Unter die Haut

… oder

Hasch mich ich bin der Mörder!

Was passiert, wenn man sich mit der bloßen Haut auf ein feines Gitter legt? Dann gibt es einen Abdruck, eine Prägung. Sie schneidet manchmal ein. Nach Stunden verschwindet sie. Normalerweise.

Und was ist mit einer Zuschreibung, der du immer und immer wieder ausgesetzt bist? Über Jahre, über Generationen?

Irgendwas von dieser Struktur geht dann doch unter die Haut, setzt sich fest.

Das ist, was die Leute hier verwechseln, wenn sie empört ausrufen, oder in die Kommentarspalten schreiben, viele Deutsch-Russen sind Rechtsextreme.

Einige sicher. Kein Volk, keine Gruppe bleibt in unserer Zeit von diesen braunen Gesinnungsgenossen verschont.

Doch. Warum klebt es an uns, wie Pech? Es gibt fließende Übergänge. Heimatliebe führt nicht immer zu Ausgrenzung.

Aber kann es durchaus. Falschverstandener Patriotismus, fehlgeleiteter Patriotismus. Falsch verstandene Betonung des Deutschtums, die in Ethnoreinheitsphantasien mündet.

Kann durchaus vorkommen, wenn du nicht aufpasst.

Doch. Wieso denken alle, die DaR sind besonders anfällig dafür? (Mag vielleicht daran liegen, dass Gruppen wie DaR für AfD eine besonders laute PR-Maschinerie am laufen haben? Oder es einfach opportun ist, nur über diese Gruppierungen zu berichten.)

Alle schreien nach einem nicht schwarz-weißen Denken. Nur hier verlässt sie plötzlich die Fähigkeit zu differenzieren.

Zugegeben. Viele Deutsche aus Russland haben ein Thema mit Heimat, Identität und Deutschsein. Sie zelebrieren ihr Deutschsein zuweilen auf extreme Weise. Mit alten Volksweisen und dirndlartigen Kleidchen. Oft mag das fremd und übertrieben wirken, aber es hat historische Gründe, steht alles in den Geschichtsbüchern.

Scherz.

Steht natürlich nicht dort. Denn außer der Leute vom Institut für digitalen Lernen mit ihren mBooks, hat sich keiner bis jetzt die Mühe gemacht, unsere Geschichte für die Schule aufzuarbeiten.

Wozu Unkenntnis und Unwissenheit führt, auch die der eigenen Geschichte, wissen wir ja…

Aber in vielen Quellen im Internet steht was dazu. Die muss man sich nur mühsam zusammensuchen.

Heimat und Deutschsein ist unser Thema. Aber macht es uns alle zu rechten Extremisten?

Wieso gewinnen die Leute den Eindruck, wir wären alle so? Das wird den DaR vorgeworfen, wenn sie betonen, wir sind doch Deutsche und stolz darauf. Dann denken hiesige Liberale gleich, Achtung, braune Gesinnung.

Ja, das kann, muss aber nicht sein.

Es kann mit der Prägung zusammenhängen. Siehe Vergleich mit dem Gitter. Eine Prägung, die dir als Deutschen in Russland zwangsläufig aufgedrückt wird. Nicht zu unterschätzen, was das mit Menschen macht.

Eigentlich ein spannendes Forschungsthema.

Wenn du also als verhasste, verschwiegene, unterdrückte Minderheit irgendwo lebst, im Schlimmsten Fall in einem Land, wo die deinigen als Feinde betrachtet werden, wo den Leuten als erstes „Heil Hitler“ und „Hände Hoch“ einfällt, wenn sie nach deutschen Wörtern gefragt werden, dann kann man sich vorstellen, wie diese Prägung ausfallen kann.

Dann bleibt es an dir hängen. Deine persönliche Identität wird von diesen Zuschreibungen geprägt. Das legt sich nicht so einfach ab. Nicht innerhalb von einer Generation.

Ein Freund hatte sich in Russland gut eingerichtet. Hatte nicht vor auszureisen. Mit einem deutschen Namen konnte er studieren und sich eine Existenz aufbauen. Bis, das war wohl schon in den 90ern, sein kleiner Sohn vom Spielen heimkam und sagte: Papa, bin ich ein Faschist? Warum?

Das hat ihm sein bester Freund gesteckt. Ein Junge, der eingentlich aus einer modernen, aufgekärten Familie kam.

Unausrottbar, solche Vorurteile.
Das war der Moment, in dem die Familie die Koffer für die Ausreise in den Westen gepackt hatte.

Bis heute existieren in Russland diese Zuschreibungen. Zumal noch immer unbekannt ist, warum die Deutschen nach Russland kamen, wann, was mit ihnen passiert ist.

Wenn Russen und Russinnen auf der Straße gefragt werden, wie die Deutschen nach Russland kamen, sagen noch immer viele, na die kamen um zu studieren, sie kamen zu Besuch und sind geblieben.

Was für ein Hohn. Zu Besuch!

Viele auf beiden Seiten glauben noch immer, dass es die Nachkommen deutscher Kriegsgefangener sind,  die  Gebiete im Altai und um Omskherum bevölkern.

Chände Choch!

Der Abdruck Faschist wird nicht so leicht verschwinden. Auch mit mehr Informationspolitik nicht. Zuschreibungen sind hartnäckig.

Wie sind die Deutschen in der Sowjetunion damit umgegangen?

