Das vergessene Buch

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Theodor Kröger – Das vergessene Dorf. Eigentlich steht auf dem Umschlag eher so etwas wie: Das vergeffene Dorf, denn der Titel ist in Frakturschrift gesetzt, eine Ausgabe von 1934. Gefunden habe ich es eher zufällig, als wir an den Bücherkisten vor einem Briefmarken- und Münzladen standen und in Wirklichkeit hat meine Tochter es mir vor die Nase gehalten mit den Worten: Mama, was ist das für eine Sprache?

Auf dem Innentitel lese ich als Unterzeile: Vier Jahre in Sibirien und darunter Ein Buch der Kameradschaft. Das ist doch was für die Scherbensammlerin. Der erste Teil heißt schon vielversprechend ‚In Ketten‘. Voll meine Linie, oder?

Ich nehme es also mit und bei der Netzrecherche finde ich heraus, dass der Autor Theodor Kröger unter dem Namen Bernhard Altschwager in St. Petersburg geboren und aufgewachsen ist und somit ein Deutscher aus Russland war und dass er 1913 nach seiner Uhrmacherlehre in der Schweiz selbst wegen Verdacht auf Spionage hinter den Ural verbannt wurde. Es steht nicht soviel über ihn im Netz und auch seine Romane scheinen vergessen zu sein.

Dabei war Das vergessene Dorf mit einer Auflage von mehr als einer Million und einer Übersetzung in 16 Sprachen zu seiner Zeit ein vielgelesenes Buch. Und Kröger ein Bestseller-Autor.

Theodor Kröger

Theodor Kröger als Autor in Deutschland sehr bekannt. Seinerzeit.

Aber das ist wohl die Krux an der Sache, in der deutschen Biografie auf Wikipedia ist von einer ‚dezidiert nationalkonservativen Richtung‘ die Rede, die dazu geführt hat, dass er im Dritten Reich ein anerkannter Schriftsteller war und nun faktisch nicht mehr gelesen wird.

Ein weiterer Bestseller aus seiner Feder, Heimat am Don wird mit über 300 000 Exemplaren an 28. Stelle in einer Liste der erfolgreichsten Bücher von 1933 bis 1945 geführt. Gleich vor dem Hitlerjungen Quex aber einige Titel nach Karl Mays Schatz im Silbersee.

In Krögers Werken finden sich antibolschewistische Tendenzen. Aber macht es ihn zu einem NS-Autor?

Interessant ist, dass das der Schmutztitel, die leere Seite am Anfang eines Buches, wo Leute ihre Namen hineinschreiben, herausgetrennt ist. Aus Scham? Oder einfach aus Gewohnheit, bevor man es an Unbekannte abgibt?

Auf dem Deckblatt ist ein Mann in Kriegsgefangenen-Kluft abgebildet und gleich hinter ihm einer mit einer russischen Rubaschka und Bastschuhen. Sieht nicht unbedingt aus wie das Verhältnis zwischen Herrenrasse und Untermensch.

Herausragend geschrieben ist Das vergessene Dorf nicht. Das verhindert wohl auch seinen nachhaltigen Weltrum. Kurze einfache Sätze, viele Plattitüden auch viele Vorurteile, die Asiaten mit ihren verschlagenen Blicken, die saufenden Russen. Passend für einen Bestseller.

Es ist mehr fiktiv als biografisch, eher ein Abenteuerroman im Stile des Altmeisters May. Old Surehand im Slawenland. Sogar eine von der Zivilisation vergessene Siedlung von hunnischen Ureinwohnern, die Kröger mit einigen Trappern (sie heißen wirklich so) entdeckt, erinnert an die Romane des Radebeuler Winnetou-Erfinders. Mit dem Unterschied, dass Kröger wirklich an den Orten gelebt hat, in denen seine Bücher spielen.

Pseudoautobiografiegeschwafel wird sein Buch an einer Stelle im Netz genannt. Aber Pseudo ist es nicht. Auch wenn er viel dazu gedichtet hat, anders als der Winnetou-Erfinder aus Radebeul, war Bernhard Altschwager wirklich in Gefangenschaft im Ural. Er ist Deutscher in Russland. (Nicht Russlanddeutscher, das ist ein Unterschied, das habe ich jetzt gelernt, diese Bezeichnung bekommen nur die bäuerlichen Siedler an der Wolga und in der Ukraine und deren Nachkommen. Die Altschwagers gehören zu den Kaufleuten, den Handwerker-Spezialisten, die sich in St. Petersburg und in Moskau ansiedelten. Sein Vater war Uhrmacher.) Also sollte er wissen, wovon er schreibt. Er ist im vorrevolutionären Russland aufgewachsen, er spricht Russisch. Und er steht als Autor nicht hasserfüllt dem Land gegenüber – anders als andere Bestsellerautoren der NS-Diktatur. Wohl aber lehnt er den Bolschewismus aus tiefstem Herzen ab.

