Völlig ausgeblendet – Maja Haderlaps ‚Engel des Vergessens‘

Der Roman ‚Engel des Vergessens‘  behandelt eine persönliche Familiengeschichte und stellt ein wenig beleuchtetes Kapitel österreichischer Zeitgeschichte in den Fokus. Es geht um die slowenische Minderheit in Kärnten, die noch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an dessen Folgen und der Verfolgung durch die nationalsozialitischen Machthaber leidet. Die Großmutter der Ich-Erzählerin wurde als junge Frau nach Ravensbrück verschleppt und kommt ständig auf die Toten, die Verluste und die Erlebnisse von damals zu sprechen. Nur Kraft ihres im Aberglauben wurzelnden Christentums hat sie überlebt und gibt nun ihre Überlebensstrategien an die Enkelin weiter. Bringt ihr bei, sich heimlich mit der Zungenspitze am Gaumen zu bekreuzigen, damit es keiner mitbekommt. Nimmt Räucherungen mit einer heißen Kohlenpfanne vor. Lauter krudes Zeug, das jedoch verhindert hat, dass sie in der Hölle des Lagers den Verstand und den Mut verliert. Mechanismen zur Abwehr des Bösen, die in der Gegenwart deplaziert wirken.

Wie aus dem Nichts tauchen bei den Erwachsenen um sie herum Erinnerungssplitter von Kinderleichen oder Erniedrigungen im Lager auf. Dieses Phänomen kommt mir aus meiner Familie sehr bekannt vor.

Auch dass die Menschen an ihrer Vergangenheit zerbrechen, kann ich nur zu gut verstehen. Im Roman ist da zum Beispiel der Vater der Protagonistin, der schon als kleiner Junge zu den Partisanen gegangen ist und von den Nazis gefoltert wurde. Er kann das Erlebte nicht verarbeiten und gibt die Gewalt ungefiltert nach außen weiter. Das Stillschweigen, mit dem dieses Thema noch heute behandelt wird, verstärkt sein Trauma noch. Denn die Demütigung geht weiter: in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft wurden die slowenischen Partisanen mit Verbrechern und Verrätern gleichgesetzt.

Lakonisch wird die Sprache der Autorin dann, wenn sie darüber sinniert, dass ihre Landsleute neben Marienfahrtsorten auch Konzentrationslager wie Mauthausen oder Ravensbrück zu ihren Lieblingsausflugszielen küren. Poetisch wird sie dagegen, wenn es um die Beschreibung des Waldes geht, der zu einem Protagonisten in diesem Buch wird. Aber nicht nur.

Haderlap betrachtet das Geschehene zwar mit der Distanz einer Nachgeborenen, ist aber mit den Abgründen ihrer Familie und der slowenischen Gemeinschaft in Kärnten verbunden. Hier einige Beispiele der verdichteten Kraft ihrer Prosa:

Der Krieg ist ein hinterhältiger Menschenfischer. Er hat sein Netz nach den Erwachsenen geworfen und hält sie mit seinen Todesscherben, mit seinem Gedächtnisplunder gefangen. (Seite 92)

***

Ich lerne im selbstvergessenen Kärnten nicht vergessen zu können. Der Boden, auf dem ich stehe, muss eine unsichtbare Unterseite haben, die vollgesogen ist mit Gewesenem, aus dem ich zu wachsen scheine, auf das ich zurückgeworfen werde. Immer wiederkehrend, verfällt das Land in einen Taumel, in dem es eine Geschichte beschwört, die nichts anderes ist, als ein Rechtfertigungsphantom, mit dem es sich auf der richtigen Seite wähnt. Alle, die unter die Räder des Nationalsozialismus gekommen sind, bleiben aus diesem Selbstbild ausgeschlossen. (Seite 275)

***

Großmutter schneidet von einem Laib Brot, der ihr gereicht wird, ein kleines Stück ab. Sie reicht mir einen Bissen und sagt, mit dem Brot habe sie ein Stück Ewigkeit abgeschnitten, am Brot werden wir uns im Jenseits erkennen, am Brot, das wir bei den Totenwachen verzehren. Ich bezweifle, ob ich von diesem Brot essen möchte, weil mich die Vorstellung, den Toten im Jenseits zu begegnen, ängstigt. Den Bissen nehme ich rasch aus dem Mund und stecke ihn in meine Jackentasche. (Seite 106)

Preisträgerin

2011 hat Maja Haderlap mit ‚Engel des Vergessens‘ in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Was daraufhin in einigen Feuilletons verlautbart wurde, wundert mich nicht, macht mich aber relativ ratlos.

