I’m a British man in – Moskow

Es gibt Bücher über Russland, die werden geschrieben mit Liebe und Respekt, aber sie sollten nicht von Leuten gelesen werden, die ein wenig Ahnung haben von diesem Land und seiner Geschichte. So ein Buch ist ‚Ein Gentleman in Moskau‘ des Amerikaners Amor Towles. Es ist letztes Jahr auf den deutschen Markt gekommen.

Gut erzählte Story, gefühlig, hat aber mit der Realität eines Moskau nach der Oktoberrevolution so wenig zu tun wie Wassermelonen mit Fellkapuzen.

Super Roman. Wie gesagt. Nur könnte er genau so gut auf dem Mars spielen. Statt dessen spielt er in einem Luxushotel, wo ein irgendwie französischstämmiger Küchenchef die erlesensten Speisen auf die Goldrandteller zaubert (mit passenden Weinen in passenden Kelchen dazu), während die Hungersnot weite Flächen des Riesenlandes durchflutet. Der Maitre muss nur ein bisschen improvisieren und Hühnchen nehmen statt Rind. Die Zeiten haben sich eben geändert.

Die Rahmenhandlung: Nach der Oktoberrevolution kehrt Graf Rostow aus dem Ausland an die Newa zurück und wird – o Wunder, nicht hingerichtet. Er kommt auch nicht ins Gefängnis oder in ein Lager, sondern ins Metropol unter der Bedingung, dass er das Luxushotel nicht verlässt.

In diesem Kammerspiel trifft er auf verschiedene Gäste und erlebt kleine poetische Abenteuer. Innerhalb der Hotelmauern selbstverständlich. Er ist ja eingeschlossen, kann aber tun und lassen was er will und wird nicht überwacht. Die haben ihn wohl vergessen. Naja, war ja auch so viel los damals.

Unbehelligt schickt er Boten durch Moskau, empfängt alte Freunde, hängt philosophischen Vergleichen nach und liest die Essays von Montaigne.

Nicht wenige Clischés werden bedient. Troikas und Schnee und schöne Damen mit Jagdhunden und klirrende Gläser. Ja, Poet-Revoluzionäre, die bei einer Sitzung Gläser vor Begeisterung zerwerfen. Woher kommt bloß diese unausrottbare Idee, die es nur im Westen gibt, dass alle Russen Gläser an die Wand werfen? Skandal!

Huch! Ai verbibscht!

Die Manieren der Grafen sind vortrefflich. Er hat nie jemandem was Böses getan. Behandelt alle Bediensteten mit Respekt. (Wieso wurde die herrschende Klasse in Russland gleich abgeschafft, wenn die alle so gut waren?) Der Graf wird, trotz seiner aristokratischen Herkunft, also respektvoll behandelt, als gäbe es nicht die Umwälzung. Der Terror passiert in den Fußnoten. Nicht in den teppichausgelegten Fluren des Metropol.

Der adlige Protagonist besitzt noch einen ganzen Batzen Gold, so gut versteckt, dass die Bolschewiken nie im Leben drauf kommen. Die sind so doof. Proleten halt. So kann er speisen, und seinen Bart stutzen lassen und führt ein gemächliches Leben, bis…

Diese Geschichte ist so konstruiert, dass sogar die schönen überraschenden Begegnungen und herzerwärmenden Wendungen an mir abprallen, wie Gläser an der Wand.

Der Autor Amor Towles soll ein Händchen für historische Stoffe haben, aber das revolutionäre Russland hat er nicht verstanden. Moskau und die Ereignisse sind nur gemalte Kulisse. Vielleicht wäre es leichter gewesen, das Metropol nach London zu versetzen. Oder nach Manhattan der 20ger Jahre?
Oder nach Bangkok. Oder in eine entfernte britische Ex-Kolonie.

Dem Grafen Rostow vor Weihnachten Dickens Klassiker mit Ebenezer Srcooge als Lektüre zu verpassen, ist ja das reine Aufstülpen seiner eigenen Kultur auf eine andere, mein Bester Towles! Unverzeihlich, ich muss schon sagen. Passiert Ihnen an einigen Stellen. Waren Sie überhaupt schon mal in Russland? Zu Sowjetzeiten? Mal drüber gelesen, wie das so war?