Es gibt wenige Hinweise darüber, wann Kröger/Altschwager nach Deutschland kam. Irgendwann in der Weimarer Republik. 1934 erscheint das vergessene Dorf, 1941 geht er in die Schweiz, ’46 nach Österreich. Ende 1958 stirbt er in Graubünden.

Ich muss mich durchkämpfen, durch diesen Wälzer, und das nicht nur wegen der Frakturschrift, deren Sinn ich mehr erahne. Ich schaffe nicht alles in einer Etappe. Komme ins Stocken. Langatmig und unerträglich finde ich das Buch in seiner Ich-bin-besser-als-ihr-alle-Attitüde. Der Text ist voller vorgefertigter Sätze und Vorurteile. Der deutsche Hühne Theodor Kröger läuft lässig durch die sibirische Steppe und zeigt den Russen mal eben, wo der Hammer hängt. Trotz seiner untergebenen Position als Gefangener.

Besonders haarsträubend: als nach einigen Jahren die deutschen Kriegsgefangenen das Dörfchen Nikitino verlassen wollen, legt er den Dorfbewohnern folgende Worte in den Mund:

‚Wir haben euch aufgenommen wie unsere eigenen Brüder, haben mit euch unser tägliches Brot geteilt, haben mit euch immer im besten, ehrlichen Einvernehmen und und ungetrübtem Frieden gelebt, und euch unser bestes, mag es auch armselig und karg sein, gegeben. Ihr habt uns vieles gelehrt, aber ohne euch werden wir wieder in das immer Gewesene zurückfinden, denn wir haben noch nicht ausgelernt. Bleibt, Brüder, bleibt um Gottes willen, laßt uns nicht in unserer Unwissenheit zurück, habt Erbarmen mit uns…‘ Seite 522

Abgesehen davon, dass diese Worte wohl kaum ein Russe gegenüber einem Deutschen aussprechen wird, in der russischen Literatur geistert der übereifrige Typus des Штольц (Stolz) der den unbeliebten und anstrengenden Gegenpol des faulen Oblomow bildet. Die Darstellung der Überlegenheit der Deutschen in Russland bringt Kröger als Autoren in der nationalistisch aufgeladenen Zeit zwischen 1933 und 1945 einigen Ruhm und Ehre. Aber genau das macht wohl, dass er nach 1945 fast in Vergessenheit geraten ist: Das ‚Am deutschen Wesen soll die Welt genesen‘. 1960 hat seine Ehefrau auf Wunsch vieler treuer Leser posthum den letzten Roman ‚Natascha‚ publizieren lassen. Er schildert Krögers Leben nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Und in den Achtzigern wurden die alten Romane wieder neu aufgelegt, aber an die alten Verkaufszahlen konnten die Bücher nie wieder anknüpfen. Mit seiner Deutschtümmelei mit einer Prise Wild-Ost-Abenteuer trifft er den Nerv der damaligen Zeit. Was heute Leser als ’nerviges Treudeutschtum‘ bezeichnen, war damals gesellschaftstragender Konsens. Noch ein Aspekt: es war unter den Deutschen in Russland lange verbreitet, sich für zivilisierter, sauberer und tüchtiger zu halten als die einheimische Bevölkerung. Ob es nun Russen, Ukrainer, Tataren oder Kasachen waren. Eingekesselt in der Fremde war es für ihre Identität wichtig, sich abzugrenzen, sich nicht nur als Verlierer zu sehen, sondern etwas von der alten Heimat hochzuhalten. Und sei es die Akkuratesse. Bereits einer der ersten schriftstellernden Siedler an der Wolga, Graf von Plathen, hat ca. 130 Jahre vor Kröger offenbar Gefallen daran gefunden, die russischen Matkas und Batkas als rückständiges Bauernvolk anzuprangern.

Bei aller Überheblichkeit, die möglicherweise dem Zeitgeist zugeschrieben werden kann, ist wichtig, dass in diesem Buch eine brüderliche Beziehung zwischen den verschiedenen Völkern herrscht. Wenn auch nicht ganz auf Augenhöhe. Und somit dieses Werk nicht dezidiert einer völkischen Gesinnung zugeordnet werden kann. Tatarische Händler, ein ungarischer Geigenspieler (ein Sinti und Roma?) und der bärenstarke Russe Stepan, dessen Frau wie einer Madonna gleicht – sie alle sind durchweg positive Gestalten. Und auch der kleine Sohn Krögers, aus seiner Ehe mit der Tatarin Fayme, wird als schönes, kluges Kind dargestellt – nicht als minderwertiger Mischling, dessen man sich schämen muss. Der Autor wirft ein wohlwollendes Auge auf andere Völker, wenn sie sich an die Kastenregeln halten und seine Überlegenheit nicht infrage stellen.