Es ist offenkundig, dass die Niederschrift ein Akt der Befreiung war, und als Leser daran teilzunehmen ist ein ambivalentes Erlebnis, schreibt Ulrich Greiner in der ZEIT. Er bemerkt, dass das Präsens, in dem das Buch durchgängig verfasst ist, zwar ‚plastische Szenen einer archaischen Landschaft und des bäuerlichen Lebens‘ stimmungsvoll darstellen könne, jedoch ungeeignet sei ‚für die Inszenierung eines historischen Raums, um den es hier hauptsächlich geht. Wo alles Gegenwart ist, entsteht kein Bogen, der die Tiefe der Zeit überspannen könnte.‘  Er schließt mit den Worten:
Ihr den Klagenfurter Bachmann-Preis zuzuerkennen, war eine noble Geste, denn Haderlaps Anstrengung richtet sich auf ein einziges Thema: Gerechtigkeit für die Slowenen.

Allein die Vokabel noble Geste zeugt von einer immensen Überheblichkeit gegenüber der Autorin und ihrem Werk. Als ob dieser Roman nicht für sich stehen könnte, sondern den Preis nur aus Gnade erhalten hätte. Als Annerkennung für die historische Leistung nicht für die literarische. Auf mich wirkt diese Deutung eher wie eine weitere Distanzierung und Verleugnung. Aber ich sehe es vielleicht auch bloß gefärbt durch meine eigene Minderheitenbrille.

Meine Idee ist, dass Roman unter anderem im Präsens geschrieben wurde, weil die alten Geschichten bis in die Jetztzeit ausstrahlen. Der Vater gibt seine Traumatisierung an die Tochter weiter, die Großmutter füllt sie mit ihren Erzählungen von Verlust und Tod. Das Kind trägt die Gedanken an den Tod in sich, Ängste und Scham sind ihre ständigen Begleiter. Das Mädchen bildet das Gefäß, den Resonanzraum für das Unverarbeitete und die Erlebnisse, die über den menschlichen Verstand gehen.

In einer anderen Rezension wird die Zerstückelung, die Bruchstückhaftigkeit des Erzählten kritisiert, die an einer Stelle in einem Herunterleiern von Namen und Momentaufnahmen gipfelt. Die Rezensionsschreiberin hat sich womöglich noch nie mit Traumatisierten unterhalten und nie ihrem teilnahmslosen Herunterbeten von Namen, Geschehnissen und Orten gelauscht. Ich finde diese Erzählweise gut beobachtet und meisterhaft wiedergegeben.

Die Autorin selbst bezeichnet ihr Werk als ‚…eine Art literarische Geisteraustreibung, die neurotische Aufladungen durch eine klare Sprache entlasten sollen.‘

Parallelen

Beim Lesen erkenne ich auf jeder Seite Parallelen zu meiner eigenen Situation. Zwar handelt es sich um ein anderes Land, eine andere Minderheit aber ich sehe Mechanismen, die auch bei unserer Volksgruppe zum Tragen kommen: die weitergegebenen Traumata und deren Auswirkungen und das Verschwiegenwerden im öffentlichen Diskurs. Und womöglich bestärken sich diese beiden Aspekte sogar noch. Etwas, das unterschwellig schwelt, nicht abgeschlossen ist, arbeitet in den Seelen der Nachkommen weiter. Solche Wunden heilen nicht so leicht.

In Szene gesetzt

Für das Akademietheater in Klagenfurt hat Maja Haderlap, die dort früher als Chefdramaturgin tätig war, gemeinsam mit dem Regisseur Georg Schmiedleitner eine Bühnenfassung dieses Erinnerungsromans erarbeitet, die 2015 aufgeführt wurde. Allein das Bühnenbild ist sehr eindrucksvoll. Wer weiß, obs in ein Theater in unserer Nähe kommt, ich hätte gern gesehen, wie sie das alles umgesetzt hat.

© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
 „Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater
„Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater

Hier ist eine kurze Doku vom ORF über das Stück, das Museum der Partisanen in Kärnten und O-Tönen der Autorin_

‚Dass dieser Widerstand der Kärntner Slowenen nicht in die Öffentlichkeit geraten ist, […] hat Verdrängungskraft der österreichischen Gesellschaft zu tun,‘ sagt Maja Haderlap in dem Interview, ‚Die Volksgruppe hat man völlig ausgeblendet.‘

Fazit: Es ist sicherlich kein leichtes und angenehmes Thema. Keine Urlaubslektüre, um sich auf einen sorglosen Aufenthalt auf grünen Auen und schroffen Bergwelten vorzubereiten. Denn dort lauern überall Abgründe.

Engel des Vergessens, Maja Haderlap, btb Verlag 2013
ISBN: 978-3-442-7442-74476-3

Okroschka und die AfD

Die Russifizierung Europas schreitet voran! Und ich genieße das, denn gestern habe ich im (nichtrussischen) Supermarkt Kwas in Dosen gefunden. Von zwei verschiedenen Firmen sogar. Heute mache ich mal eine Okroschka-Suppe und teste, ob dieser Kwas was taugt. Das Rezept für die frische Sommersuppe mit Kartoffeln und Dill steht bei einem früheren Eintrag auf diesem Blog.

Auf anderen Kanälen wird ebenfalls eine schleichende oder galoppierende Russifizierung moniert. Russlanddeutsche tauchen als potentielle AfD-Wähler fast epidemisch in allen möglichen Artikeln und bei Sendungen wie Monitor im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf. Diese bucklige Verwandtschaft, die sich störrisch gegen jegliche Modernisierung und Anpassung an eine offene multikulturelle Gesellschaft sträubt. Die mit einem astreinen russischen Akzent oder auf Russisch gegen Fremde herzieht. So kommen wir rüber. Zwar ist der Ton ist nicht mehr so abweisend wie noch vor 20 Jahren und es werden sogar Aussagen getroffen, wie diese: Dann werden sich die Demokraten von rechts bis links über die Parallelgesellschaften, den Mangel an Demokratieverständnis der Migranten und ihre Beeinflussung durch den Kreml empören. Dabei sei jetzt schon bemerkt: Das sind die russischsprachigen Aktivisten, die sich für die demokratischen Werte einsetzen, und das ist die deutsche Politik, die sie dabei im Stich lässt.

Der vollständige Beitrag der FAZ vom Donnerstag ist hier zu finden. Dieser Artikel ist dabei noch einigermaßen differenziert.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

Wenn eine Gesellschaft eine Gruppe in Ghettos pfercht, ihnen den Zugang zu qualifizierten Jobs und Bildungschancen wenn nicht sperrt, so doch erschwert, dann kommen ganz sicher keine zufriedenen und weltoffenen Bürger*innen heraus. So oder so ähnlich sehen das manche Kommentare auf Facebook zu diesem Artikel. Zumindest diejenigen, die nicht gegen Schäferhundrussen pöbeln.

Ich kann es nicht leugnen. Es scheint etwas an dieser Partei zu geben, das insbesondere Russlanddeutsche anzieht. Es steht noch aus, die Gründe dafür zu untersuchen.

Was mich allerdings wundert: aus dem Spektrum der vielen Menschen, der Schicksale und Einstellungen werden gerade diejenigen herausgefischt, die solch extremen Ansichten vertreten wie Eugen Schmitz oder Heinrich Groth, der behauptet bei Monitor so abstruse Sachen wie diese: den Deutschen sei es unter Adolf ja nicht so schlecht gegangen. Gegenüber dem russischen Sender RTDV hat er Anfang April gesagt: ich als Biologe weiß genau, was die Verunreinigung der biologischen Masse bedeutet. Der Mann ist einfach ein Extremist und soll nun alle Russlanddeutschen repräsentieren? Ich weiß genau, dass die Medien das besser hinkriegen könnten. Warum tun sie das nicht? Weshalb fehlt hier die nötige Differenzierung, die an anderer Stelle so stark eingefordert wird?