Oder kann sich jemand vorstellen, dass eine Schauspielerin 1922 alle ihre Pariser Seidenklamotten (wo hat sie die denn her?) voller Wucht aus dem Fenster der Hotelsuite wirft, stundenlang heult, bis sie sich beruhigt hat und dann seelenruhig runtersteigt, um sie alle wieder aufzusammeln? Vielleicht in einem Dorf in Nord-Schweden, wo auch die Räder nicht abgeschlossen werden.

Aber ansonsten, gut geschrieben. Nur hätte er in seinem Kulturkreis bleiben sollen. Nun. In gewisser Weise ist er das auch.

Zitat:
‚Wer hätte damals geglaubt, als du zu Hausarrest im Metropol verurteilt wurdest, dass du eines Tages der glücklichste Mensch Russlands sein würdest?‘

Wie makaber. Fragt die Kinder von deutschen Kominternmitarbeitern, die im Hotel Lux eingesperrt leben mussten. Die würden ganz andere Dinge erzählen als dieser Gentleman.

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Aus der Tiefe

Es liegen Worte auf dem Grund. Pro Mensch ein Satz oder zwei. Wie im tiefen Wasser liegen sie, die meiste Zeit bleiben sie unerkannt. Sie sind vergraben im Sand oder Schlick. Doch es kann passieren, dass etwas sie nach oben schwemmt, etwas Aufwühlendes, das die Oberfläche berührt und tiefer geht. Dann werden sie aufgewirbelt, steigen in Spiralen hoch und kommen ans Licht.

Neulich war ich dabei, wie so ein Satz empor kam. Wir saßen mit meiner Tante am Tisch, redeten von früher und sie sagte plötzlich zu uns: Ich habe nie eine Kindheit gehabt.

Und aus ihren Augen sprach ein acht Jahre altes Mädchen.

Mit acht, als ihre Mutter starb, musste sie mit einem Schlag erwachsen werden. Von der ersten Minute an wurde sie zu den Tätigkeiten herangezogen, die erwachsene Frauen in einem Haushalt üblicherweise verrichten. Bei der Stiefmutter sollte sie für neun Leute kochen, putzen, Wäsche waschen, natürlich mit der Hand. Auch die mit Maschinenöl verschmutzten Lappen auswaschen, die der Vater von der Arbeit mitbrachte.

„Und stopfen. Man war ja arm, da konnte man nicht immer alles neu kaufen,“ erzählte sie. Alles wurde ausgebessert und gestopft. Socken, Bettwäsche, Hemden, Kleider. Alles. Und so saß sie da.
Einmal durfte sie sogar nicht zu der Beerdigung eines Schulfreundes raus, der im Schwimmbad ertrunken war. Ssenjka Antonow, einer der Zwillinge, war tot und sie musste zuhause sitzen und stopfen.

„Sobald ich erwachsen war, habe ich nie wieder auch nur eine Socke gestopft,“ erzählte sie weiter. „Ich schmeiß die Sachen alle gleich weg, wenn sie kaputt sind.“

Ich habe nie eine Kindheit gehabt – ist so ein Satz aus der Tiefe. Wie ein Faden durchdringt er alle Lebenslagen, zieht sich durch die Stoffe und Muster, die das Leben bereithält. Stört die Farbgebung, lenkt vom Eigentlichen ab, durchsetzt alles. Überschattet die glücklichsten Momente.

Zwei andere Sätze, die unten verborgen lagen: niemand will uns haben, wir gehören nirgends hin. Zwei Satzhälften, durch ein Komma getrennt. Auch so ein Rhythmus, der alles übertönt. Der als kaum wahrnehmbarer, aber durchdringender Tinnitus immer im Ohr mitschwingt.

Es sind die Sätze meines Vaters.

Ich sah ihn, einen erwachsenen Mann, auf einmal aufschluchzen. Er las gerade einen Text des Dichters Alexander Schmidt, in dem es um Heimat und Verlust ging, in dem der Protagonist in die jetzt fremde Heimat zurückgefahren ist. Der Autor schreibt im letzten Absatz: Selig sind die Vertriebenen…, die alles verlieren, die Heimat, das Haus, die Gräber der Ahnen. […]Nur eins bleibt, Großmutters Gebet. Nur ein Wort.