Nicht ohne Grund steht heute herzlich wenig über ihn im deutschsprachigen Netz. Einige Zeilen, ein Foto, mehr nicht. Kurios: in Russland sind ihm viel mehr Seiten gewidmet.

2012 erscheint eine Auflage von Das vergessene Dorf  als «Забытая деревня. Четыре года в Сибири» in Russland. Dort wird es als ein Zeitdokument und ein Zeichen der Freundschaft und Völkerverständigung gehandelt. Keine Stimmen darüber, dass das russische Volk unterlegen dargestellt wird. Wer weiß, was der Übersetzer alles weggelassen hat. Vielleicht ist es dadurch besser geworden: ein harmloser Abenteuerroman mit historischem Touch.

In einer Analyse der bestverkauften Bücher des Dritten Reiches eines Münchener Instituts finde ich die These, dass es damals mehr als nur die beiden Kategorien Propaganda-, Kriegs- und Blut-und-Boden-Literatur auf der einen Seite, auf der anderen die Literatur der ‚Inneren Emigration‘ gegeben hat. Anders als es die Kritiker und Literaturwissenschaftler heute vielfach darstellen würden. Es gab einfach auch viele Bücher, die die Leute gern lasen. Vom Winde verweht, Herzschmerz-Romane und Abenteuerbücher. Kröger gehörte zu dieser dritten Kategorie.
Dadurch, dass das Buch früher ein Megaseller war, kursieren davon viele antiquarische Exemplare – für ein Appel und ein Ei. Und einige landen dann unbeachtet in die Grabbelkisten von kleinen Briefmarken-Läden.

Angenehmes Knacken – Sonnenblumenkerne im Vergleich

Ich weiß nicht, wie viele Wörter die Inuit für Schnee kennen, im Lexikon der russischen Sprache von Wladimir Iwanowitsch Dahl gibt es jedenfalls dreizehn Synonyme für das Knabbern von Sonnenblumenkernen: лущить, лузгать, шелушить, грызть, вылущать, щелкать, выковыривать, вылуплять, облупливать, лушпинить, щелкотить, лустерить und жущерить.

Die Liebe der russischen Nation zu diesen Winzlingen ist bekanntermaßen groß. Über ihre Funktion als eine  in Trance versetzende Substanz habe ich schon geschrieben. Kalzium und gutes Fett und was nicht alles, ist ebenfalls in diesen kompakten Leichtgewichten enthalten. Das einzig Negative ist vielleicht noch der Dreck, der übrig bleibt, der Suchtfaktor und das Geräusch, das alle in der Umgebung, die nicht so engagiert knurspeln, in den Wahnsinn treibt.

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So wie es Testseiten für Computer, Lautsprecher oder Yachten gibt, so darf auch eine Seite nicht fehlen, auf der die Sonnenblumenkerne diverser Marken dargeboten werden. Was mich wundert, sie ist auf Deutsch und für in Deutschland lebende Konsumenten gemacht, womöglich für eine in der Diaspora lebende russischsprechende Paralellgesellschaft. Ich habe sie per Zufall entdeckt, das heißt, sie hat mich entdeckt. Irgendwann war da ein Kommentar von einem ihrer Betreiber unter einem Text von mir mit einem Link auf ihre übersichtlich und modern gestaltete Seite.

Hier werden Kerne mit oder ohne Schale einem Geschmackstest unterworfen und dürfen per Mausklick erworben werden. Im praktischen Eimerchen oder in großen Tüten. Als Nostalgiebonus wird meistens zum Größenvergleich ein Rubelstück neben die getesteten Kerne gelegt. (Bloß bei Rapunzel Sonnenblumenkernen ohne Schale liegt ein 20 Cent Stück.)

Hier ein paar Schmankerl aus den Testberichten:

Die Schale ist dick und benötigt ein wenig Kraft zum Knacken. Für geübte Semetschki-Esser ist dieses aber kein Problem. Eher ein feiner Knackspaß.

Oder

Sie schmecken leicht säuerlich nach Walnuss mit einem Spritzer Grasgeschmack. Der Geschmack ist nicht als schlecht zu verstehen. Man könnte ihn mit dem Liegen, auf einer Steppen-Wiese, an einem späten Frühlingstag, in der Taiga vergleichen.

