kolchos. Und natürlich sind solche Defizite nicht von heute auf morgen zu bewältigen, das ist eine Riesenherausforderung, das dauert, man braucht viel Geduld.‘

Um im selben Jahr genau diese Vereins-Zeitschrift in einem Artikel in DER ZEIT so vorzuführen: Im redaktionellen Teil von ‚Volk auf dem Weg‘ – der Titel nimmt Bezug auf die historische Wanderschaft – geht es um anderes. Im Wesentlichen um drei Punkte: 1. Wir sind deutsch! 2. Wir haben gelitten! 3. Wir bringen mehr ein, als wir kosten! Allmonatlich dieselbe Litanei, manchmal zornig, manchmal auch wie ein Schrei. Alles ist richtig und zugleich wirklichkeitsblind.

Sie scheint eine der wenigen zu sein, die diese Rückwärtsgewandtheit und das Pochen auf die nationale Zugehörigkeit so früh kritisiert hatte, die der LmDR und vielen ihrer Landsmänner eigen ist.  Was stört mich daran? Auch mich befremdet das ewige Pochen auf die nationale Zugehörigkeit und ich habe die ewige Opferrolle ebenfalls satt.

Aber es ist wohl nicht ganz so einfach. Außerdem sind in der jüngeren Generation andere Themen und andere Befindlichkeiten aufgetaucht. Die Beobachtungen von 2004 treffen nicht mehr in allen Punkten zu.

Als ich meinem Vater mein Exemplar des Buches zu lesen gab, hat er sich doch sehr aufgeregt über die Überheblichkeit der West-Autorin. Er fühlte sich schlicht verkannt. Nicht alle seien so, wie sie sie beschreibt. Das waren seine Worte. Sie hat sich eine einfach Familie herausgepickt, die auch in der Sowjetuinion unpolitisch war und erwartet, dass sie sich für so ein Ereignis wie die Wiedervereinigung mehr interessieren als die Setzlinge in ihrem Garten.

Auf jeden Fall ist das Buch ‚Ritas Leute‘ wohl eher nichts für die ältere Generation. Aber eine ausführliche Einführung in die Wanderungen der Russlanddeutschen und ein Bild davon, wie es war, als so viele von ihnen Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger nach Deutschland gekommen sind. Gefahr eines zu hohen Blutdrucks!

Die Pauls sind mit Häuschen und Garten, mit Oma und russischem Tante-Emma-Laden sicher eine Vorzeigefamilie. Was wäre passiert, wenn ich 1993 eine Autorin wie Ulla Lachauer getroffen und die sich für unsere Geschichte interessiert hätte? Welche Knöchelchen hätte sie bei uns gefunden?

Und was Rita Pauls betrifft, ich würde ja gern wissen, was sie heute so macht. Ihre digitale Spur verliert sich nach 2012. Ich würde sie fragen, wie sie das empfunden hat, dass Ulla Lachauer so über die Familie geschrieben hat. Das Verhältnis zu der Journalistin scheint seit 2004 sichtlich abgekühlt, sie hat sich anderen Themen zugewandt – nicht mehr über uns Erdmenschen geschrieben. Ob Rita immer noch singt?

Ulla Lachauer

Ritas Leute

Eine deutsch-russische Familiengeschichte

Rowohlt Verlag, Reinbek 2002
ISBN 9783498039103
Gebunden, 432 Seiten, 19,90 EUR

Spruch der Woche: Seelen aus Glas

Großer Bruder, was ist denn die Seele? Nichts?
Ist sie vielleicht wie Glas?
Glas ist durchsichtig und bricht leicht. Das ist einfach so. Man muss vorsichtig sein, wenn man einen Gegenstand aus Glas berührt. Wenn er Risse bekommt oder bricht, dann kann man ihn nicht mehr benutzen und muss ihn wegwerfen.
Früher gab es Glas, das nicht zerbrach. Es war durchsichtig und trotzdem stabil. Da musste man gar nicht nachprüfen, aus was es gemacht war.
Aber wir haben bewiesen, dass wir eine Seele besitzen, in dem wir uns zerstören ließen. Wir haben gezeigt, dass wir aus echtem Glas sind.