Darüber wimmerte mein Vater laut auf, schüttelte sich und brachte die Sätze heraus: Wir gehören nirgends hin, niemand will uns haben.

Er wurde wieder zu dem kleinen Jungen, der von überall weg musste, für den es kein Ankommen gab, gefühlt bis heute nicht gibt. Wir gehören nirgends hin, schluchzte der, der fast 16 Mal so alt war, wie der kleine Junge von damals und wischte sich die Träne aus dem Augenwinkel. Mit der Geste eines Kindes.

Was ist wohl mein Satz? Was liegt bei mir auf dem Grund?

 

Ein paar eingeritzte Buchstaben

Zwei unbeholfen eingeritzte Buchstaben auf einem Klappmesser deuten auf ein Geheimnis hin, dem die Protagonistin von Eleonora Hummels Roman „Die Fische von Berlin“ auf die Spur kommt.

Familie Schmidt lebt in Kasachstan und steht kurz vor der Ausreise nach Deutschland. Ihre jüngste Tochter Alina verbringt viel Zeit mit ihrem Großvater, mit dem sie ein besonderes Band verbindet.

„Was hast du mit dem Großvater zu tuscheln?“ fragte Großmutter mit ihrer erzieherischen Stimme.
„Wir tuscheln nicht. Er erzählt mir von seiner Jugend.“
„Von seiner Jugend gibt’s nichts zu erzählen.“

Doch Alina lässt nicht locker und erfährt nach und nach, was es mit den Fischen von Berlin auf sich hat und welches Familiengeheimnis sich hinter dem Messer verbirgt, das der Großvater stets bei sich trägt. Sie taucht tief in die Odyssee ihrer russlanddeutschen Familie ein. Dabei findet sie ein Fotoalbum auf einem Dachboden und beobachtet, wie sich ihre Schwester von einem Fastmatrosen den Kopf verdrehen lässt.

Berlin: Angler an der Friedrichsgracht. Foto: Rudolph 21.4.1949

Aufreihen von Tatsachen oder künstlerischer Ausdruck?

Eleonora Hummels Romandebüt von 2005 kommt daher wie ein autobiografischer Bericht. Aber anders als viele Bücher der Erinnerungs- und Erlebnisliteratur hat die Autorin ein Werk geschaffen, das eigenständig ist und sich über die reine Erfahrung erhebt.

In einem Interview von 1979 spricht Regisseur Andrej Tarkowskij darüber, welchen Einfluss die Kindheit auf das Leben eines schöpferischen Menschen haben kann. Dass es eine wichtige Erfahrung ist und dass eine intensive Kindheit ausreicht, um Stoff für viele Werke zu bilden. Er sagt aber auch, dass es keine Kunst sei, die Erlebnisse eins zu eins zu erzählen. Sie brauchen ein transformatorisches Moment, eine Verdichtung in der Sprache oder eine Form, die aus der erlebten Geschichte einen Film oder einen Roman macht.

Der Autorin gelingt genau das. Sie benutzt die Familienanekdoten, die sich in den Schicksalen der Deutschen aus Russland in vielen Punkten gleichen und macht etwas daraus, das über das Offensichtliche hinaus geht.

Manchmal habe ich den Eindruck, unsere Leute sind getrieben, die schweren Schicksale in Worte zu kleiden, damit die Erinnerung nicht verlorengeht. Es ist wie ein innerer Auftrag und diese Autoren und Autorinnen fangen oft mit der Geschichte der eigenen Familie an. Aus der Aneinanderreihung von echten Erlebnissen und Anekdoten entsteht dann häufig nicht mehr als eine ausführliche Familienchronik. Viele dieser Bücher wirken so, als seien sie aus einer Opferhaltung geschrieben, sie verzichten nicht auf ein gewisses Selbstmitleid oder haben einen vorwurfsvollen Ton. Was hier angeklagt wird, das Schicksal oder die ignorante Leserschaft, kann man nicht immer deuten.

Der Roman von Eleonora Hummel steht in angenehmen Konstrast zu diesen Erlebnisbiografien, die zweifelsohne ihre historische und therapeutische Berechtigung haben.

