Die Dame am Steuer – Clärenore Stinnes im Sowjetreich

Am heutigen Tag, vor genau 90 Jahren, dreht Fräulein Stinnes am Zündschlüssel ihrer Limousine und beginnt ihre Weltumrundung. Mit dem Adler Standard 6 bricht sie am 25. Mai in Frankfurt am Main gen Osten auf. Mit dabei ist ein vollbeladener Begleit-LKW, eine Reisekasse von 100 000 Mark, drei Mann Besatzung – zwei Mechaniker der Firma Adler und der Kameramann Carl-Axel Söderström, der die Reise dokumentieren soll – und ihr Irish Setter Rüde Lord. Ihr Ziel: aus westlicher Richtung genau hier wieder einzutreffen. Sie will die erste Frau sein, die mit einem Automobil die Weltkugel umrundet.

Über zwei Jahre sollte diese Tour de Force dauern. Die Automobilistin kommt mit ihrem Tross oft durch Gegenden, wo es keine Straßen gibt und wo zuvor noch nie so ein selbstfahrendes Gerät gewesen ist. So gleitet, ruckelt, rutscht das Fahrzeug durch Wüsten, Schlammwege, über Berge und Schotter und über den zugefrorenen Baikal-See oder muss über weite Strecken geschoben und gezogen werden. Schier unmenschliche Strapazen werden sie durchleiden und nach 48000 km unter Jubel am Ausgangspunkt ihrer Reise wieder antreffen.

Es bleiben am Ende nur noch Clärenore und Carl-Axel als eingeschworenes Abenteuergespann übrig. Die beiden Mechaniker werden sie bereits nach wenigen Tausend Kilometern verlassen müssen, zum Teil krankheitsbedingt.

Clärenore Stinnes, Aufnahme: E. Bieber, 1926

Die Weltreise ist als Promotionstour gedacht, gesponsert von der deutschen Automobilindustrie und mit einem hohen Widerhall in der internationalen Presse. Söderström muss fast zeitgleich Material für die Wochenschauen zur Verfügung stellen.

Clärenore Stinnes ist bereits mit Mitte zwanzig eine erfahrene Rennfahrerin. Unter anderem nimmt sie 1925 in Russland an der internationalen Zuverlässigkeits-Rallye teil, dem Всесоюзный испытательный автомобильный и мотоциклетный пробег 1925 года, von Leningrad über Moskau bis nach Tiflis und wieder retour. Als einzige Frau unter 135 Teilnehmern gewinnt sie den dritten Platz, der ersten in ihrer Wagenklasse.

Dame mit Hut in der Männerdomäne Autorennsport

Hier wird auch die Idee geboren, eine Fahrt um den Globus zu wagen, die sie mehrere Jahre minutiös vorbereitet. Sie studiert Karten, legt an der Strecke Punkte für Benzin-Depots fest, verschafft sich einen diplomatischen Passierschein. Als Tochter des Großindustriellen Hugo Stinnes hat sie ihre Kontakte und nutzt sie auch.

Sechs Monate Schlamm und Schnee

Mich interessiert natürlich ein besonderer Abschnitt dieser Weltreise: das Sowjetrussland der auslaufenden zwanziger Jahre.

In der russischen Hauptstadt und einigen Orten im europäischen Teil ist moderne Technik nichts Unbekanntes. Aber im Hinterland fahren sie durch Gegenden, in denen noch nie ein Automobil gesichtet wurde. Dementsprechend werden sie empfangen: Die Pferde scheuen, die Menschen bekreuzigen sich am Wegesrand als ob sie der Teufel persönlich wären oder ihnen folgt ein begeisterter Tross von Kindern und Erwachsenen.

Trotz aller Eile sind sie um Wochen in ihrem Plan zurück. Das Risiko in den sibirischen Weiten eingeschneit zu werden ist groß. Sie kommen kaum voran, die Straßen sind nur Schlamm und Matsch. Nach Überschwemmungen in der Ukraine verladen sie die Wagen kurzerhand auf die Eisenbahn, um weiterzukommen. Aber es wird nicht besser.