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Ich finde die Idee sehr schön, darauf hat die Welt gewartet. Im Ernst jetzt. Nur zwei Dinge stören mich: kein einziges Mal schreiben die Tester*innen dass die Dinger ranzig riechen oder zu mau sind oder zu klein. Ich werde den Verdacht nicht los, dass sie von den Herstellern saftige Provisionen erhalten: in Form von Sonnenblumenkernen womöglich. Ich selbst hatte beim Kauf von bereits gebratenen Sonnenblumenkernen schon so manch böse Überraschung erlebt.

Und das zweite Manko: alle Links, die zum Kauf führen, landen auf der Seite eines Großversenders, der mit Am.. anfängt und mit ..on endet. Und mit der Tradition des Sonnenblumenkern-Knackens nicht das geringste zu tun hat. Und dann die Mengen, Vorteilspackung von 5x1kg. Da knispel ich mir ja den Mund fransig, bis ich die bis zum Verfallsdatum aufgeknackt habe. Lieber hätte ichs gesehen, wenn man damit die lokalen Anbieter unterstützen würde, irgendwo hinter den Karpaten oder im Ural. All die Babuschkas und Deduschkas, die ihren Ertrag Becherweise in zusammengerollten Zeitungstütchen verkaufen. Aber diese Zeiten sind wohl trotz Rubel und humorigen Sprüchen für immer vorbei. Um das zu verarbeiten, muss ich wohl gleich zu einer Handvoll knackfrischer, nicht zu labriger selbstgerösteter Kerne greifen. Nicht vergessen, auf die ukrainische Art kommen beim Rösten mit Schale einige Tropfen Öl dazu, na klar, Sonnenblumenöl, so werden sie noch nussiger und bratiger – falls es dieses Wort überhaupt gibt. Welches ist besser: mit Grillaroma? Der feine Geschmack des leicht Angebratenen? Deftig und herzhaft? Es gab doch ein japanisches Wort dafür: umami. Aber das ist es auch nicht. Der Geschmack frisch gerösteter Kerne ist einfach unvergleichlich.

Jedenfalls verfügt die semetschki-Seite über ein Dossier mit durchaus praktischen Anleitungen. Darin wird erklärt, wie die Schalen aufgeknackt werden, für all diejenigen, die keine gefiederten Freunde sind oder das Aufkneifen mit der Zungenzahnlückentechnik nicht von klein auf gelernt haben. Und die beiden Arten zum Kernrösten werden auch vorgestellt: die Backofenvariante und die Pfannen-Variante. Alles mit einem leichten Grinsen geschrieben.

Humorig kommen auch die Kommentare beim Geschmackstest daher, da heißt es schon mal:

Klicke Hier, wenn du ein Mann bist! 3x450g im praktischem Eimerchen.

Oder ist es doch kein Witz? Los, Männer an die Kerne!

Ob echter Mann oder echtes Weib, hier, der ultimative Geschmackstest für alle, die selbst mal Semetschki knurspeln, zerknipsen, aushülsen, abspelzen, aufknackseln oder herauszwengeln wollen:

http://www.semetschki.de/

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Feldgrauzeit Übersetzung

Die Übersetzung des Originalposts vom März 2016 von http://sogenteblx.livejournal.com/94781.html?style=mine#t710461:

„Die Überflüssigen“: sowjetische Kriegsgefangene in der Darstellung deutscher Künstler – Feldgrauzeit

Neulich fiel mir ein seltenes Buch über Kriegskünstler in die Hände, die die Wehrmacht belieferten. Darin war ein Abschnitt über sowjetische Gefangene, wie sie die Maler in den deutschen Uniformen gesehen haben.

Das traurige Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen, besonders derer, die 1941 in die Kessel geraten waren, ist allen bekannt, die sich mit dem Krieg auseinandergesetzt haben. Unter den Unkundigen ist es allerdings fast völlig unbekannt, zum Beispiel im Vergleich mit der Tragödie der europäischen Juden. Wenn jemand auf der Seite der roten Armee gekämpft hatte und in die Gefangenschaft der Deutschen geraten war, so war das in vielen Fällen das schlimmste was ihm hätte passieren können. Die Nazis betrachteten die sowjetischen Gefangenen nicht als Menschen, und verhielten sich zu ihnen ähnlich wie zu einer nutzlosen Last: sie wurden absichtlich nicht verpflegt, sie wurden erschossen. Als 1941 in Auschwitz das erste Mal das tödliche Gas angewendet wurde, hat man es an einer Gruppe sowjetischer Insassen getestet. Vereinzelte Fälle von Mitgefühl und Menschlichkeit seitens der Befehlshabenden, die in dem einen oder anderen Gebiet sich den Vorkommnissen widersetzt haben und versucht haben, zu helfen, haben die ideologische Grundeinstellung nicht zu ändern vermocht. Der Fokus verschob sich später lediglich von „das sind überflüssige Esser, Unmenschen“ ein wenig zu „das ist ein Reservoir an kostenlosen Arbeitern die bereits erschlossen sind und für eien Zweitverwertung in der Armee zur Verfügung stehen“. Aber wem ging es dadurch besser? Nicht besser wurde es für sie auf jeden Fall wegen der späteren Einstellung der Sowjetregierung: die Episode der Gefangenschaft wurde auf das weitere Leben übertragen.
In einer umfassenderen historischen Betrachtungsweise, ist all das, was diesen Menschen zugestoßen ist, all dieses maßlose Sterben, das zweitgrößte Verbrechen und geht auf das Konto der Armee (roten Armee?), der Wehrmacht und nicht der SS.