Sie schafft es, in ihrem Erstlingswerk Dinge auszusprechen, die oft schwer auszuhalten sind. Es ist schon harter Tobak, den sie wenn nicht direkt leicht, aber in einer schnörkellosen Sprache leichthin erzählt. Sie verdichtet viel und bereits hier ist ihr typischer, lakonisch-zielsicherer Stil zu spüren. Eleonora Hummel beherrscht die Kunst der Andeutungen, kann vieles ungesagt lassen oder zwischen den Zeilen verstecken. Mit Auslassungen und kühlen Untertreibungen lässt sie uns die Zeit dennoch in ihrer ganzen Härte spüren.

Hier einige Erinnerungen von Alinas Großvater in der Zeit des zweiten Weltkrieges:

Mutter erschien mir so klein und zart in ihrem schwarzen Kleid, dass ich nicht wagte, sie in den Arm zu nehmen. Wir nahmen uns nie in den Arm. Im Dorf hatte man andere Dinge zu tun. S 120

Hinter ihr stand meine Schwester, die die Frau eines Volksfeinds war. Sie legte ihr schwarzes Kopftuch zusammen, das gefaltet aussah wie die Flügel eines Raben. S120

Bevor ich zum Mobilisieren ging, gab ich Mutter die paar Münzen, die noch in meiner Hosentasche waren. „Nimm sie für eine neue Kuh“, sagte ich. Sie stand regungslos da, ich drückte ihre Hand auseinander und legte die Münzen hinein. So blieb sie stehen, die Münzen in der offenen Hand und neben ihr der kläffende Hund, den man ihr statt der Kinder gelassen hatte. S121

Von der Thematik, von der geschichtlichen Verankerung hat es ein wenig mit dem Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ von Markus Berges gemein. Sprachlich besitzt das Buch eine ganz eigene Kraft und auch die Umsetzung unterscheidet sich. Es ist deutlich zu merken, dass da nicht eine Schriftstellerin aus der Distanz ein Thema betrachtet, das sie sorgsam in Archiven recherchiert hat oder aus Erzählungen kennt. Sie hat das sowjetische Schulsystem selbst erlebt und kennt Menschen und Gegebenheiten aus persönlicher Erfahrung.

Die Autorin pickt beispielhaft die Geschichte einer deutschen Familie aus Russland aus. Letztendlich ist es aber unser aller Geschichte. Sie hätte so zumindest sein können. Es ist ein schwerer Stoff, der leicht mit knappen, treffenden Worten ohne viele Schnörkel erzählt wird. Das nimmt ihm zwar nicht seine Tragik, ermöglicht es uns aber das Erzählte überhaupt aufzunehmen. Hin und her Getriebene Menschen. Das Schweigen der Älteren. Das alles kennen wir Deutschen aus Russland nur zur genüge. Und auch lang verschüttete Geheimnisse, die aus heiterem Himmel auftauchen, weil sich jemand plötzlich erinnert.


Eleonora Hummel

Die Fische von Berlin
Steidl Verlag, Göttingen 2005
223 Seiten, € 18.00

SüßwaCCER – poetische Parabel über das Ankommen

Ein Junge und sein Fisch. Dieser Kurzfilm ist eine gelungene poetische Umsetzung der Themen Fremdsein und Ankommen am Beispiel eines Aussiedlerkindes. Vor ca 10 Jahren hat ihn der Animationskünstler Viktor Stickel als Abschlussarbeit an der Akademie für Mediendesign in Ravensburg vorgestellt.

„Süßwaccep – ein Kurzfilm zum Thema Migration und Integration“ – 2008

Frost im Frühling – Erzählungen von Rūdolfs Blaumanis

Um die Mittagszeit fahre ich mit dem Rad öfter an einem Laden vorbei, so wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Ein Briefmarkengeschäft, bei dem die Auslage mit Staub bedeckt ist und dessen Besitzer, ein Gerhard Schröder, schon vor Jahren angekündigt hat, aufzuhören. Innen stapeln sich Kartons, aus denen Alben quellen, draußen stehen zwei Kisten mit antiquarischen Büchern. Diese beiden Kisten sind möglicherweise die einzigen Exponate, die Laufkundschaft – also auch mich –  gelegentlich anziehen. So habe ich bei Gerhard Schröder einen Reiseführer für die Stadt Riga ergattert und zwar aus der Zeit vor der Wende. Darin überschwarz gedruckte Monumentalbauten und Soz-Sprech der übelsten Sorte. Aber darum geht es mir in diesem Beitrag nicht, sondern um den lettischen Nationalautor, dessen Namen ich erstmals in diesem Reiseführer las: Rūdolfs Blaumanis.