Es gibt da ein Zitat, das Gogol oder Puschkin zugesprochen wird. в России две беды: дураки и дороги. Was soviel heißt wie, in Russland gibt es zwei Übel, die Dummköpfe und die Straßen. Und zumindest das zweite Übel haben die Abenteuerin und ihre Männer zur Genüge erfahren dürfen.

Die Reise verzögert sich. Durch den Wintereinbruch bleiben sie ganze drei Monate in Irkutsk. Verbringen Weihnachten bei einer dänischen Familie und vertreiben sich die Zeit, in dem sie im hohen Norden burjatische Ureinwohner bei der Jagd filmen.

Die filmischen Zeugnisse, die Söderström in der Sowjetunion sammelt, sind noch heute wertvoll und bilden einen angenehmen Kontrast zu den sonst propagandistischen Filmdokumenten aus Russland der damaligen Zeit.

Im sibirischen Winter festsitzend, erkunden Clärenore und Carl-Axel die Möglichkeit, über den Zugefrorenen Baikalsee in Richtung Mongolei überzusetzen. Für alle Fälle nehmen sie zwei Bretter mit, über die der Wagen rollen soll, falls das Eis brechen sollte. Wäre der Wagen nur ein wenig langsamer über das Eis gefahren, hätte das Abenteuer schon hier sein unschönes Ende nehmen können. Aber sie haben Glück. Am 7. Februar 1928, nach 16 728 km erreichen sie Ulan-Ude an den Felsufern der Selenga.

In ihrem Tagebuch notiert Clärenore:

Immerwährend krachte der See, die Luft wie mit fernem Geschützfeuer erfüllend, in den Bergen widerhallend. Von Süden nach Norden rollte es heran. Wie Scheibenklirren sprang das Geräusch unter unseren Füßen weiter. Hie und da öffnete sich das Eis in Zentimeterbreite, das Wasser sickerte durch. Wir durften uns keine Zeit nehmen, darauf zu achten, denn wir wollten hinüber.

Erst hier, in der Mongolei bieten sich Carl-Axel und Clärenore das du an. Ursprünglich hatte sie sich für diesen Kameraoperateur entschieden, gerade weil er verheiratet war. Während der Reise merken sie jedoch, dass sie sich aufeinander blind verlassen können und ein gutes Team bilden. Zwar begleitet Söderströms Frau Marthe ihren Mann auf der kurzen Etappe zwischen Frankfurt und Stockholm (Clärenore beschließt, die Reiseroute zu verlängern und Carl-Axel zu Hause abzusetzen) aber die Eheleute haben sich entfremdet.

Das Fräulein Stinnes und ihr Kameraoperateur kommen sich spätestens beim Schneiden des Filmmaterials und der Zusammenstellung der Dokumentation endgültig näher. Sie heiraten Ende 1930, ziehen nach Schweden und bewirtschaften einen Hof, der der Familie Stinnes früher als Feriendomizil diente. Weder wird Clärenore jemals wieder ein Rennen fahren, noch Carl-Axel einen kommerziellen Film drehen. Zwar machen sie Pläne für einen neuen Dreh in der Karibik. Doch dazu wird es nicht kommen, sie bleiben in Schweden, bekommen sie drei Kinder und nehmen während des Krieges noch zwei finnische Jungen auf.

1931 kommt ihre Dokumentation Im Auto durch zwei Welten in die Kinos. Als Stummfilm konzipiert, muss schnell eine Tonspur drübergelegt werden, denn die Entwicklung hatte sie bereits überholt, als sie noch auf Tour waren. Clärenore macht persönlich die Erzählstimme und ein bekannter Komponist steuert die Filmmusik bei.

In Wirklichkeit ist die Dokumentation viel länger, dieser kurze Streifen gibt die Strapazen nicht im Ansatz wieder.