Traurig, dass kaum andere O-Töne gesucht und gefunden werden. Aber vielleicht sind progressive, gut integrierte Aussiedler*innen einfach zu banal? Passen nicht ins Konzept. Dienen nicht dem Aufbau eines simplen Feindbildes?

Und was ist unsere Volksgruppe eigentlich anderes als eine Okroschka-Suppe, denke ich und zupfe die feinen Äste vom Dill ab: Ein zusammengewürfeltes Gebilde aus vielen verschiedenen Zutaten. Die einen sind eben die Salzgürkchen für den säuerlichen Geschmack und andere die Kartoffeln, die breite Basis. Radieschen mit außen roter Haut und innen weißer Masse habe ich schon an anderer Stelle behandelt. Wer ist dann aber der Dill? Die sogenannten Kulturarbeiter*innen? Und wer kommt daher, wie eine scharfe Frühlingszwiebel? Der Kwas und der Schmand sind dann die beiden gemeinsamen Sprachen, das Fluidum, in dem alle schwimmen. Übrigens steht auf der einen Kwas Dose als Slogan: Refresh Yourselfsky! Was soviel heißen soll wie: Erfrisch dich selbskij. Witzig. Und: Kvass Drovje! Weniger witzig. Ein Männeken tanzt Kasatschök. Aus dem piefigen Armeleutegetränk ist ein trendiges veganes Produkt geworden. Leider ist dieser Kwas etwas zu süß für meinen Geschmack, da hätte ich auch gleich Malzbier nehmen können. Schmand habe ich auch nicht, werde wohl wieder griechischen Joghurt drauftun, damit schmeckt es ebenso gut.

Ist es so schwer zu begreifen, dass die Gruppe der Aussiedler nicht etwas Homogenes ist, sondern etwas ebenso Zusammengewürfeltes wie eine Okroschka, bestehend aus vielen Grüppchen und Individuen. Ein jeder und eine jede befindet sich an anderer Stelle im Prozess der Loslösung von der alten Heimat und dem sich Verwurzeln in der Neuen. Manche verleugnen das Russische in sich, andere distanzieren sich eher vom deutschen Anteil. Und dazwischen gibt es 2 Millionen 399 Tausend 998 weiterer Nuancen. Die pauschale Annahme, alle fänden Putin prima und die AfD wählbar, kann und will ich nicht akzeptieren, sie tut mir fast körperlich weh.

Aber mich fragt ja keiner. Pah! Dann geh ich eben weiterschnibbeln. Auf Wiedersehnje!

Die Dame am Steuer – Clärenore Stinnes im Sowjetreich

Am heutigen Tag, vor genau 90 Jahren, dreht Fräulein Stinnes am Zündschlüssel ihrer Limousine und beginnt ihre Weltumrundung. Mit dem Adler Standard 6 bricht sie am 25. Mai in Frankfurt am Main gen Osten auf. Mit dabei ist ein vollbeladener Begleit-LKW, eine Reisekasse von 100 000 Mark, drei Mann Besatzung – zwei Mechaniker der Firma Adler und der Kameramann Carl-Axel Söderström, der die Reise dokumentieren soll – und ihr Irish Setter Rüde Lord. Ihr Ziel: aus westlicher Richtung genau hier wieder einzutreffen. Sie will die erste Frau sein, die mit einem Automobil die Weltkugel umrundet.

Über zwei Jahre sollte diese Tour de Force dauern. Die Automobilistin kommt mit ihrem Tross oft durch Gegenden, wo es keine Straßen gibt und wo zuvor noch nie so ein selbstfahrendes Gerät gewesen ist. So gleitet, ruckelt, rutscht das Fahrzeug durch Wüsten, Schlammwege, über Berge und Schotter und über den zugefrorenen Baikal-See oder muss über weite Strecken geschoben und gezogen werden. Schier unmenschliche Strapazen werden sie durchleiden und nach 48000 km unter Jubel am Ausgangspunkt ihrer Reise wieder antreffen.