Sie haben es umgeformt, aus dem Negativabdruck, aus dem einschneidenden Gittermuster auf der Haut etwas Positives gemacht. Strudel und alte Lieder, Traditionen und die Liebe zu einer Landschaft, die kaum einer von den Sowjetdeutschen je zu Gesicht bekommen hatte. Ein Schutzmechanismus, der sich nun gegen sie wendet.

Pech, dass in der Zwischenzeit, in den 70 Jahren, in Deutschland eine andere Entwicklung stattgefunden hat. Eine folgerichtige und notwendige. Doch nicht gerade eine günstige für die Heimkehrer.

Deutsch-Russen sind Rechtsextreme. Sie wollen auf Teufel komm raus Deutsche sein. So ist nun die Vereinbarung. Warum das so ist, was für Schicksalswege dahinter stehen, danach fragt keiner.

Und wir?

Schweigen. Was sollen wir denn tun. Schweigen, uns ducken, denn das können wir. Bloß nicht auffallen. Das kann böse enden.

Einer schreibt in den Kommentaren etwas zum Fall LISA:

RT Deutsch war eine der ersten Verkünder, wenn nicht der erste Verkünder! Auch ein Jahr später, war es noch bei RT Deutsch zu finden, was direkten Draht zum Kreml hat! Das ist so! Bei den Deutsch-Russen gibt es viele Rechtsextreme!

Diese beiden Verbindungen, Kreml und Rechtsextremismus kleben hier an uns. So wie Faschismus und Verrat an der Sowjetunion dort an uns geklebt haben. Das ist Pech.

Pech, das brennt wenns heiß ist, es brennt es sich ein, lässt sich nicht abwaschen.

Und was tun wir?  Wir regen uns darüber auf, dass uns die Leute und die Medien hier Deutsch-Russen nennen. Ist doch nur ein Wort mit Bindestrich. Hab dich nicht so!

Sind wir deshalb schon rechtsextrem?

Die Wahrheit liegt in den Schatten. In den Schattierungen.  Wie immer. Die freundlichen, offenen weltzugewandten unter uns werden nicht gesehen. Nur die aus voller Kehle rufen: die bringen uns die Messerstecher-Kultur ins Land. Volksaustauch!

Leichen im Keller – auf kreative Weise entsorgt. Oder auch nicht.

In einem Radiointerview, das kürzlich beim WDR lief, hat Luise Reddemann, eine Therapeutin, die sich seit langem mit Traumata beschäftigt, etwas sehr Kluges gesagt.

Die Ablehnung der Geflüchteten, basiere manchmal, nicht immer, aber manchmal, darauf, dass die Leute sich an ihre eigenen verdrängten Fluchterfahrungen und Diskriminierungserfahrungen erinnert fühlen.

Das Verdrängte zeigt sich im Gesicht der Fremden, die in Booten übers Mittelmeer kommen.

Und weils schmerzlich und verhasst ist, weil die Erinnerung nicht gewollt wird, werden negative Gefühle auf die fremden Menschen übertragen. Wut, Schmerz, Angst. Die ganze Palette.

Sie meinte nicht die DaR, aber es lässt sich sehr gut übertragen.

Oft stand in den Kommentaren in letzter Zeit: Aber die DaR kamen doch selbst als Fremde, warum verhalten sie sich so aggressiv gegen die Neuankömmlinge? (Wobei sich viele im Dialog der Kulturen engagieren, das darf nicht vergessen werden.)

Was die Therapeutin genannt hat, das mag nur ein kleiner Erklärungsversuch sein und deckt nicht alles ab. Aber er kommt mir schlüssig vor.

Denn sich mit dem Trauma befassen, das haben unsere Alten weder dort noch hier gelernt. Das weisen gerade die ab, die es am meisten brauchen. Sie sind schnell gekränkt und fertig. Verlagern die Probleme.

Es ist verjährt. Der alte Schmerz ist wie ein Kadaver, der 70 Jahre hinterm Sofa vor sich hin fault. Wer will sich damit abgeben? Zu spät.

„Begrabt die alte Gram doch endlich!“, möchte man ihnen zurufen.

Aber weil das Schweigen so lang darüber ausgebreitet war, weil es nicht sein durfte, dass sie Opfer waren, geht das nicht. Es ist kein Abschluss da. Noch nicht mal ein Anfang!
Im Osten nicht, noch immer nicht, und im Westen schon gar nicht. So taucht die Leiche immer wieder auf.

Lässt sich nicht unters Sofa schieben, sie lässt sich noch nicht mal in eine Statue eingipsen oder unter dem Pavillon begraben, wie in diesem Louis-de-Funes-Film.

Wohin damit?

Wir sind Opfer gewesen!

Nein!

Doch!

Oh!

Sorry, verjährt, sorry, uninteressant. Schaut nach vorne, lasst das Alte sein!

Solche Stimmen gibt es. Klar.

Aber sich dann wundern, wie viele von uns austicken, wie viele gegen andere agitieren, wie die Wut einzelne überflutet und sie blindwütig und gewalttätig werden.

Nein!

Doch!

Ohhh!

Naja, vielleicht lässt sich das Unliebsame, das Rechtsextreme, das Scherliche doch unter dem weißen Sofa verstecken. Es muss nur groß genug sein…

Was nicht vollständig erklärt, dass es hin und wieder doch rechtsextreme und völkische Gedanken unter den Deutschen aus Russland gibt. Aber sie sind mir ebenso fremd wie die der hiesigen Nazis.