Heute ist diese Pionierin in unserem Denken nicht mehr so richtig präsent. Ab und zu läuft eine Dokumentation über sie auf ARTE. Und 2009 entstand ein deutsches Dokudrama mit vielen Einsprengseln des alten Materials. Mit Sandra Hüller als ziemlich spröde daherkommendes Fräulein Stinnes und mit dem dänischen Schaupieler Bjarne Henriksen als formvollendetem Gentleman. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das ein Denkmal für diese außergewöhnliche Frau hätte sein können. Es ist verständlich, dass es allein schon ökonomisch unmöglich ist, mit einem Filmteam die Strecke von 48 000 km durch 23 Länder nachzufahren. So jedoch wirkt zumindest der Abschnitt, der in Russland spielt eher kulissenhaft und hölzern. Und es wird nicht deutlich, dass sich die beiden Hauptakteure ineinander verlieben. Vielleicht kam es in der Realität auch erst nach der Reise. Aber würde das den Plot nicht auf besondere Weise würzen?

Die Weltumrundung unter den Bedingungen von 1927 ist eine ungeheure Leistung, die nur mit äußerster Beharrlichkeit und  Durchhaltevermögen zu schaffen war. In einem Interview sagt Clärenore Stinnes mit 85, in der heißen Phase des Kalten Krieges:

‚Ich würde heute die Fahrt noch mal machen, wenn ich damit Russen, Europäer und Amerikaner in einer Einheit zusammenschweißen könnte. Dann würde ich das trotz meines Alters noch mal machen. Selbst wenn ich auf der Strecke bleiben würde.‘

Vier Jahre später stirbt die unerschrockene Pionierin, jedoch ohne die Welt ein zweites Mal umrundet zu haben.

Bücher:

Clärenore Stinnes, Im Auto durch zwei Welten: Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1927 bis 1929, Edition Frauenfahrten

Eine Frau fährt um die Welt, die spektakuläre Reise der Clärenore Stinnes 1927-1928, Bildband von Carl-Axel Söderström und Gabriela Habinger, Verlag Fredeking & Thaler

Michael Winter, PferdeStärken: Die Lebensliebe der Clärenore Stinnes

Filme:

1931, Im Auto durch zwei WeltenClärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström

2009, Fräulein Stinnes fährt um die Welt, Regie Erica von Moeller, mit Sandra Hüller und Bjarne Henriksen

Die Schatulle

Wir fahren öfter daran vorbei. Es ist eine Art Nische in der Mauer in der Gerichtstraße, gleich beim Bolzplatz. Weniger als einen Meter lang, mehr als einen halben hoch und etwa ebenso tief.

Dieser Platz ist ein Wechsellager für Nachbarn und Anwohnerinnen. Bücher werden dorthin gelegt, abgetragene Klamotten und Schuhe. Manchmal kommt Kinderspielzeug hinein, Blumentöpfe, die einer über hat, allerlei Krimskrams. Ich deponiere dort ab und zu selbst Ausgelesenes, das ich nicht behalten möchte oder ein Kleidungsstück, von dem ich weiß, dass ich es nie wieder werde anziehen können.

An dem Tag war die Nische fast leer. Daher fiel uns die kleine schwarze Schatulle sofort auf. Ich habe gleich gesehen, dass es eine russische Lackdose ist. Heute würde ich schwören, ich hätte sie zuerst gesehen, aber Karlotta ist anderer Meinung. Sie besteht darauf, dass sie sie gefunden hat.

Solche Lackdöschen mit irgendeinem Motiv, meistens einer Troika, sind beliebte Souvenirs in Russland. Ich weiß noch, dass ich gezögert habe, sie mitzunehmen, denn auf solchen Touristenkitsch stehe ich normalerweise nicht. Es gibt sie zuhauf, diese Holzschatullen an den Ständen in Russland, ebenso wie wie bunte Matrjöschkas, Holzlöffel oder Anstecker mit Leninkopf. Lange Zeit bewahrt Karlotta ihre doppelten Panini-Bildchen darin auf. Die Schatulle, außen schwarz und innen leuchtend rot lackiert, hat eben genau die richtige Größe.