Rūdolfs Blaumanis klang für mich nach einem eingelettischten deutschen Namen, danach, dass es da einen ursprünglich deutschen Autor gab, der usurpiert wurde, weil in diesem sowjetfreundlichen Reiseführer alles Deutsche aus der lettischen Geschichte ausgemerzt worden war. Wie sehr ich mich darin getäuscht habe, sah ich aber erst, als ich den 2017 erschienenen Band mit deutschsprachigen Erzählungen von Balumanis in der Hand hielt und auch die Anmerkungen der Herausgeber gelesen habe.

Vilhelms Purvitis, Vorfrühling, 1898 – 1899

Es ist zwar richtig, dass Rūdolfs Blaumanis (1863–1908) einen deutsch-baltischen Ursprung hatte, doch er gehörte nicht zur Oberschicht der deutschen Großgrundbesitzer. Als Sohn eines Dienstmädchens und eines Kochs wuchs er zweisprachig auf so einem großen Gut auf und kannte sich auch in der Welt der lettischen Bauern aus. Als Rūdolfs ein Kind war, existierte Lettland noch nicht als eigenständiger Staat: die Kultursprache war damals das Deutsche und Lettisch die Umgangssprache für die ländliche Bevölkerung.

Die ersten Prosastücke schrieb Blaumanis dementsprechend auf Deutsch und veröffentlichte sie auch in deutschsprachigen Zeitungen. Doch mit der Zeit ging er dazu über, Texte auf Lettisch zu verfassen und seine eigenen Arbeiten selbst zu übersetzen – und zwar vis versa. Deswegen und auch wegen der traditionellen Sujets gilt Blaumanis heute als einer der  Begründer lettischen Literatur. Wohl auch deshalb wird er  von den Herausgebern des Buches als Autor von kanonischem Rang gefeiert. Wobei mit Kanon hier Maßstab gemeint sein dürfte.

Das Ineinander der Sprachen und das Nebeneinander der Kulturen ist jedenfalls bezeichnend für ihn und macht ihn zu einem Schriftsteller, der über das Nationale hinausgeht, auch wenn er thematisch die Felder und Bauernhöfe Lettlands kaum verlässt.

Das Buch ‚Frost im Frühling‘ erschien zwar erst im letzten Jahr, aber geschrieben wurden die Erzählungen zum Teil vor mehr als einem Jahrhundert. Nahezu alle ausgewählten Texte spielen in einem ländlichen Umfeld und entführen uns in eine archaisch anmutende bäuerliche Welt, in der reiche Greise junge Mädchen unglücklich machen und mittellose Burschen versuchen, durch Heirat ihr Glück zu finden. Und  scheitern. Sonst wären es keine psychologischen Kurzgeschichten.

Eine eine der Erzählungen beginnt so:

Erlauben Sie mir einige Fragen: Würden Sie, wenn Sie ein draller, lettischer Bauernjüngling wären, eine dralle, lettische Bauernjungfrau zur Frau nehmen, nicht deshalb, weil Sie selbige unsagbar lieben, sondern weil ihr von elterlicher Seite ein Pferd im Werte von ungefähr achtzig Rubeln mitzugeben versprochen wird? Nein? Gut. S 39

In einer anderen wird das Verhältnis zwischen einem baltendeutschen Grafen und seinem lettischen Pächter beschrieben:

Der Graf zog sich hinter den Speisetisch zurück. Der Mann konnte am Ende dennoch Transtiefel haben, und für diesen Fall bedeutete eine Entfernung von vier Schritt immerhin einen Vorteil. Außerdem ließ er sich von Leuten mit einiger Bildung nicht gern die Hand küssen. Der Tisch stellte also eine stumme Ablehnung des Handkusses dar, falls der Wirt [=Bauer] Takt genug besaß, dies zu bemerken. Im Korridor schob der Graf gewöhnlich die Hände auf den Rücken, indem er dabei freundlich „nicht nötig, nicht nötig“, sagte. Aber er hatte dabei immer ein unangenehmes Gefühl und erschwerte daher, so viel er vermochte, die Ermöglichung solcher Szenen. S 178

Die Novelle ‚Frost im Frühling‘ ist vollständig hier  auf einem anderen Blog zu lesen. Allerdings nicht in derselben Übersetzung wie in dem hier besprochenen Buch. Aber dafür in ganzer Länge…
Wer sich für weitere baltische Bücher interessiert, hier ist ein Link dazu.