Doch zum Glück, muss ich mir für deren Motivation nicht auch noch Erklärungen suchen.

Eine Pizza für zwei Tage…

… oder die drei wilden Küsse des Iossif Wissarionowitsch Stalin.
Nachhaltig. Stalin küsst den sowjetischen Piloten Wassilij Molokow

Er lässt mich nicht los, der schnauzbärtige Diktator, er hält mich mit seinem festen Griff umfangen. Und sein Schatten liegt immer noch auf meinem Weg. Blutiger Schatten. Krowawaja Tenj.
Ich werde pathetisch. Aber hey, ich darf das. Anders lässt sich das ganze Krüschzeug nicht verpacken. Soll ich da etwa ein Schleifchen drum binden?
Noch immer macht das was mit mir.

Dabei liegt diese Geschichte sehr, sehr weit zurück. Bald nun schon um die 80 Jahre oder mehr. So alt bin ich noch nicht mal. Aber es prägt mich, in einem kollektiven Sinn, in einem wir im Gegensatz zum ich Sinn. Also wir.

Bevor wir also aus der Sowjetunion weg sind, haben wir vom Woschdj, vom ehrwürdigen Führer der Werktätigen Iossif Wissarionowitsch Stalin noch drei Küsse zum Abschied bekommen. Auf dass wir das Land und diesen Mann niemals vergessen. Ein Kuss auf die rechte Wange, dann einer auf die Linke und dann wieder rechts.

Drei Markierungen über das eigene Leben hinaus, denn nichts anderes waren die Küsse Stalins, auch wenn sein Ableben schon mehr als ein halbes Jahrhundert her ist.

Ich hab da mal eine Liste gemacht.

Kuss No.1:
Der Kuss der Todesangst

In Zeiten des Terrors konntest du wegen Kleinigkeiten abgeholt werden. Verrat und Schweigen, die Angst vor willkürlichen Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Alle erlebten das so, auch die Bolschewiken der ersten Stunde. Minderheiten wurden verfolgt, die Todeslisten mussten geschrieben und abgearbeitet werden. Der Todessoll musste erfüllt werden.

1938 gab es in der Ukraine die sogenannte Deutsche Operation. Das war die erste ethnische Operation des Genossen Stalin. Danach folgten noch viele. Zahlen. Erschießungen. angebliche Spionage. Arbeitsarmee. Kollektive Beschuldigungen. Keine sehr einfache Zeit, keine, die dir das Vertrauen in deine Zukunft eingibt. Über die Klammer der Generationen hinweg treibt dieser eisige Kuss Angst in die Seelen.

Die Zahlen – auch ohne Sprachkenntnisse zu verstehen.

Das ist der eisige GuLag-Kuss, der Kuss eines Genozids, der nicht so genannt wird, der generationsübergreifend wirkt und macht, dass die Menschen mit eingezogenem Kopf und voller Misstrauen durch die Welt stapfen. Dass sie so langsam vorwärtskommen, als würden sie durch meterhohen Schnee laufen. Es gibt Ausnahmen.
Oder nein, diese Schwere der Last zu spüren, das ist wohl die Ausnahme. Bei den Jüngeren. Die ältere Generation wandelt noch in meterhohem Schnee, auch wenn die Sonne knallt und es draußen mehr als 30° heiß ist. Fast ohne Ausnahme.

Wenn man die Zahlen betrachtet, ist sicher nicht nur Genosse Stalin für das alles verantwortlich, denn es fing schon mit dem ersten WK an. Aber es gibt in der Tabelle auch eine Lücken, zum Beispiel die Lücke zwischen 1937 und 1941, in die die Deutsche Operation fällt. Es sind also mehr Opfer zu beklagen. Und damit sind nur die Toten abgedeckt, nicht die Waisen, nicht die Verbannten, nicht die zerstörten Familien.

Kuss No. 2:
Der Kuss Stummheit

Der zweite Kuss ist besonders perfide. Er nimmt dir deine Identität. Er löscht deine Sprache aus und raubt dir die Erinnerung. Ja, ich weiß, nicht schreien! Nicht die Augen verdrehen, bitte. Identität wird überbewertet und wir alle jagen nach Seifenblasen des Selbst und so.

Aber hier geht es um ganz einfache Dinge. Um Verbote.
Mit diesem Kuss wollte Stalin sicherstellen, dass sich die angeblichen Faschisten in seinem Land nie wieder erheben. Und wie machst du das? Isoliere sie und nimm ihnen die Sprache, die Möglichkeit der Kommunikation, die Möglichkeit der Erzählung dessen, das war.

Wie war das noch? Nie wieder sollen Deutsche erhobenen Hauptes über die russische Erde wandeln. Die Maßnahmen sind schlicht. Verbiete ihnen deutsch zu sprechen und verbiete ihnen dahin zu ziehen, wohin sie wollen. Auch nach Aufhebung der Kommandatur-Aufsicht. Sie durften nicht frei ziehen, nicht in die angestammten Siedlungsgebiete, nicht in die großen Städte und schon gar nicht ins Ausland.
Die meisten blieben einfach an den Orten ihrer Verbannung oder zogen in die südlichen Republiken, nach Usbekistan oder Kasachstan.

Die Lücke, das große Loch zwischen 1941 und 1956, tilgt alles andere. Danach gibt’s kein Bewahren von Kultur und Sprache mehr, nur noch das Bergen von Scherben. Das Aufsammeln von Mehlresten in den Ecken der Scheune. Kolobok, Kolobok, ich fresse dich!