Han Kang, Menschenwerk, Seite 129, 2014 in Korea erschienen,
2017 in deutscher Sprache  im Aufbau Verlag

by candi fitzpatrick, McMurdo Alternative Art Gallery (MAAG) McMurdo Station Antarctica, January 2007

Han Kang webt in ihrem Roman Geschichten um einen Aufstand in einer südkoreanischen Stadt im Mai 1980 als eine Militärjunta eine Studenten- und Arbeiterrevolte gewaltsam niederschlug. Sie beschreibt dieses uns  wenig bekannte Kapitel asiatischer Geschichte auf so eindringliche Weise aber dann wieder so abwesend poetisch, dass es unwirklich-klarsichtige Züge bekommt. Wie ein Klartraum oder ein Stück Überrealität. Sie zeigt, wie Menschen durch Gewalterfahrung zerstört werden, aber auch wie sie in Zeiten heftiger Aufruhr über sich hinauswachsen.

Korea bildet zwar nicht unbedingt den Fokus dieses Blogs, aber die Erfahrung von staatlicher Gewalt und ihrer Wirkung auf diejenigen, die sie durchleben und ihr weiteres Leben sind universell. 2016 hat die Autorin  mit ihrem Roman „Die Vegetarierin“  für Furore gesorgt, mit dieser Hommage an die Opfer der Gewaltexzesse in Gwanju hat sie ein großartiges Werk vorgelegt. Darin lotet Kang aus der Sicht von sechs unterschiedlich Beteiligten die tiefen Unwasser aus, in die Menschen geraten, wenn sie mit programmatischer Gewalt in Berührung kommen.

Der Roman berührt, doch wie kann sie nur auf poetische Weise über so unsagbare Dinge schreiben? Aber wie anders sollte sie es tun?

In einem Epilog beschreibt Kang, wie sie zu diesem Stoff gekommen ist. Als Kind hat sie ein Erwachsenengespräch belauscht, darin ging es um die Nachmieter der Familie in besagtem Gwangju und deren halbwüchsigen Sohn, der in der Zeit des Aufstandes verschwand. Aus diesem persönlichen Anknüpfungspunkt heraus geht sie auf Spurensuche und erzählt die Geschichte des 15-jährigen Dong-Ho und des Geschwisterpaares aus dem Anbau des Hauses und drei weiteren Beteiligten. Die Basis des Romans bilden also reale Personen und ihre Erlebnisse.

HAN KANG
Menschenwerk, Aufbauverlag, 2017, € 20,-

In der Opferrolle – Der Thriller ‚Auf einmal‘ von Asli Özge

In Asli Özges Thriller von 2016 ist das Opfer eine Russlanddeutsche.

Nach einer Party bleibt Anna allein mit dem Gastgeber zurück. Sie rauchen gemeinsam auf dem Balkon, küssen sich. Auf einmal geht es der jungen Frau nicht gut. Sie fällt wie leblos hin. Karsten, der Gastgeber der Party, läuft in Panik zu einer nahegelegenen Klinik, doch diese ist geschlossen. Er hastet zurück, ruft den Notdienst, doch es ist bereits zu spät. Anna ist tot.

Natalia Belitski, die unter anderem eine Hauptrolle in dem Film Poka -heißt Tschüss auf Russisch zu sehen war, spielt hier die kurze aber prägnante Rolle der Anna. Sie lacht auf, sie hustet hinter vorgehaltener Hand – wir hören sie kein einziges Mal auch nur ein Wort sprechen in den 3 bis 4 Minuten, die ihr Auftritt dauert.

Ein Kunstgriff der Regisseurin. Ich wusste, bevor ich den Film sah, dass sie aus Russland kommt. Daher habe ich den Film angeschaut. Aber die anderen Zuschauer*innen werden anfangs darüber im Unklaren gelassen. Erst allmählich kristallisieren sich Dinge heraus. Dass sie sich selbst auf die Party eingeschlichen hatte, dass sie im Grunde niemand kannte, dass sie eine Deutsche aus Russland war, die einen Mann und ein kleines Kind hatte.

Die ganzen Ungereimtheiten und Unwahrscheinlichkeiten des Falles, der Prozess und der Verdacht, er wäre für ihren plötzlichen Tod verantwortlich, brechen dem Protagonisten Karsten (Sebastian Hülk) fast den Hals. Sie kosten ihn fast seine Stellung und seine Freunde. Auch Laura, die Frau mit der er zusammenlebt und die zum fraglichen Zeitpunkt auf Geschäftsreise war, kommt mit der Situation nicht klar.