Mir schien es, dass es in einigen Fällen den Künstlern gelungen ist, bloß eine Gruppe mehr oder weniger freiwilliger Soldaten aus dem Bolschewiken-Land zu sehen, bestürzt und zerbrochen, die ihre Läuse zerknacken und ihre eiternden Wunden verbinden, sondern gewöhnliche Menschen auszumachen, die unglücklich sind. Hinter den albernen Spitzkappen der russischen Armee und in den sandfarbenen Uniformen sieht man Gesichter, in denen die Ausweglosigkeit und der Tod gespiegelt sind.

Alle Bilder sind erstmals im Netz zu sehen.

Aus feldgrauer Zeit

Was hat die Farbe von Uniformen mit Kunst zu tun? a) Mit Graphit lässt sich graue Soldatenkluft gut darstellen. b) Es gab zur Zeit des WKII eine eigene Kunst- und Propaganda-Staffel, die in den Feldzügen eingesetzt war. Auch in Russland. Feldgrau ist die Bezeichnung deutscher Uniformen im ersten Weltkrieg und auch später bei der Wehrmacht. Das habe ich jetzt gelernt.

Im Frühling hat ein User oder eine Userin, das ist bei den heutigen Namensgebungen nicht immer ersichtlich,  auf der Plattform livejournal.com Portraits ins Netz gestellt von russischen Kriegsgefangenen, die von deutschen Künstlern ausgeführt wurden.

Sie stammen aus einem Buch, das in deutscher Sprache erschienen ist, um das die User*in zunächst ein großes Geheimnis gemacht hat.

Es sind sehr eindringliche Bilder, von ausgezehrten Gesichtern, müde, resigniert. Aber wenn der NS Propaganda-Feldzug den slawischen Untermenschen zeigen sollte, so hat er versagt. Die Charaktere sind klar, die Gesichter authentisch, naturalistisch und nicht zur karikaturistischen Physiognomie verzerrt.

Hier geht’s zum russischen original Blog und hier ist die Übersetzung des Textes ins Deutsche.

Die Autorin, ich denke die ganze Zeit, dass es eine Frau sein muss, vielleicht wegen des Icons bei livejournal, schreibt, dass das Leiden der sowjetischen Kriegsgefangenen nach der Befreiung, nachdem sie das Grauen überlebt haben, Arbeitssklaven oder überzählige Mäuler zu sein, noch weitergegangen ist. Denn die Sowjetunion hat sie nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Volksverräter behandelt und gleich in das nächste Lager gesteckt. Denn ein Soldat der roten Armee ergibt sich nicht. Daran muss ich auch denken, wenn ich diese Gesichter sehe. Die Wahrscheinlichkeit, dieses doppelte Joch zu überleben war wohl sehr gering.

Da ich zunächst nicht herausfinden konnte, um welches Buch es sich handelt, habe ich versucht, mehr über die gelisteten Künstler zu erfahren.

Einige gehörten zu dem nationalsozialistischen Kulturestablishment, wie der 1885 in Berlin geborene Franz Eichhorst, dessen Werke Hitler sogar in seiner privaten Kunstsammlung besaß, er malte auch ein Lieblingsgemälde des Führers. Andere waren kurz nach dem Krieg nach Schweden ausgewandert, wie der aus dem Sudetenland stammende Olaf Jordan oder sind durch die Bekanntschaft mit Franz Kirchner zur Kunst gekommen (wie Hans Sauerbruch), wieder andere wurden nach dem Krieg Lehrer an einer Waldorfschule, arbeiteten als Grafiker und Illustratoren, verfielen dem Alkohol oder gerieten in ganz Vergessenheit.

Wenn es über diese Maler eine biografischen Notiz im Netz gibt, so steht da oft der Zusatz „XY war Mitglied in der Staffel der bildenden Künstler.“ Das war eine Eliteeinheit der Wehrmacht, die in Polen, Frankreich und Russland stationiert war und einen Bestandteil der Propagandamaschinerie bildete.

Von den meisten, deren Landschaftsskizzen jetzt zu Spottpreisen in Auktionen verscherbelt werden, heißt es lapidar, sie seien Maler des 20. Jahrhunderts gewesen.