Als willfährige Bauern sind sie zu gebrauchen, die Fritzen. In ländlichen Gebieten sollen sie bleiben, Hühner züchten, Weizen anbauen, Baumwolle pflücken. Kolchosen und Sowchosen sollen sie zum Blühen bringen. Mal wieder. Aber nicht in ihrer Sprache auf der Straße reden, keinen Unterricht darin haben und nichts Gedrucktes produzieren. Und wehe, sie erwähnen in ihren Schriften auch nur das Wort: Wolga. Dann, Kolobok, pass nur auf!

Ab 1957 gibt es vereinzelt Schriften, die auf Deutsch erscheinen und das Leben des Proletariats und der Bauern preisen. Neues Leben oder Freundschaft heißen sie. Diejenigen, die dichten finden hier Zuflucht. Dennoch sind die Menschen, die diese Zeitungen lesen könnten, weit zerstreut. Familien, Freunde durch abertausende von Kilometern entfernt. Als Verbindung was? Eisenbahn? Telefon? Briefe? Nichts, was man nicht kontrollieren oder zensieren kann. Und dennoch ganz geht die Sprache nicht unter. Und das ist eine ziemliche Leistung.

Titelbild der Freundschaft von 1966
Identität. Ja oder nein?

Bitter. Warum sollten wir nach Identität suchen? Fragen heute einige. Zurecht. Doch.

Ist es gut, wenn Leute nicht wissen, was vor ihrer Geburt passiert ist? Wenn sie nicht wissen, woher sie kommen und welche Gründe es für ihre Situation gibt? Ich finde schon, dass es wichtig ist.

„Vielleicht würde es uns guttun, diese Suche nach der Identität sein zu lassen.“

Das sagte Juli Zeh in einem Interview in „Psychologie heute“.

Und Jan Fleischhauer schrieb vor einiger Zeit im Spiegel:

Was ist Identitätspolitik? Identitätspolitik ist das Versprechen, dass sich das, was einem im Leben an Widrigkeiten begegnet, auf die Herkunft zurückführen lässt. Wenn ich weiblich bin oder schwarz oder irgendwie anders als die anderen um mich herum, dann darf ich davon ausgehen, dass es nicht die eigentliche Unzulänglichkeit ist, die mich am Fortkommen hindert, sondern die Vorurteilsstruktur der Mehrheit.

Ein Problem dieser Form von Weltwahrnehmung ist ihre strenge Subjektivität. Wie immer, wenn man sich von seinen Gefühlen leiten lässt, ist nicht ganz klar, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Warum nicht? Netter Gedanke. Warum nicht einfach alles hinter sich lassen. Das hieß für uns ab 1960, in der Masse der Sowjetmenschen untergehen, lesen, was sie lesen, reden wie sie reden, denken was sie denken.
Geht aber nicht. Weil die Vergangenheit sich nicht abschütteln lässt. Weil sie dich, oder dein Kind oder dein Enkelkind einholen wird. Deshalb. Weil diese Identität eine ist, die schmerzt oder beißt oder dich zu Gewalt und Trunksucht treiben kann.

Ja, es ist billig, die eigene Herkunft für alles verantwortlich machen zu wollen, lieber Jan, der du dir nonchalant ein Tüchlein um den Hals bindest oder süffisant deine maßgeschneiderten italienischen Lederschühchen betrachtest. Auch du hast dir eine Identität geschustert. Gibs zu!
Du schreibst so erlesen über Identität und hattest nie deine Schwierigkeiten damit als junger, mittlerweile nicht mehr ganz so junger, wohlhabender weißer Mann in Europa zu leben. Ach, lassen wir das.

Viele der Alten aus der russlanddeutschen Community wollten verdrängen. Verständlicherweise. Viele aus der jungen Generation wissen nichts von Verbannung, vom Hunger und vom meterhohen Schnee der Angst. Sie kennen die Listen des Todes nicht. Sie fragen sich nur, woher ihre Wut kommt. Vielleicht noch nicht mal das.

Und übrigens, es ist eine Sache, sich komplett identisch zu machen mit der Herkunft, sich mit einer Gruppe zu identifizieren bis zur völligen Verschmelzung oder sich zu verbinden. Mit der Geschichte, mit den Einzelschicksalen der Leute oder mit ihrer Art zu leben. Ohne Symbiose. Ohne zu verschmelzen. Alles eine Frage der Dosis.

Kuss No. 3:
Kuss der Bodenständigkeit

Der Kuss, der einen nachhaltigen Abdruck hinterlassen hat, aber dessen Wirkung schwer zu beschreiben ist. Vor allem ohne jemandem gewaltig auf die Füße zu treten…
Er ist so ziemlich das Gegenteil von einem Musenkuss.

Neulich sagte eine Freundin, sie glaube, dass die Deutschen aus Russland (also in ihrer kollektiven Mehrheit, du und ich sind davon ausgenommen!) keine Wahrnehmung dafür ausgebildet hätten, was Kunst oder Literatur für einen Wert haben. Welche Zeit es braucht, um diese Dinge zu schaffen und welche Wirkung sie haben auf, na auf alles.