Der Schriftsteller gemalt von Janis Rozentāls

Obwohl diese Geschichten in einer längst untergegangenen Zeit spielen, mutet die Sprache nicht allzu zäh oder altertümlich an. Doch sind da manche Vokabeln, manche Einsprengsel, die aus einer baltischen Paralellwelt stammen. Als wären sie konserviert worden, auf einer vom Festland abgespaltenen Insel. Auf der einige Worte von der Sprache der Umgebung beeinflusst worden sind.

Kleiderkleete heißt hier die Holztruhe, ein Gesinde ist ein Bauernhof und der Meistbot eine Versteigerung. Der Spann ist beispielsweise ein Eimer und wurde vom lettischen spainis abgeleitet. Es sind vielfach typische Begriffe aus dem Baltischdeutschen, die herausstechen und eine besondere Färbung der Sprache bilden – alle werden in Fußnoten erklärt.

Nach dem Kirchgang, ebenfalls gemalt von Janis Rozentāls

Hier entdecke ich so etwas wie eine Parallele zu der Sprache einer anderen abgeschlagenen Bevölkerungsgruppe, den Deutschen in Russland. Auch sie bildeten sprachliche Inseln, vermischt mit der Landessprache und verwendeten Begriffe, die es in Deutschland so nicht mehr gab. Außerdem wird bei Blaumanis in Rubel bezahlt und in Werst gemessen. So wie drüben auch.

Die Novelle ‚Im Schatten des Todes‘ (Nāves ēnā) handelt von Fischern, die auf einem riesigen Eisstück auf das offene Meer treiben und lieferte die Vorlage zu einem Spielfilm von 1971. Diese Ausnahmesituation ist wie geschaffen für eine psychologische Studie der verschiedenen Charaktere. Sie bildet gleichzeitig die Kulisse für einen Katastrophenfilm und ein Kammerspiel.

Extreme Situation. Abgetrieben auf dem Eis.  Nāves ēnā, 1971

Dieser Band aus dem AISTHESIS Verlag ist eine Entdeckung, hebt er nicht nur den Schleier zu einer untergegangenen Welt, sondern auch zu einer hierzulande noch nicht so vielbeachteten Kultur. Wirklich wahr, wir leben in einem Land, in dem die Namen der drei baltischen Staaten und deren Hauptstädte nicht selten durcheinander gewirbelt werden. Tallinn? Wo war das noch? Was liegt noch gegenüber von Finnland? Dabei sind es Nachbarn von uns.

Ich für meinen Teil werde dank des Reiseführers von Riga und dank der blaumanschen Reise in die lettische Vergangenheit zumindest einem Land seine Hauptstadt immer zuordnen können.

Rūdolfs Blaumanis: Frost im Frühling
Die deutschsprachigen Erzählungen,
herausgegeben von Benediks Kalnačs und Rolf Füllmann
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2017, 325 Seiten
ISBN 978-3-8498-1256-0, € 17,80

Rollenspielchen

Der Feminsimus ist schuld. An der Scheidungsrate und auch daran, dass Männer keine Männer mehr sein dürfen. Ach, an allem eigentlich.
Wenn Frauen sich auf ihre angestammte Rolle besinnen würden, wäre die Welt eine bessere. Solche Aussagen lese ich auf dem Blog einer jungen Frau, die sich conservative woman nennt, Mitglied bei der AfD ist und eine Deutsche aus Russland.

Tag der Frauen. International. Nelken und Glückwünsche. Danke dafür.

Weibliche Rollen. Bilder.

Die Russen rühmen sich, die besten Frauen zu haben. „Ich war oft in Deutschland, deutsche Männer beneiden uns um unsere Frauen,“ sagt der russische Kultautor Alexander Tsypkin: Ja. Sie sind entspannter.

Schön. Warm. Sinnlich.