Es ist schon bezeichnend, was alles in den Kommentaren unter dem russischen Post steht. Da ist Bitterkeit den deutschen Malern gegenüber, die den Luxus hatten, mit Pinsel und Farben an die Front zu gehen, während die russischen Mütterchen ihre verhungernden Kinder beerdigten. Da ist sogar ein Leugner der Vergasungen in Auschwitz zu finden, der behauptet, der Schlot wäre erst im Jahr 1948 errichtet worden. Aber viele erkennen darin einen wertvollen Beitrag und sehen, dass die Wehrmachtsoldaten-Künstler hinter die Fassade geblickt und nicht nur den Untermenschen hervorheben wollten.

Mittlerweile ist es klar, bei dem antiquarischen Buch handelt es sich um Kunst und Propaganda in der Wehrmacht, von Veit Veltzke, erschienen bei Kerber 2005 oder 2006.

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Nach dieser fulminaten Vorgabe seitens SOGENTEBLX (so der Name desr User*in) bin ich neugierig geworden und möchte mehr davon kennenlernen als nur die Zeichnungen.

Obwohl die es in sich haben, hier eine Auswahl:

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Max Ahrens, Sowjet…(unleserlich), 1942

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Walter schmock, Sowjetische Gefangene, Winter 1942/43

Walter Schmock, Sowjetische Gefangene, Winter 1942/43

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Franz Eichhorst, Ohne Titel

Franz Eichhorst, Ohne Titel

Gerade eben habe ich diese Zeichnung von Eichhorst an anderer Stelle im Netz wiederentdeckt. 2011 wurde ein Online Archiv aufgemacht mit einigen Münchener Ausstellungen von 1937 bis 1944. Da firmiert es unter dem Titel: Gefangenen Bolschewisten. Tja. Damit kommen ganz andere Töne durch.  Das ist Täterjargon, der Gruppen mit einem Sammelwort benennt und abewertet. Der Bolschewist. Der Iwan. Der Russe. Neulich erst hörte ich: Ich kenne den Russen und ich trau ihm nicht so’n Stück! Sie stecken noch in uns drin, die alten Feindbilder samt den passenden Bezeichnungen.

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Albert Janesch

Albert Janesch, Sammelpunkt der Kriegsgefangenen bei Stalingrad, 1942

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Olaf Jordan,

Olaf Jordan, Ohne Titel, 1943

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Heribert Losert,

Heribert Losert, Ohne Titel

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Olaf Jordan,

Olaf Jordan, Ohne Titel, 1943

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Max Ohmayer

Max Ohmayer, Ohne Titel, 1941

 

Quellenforschung

Bereits Ende letzten Jahres hat die Bundeszentrale für politische Bildung ein Buch des Historikers Dr. Viktor Krieger herausgebracht. Es heißt: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. In drei Teile gegliedert, beschäftigt es sich mit der Auswanderung der ersten Siedler ins russische Reich vor 250 Jahren, mit dem Leben ihrer Nachkommen im Sowjetstaat und schließlich mit ihrem Verbleib nach der Auflösung dieses Staates.

Ich habe es zunächst durchgeblättert und gedacht, aha, Vertreibung, aha, Fotos in schwarz-weiß, alte Schriftstücke aus Archiven, kenn‘ ich schon.

Doch dann habe ich mich hingesetzt und angefangen, wirklich zu lesen.

Ich kann diesem Buch zwar nicht entnehmen, worüber sich die Leute damals beim Frühstück unterhalten haben, wie sie ihr Brot schnitten, auf russische oder aus deutsche Art, aber ich lerne, dass es seinerzeit unter den Siedlern-Eigentümern an der Wolga und an anderen Orten Arm-Bauern gab, die kein Land besaßen. Ich bekomme eine Übersicht über die vielen verschiedenen Berufe, die sie in Deutschland ausgeübt hatten. Bevor sie sich in Russland ausschließlich mit der Landwirtschaft beschäftigen mussten. Die Geschichte von vielen hundert Siedlungen breitet sich vor meinem Auge aus. Und sie ist sachlich erzählt, nicht zu trocken, sondern stringent, so dass an ihr gut folgen kann.

Durch die emotionslose Sprache eines Geschichtsbuches hört das Spekulative, die dunkle Erinnerung auf und die Fakten treten hervor und zeigen etwas Unumstößliches, etwas Objektives. So wars. So kanns gewesen sein. Ihr Alten habt es uns erzählt und hier ist es widergespiegelt.