Das liegt nicht nur an dem Verbot, zu studieren. Dieses Verbot betraf nicht alle und nicht Studiengänge wie Ingenieur oder Agrarwissenschaftler oder Lehrerin.
Es liegt nicht nur an dem Verharren in den ländlichen Gebieten, die erzwungene Landflucht. Die erzwungene Meidung von schillernden Kosmopolen mit ihrem kulturellen Angebot und ihren Verlockungen zum Lotterleben.
Es liegt nicht nur an dem Rückzug ins ländlich oder religiös Traditionelle als Reaktion auf die ethnischen Repressalien. Oder die Hinwendung zu Gott als Anker, wenn ich es positiv ausdrücken soll.

Wer sich die Existenz neu aufbauen muss, immer und immer wieder, schaut nicht stundenlang auf den Mond und schreibt ein paar Zeilen dazu. Schade eigentlich. Aber is so.

Es ist nicht eins von diesen Dingen. Aber ein wenig von alldem bildet den Kompott, der all den Gebildeten und Müßiggängern misstrauen lässt. Bildet die Grundlage der Hinwendung zu allem Praktischen. Haus. Traditionen. Und die Familie steht über allem.
Zeitvertreib ist Zeitvertreib und darf nach Feierabend geschehen. Musikmachen ja, aber nur auf Hochzeiten, nur nebenbei. Wichtig sind Jobs, mit denen man Geld verdienen kann. Alles andere darf Hobby bleiben.

Und die Bohème? Kann man das essen? Kann man das gegen Essen eintauschen? Nein? Dann ist sie nichts für uns.

Nichts Unsicheres wie Theater oder Bücherschreiben, Gott bewahre. Auch hier gibt es löbliche Ausnahmen, die anderen Extreme, die Träumerinnen und Weltreisenden. Aber ich spreche nicht über dich. Ich spreche auch nicht über mich. Ich spreche über ein kollektives wir. Und das hat eigene Gesetze.

Das Luftige, das Verrückte, das Gewagte und das unsinnig Spielerische der Kunst. Sie alle haben keinen wert, wenn es ums Überleben geht. Und das ist sehr, sehr schade.

Denn nur diese Disziplinen schöpfen aus den Träumen und den Trümmern und weben eine eigene Geschichte. Bilden eine Erzählung, die wichtig ist für ein kollektives wir.

Die Realität war wieder eine andere. Hier in Deutschland. Da wurden auch die unmusischsten Diplome nicht anerkannt. Und so blieb den Ingenieuren nichts übrig als Taxi zu fahren und den Lehrerinnen blieb die Putzstelle, oder mehrere. Auch das trägt nicht immer dazu bei, das schöpferische ICH zu fördern.

Doch diese bürokratischen Hürden, in Deutschland und in Russland, die formen die Menschen. Hinterlassen Einkerbungen, Verbitterung bleibt, Kränkungen werden zugefügt. Sie alle müssen irgendwie verarbeitet werden, denn sonst werden sie weitergereicht.
Wenn es wenigstens nur ein Kuss wäre. Aber alle drei. Wie kannst du die Angst überwinden, wenn du stumm bleibst? Wie kannst du deine Geschichte erzählen, wenn du auf deine existentiellen Nöte zurückgeworfen wirst?

Auch das sind noch Abdrücke der Bruderküsse des Iossif Wissarionowitsch.

Nachsatz:

Warum will ich immer über Pizza schreiben? Welchen Gedanken hatte ich Mitte Mai, als ich dies alles notiert hab? Vielleicht so:

Ein Trauma ist wie eine Pizza, beides lässt sich am nächsten Tag auch noch kalt genießen.
Ok, nicht gerade pulitzerpreisverdächtig, aber hey, ich darf das.

Opferhaltung leichtgemacht

– eine ultimative Anleitung

Das Einnehmen eine korrekten Opferhaltung ist eine sehr komplexe Angelegenheit, aber nicht unmöglich!

Dazu empfiehlt sich in erster Linie eine angemessene Krümmung des Rückens. Grader Rücken = Selbstbehauptung. Krummer Rücken = Unterwürfigkeit. Blick von unten = auch nicht schlecht. Leises Nuscheln =  Meisterklasse.

Es gibt für wenig Geld auch spezielle orthopädische Hilfen, die Sie anfangs nutzen können, um sich an diesen Zustand zu gewöhnen, bevor er in Ihre Substanz übergeht und dann ganz leicht abrufbar wird. Denn der Körper lernt schnell. Also. Es tut fast gar nicht weh.

Opfer-Plex© 2001
Für die richtige Krümmung des Rückens bietet die Firma DeSade spezielle Vorrichtungen an, es handelt sich um eine gelungene Mischung aus Korsett und Streckbank mit einer persönlich auf Sie abgestimmten Tragelast. Dieses Gerüst aus rostfreiem Stahl zwingt das potentielle Opfer dazu, den Kopf zu senken, sich klein zu machen. Ein aufrechter Gang oder ein aufrechter Blick sind damit nicht mehr möglich. Es gibt noch ein raffiniertes Extrafeature zum Gerät, das verhindert, dass die zu krümmende Person einen festen Stand hat. Durch die glitschige bewegliche Unterlage MoorPace©, gleitet Ihnen der Boden unter den Füßen quasi einfach weg. Sagenhaft! Kostet aber mehr. Die Nachteile von Opfer-Plex©: er ist nicht gerade unübersehbar und sollte anfangs nur innerhalb von geschlossenen Räumen getragen werden. Die Gefahr von Unfällen, weil eine Stufe oder ein Hindernis nicht rechtzeitig erkannt wird, ist ebenfalls recht hoch. Und Sie verheddern sich leichter in der Deckenlampe. Aber der daraus resultierende Stromschlag ergibt einen weiteren, nicht immer unerwünschten Effekt.