Das sind die Attribute, die ihm zu Frauen einfallen. Darum werden sie am 8. März gefeiert, sagt er in diesem Interview: http://mdz-moskau.eu/kultautor-ueber-russland-und-seine-frauen/

Das Diktat der Schönheit. Spaßig. Aber nicht für alle. Diese Flugbegleiterinnen sind nicht ganz so entspannt.

https://www.mdr.de/heute-im-osten/sexismus-russland-102.html

Weibliche Natur.

Die weibliche Natur durften wir in diesem Jahr am 17.2. beim Frauenmarsch in Berlin bewundern.

500 Demonstrantinnen, die gegen Aggression muslimischer Männer auf die Straße gegangen sind. Flankiert von ebensovielen Bikern. Die extra angereist sind, um „unsere Frauen zu schützen“.

Genau mein Humor. Wenn meine Rechte von 500 Bikern durchgedrückt werden. Ach war da nicht was mit Frauenhandel? Diese Frauen habt ihr sicher auch gut beschützt.

Weiblich konnotierte Tätigkeiten. Werden leider nicht wertgeschätzt. Sonst würden sie nicht Frauen überlassen werden.

Die Erfüllung der Frau ist es Mutter zu sein. Dagegen ist nichts zu sagen. Nur. Was, wenn eine andere Pläne für ihr Leben hat?

„Die strukturelle Benachteiligung von Frauen gleicht einem Yeti. Jeder spricht darüber. Aber noch niemand hat ihn ernsthaft gesehen,“ sagte eine AfD Politikerin vor einer Woche. Wenn 1918 nicht das Frauenwahlrecht erkämpft worden wäre, von Frauen, die gegen strukturelle Benachteiligung auf die Straße und ins Gefängnis gegangen sind, würde sie nicht da vorne stehen und solchen Schmu von sich geben.

Aber keine Sorge, Kollegen von ihr werden das Kind schon schaukeln.

Frauen nicht für Politik gemacht. Warum? Zu emotional.

https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/AfD-Fraktionschef-Maenner-eher-fuer-Politik-gemacht,afd1516.html

Der Feminismus ist an allem schuld. Mehr Ehen werden geschieden, seit die Frauen frauenbewegt sind, das Behauptet Sophia Kähm auf ihrem Blog, eine conservative woman, die Beziehungen nach der Bibel auslegt und Familienleben über alles stellt. Erfüllung der Frau. Weibliche Natur. Hm. Nur.

Wenn sich die Frauen nicht aufgelehnt und als Blaustrümpfe für Frauenwahlrecht und das Recht zum Universitätsstudium zugelassen oder arbeiten zu gehen ohne sich die Erlaubnis des Ehemanns einzuholen, dann würde sie irgendwo Kartoffeln schälen und nicht ihre Weltsicht via Blog verbreiten. Dann wäre nichts mit im 5. Semester Literatur studieren und nebenbei arbeiten gehen…

So siehts aus. Aber es gibt ein Aufwachen.

Mit den rechten Jungs spielen wollen und sich wundern, dass frau nicht ganz vorne mitmischen darf.

http://www.belltower.news/artikel/rechtsextreme-frauen-sind-%C3%BCberrascht-dass-rechtsextreme-m%C3%A4nner-frauenfeinde-sind-12989

Frau & Herd. Das ja.

Frau & Politik, das nicht.

Zu emotional.

Das sagt auch der Identitäre aus Wien.

Antifeminismus gehört zum Rechtsextremismus und zum Rechtspopulismus dazu, wie auch Rolf Pohl, Soziologe und Männerforscher, feststellt: „Zu den ideologischen Bausteinen des Rechtsextremismus und auch des Rechtspopulismus gehört das Bild der intakten Familie und das der klassischen Arbeitsteilung. Gleichzeitig wird propagiert, dass dieses Bild in der Auflösung begriffen oder schon längst systematisch abgeschafft worden ist. Der Mann hat angeblich seine Männlichkeit verloren. Im Rechtsextremismus ist das Bild des Widerstandes und der Opposition schon immer männlich codiert gewesen.“

Ach wie schön wäre es doch, wenn die Rollenbilder klar wären. Wie in diesem Katalog für Deutsche aus Russland. Wenn Kerle noch so sein dürfen wie echte Kerle.


Und Frauen noch so sind wie echte Frauen.

Noch Fragen?