Es bleiben am Ende nur noch Clärenore und Carl-Axel als eingeschworenes Abenteuergespann übrig. Die beiden Mechaniker werden sie bereits nach wenigen Tausend Kilometern verlassen müssen, zum Teil krankheitsbedingt.

Clärenore Stinnes, Aufnahme: E. Bieber, 1926

Die Weltreise ist als Promotionstour gedacht, gesponsert von der deutschen Automobilindustrie und mit einem hohen Widerhall in der internationalen Presse. Söderström muss fast zeitgleich Material für die Wochenschauen zur Verfügung stellen.

Clärenore Stinnes ist bereits mit Mitte zwanzig eine erfahrene Rennfahrerin. Unter anderem nimmt sie 1925 in Russland an der internationalen Zuverlässigkeits-Rallye teil, dem Всесоюзный испытательный автомобильный и мотоциклетный пробег 1925 года, von Leningrad über Moskau bis nach Tiflis und wieder retour. Als einzige Frau unter 135 Teilnehmern gewinnt sie den dritten Platz, der ersten in ihrer Wagenklasse.

Dame mit Hut in der Männerdomäne Autorennsport

Hier wird auch die Idee geboren, eine Fahrt um den Globus zu wagen, die sie mehrere Jahre minutiös vorbereitet. Sie studiert Karten, legt an der Strecke Punkte für Benzin-Depots fest, verschafft sich einen diplomatischen Passierschein. Als Tochter des Großindustriellen Hugo Stinnes hat sie ihre Kontakte und nutzt sie auch.

Sechs Monate Schlamm und Schnee

Mich interessiert natürlich ein besonderer Abschnitt dieser Weltreise: das Sowjetrussland der auslaufenden zwanziger Jahre.

In der russischen Hauptstadt und einigen Orten im europäischen Teil ist moderne Technik nichts Unbekanntes. Aber im Hinterland fahren sie durch Gegenden, in denen noch nie ein Automobil gesichtet wurde. Dementsprechend werden sie empfangen: Die Pferde scheuen, die Menschen bekreuzigen sich am Wegesrand als ob sie der Teufel persönlich wären oder ihnen folgt ein begeisterter Tross von Kindern und Erwachsenen.

Trotz aller Eile sind sie um Wochen in ihrem Plan zurück. Das Risiko in den sibirischen Weiten eingeschneit zu werden ist groß. Sie kommen kaum voran, die Straßen sind nur Schlamm und Matsch. Nach Überschwemmungen in der Ukraine verladen sie die Wagen kurzerhand auf die Eisenbahn, um weiterzukommen. Aber es wird nicht besser.

Es gibt da ein Zitat, das Gogol oder Puschkin zugesprochen wird. в России две беды: дураки и дороги. Was soviel heißt wie, in Russland gibt es zwei Übel, die Dummköpfe und die Straßen. Und zumindest das zweite Übel haben die Abenteuerin und ihre Männer zur Genüge erfahren dürfen.

Die Reise verzögert sich. Durch den Wintereinbruch bleiben sie ganze drei Monate in Irkutsk. Verbringen Weihnachten bei einer dänischen Familie und vertreiben sich die Zeit, in dem sie im hohen Norden burjatische Ureinwohner bei der Jagd filmen.

Die filmischen Zeugnisse, die Söderström in der Sowjetunion sammelt, sind noch heute wertvoll und bilden einen angenehmen Kontrast zu den sonst propagandistischen Filmdokumenten aus Russland der damaligen Zeit.

Im sibirischen Winter festsitzend, erkunden Clärenore und Carl-Axel die Möglichkeit, über den Zugefrorenen Baikalsee in Richtung Mongolei überzusetzen. Für alle Fälle nehmen sie zwei Bretter mit, über die der Wagen rollen soll, falls das Eis brechen sollte. Wäre der Wagen nur ein wenig langsamer über das Eis gefahren, hätte das Abenteuer schon hier sein unschönes Ende nehmen können. Aber sie haben Glück. Am 7. Februar 1928, nach 16 728 km erreichen sie Ulan-Ude an den Felsufern der Selenga.