Die Wege der Siedler damals

Die Wege der Siedler damals

Das Buch ist kein unverdaulicher Brocken, es umfasst (das Glossar eingerechnet) lediglich 270 Seiten und ist klar und verständlich geschrieben. Ich kenne sonst nur den anklagenden Ton, der sich hineinsickert, wenn jemand über die Vertreibungen und die Diskriminierung berichtet. Hier treten die widrigen Umstände auch klar hervor, aber in sehr distanzierter Form. Als Statistiken, die den Grad der Beherrschung der Muttersprache zwischen 1959 und 1989 beschreiben, oder die Anzahl der Akademiker einiger Sowjetvölker, darunter der deutschen Minderheit im Jahr 1939 und rund fünfzig Jahre später. Sie tauchen auf als Abbildung einer Medaille, die 1991 angeblich als Wiedergutmachung den deutschen Opfern der Trudarmee verliehen werden sollte. Deren Vorderseite ziert doch tatsächliche das Konterfei Stalins mit einem Spruch, der nur zynisch aufgefasst werden kann: Unsere Sache ist gerecht – wir haben gesiegt!

Da ist kein Jammern, noch nicht mal auf hohem Niveau, sondern eine Darlegung der Fakten, die für sich genommen, eine deutliche Sprache sprechen. Und die vieles von der Mentalität und der Motivation der Russlanddeutschen verständlich machen. Dem Autor gelingt es, durch fundierte Recherche und mithilfe einer großen Ansammlung von Daten, einen Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen zu geben. Aber er reiht nicht nur Jahreszahlen und Aussiedlungsrouten aneinander, sondern schafft Zusammenhänge, bezieht die Ereignisse aufeinander und beschreibt die Strömungen und die politischen Einflüsse, die diese Ereignisse herbeiführten. Ein Lesebeispiel:

Im Gegensatz zu den Jahren 1921/22 leugnete die Kremlführung dieses Mal [1933] hartnäckig die Existenz der selbstverschuldeten Hungerkatastrophe. Auf Druck der internationalen Öffentlichkeit stimmte sie jedoch der Zustellung von Lebensmittelpaketen und Geldüberweisungen an die Bedürftigen zu. In Deutschland organisierte und leitete der Reichsausschuss „Brüder in Not“ verschiedene Sammlungen, Paketsendungen und andere Aktivitäten. (…) Sobald sich im Ausland die Kunde über die schwierige wrtschaftliche Lage zu verbreiten begann, suchte die Sowjetregierung allerdings sofort die Auslandsverbindungen zu beschränken und die Empfänger von Hilfslieferungen einzuschüchtern. In den Massenmedien wurden diese Geschenkpakete als „Hitlerhilfe“ diffamiert und die Adressaten als „faschistische Agenten“ verleumdet. S. 107

Heimkehrer im Lager Hammerstein 1929, Seite 106

Frühe Ausreisewelle: Heimkehrer im Lager Hammerstein 1929, aus Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Seite 106

Ich erkenne Stücke aus diesem Mosaik, aber ich kenne bei weitem nicht alles. Das Durchackern dieses historischen Umrisses verbindet Wissensinseln miteinander und füllt die Lücken.

Welchen Anteil die Deutschen in Russland an der Demaskierung des Systems hatten, war mir beispielsweise nicht bewusst. Dadurch, dass sie wegen ihrer Ethnie und ihrer Religion stark verfolgt wurden, haben sie sich schon früh von der staatlichen Einheitsdoktrin abgewendet.

Neben dem religiös motivierten Wiederstand setzte die Ausreisebewegung der Deutschen aus der Sowjetunion ein deutliches Zeichen des Protests und Freiheitswillens. Sie stellt einen wichitgen Beitrag dar, die ideologischen Säulen der sozialistischen Gesellschaftsordnung wie Internationalismus, Völkerfreundschaft, Gleichberechtigung oder Religionsfreiheit in den augen nicht nur der sowjetischen Bevölkerung, sondern auch der ausländischen Öffentlichkeit als leere Worthülsen zu entlarven. S.158

Nicht dass ich es an einem Stück lesen könnte, wie einen Krimi,  dazu enthält es zu viele Informationen, aber ich werde es wohl öfter zur Hand nehmen, um zu forschen, um mich inspirieren zu lassen. Und vor allem um nachzuspüren, wie es damals war und woher ich eigentlich komme.

Die Auflistungen der geschichtlichen oder kulturhistorischen Ereignisse verankern mich. Sie betreffen meine Vorfahren und deren Landsleute. Es sind keine bahnbrechenden, weltbewegenden Dinge, aber sie sind gut zu wissen, denn sie geschahen mit meinen Leuten. Oder solchen wie ihnen. So liegt das Woher und Wann und Wie nicht mehr im Dunkeln, in den mündlichen Überlieferungen und den fast verlorenen Bildern.