Doch die Vorteile liegen klar auf der Hand! Schon nach einigen Wochen regelmäßiger Nutzung entsteht eine Körperhaltung, die Fachleute als Quasimodo-Syndrom bezeichnen. Das Opfer-Flex© gibt es mit einem persönlich abgestimmten Lastgewicht von 50 Jahren, 70 Jahren oder 90 Jahren. Je nach dem, was Sie sich aufbürden wollen.

Als zusätzliches Feature zum Metallgerüst bieten wir einen extrabreiten Stützgürtel mit Dornen an, den ultimativen MortificationTM, der für ein dauerhaftes Unwohlgefühl sorgt und dazu verhilft, das Gesicht zu einer leidenden Grimasse zu verziehen.

Wir haben auch eine abgespeckte Version auf Lager, den Symptom-Carrier© XXS. Er passt in jede Schublade!

auf die Haltung kommt es an

Wer sich kein Hightech-Gerät (haben Sie es auf Kleinanzeigen probiert? Auch aus zweiter Hand und dritter Hand leistet so ein Gerät noch gute Hilfe) kaufen möchte, dem*der können wir einige Übungseinheiten auf Youtube empfehlen: „Opferkomplex leicht gemacht – in sieben einfachen Schritten“. Unsere führenden Expert*innen aus Politik und … Politik erklären Ihnen wie auch aus Ihnen in kürzester Zeit ein echtes Opfer werden kann.
Denn mit etwas Opferbereitschaft und einiger Übung ist es auch ohne aufwändige Vorrichtungen möglich, eine angemessene Opferhaltung einzunehmen. Dafür müssen Sie einfach die Schultern hochziehen, den Kopf etwas einziehen, den Blick senken! (Nicht vergessen: das Gegenüber nie direkt anblicken, sondern von unten hoch.)

Die Hände hängen schlaff am Körper, was ein zusätzlichen Eindruck von Hilflosigkeit oder Passivität erzeugt. Der Stand sollte eher schmaler als Schulterbreit sein. Kleine, schlurfende Schritte, niemals beschwingt gehen, nicht federnd. Niemals.

Fragen Sie sich alle zehn Minuten, ob der Rücken noch angemessen gekrümmt ist. Wenn nicht: Brust rein, Buckel raus, Schultern hoch. Kinn zur Brust.

Achten Sie unbedingt auch auf die Position der Mundwinkel/Augenbrauen.  Das ist zwar etwas für Fortgeschrittene, aber sehr wirksam: Augenbrauen über der Nasenwurzel hochziehen – Mundwinkel dagegen nach unten. Bei Gelegenheit ein kleines Grinsen aufs Gesicht bringen, was bei heruntergezogenen Mundwinkeln einer gewissen Übung bedarf. Wie gesagt, das ist eher etwas für Fortgeschrittene.

Das Geheimnis: innere Haltung

Auch die innere Einstellung ist bei dem Prozess der Opferwerdung enorm wichtig. Wir nennen diese überaus nützliche Qualität vorauseilendes GekränktseinTM.

Für eine authentische Opferhaltung, nicht nicht nur rein äußerlich ist, empfehlen wir Ihnen, alles auf sich zu beziehen und persönlich zu nehmen. Zucken Sie am besten bei jedem Kontakt mit anderen zusammen, als ob Sie einen Schlag oder eine Beschimpfung erwarten. Richtig, erwarten Sie bei jeder Aussage eine Kränkung und sie wird sie ereilen – garantiert!

Dann kommt die passende Körperhaltung bald wie von selbst.

Eine Falle, die es zu vermeiden gilt: nicht kämpferisch wirken. Niemals streiten, nie für sich einstehen, nur meckern und nölen! Nicht vergessen, nicht kämpfen! Nicht die Faust recken, nur den Finger. Mit dem Finger können Sie gern auf den*die Aggressor*innen zeigen und etwas nölen. Letzteres aber nur, wenn genügend Publikum anwesend ist.

Reden Sie immer leise aber unverständlich! Und ja, wiederholen Sie immer wieder wie ein Mantra: Blick von unten, krummer Rücken. Bis es Ihnen in Fleisch und Blut übergeht. So kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Ob mit Opfer-Plex© 2001 oder ohne – Sie werden sehen, mit etwas Übung erzielen Sie bereits in wenigen Wochen//Generationen zufriedenstellende Resultate und werden Ihre Opferhaltung nie mehr ablegen wollen.

 

Locker flockig aus der Hölle

Was geschieht, wenn sich ein Youtuber des Themas Gulag annimmt? Genau, er redet locker flockig über Minusgrade und vergleicht seine Hightech Kleidung mit der unzureichenden Kleidung der früheren Häftlinge. Aber nicht nur. Der Vblogger Jurij Dudj, der sonst dafür bekannt ist, dass er Promis und Politiker vor die Kamera bittet, begibt sich auf die Spuren von Arbeitslagern im entferntesten Winkel Sibiriens. Er interviewt Mitarbeiterinnen von Gedenkstätten und Söhne und Töchter von Überlebenden.

Am Pol der Kälte herrschen schonmal minus 71 Grad.

Der Film ist reißerisch aber nicht oberflächlich, wie geschaffen für ein Publikum, dass schnelle Bilder gewohnt ist. Diese Doku wurde bisher auf keinem der staatlichen Kanäle der russischen Föderation gezeigt. Aber auf Youtube erzielte sie nach weniger als einem Monat bereits über 13. Millionen Zuschauer*innen. Eine coole, sehr, sehr coole Aktion, lieber Jurij Дудь.