Warum ich sie heute geöffnet habe, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie seit Wochen ständig im Wohnzimmer rumliegt und überall im Weg ist. Im roten Lack des Deckels entdecke ich einen Stempel. Mit Krone und dem Doppelkopfadler und kyrillischen Buchstaben.

Halt mal, sage ich, die ist sicher mehr als hundert Jahre alt. Noch vor der Revolution. Und wirklich, nach einiger Recherche im Netz finden wir heraus, dass diese Lackdose aus der Werkstatt von Wassilij Ossipowitsch Wischnjakow und Söhne stammt und um 1880 entstanden ist.

Kann nicht sein, denke ich und schaue mir die Miniatur auf dem Deckel genau an. Die Figuren und die Gesichter sind fein gezeichnet, sogar bei dieser Größe. So als wären sie mit einem Haarpinsel ausgeführt worden. Die Perspektive stimmt nicht immer, so wirkt das hintere Pferd der Trojka größer als das vordere. Aber Naive Bauernmalerei ist das nicht. Die Farben sind nicht grell sondern sehr nuanciert und es ziehen sich feine Maserungen durch den Lack. Das hätte mir doch früher auffallen können. Ist es aber nicht. Im Vordergrund befindet sich ein Baumstumpf mit Ast, wie auf etlichen anderen Modellen von Wischnjakow und Söhne, seine Lichter und Schatten sind fein modelliert.

Da haben wir wirklich einen Fang gemacht.

Meine Dose, sagt Karlotta.

Die verkaufe ich nicht, fügt sie hinzu als wir herausfinden, wieviel man bei eBay für so ein schmuckes Stück haben kann.

Ist mir recht, sag ich. Seufze und lege die Paninibildchen wieder hinein.

In eigner Sache. Drei Jahre gesammelt

Heute vor drei Jahren habe ich mich hingesetzt und habe ein Template für Scherben sammeln angelegt. Nun ist der die das Blog – wenn es denn ein Kleinkind wäre – in der Trotzphase. Ich schaffe es nicht, es täglich zu füttern. Ein Mal die Woche wenns gut läuft, oft sind die Intervalle länger. Und dennoch wird es immer fetter. Und jedes Mal, wenn ich inne halte und mich frage, was soll das und aufhören will, kommt ein belebender Kommentar und ich mach weiter.

Mit diesem unliebsamen Nebennischenprodukt. Wenn Sex und Gewalt publikumswirksam sind, was sind dann Vertreibung und Krieg und die Minderheit der Russlanddeutschen? Etwas, das ganz unten im Supermarktregal steht? Oder sogar in zweiter Reihe, hinter den alten Haferflocken, die schon anfangen, ranzig zu müffeln.

Aber was ich kürzlich auf einem anderen Blog gelesen habe, kann ich nur bestätigen: mein Sehen hat sich gewandelt, ich betrachte Bücher, Informationen ganz anders, lese ganz anders und trau mich mehr einen Standpunkt einzunehmen, als noch vor wenigen Jahren.

Und ich habe virtuell Mitlesende und Andersbloggende gefunden und möchte diesen Kontakt auch nicht mehr missen. Auch wenn sie so sind, wie ausgedachte Freunde, nur realer.

Dass ich als Bibliovore zu anderen Literaturbloggs Zugang habe, ist so wie wenn eine Drogenabhängige über Nacht in der Beweismittelkammer der Polizei eingeschlossen wird. Mit 1000 kg Stoff in Plastiktüten. Ich genieße es täglich und habe dadurch ganz andere, ganz tolle Bücher entdeckt.

Auf eure Gesundheit, liebe Mitboggenden und Mitlesenden, Prösterchen und auf weitere drei Jahre, Inshallah! So Gott will.

Rammstein zum Muttertag?