In ihrem Tagebuch notiert Clärenore:

Immerwährend krachte der See, die Luft wie mit fernem Geschützfeuer erfüllend, in den Bergen widerhallend. Von Süden nach Norden rollte es heran. Wie Scheibenklirren sprang das Geräusch unter unseren Füßen weiter. Hie und da öffnete sich das Eis in Zentimeterbreite, das Wasser sickerte durch. Wir durften uns keine Zeit nehmen, darauf zu achten, denn wir wollten hinüber.

Erst hier, in der Mongolei bieten sich Carl-Axel und Clärenore das du an. Ursprünglich hatte sie sich für diesen Kameraoperateur entschieden, gerade weil er verheiratet war. Während der Reise merken sie jedoch, dass sie sich aufeinander blind verlassen können und ein gutes Team bilden. Zwar begleitet Söderströms Frau Marthe ihren Mann auf der kurzen Etappe zwischen Frankfurt und Stockholm (Clärenore beschließt, die Reiseroute zu verlängern und Carl-Axel zu Hause abzusetzen) aber die Eheleute haben sich entfremdet.

Das Fräulein Stinnes und ihr Kameraoperateur kommen sich spätestens beim Schneiden des Filmmaterials und der Zusammenstellung der Dokumentation endgültig näher. Sie heiraten Ende 1930, ziehen nach Schweden und bewirtschaften einen Hof, der der Familie Stinnes früher als Feriendomizil diente. Weder wird Clärenore jemals wieder ein Rennen fahren, noch Carl-Axel einen kommerziellen Film drehen. Zwar machen sie Pläne für einen neuen Dreh in der Karibik. Doch dazu wird es nicht kommen, sie bleiben in Schweden, bekommen sie drei Kinder und nehmen während des Krieges noch zwei finnische Jungen auf.

1931 kommt ihre Dokumentation Im Auto durch zwei Welten in die Kinos. Als Stummfilm konzipiert, muss schnell eine Tonspur drübergelegt werden, denn die Entwicklung hatte sie bereits überholt, als sie noch auf Tour waren. Clärenore macht persönlich die Erzählstimme und ein bekannter Komponist steuert die Filmmusik bei.

In Wirklichkeit ist die Dokumentation viel länger, dieser kurze Streifen gibt die Strapazen nicht im Ansatz wieder.

Heute ist diese Pionierin in unserem Denken nicht mehr so richtig präsent. Ab und zu läuft eine Dokumentation über sie auf ARTE. Und 2009 entstand ein deutsches Dokudrama mit vielen Einsprengseln des alten Materials. Mit Sandra Hüller als ziemlich spröde daherkommendes Fräulein Stinnes und mit dem dänischen Schaupieler Bjarne Henriksen als formvollendetem Gentleman. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das ein Denkmal für diese außergewöhnliche Frau hätte sein können. Es ist verständlich, dass es allein schon ökonomisch unmöglich ist, mit einem Filmteam die Strecke von 48 000 km durch 23 Länder nachzufahren. So jedoch wirkt zumindest der Abschnitt, der in Russland spielt eher kulissenhaft und hölzern. Und es wird nicht deutlich, dass sich die beiden Hauptakteure ineinander verlieben. Vielleicht kam es in der Realität auch erst nach der Reise. Aber würde das den Plot nicht auf besondere Weise würzen?

Die Weltumrundung unter den Bedingungen von 1927 ist eine ungeheure Leistung, die nur mit äußerster Beharrlichkeit und  Durchhaltevermögen zu schaffen war. In einem Interview sagt Clärenore Stinnes mit 85, in der heißen Phase des Kalten Krieges:

‚Ich würde heute die Fahrt noch mal machen, wenn ich damit Russen, Europäer und Amerikaner in einer Einheit zusammenschweißen könnte. Dann würde ich das trotz meines Alters noch mal machen. Selbst wenn ich auf der Strecke bleiben würde.‘

Vier Jahre später stirbt die unerschrockene Pionierin, jedoch ohne die Welt ein zweites Mal umrundet zu haben.