Natalia Belitski als Anna. Als alle Gäste gegangen sind, stirbt sie ohne ersichtlichen Grund. Was ist da passiert?

Im Grunde geht es aber weniger um die Familie und Umfeld des Opfers – die sind austauschbar. Es hätte jede Gruppe sein können, die zugewandert ist, in prekären Verhältnissen lebt, in der die Strukturen patriarchal bestimmt sind und die Frauen früh heiraten und Kinder bekommen.

Der Film ist also keine Studie über Russlanddeutsche, sondern zeichnet ein genaues Panorama einer bestimmten Gesellschaftsschicht in einer unbestimmten deutschen Kleinstadt wenn ein undurchsichtiges und krisenhaftes Ereignis eintritt.

Dieses kustvolle Werk wird langsam erzählt, die Musik sparsam eingesetzt, die Bilder sind intensiv. Oft bestimmt bedrückendes Schweigen die Szenerie. Altena, die Kleinstadt, in der dieser Film situiert ist, mit den hügeligen und herbstlich gefärbten Wäldern, spielt mindestens eine ebenso  eindrückliche Rolle darin wie die menschlichen Darstellerinnen und Darsteller. Der Thriller entspricht nicht dem bekannten Tatort-Schema: Leiche, Suche, Aufklärung. Es taucht auch kein einziger Kommissar auf! In Feuilletons und auf Festivals wurde Auf einmal hoch gelobt. Wahrscheinlich dient er nicht dazu, den Krimi-Allerweltsgeschmack zu bedienen. Zu sperrig. Zu detailversponnen. Es passiert zu viel auf der psychologischen Ebene. Arthouse eben.

Mich hat er vor allem wegen seiner Darstellung der Russlanddeutschen gereizt.

Seine Versuche, Russisch zu vernuscheln zeigen deutlich, dass Sascha Alexander Geršak, der den Eheman der Toten spielt, kein echter Russlanddeutscher ist. Dennoch kommt er in der Rolle als Fabrikarbeiter Andrej ganz authentisch rüber, als Karsten ihn in seiner rumpeligen Wohnung am Rande von Schloten und Fabriksilohs besucht.

Karsten: Ich hab gar nicht gewusst, dass Anna aus Russland ist. Man hats überhaupt nicht mehr gehört.

Andrej: Anna hat sich immer große Mühe gegeben, um den Akzent loszuwerden. Als sie nach Deutschland kamen, haben sich ihre Klassenkameraden immer lustig über sie gemacht.

K: Und Sie? Sind Sie später hierher gekommen?

A: Wieso?

K: Naja, weil bei Ihnen merkt man irgendwie gleich, dass Sie nicht von hier sind.

A: Bist du von der Ausländerbehörde oder was?

Zugegeben, diese Reaktion und dieser Begriff könnte original von einem stammen, der türkische oder kroatische oder albanische Wurzeln hat. Ein Deutscher aus Russland würde sich an dieser Stelle wahrscheinlich auf seinen Stammbaum und die in der Sowjetzeit verbotene Muttersprache berufen. Dennoch werden die RD hier nicht klischeehaft überzeichnet sondern respektvoll  und ein wenig aus der Distanz dargestellt. Aber eben als im Elend hausende Underdogs. Wie gesagt, wichtig ist im Film die Mehrheitsgesellschaft und die Kritik an ihr. Özge wurde in Istambul geboren und lebt schon lange in Berlin, hat also selbst Migrationshintergrund und gehört hier einer Minderheit an. Ihr Blick auf die Mehrheitsgesellschaft ist schonungslos und sehr genau.

Szenen wie das Abendessen bei Karstens Eltern sprechen Bände.

Im April lief der Film auf ARTE, er hat wie gesagt, im Feuilleton und auf Festivals ganz gute Kritiken eingeheimst. Das Drehbuch basiert übrigens auf einem Fall, der sich vor einigen Jahren in Wirklichkeit abgespielt hat. Eine junge Frau verstarb 2008 aus unerklärlichen Gründen auf einem Fest unter nicht geklärten Umständen und ohne Anzeichen von Gewalt – sie hatte aber türkische Wurzeln.