Rammstein aus Kinderkehlen, was für ein Kontrast. Wissen diese Jungen und Mädchen überhaupt, was sie da singen? Hier interpretiert ein Kinderchor in Saratow (Kasachstan) das Rammsteinlied ‚Mutter‘. Obschon Muttergefühle oder Kinderliebe in diesem Song der deutschen Rockband nicht unbedingt thematisiert werden. Eher geht es um tiefe Enttäuschung und Retortenbabies:

Der Mutter, die mich nie geboren
hab ich heute Nacht geschworen
ich werd ihr eine Krankheit schenken
und sie danach im Fluss versenken

Mutter

Passiert so etwas wirklich mit voller Absicht oder ist es ein Beispiel für schiefgelaufenen Kulturtransfer? Das Banner an der Wand gibt jedenfalls an, dass es sich um ein Fest handelt. Muttertag? Tag der Frau? Fest der Saratower Philharmonie? Wir können nur hören und staunen!

 

(Ab Sekunde 53 fängt das Lied wirklich an, aber die Verbindung zum Server klappt nicht, sodass ich es nicht steuern kann. Wohl wegen des Hackerangriffs gestern Nacht.)

 

 

Nachtrag zum Gedenktag

Heute kam eine älterer Text aus der ZEIT zu mir geflattert. Die Beschreibung eines stillen Gedenkens an gefallene russische Soldaten, die ich der Vollständigkeit halber auch ins Mosaik aufnehmen möchte. Andere Perspektive, anderes Erleben. Mit Witz und einer gewissen Aufmüpfigkeit zeichnet der Artikel die Geschichte zwischen den Russen und den Deutschen nach und ist erfüllt von einem Gefühl, das oft fehlt in unseren heutigen Diskursen: Einfühlungsvermögen.

Achtung, er ist lang.

Russland sei Dank

Ein Plädoyer für den empathischen Blick nach Osten
Von Christoph Dieckmann

  1. Januar 2014

Ich lebe in Pankow, im Norden von Berlin. Seit Langem pflege ich ein Silvesterritual. Am letzten Tag des Jahres wandere ich durch die Zingerwiesen und den Schönholzer Wald zum sowjetischen Ehrenmal.

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Das unsterbliche Regiment

Der 9. Mai 1945. Für die einen ist es das Kriegsende, für die anderen der Tag des Sieges. Auch in diesem Jahr.

Rostow am Don 2013, Foto: Wikipedia

Seit einiger Zeit werden in einigen Städten der Russischen Föderation Märsche organisiert, um die Erinnerung an diejenigen Großväter hochzuhalten, die im großen vaterländischen Krieg gegen den Faschismus gekämpft und gesiegt haben. Der Ursprung lässt sich nicht ganz festlegen, möglicherweise 2011, möglicherweise früher, möglicherweise im sibirischen Tomsk hat diese Bürgerinitiative begonnen. Sie nennt sich Бессмертный полк also unsterbliches Regiment und ist laut Wikipedia.ru eine historisch-patriotische Bewegung. Ihr wichtigstes Ziel: … сохранение в каждой семье личной памяти о поколении Великой Отечественной войны.

Sprich: die Bewahrung der persönlichen Erinnerung an die Generation des Großen Vaterländischen Krieges in jeder Familie.

2015 sind in Moskau 500 000 Menschen marschiert, haben Bilder und Namen ihrer Großväter und Großmütter hochgehalten und Hymnen gesungen, wie das bekannte Lied „Kraniche“ – in Russland ein Kultlied aus einem Kultfilm zum Thema Krieg. Das unsterbliche Regiment ist übrigens eine nicht weniger bekannte Hymne, daher hat die Bewegung ihren Namen. Auf der dazugehörigen Website im Netz sind vor zwei Jahren 270 000 Einträge von Veteranen und Opfern verzeichnet worden.

Nun haben die russischen Landsmänner im Ausland (die sog. соотечественники) auch in anderen Ländern angefangen, solche Erinnerungsfestzüge abzuhalten. Zum Beispiel in Belarus und in Makedonien, in Südossetien, in Schweden, der Schweiz, in Österreich und ja  – auch in Deutschland. Dem Land, das die Rote Armee damals eingenommen hat. Übrigens gemeinsam mit drei anderen Alliierten, die nach 1945 noch nie einen Siegeszug hier abgehalten haben, oder laufen am 9. Mai Engländer durch die Einkaufspassagen und halten Flaggen hoch?