Normalerweise bitter der Vblogger Jurij Dudj Promis, Politiker oder Sportler auf ein Gespräch vor die Kamera.

Jurij Dudj gibt zwei Gründe dafür an, dass er und sein Team sich diesem schweren Thema zuwenden: zum einen, hat eine Erhebung in der russischen Föderation letztes Jahr festgestellt dass fast die Hälfte der jungen Leute zwischen 18 und 24 Jahre noch nie etwas von stalinistischen Repressionen gehört haben. Zum anderen möchte er dieser Angst auf den Grund gehen, sich ja nicht hervorzutun oder irgendeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die besonders unter den älteren Generationen weit verbreitet ist. Und er vermutet den Grund dieses duckmäuserischen verhaltens in der Verschickungen, die besonders in der Stalinzeit jeden und jede willkürlich treffen konnten. So zum Beispiel die Eisverkäuferin, die ihren Freunden ein Eis ausgegeben hatte und versäumt hatte am Ende des Arbeitstages das fehlende Geld in die Kasse zu tun.

Ivan Panikarow begann vor 37 Jahren Zeitzeugenberichte zu sammeln. Es entstand ein Museum – in seiner eigenen Wohnung.

Leider gibt es diesen Film bisher nur in russischer Originalausgabe, aber hier eine Version mit Untertiteln auf Englisch:

Eine Geschichte hat mich besonders berührt. Es ist die Geschichte der Musikers und Komponisten Wsewolod Zaderatsky, der einsitzen musste, weil er Soldat der Weißen Armee gewesen war und außerdem den Zarensohn Alexej in Musik unterrichtet hat. Bei seiner dritten Verhaftung hat die GPU alle seine Kompositionen vernichtet. Jedenfalls hat dieser Komponist in seiner Verbannung in Kolyma zwischen 1937-39, auf irgendwelchen Papierfetzen (eigentlich Telegrammvordrucken), ohne Klavier seine 24 Préludes komponiert. Später wurden sie aufgeführt. Insgesamt umfasst das Material etwa 2,5 Stunden.

Hier sind einige Minuten daraus, Prélude No. 16:

Und hier die ca. 10-minütige Aufnahme der Prélude No. 1, interpretiert von Jascha Nemtzow, der diesen Komponisten entdeckt hat und der selbst Sohn eines Gulaghäftlings ist:

 

Tag X – Welttag der Poesie

Als krönenden Abschluss hatte ich eigentlich vor, ein Poem von Marina Zwetajewa hier zu posten.
Leider habe ich festgestellt, dass ihre Lyrik unübersetzbar ist. Außerdem fragte mich gestern jemand, was die Zwetajewa, die ja im Exil in der Tschechoslowakei und in Frankreich gelebt habe mit deutsch-russischer Lyrik zu tun habe.

Nun. Sie sprach deutsch. Ihre Mutter, die Pianistin Maria Mein, entstammte einer deutschen Familie und einer polnischen Adelslinie. Und nach dem Tod ihrer Mutter ging sie in einem Internat in Freiburg zu Schule, was sie sehr geprägt hat.

„In mir sind viele Seelen. Doch meine Hauptseele ist eine deutsche“, schrieb Marina Zwetajewa in ihr Tagebuch.

Ihre Gedichte und Prosa hat sie in russischer Sprache verfasst, abgesehen von deutschen, französischen und lateinischen Einsprengseln. Aber einige Briefe, besonders die Briefe an Rilke, den sie verehrt hat, schrieb sie auf Deutsch.

„Rilke war mein letztes Deutschland, wie ich sein letztes Russland war … meine geliebte Sprache, mein geliebtes Land, wie für ihn Russland, die Wolgawelt.“

In einem Brief von 1925 schreibt sie an ihn:
Dichten ist schon übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob französisch oder deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc(etera). Dichtern redet. Ein Dichter kann französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, dass alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind.

Foto: Marina-Zwetajewa-Museum Moskau

Hunderte Briefe wechseln die beiden Sich-Nie-Begegnenden bis zu Rilkes Tod im Dezember 1926.
Hier ein Ausschnitt aus einer Elegie auf sie von Juni 1926:

O die Verluste ins All, Marina, die stürzenden Sterne! Wir vermehren es nicht, wohin wir uns werfen, zu welchem Sterne hinzu! Im Ganzen ist immer schon alles erzählt. So auch wer fällt, vermindert die heilige Zahl nicht. Jeder verzichtende Sturz stürzt in den Ursprung und heilt.

Rilke war wohl auch von ihr angetan, vielleicht bis zu dem Moment, an dem sie ihn heiraten wollte. Unbesehen. Eine faszinierende Frau mit, wie gesagt einer Sprache, die sich in ihren Wortspiellauten, ihren klangmalerischen Nuancen, ihren stakkatoartig klatschenden Zeilen kaum umsetzen lässt. Oder zumindest nicht an einem regnerischen Nachmittag… Weil ich aber nicht loslassen kann, nehme ich doch ein oder zwei kurze Gedichte und setze sie hier ein,  wie das von 1918:

Кто дома не строил…

Кто дома не строил –
Земли недостоин.

Кто дома не строил –
Не будет землею:
Соломой – золою…

  • Не строила дома.