Meine übliche Kritik, dass Russlanddeutsche in der deutschen Gesellschaft/den Medien nicht vorkommen und wenn, dann nur negativ konnotiert als AfDler oder Maffiosi, bewahrheitet sich also nicht mehr. Ich will später noch andere Romane oder Filme vorstellen, die von Nicht-Russlanddeutschen geschaffen wurden und in denen diese Gruppe eine Rolle spielt. Hoffentlich nicht immer die des Opfers.

The Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=qwBFXi8hlYc

Spruch der Woche – Wo kommst du denn her?

Gespräch im Flur einer Wohngemeinschaft, im Hintergrund Partymusik, Stimmen.

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern geschieden?

  • Hä?

  • Naja, ich habe mir vorgenommen auf die Frage Wo-kommst-du-denn-her jedes Mal mit der Frage zu antworten, sind deine Eltern geschieden. Also, bist du ein Scheidungskind?

  • Was soll das? Ich habe dich doch nicht angreifen wollen. Was bist du empfindlich.

  • Ich bins nur leid. Oder hast du jemals ein gutes Gespräch erlebt, das mit dieser Frage eröffnet wird?

  • Aber sie ist doch ganz harmlos, ich habe doch nur…

  • …eine Schublade geöffnet, mich hineingesteckt, die Schublade wieder zugemacht. Hast nur meinen Akzent gehört und wolltest zementieren, dass wir nicht die gleiche Luft atmen.

  • Aber ich war wirklich neugierig.

  • Wirklich? Und wenn ich keine Lust habe mit jedem Hinz und Kunz über meine Herkunft zu sprechen? Bestimmt gehörst du zu denjenigen, die eine große Person fragen: Sag mal, hast du nicht Probleme damit ein Bett zu finden, das groß genug ist? Und die sich dabei besonders originell vorkommen.

  • Ach, weißt du was, du hast einfach keinen Bock, dich mit mir zu unterhalten. Ich geh mal Richtung Küche.

  • Und Tschüss.

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern zufällig geschieden?

  • Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

  • Beides Fragen, die zur Eröffnung eines Gesprächs scheiße sind.

  • Alter, du bist ja ganz schön spaßbefreit.

  • Und Tschüss.

 

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern zufällig geschieden?

  • Woher weißt du das? Kennen wir uns?

  • Nein. Noch kennen wir uns nicht.

  • Hast du es mir angesehen oder was?

  • Hast du es mir angehört, dass ich nicht von hier komme, oder was?

  • Ja, schon. Irgendwie. Bist du denn deutsch?

  • Sehe ich so aus?

  • Nun, du siehst eher so südosteuropäisch aus. Mit den dunklen Haaren und so.

  • Und du fragst alle Dunkelhaarigen aus welcher Ecke Südosteuropas sie kommen, ja?

  • Äh, weißt du was, das ist mir jetzt zu bunt.

  • Und Tschüss

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du eigentlich her?

  • Aus Altona.

  • Nein, ich mein, wo kommst du ursprünglich her? Oder deine Eltern.

  • Und du?

  • Ich bin von hier. Ich wollte dich jetzt nicht beleidigen oder so. Ich war einfach neugierig. Und? Wo kommst du denn nun her?

  • Sind deine Eltern geschieden?

  • Dann eben nicht.

  • Und Tschüss.

Halbe Stunde später:

  • Und du, wo kommst du denn her? Irgendwo aus dem Osten, stimmts? Polen? Russland? Ich hab ein Ohr für sowas.

  • Sind deine Eltern eigentlich geschieden? Ich hab ein Auge für sowas.

  • Hey, nicht gleich beleidigt sein. Ich wollt nur freundlich sein, das ist alles.

  • Dann sag doch, deine Bluse gefällt mir, oder so.

  • Damit du gleich konterst, ich sei sexistisch? Ich bin doch nicht blöd.

  • Da hast du recht. Das geht nicht. Kennst du keine besseren Fragen? Woher kennst du Paul?  Wäre doch eine Option.

  • Und woher kennst du Paul?

  • Wir haben uns beim Studium kennengelernt. Slawistik.

  • Siehst du, wusst ichs doch. Irgendwas mit Polen oder Russland. Du kommst doch von da, oder?

  • Schönes Hemd!

  • Häh?

  • Und Tschüss.