Bücher:

Clärenore Stinnes, Im Auto durch zwei Welten: Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1927 bis 1929, Edition Frauenfahrten

Eine Frau fährt um die Welt, die spektakuläre Reise der Clärenore Stinnes 1927-1928, Bildband von Carl-Axel Söderström und Gabriela Habinger, Verlag Fredeking & Thaler

Michael Winter, PferdeStärken: Die Lebensliebe der Clärenore Stinnes

Filme:

1931, Im Auto durch zwei WeltenClärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström

2009, Fräulein Stinnes fährt um die Welt, Regie Erica von Moeller, mit Sandra Hüller und Bjarne Henriksen

Die Schatulle

Wir fahren öfter daran vorbei. Es ist eine Art Nische in der Mauer in der Gerichtstraße, gleich beim Bolzplatz. Weniger als einen Meter lang, mehr als einen halben hoch und etwa ebenso tief.

Dieser Platz ist ein Wechsellager für Nachbarn und Anwohnerinnen. Bücher werden dorthin gelegt, abgetragene Klamotten und Schuhe. Manchmal kommt Kinderspielzeug hinein, Blumentöpfe, die einer über hat, allerlei Krimskrams. Ich deponiere dort ab und zu selbst Ausgelesenes, das ich nicht behalten möchte oder ein Kleidungsstück, von dem ich weiß, dass ich es nie wieder werde anziehen können.

An dem Tag war die Nische fast leer. Daher fiel uns die kleine schwarze Schatulle sofort auf. Ich habe gleich gesehen, dass es eine russische Lackdose ist. Heute würde ich schwören, ich hätte sie zuerst gesehen, aber Karlotta ist anderer Meinung. Sie besteht darauf, dass sie sie gefunden hat.

Solche Lackdöschen mit irgendeinem Motiv, meistens einer Troika, sind beliebte Souvenirs in Russland. Ich weiß noch, dass ich gezögert habe, sie mitzunehmen, denn auf solchen Touristenkitsch stehe ich normalerweise nicht. Es gibt sie zuhauf, diese Holzschatullen an den Ständen in Russland, ebenso wie wie bunte Matrjöschkas, Holzlöffel oder Anstecker mit Leninkopf. Lange Zeit bewahrt Karlotta ihre doppelten Panini-Bildchen darin auf. Die Schatulle, außen schwarz und innen leuchtend rot lackiert, hat eben genau die richtige Größe.

Warum ich sie heute geöffnet habe, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie seit Wochen ständig im Wohnzimmer rumliegt und überall im Weg ist. Im roten Lack des Deckels entdecke ich einen Stempel. Mit Krone und dem Doppelkopfadler und kyrillischen Buchstaben.

Halt mal, sage ich, die ist sicher mehr als hundert Jahre alt. Noch vor der Revolution. Und wirklich, nach einiger Recherche im Netz finden wir heraus, dass diese Lackdose aus der Werkstatt von Wassilij Ossipowitsch Wischnjakow und Söhne stammt und um 1880 entstanden ist.

Kann nicht sein, denke ich und schaue mir die Miniatur auf dem Deckel genau an. Die Figuren und die Gesichter sind fein gezeichnet, sogar bei dieser Größe. So als wären sie mit einem Haarpinsel ausgeführt worden. Die Perspektive stimmt nicht immer, so wirkt das hintere Pferd der Trojka größer als das vordere. Aber Naive Bauernmalerei ist das nicht. Die Farben sind nicht grell sondern sehr nuanciert und es ziehen sich feine Maserungen durch den Lack. Das hätte mir doch früher auffallen können. Ist es aber nicht. Im Vordergrund befindet sich ein Baumstumpf mit Ast, wie auf etlichen anderen Modellen von Wischnjakow und Söhne, seine Lichter und Schatten sind fein modelliert.

Da haben wir wirklich einen Fang gemacht.

Meine Dose, sagt Karlotta.

Die verkaufe ich nicht, fügt sie hinzu als wir herausfinden, wieviel man bei eBay für so ein schmuckes Stück haben kann.

Ist mir recht, sag ich. Seufze und lege die Paninibildchen wieder hinein.