Aber im letzten und vorletzten Jahr marschierten unsterbliche Regimenter mit russischen Fahnen bereits durch Berlin und Hamburg. Es kamen keine 500 000 aber immerhin einige hundert Teilnehmende zusammen. Für 2017 sieht die Planung vor, die Demonstration auf weitere Städte wie Frankfurt oder München und besondere Stätten wie Dachau auszuweiten.

Auf der Site der russischen Gemeinde in Hamburg steht zum Marsch vom letzten Jahr:
Zum Gedenken an die Veteranen des 2. Weltkriegs beteiligten wir uns an der Aktion „unsterbliches Regiment“. Es war gleichzeitig ein Zeichen gegen den Krieg und für die deutsch-russische Freundschaft.

Aktion Das unsterbliche Regiment 2016 in Hamburg, Foto: Russische Gemeinde Hamburg

Ich frage mich, ob man die Freundschaft nicht auch anders feiern kann, als mit einem Zug durch die Innenstadt, russische und sowjetische Flaggen schwenkend und glorifizierende Kriegshymnen singend. Eine Mini-Siegesparade im Land der Besiegten. In einem Land, das sich mehr der Aufarbeitung der Täterschaften widmet als der Würdigung von Opfern aus eigenen Reihen.

Ein Marsch in Moskau oder Tomsk mag wirklich Ausdruck persönlicher Trauer bedeuten, in den Straßen Berlin bekommt er einen ganz anderen Beigeschmack. Überhaupt stellt sich die Frage, ob ein Aufmarsch mit Flaggen das Mittel der Wahl ist, um gefallene Angehörige zu würdigen und zu betrauern?

Dmitrij Chmelnizki, ein in Berlin lebender Historiker schreibt zu einem Bericht der Zeitung «Русская Германия» (Russisches Deutschland) über die Aufmärsche in Deutschland auf Facebook: Должны быть две демонстрации. Одна с портретами победивших дедушек, а другая, навстречу, с портретами изнасилованных бабушек.

Es müsste zwei Demonstrationen geben. Eine mit den Bildern der gesiegt habenden Großväter und eine andere, entgegenkommende, mit den Portraits der vergewaltigten Großmütter.

Bitter, aber er hat recht. Vielleicht sollte ich da aufkreuzen mit dem Foto meiner Großmutter väterlicherseits, die gegen Kriegsende von einem unbekannten Rotarmisten vergewaltigt wurde, während er mit der Pistole auf meinen fünfjährigen Vater zielte.

Man mag zu dem Hype des Zweiten Weltkrieges in Russland stehen, wie man will, ich finde die Idee, dieses Konzept nach Deutschland zu exportieren und hier eins zu eins übernehmen zu wollen, eher unangebracht.

Hinter dem Post zu dem Bericht von Russkaja Germanija findet sich auch ein weiterer Kommentar eines Users mit einem amerikanisch klingenden Namen: Русские фашисты торжествуют над немецкими, которые победили уже своих фашистов.

Russische Faschisten triumphieren über die deutschen, die ihrerseits ihre eigenen Faschisten besiegt haben.

Auch ein Fundstück zum Thema unsterbliche Regimenter: Der Journalist Aleksandr Twerskoi fragte vor einigen Tagen auf 15Minuten:
А где те деды, которые работали в НКВД, стреляли в спину в заградотрядах, надзирали в ГУЛАГах?

Und wo sind die Opas, die beim NKWD gearbeitet haben, anderen als Sonderermittler in den Rücken geschossen und in den Gulags Aufsicht geführt?

Wo bleiben hier die süßen, stolzen Erinnerungen der Nachkommen? ‚Mein Opa hat alle seine Nachbarn angeschwärzt. Und dann noch seine Ehefrau. Wir danken ihm dafür!‘ […] ‚Und mein Opa hat auf dem Butowski Platz an die 20 Leute erschossen, einige Kinder und Großmütterchen waren sogar auch darunter, ich danke ihm für all das. Heute wohnen wir nicht weit entfernt. Wir erinnern uns, sind stolz drauf. Leben in seinen Spuren.‘

Egal wie ich es wende und drehe, dieser Umzug wirkt nicht wie eine reine Bezeugung von Trauer. Was soll daran für den Frieden sein? Was für die Freundschaft? Da sind doch persönliche Treffen von Veteranen der ehemals feindlichen Armeen etwas anderes. Begegnungen. Kommunikation. Keine Machtdemonstrationen.