Sieh an, alles ist geordnet, dann und dann haben sie Priesterseminare gegründet, da Jubiläen gefeiert.

Mir wird jäh bewusst, dass ich vor 12 Jahren ein Jubiläum verpasst habe, denn ungefähr da muss ein Altvater nach Russland aufgebrochen sein. Halb so schlimm. In wenigen Generationen kommt schon die 300-Jahresfeier und die wird doch hoffentlich festlicher begangen und mit mehr Echo in den Medien und in den Köpfen meiner eigenen Sippe.

Aufgepasst: diejenigen, deren Vorfahren vor 200 Jahren im Transkausus siedelten, haben bereits 2019 die Chance auf ein großes Fest.

Mehr noch als Quelle für Ereignisse und Geschichten, ist dieses Buch für mich eine Art Rückversicherung. Als Garantie dafür, dass es die Gräueltaten und das einfache alltägliche Leben, die vielen einzelnen Schicksale und das kollektive Erleben wirklich gegeben hat. So dass es objektiv festgehalten werden kann. Nicht in mündlicher Überlieferung, nicht lediglich in Geschichten und Filmen, sondern ganz offiziell in einem historischen Werk. Schwarz auf Weiß mit Tabellen und Zeittafeln, so dass alles seine Ordnung hat.

Das ist mir sehr wichtig gewesen, als ich das Buch in den Händen gehalten habe. Denn nur zu leicht wird die Geschichte der russischsprechenden Diaspora, wie Russlanddeutsche kürzlich (fälschlicherweise) betitelt wurden, ganz elegant übergangen. Als wäre das, was sie erlebt haben, nur eingebildet und nicht der Rede wert.

Was auch vorkommt: in der Medienlandschaft tauchen unsägliche Verallgemeinerungen oder schlecht recherchierte Thesen auf, wie neulich der lapidare Satz in einem FAZ Artikel, der mir noch immer die Haare zu Berge stehen lässt: von wegen, die Russlanddeutschen wurden von Josef Stalin umgesiedelt und haben dabei (huch, wie konnte das passieren? Eben war sie noch da!) ihre Muttersprache verloren.  Dieser Journalistin und anderen auch lege ich ans Herz, ein Buch wie das von Viktor Krieger zu Recherchezwecken zu verwenden, bevor sie sich an das Thema setzen. Es ist erschreckend, wie schlecht informiert die Presse ist und vor allem wie unsensibel sie über die Geschicke dieser kleinen Volksgruppe schreibt. (Als Vertreterin der Zweit- oder Drittgeneration von Kriegstraumatisierten und Vertriebenen bin ich auf diesem Ohr sehr hellhörig. Also mehr emotionale Intelligenz und Empathie, bittschön!)

Das einzige Manko des Buches ist in meinen Augen, dass der Fokus sehr auf den Wolgadeutschen liegt, auf ihrer autonomen Republik. Die Zeittafel beginnt zum Beispiel erst 1763 mit dem Manifest Katharinas II, dabei gab es schon Jahrhunderte vorher Deutsche in Russland. Bereits seit der Hansezeit. Aber vielleicht fällt mir das auf, weil meine Vorfahren aus der Ukraine stammen. Sie werden auch erwähnt, aber ich hätte sie vielleicht gerne stärker behandelt gesehen. Und auch die Deutschen, die sich im Kaukasus angesiedelt hatten, werden nur am Rande erwähnt.

Auf dem Umschlag steht ein Geiger am Ufer eines Flusses (der Wolga?) und spielt. Fünf Kinder fläzen sich im Gras und lauschen ihm andächtig. Die Mädchen haben diese weißen pludrigen Schleifen in den Haaren, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Wir hören sein Lied nicht. Doch die Melodie soll nicht ungehört verklingen. Sie hat ihren eigenen Klang und ihre eigene Berechtigung und wir sollten sie kennen. Damit wir uns im Klaren darüber bleiben, woher wir kommen.

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Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler: eine Geschichte der Russlanddeutschen
Dr. Viktor Krieger, bpb, Bundeszentrale für politische Bildung.
Bonn, 2015. – 272 S.
ISBN 978-3-8389-0631-7

Übrigens: Der Deutsche Bundestag führt dieses Buch in der Liste der neuerworbenen Werke des Jahres 2016, unter Innenpolitik/Landeskunde, neben dem aktuellen Roman von Martin Walser und hunderten anderer Publikationen. Hoffentlich schauen die Abgeordneten auch mal hinein. Könnte nicht schaden. Aber für den unglaublich Preis von 4,50 plus Versandkosten kann ein jeder und eine jede dieses Geschichtsbuch auch selbst erwerben und muss dafür nicht in die Bib des Bundestages nach Berlin reisen:

https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/217258/kolonisten-sowjetdeutsche-aussiedler