Die offizielle Übersetzung lautet:

BAUT EINER KEIN HAUS – 
Spuckt die Erde vor ihm aus.

Baut einer kein Haus –
Wird er nie zur Erde:
Erst Stroh, dann Asche im Herde …

Ich baute kein Haus.

***

Mir gefällt nicht, dass die Erde vor mir/ihr ausspucken soll. Deshalb wandle ich es jetzt um und übertrage wörtlich:


Wer kein Haus gebaut…

Wer kein Haus gebaut
hat die Erde nicht verdient

Wer kein Haus gebaut,
wird nie zur Erde
wird erst zu Stroh, dann zu Asche

– Ich habe kein Haus gebaut.


Es gibt noch ein schönes Gedicht von ihr über Ruhm und Lob und die Stille. Aber an der Übertragung ins Deutsche muss ich noch feilen.

Nun ist also der Tag X und hier ist die schöne Reihe zu Ende. Viel ist es um Erde gegangen, um Vergangenes um die Sehnsucht nach Heimat. Aber nicht nur. Und nicht alle, die mit ihrer Lyrik aus der russischen, deutschen, deutsch-russischen und russlanddeutschen Sphäre hineingepasst hätten, sind hier zu Wort gekommen. Deshalb wird es in unregelmäßigen Abständen an manchen Freitagen eine lyrische Fortsetzung geben. Vielleicht habe ich auch die Zeit, manche der russischen Gedichte in Lautschrift zu transkribieren. Mal sehen. Aber nicht morgen. Morgen ist Pause.

Zum vorläufigen Abschluss noch ein Abschiedsgedicht von Marina Zwetajewa:

Прости
Нине

Прощай! Не думаю, чтоб снова
Нас в жизни Бог соединил!
Поверь, не хватит наших сил
Для примирительного слова.
Твой нежный образ вечно мил,
Им сердце вечно жить готово, –
Но все ж не думаю, чтоб снова
Нас в жизни Бог соединил!


Verzeih*
für Nina

Leb wohl*! Ich denke nicht, dass Gott uns
je in diesem Leben wieder zusammenführen wird!
Glaub mir, unsere Kraft reicht nicht aus,
um ein versöhnliches Wort zu sprechen.
Dein zartes Antlitz bleibt mir ewig lieb,
mein Herz ist bereit dafür zu leben – ewig,
Trotz allem denk ich nicht, das Gott uns
je in diesem Leben wieder zusammenführen wird!

*Verzeih (Прости, Prosti) und Leb wohl (Прощай, Proschaj) haben einen ähnlichen Wortstamm, wen wunderts? Mich nicht.

Jeden Tag ein Gedicht – 20. März

Wiege

Mir wurde nicht in die
wiege gelegt die heimat,
eher die verbannung in
den ural. kein gedicht
von heine, sondern das
von mandelstamm. keine
»prawda« wurde mir
vorgelesen, sondern ein
blatt aus der bibel vom
samisdat. keine schuh-
rede gehalten von nikita
chrutschow, nur die berg-
predigt vom »Pik Lenina«.
man hat mir den mund
nicht stopfen können
mit wodka noch selbst-
gebrannten samogon,
sondern mit kuss, einem
kuss, dann stutenmilch
als aperitif. ein gedicht
fuhr mir über die lippen,
danach blutete das herz.
paar brosamen und ein
gebet in platt gaben ihr
bestes zur nacht. wera,
nadeschda, ljubow, meine
drei schwestern, kicherten
auf einem ofenbett vorm
einschlafen. sie fanden
das leben noch heiter. ich

träumte fragil: was wird
mir wohl beim aufwachen
dann in die erdgruft gelegt?


Andreas Peters, geboren 1958, lebt in Bad Reichenhall und Salzburg (Österreich).

der vielbesungene russische Ofen, oft mit einer Liegefläche, oben, wo es schön warm ist…

aus Rum & Ähre, einem Gedichtband, der 2018 im chiliverlag erschienen ist.

Andreas Andrej Peters, Rum & Ähre, Gedichte
ISBN 978-3-943292-69-5, 120 Seiten
chiliverlag, Euro 10,90
Hier steht, was die Lyrikgesellschaft über dieses Buch schreibt:
http://lyrikgesellschaft.de/ueber-die-zuwendung-der-welt-andreas-andrej-peters-neuer-gedichtband-rum-aehre/

Jeden Tag ein Gedicht – 19. März


Auch hier schreibt die Dichterin vorwiegend auf Russisch. Und ich habe mir erlaubt, eins ihrer Gedichte zu übertragen. Aber natürlich ohne dass sich bei mir Klangpaare bilden.

собери меня назад

Вот попалась в руки критику
ну так что ж
разберет меня по винтикам
не соберешь

а ломать – не строить
так ведь говорят
да на все есть Божья воля
собери меня назад

собери меня назад
по словам
по строчкам
я хочу быть целою
вот и все
точка

Рената Вольф


setz mich wieder zusammen

so bin ich also in die Hände eines Kritikers geraten
was solls
er wird mich auseinander nehmen – Schräubchen für Schräubchen
unmöglich wieder zusammen zu setzen

und zerstören ist nicht aufbauen
wie sie sagen
für alles gibt es einen Willen Gottes
setz mich wieder zusammen

setz mich wieder zusammen
in Worten
in Zeilen
ich will wieder ganz sein
mehr nicht
Punkt

Renata Wolf, geboren 1955, lebt in Duisburg