Und noch etwas kommt erschwerend dazu: alle russischsprechenden Menschen hierzulande werden zu einer Masse zusammengezogen. Sogar in größeren Zeitungen und in irgendwelchen Studien über die Mediennutzung wird nicht unterschieden: Russlanddeutsche, in Deutschland lebende Russen oder jüdische Kontingentflüchtlinge, alle gelten als eins.

Wenn nun genuine Russen auf die Straße gehen, um ihre heldenhaften Großväter zu feiern, heißt es, Deutschrussen oder Russlanddeutsche hätten sich nicht integriert. Dabei waren ihre Großväter noch bevor sie an die Front konnten, deportiert worden um in der Trudarmija zugrunde zu gehen. Andere wurden als Volksdeutsche in die Wehrmacht verpflichtet und sind keine Veteranen der glorreichen Roten Armee. Obwohl es natürlich auch Ausnahmen gab und wirklich einige auf der russischen Seite gekämpft haben.

Es fällt Außenstehenden schwer, die Zugehörigkeiten und die Seiten zu erkennen. Mich würde es allerdings wundern, wenn von diesen 4000 oder 5000 Menschen, die kommenden Dienstag an acht Standorten Flagge zeigen und Bilder hochhalten werden, überhaupt Deutsche aus Russland mitmarschieren.

Wenn in russischen Vergnügungsparks der Sturm auf einen Miniaturreichstag simuliert wird, ist das eine Sache, wenn Helden des großen Vaterländischen Krieges durch Hamburger Straßen getragen werden, finde ich es mehr als grenzwertig und ganz und gar nicht stimmig. Nur so ein Gefühl.

 

 

Spruch der Woche: Scherbenpark

Fürchte diejenigen, die sich schwach fühlen, denke ich einmal mehr. Denn es kann sein, dass sie sich eines Tages stark fühlen wollen und du dich nie wieder davon erholen wirst.

Scherbenpark, Alina Bronsky, Seite 62

Diesen Satz der Protagonistin Sascha, der eigentlich auf ihren gewalttätigen Stiefvater Vadim gemünzt ist, bekomme ich nicht aus dem Sinn.

Alina Bronskys Erstlingswerk von 2008 (es gibt auch einen gleichnamigen  Film dazu) gilt als ein Coming-of-Age Drama. Ich würde es eher als Coming-of-traumatisches-Erlebnis Drama bezeichnen.

Scherbenpark heißt der Ort an der Hochhaussiedlung, an dem die Jugendlichen abhängen – auch Saschas Leben liegt anfangs in Scherben.

Sie hat einen russischen Hintergrund (nicht erkennbar russlanddeutsch, aber vieles ist vergleichbar) und der ist im Buch angenehm spürbar: anhand von Details, den Charakteren, die am Rande mitspielen: wie dem gelähmten Schachspieler Oleg oder der mütterlichen Maria. Es ist nicht aufgesetzt, ein stimmiges Hintergrundrauschen, das dem Film leider gänzlich verloren geht.

Und der obige Satz? Er setzt vieles frei. Ich muss an dieses Experiment denken, mit den zwei Äpfeln. Einer wird gelobt und vorsichtig behandelt, der andere nur rumgeschmissen und auch noch beschimpft. Außen sieht man den Äpfeln keinen Unterschied an, aber innen ist der eine komplett zerstört.

Das Mädchen Sascha in der Geschichte ist innerlich verletzt, aber durch ihre entwaffnende und kluge Dreistigkeit kommt sie klar kann letztendlich die Scherben zu einem Ganzen zusammenfügen.

Alina Bronsky, Scherbenpark. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 288 Seiten.