In eigner Sache. Drei Jahre gesammelt

Heute vor drei Jahren habe ich mich hingesetzt und habe ein Template für Scherben sammeln angelegt. Nun ist der die das Blog – wenn es denn ein Kleinkind wäre – in der Trotzphase. Ich schaffe es nicht, es täglich zu füttern. Ein Mal die Woche wenns gut läuft, oft sind die Intervalle länger. Und dennoch wird es immer fetter. Und jedes Mal, wenn ich inne halte und mich frage, was soll das und aufhören will, kommt ein belebender Kommentar und ich mach weiter.

Mit diesem unliebsamen Nebennischenprodukt. Wenn Sex und Gewalt publikumswirksam sind, was sind dann Vertreibung und Krieg und die Minderheit der Russlanddeutschen? Etwas, das ganz unten im Supermarktregal steht? Oder sogar in zweiter Reihe, hinter den alten Haferflocken, die schon anfangen, ranzig zu müffeln.

Aber was ich kürzlich auf einem anderen Blog gelesen habe, kann ich nur bestätigen: mein Sehen hat sich gewandelt, ich betrachte Bücher, Informationen ganz anders, lese ganz anders und trau mich mehr einen Standpunkt einzunehmen, als noch vor wenigen Jahren.

Und ich habe virtuell Mitlesende und Andersbloggende gefunden und möchte diesen Kontakt auch nicht mehr missen. Auch wenn sie so sind, wie ausgedachte Freunde, nur realer.

Dass ich als Bibliovore zu anderen Literaturbloggs Zugang habe, ist so wie wenn eine Drogenabhängige über Nacht in der Beweismittelkammer der Polizei eingeschlossen wird. Mit 1000 kg Stoff in Plastiktüten. Ich genieße es täglich und habe dadurch ganz andere, ganz tolle Bücher entdeckt.

Auf eure Gesundheit, liebe Mitboggenden und Mitlesenden, Prösterchen und auf weitere drei Jahre, Inshallah! So Gott will.

Rammstein zum Muttertag?

Rammstein aus Kinderkehlen, was für ein Kontrast. Wissen diese Jungen und Mädchen überhaupt, was sie da singen? Hier interpretiert ein Kinderchor in Saratow (Kasachstan) das Rammsteinlied ‚Mutter‘. Obschon Muttergefühle oder Kinderliebe in diesem Song der deutschen Rockband nicht unbedingt thematisiert werden. Eher geht es um tiefe Enttäuschung und Retortenbabies:

Der Mutter, die mich nie geboren
hab ich heute Nacht geschworen
ich werd ihr eine Krankheit schenken
und sie danach im Fluss versenken

Mutter

Passiert so etwas wirklich mit voller Absicht oder ist es ein Beispiel für schiefgelaufenen Kulturtransfer? Das Banner an der Wand gibt jedenfalls an, dass es sich um ein Fest handelt. Muttertag? Tag der Frau? Fest der Saratower Philharmonie? Wir können nur hören und staunen!

 

(Ab Sekunde 53 fängt das Lied wirklich an, aber die Verbindung zum Server klappt nicht, sodass ich es nicht steuern kann. Wohl wegen des Hackerangriffs gestern Nacht.)

 

 

Nachtrag zum Gedenktag

Heute kam eine älterer Text aus der ZEIT zu mir geflattert. Die Beschreibung eines stillen Gedenkens an gefallene russische Soldaten, die ich der Vollständigkeit halber auch ins Mosaik aufnehmen möchte. Andere Perspektive, anderes Erleben. Mit Witz und einer gewissen Aufmüpfigkeit zeichnet der Artikel die Geschichte zwischen den Russen und den Deutschen nach und ist erfüllt von einem Gefühl, das oft fehlt in unseren heutigen Diskursen: Einfühlungsvermögen.

Achtung, er ist lang.

Russland sei Dank

Ein Plädoyer für den empathischen Blick nach Osten
Von Christoph Dieckmann

  1. Januar 2014

Ich lebe in Pankow, im Norden von Berlin. Seit Langem pflege ich ein Silvesterritual. Am letzten Tag des Jahres wandere ich durch die Zingerwiesen und den Schönholzer Wald zum sowjetischen Ehrenmal.

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