Die Ufer – Берега

Die Ufer. Ich habe gehört, so heißt ein russischer Film von von 1973. Aber in mir weckt es Assoziationen.

Zwei. Zwei Ufer hat jeder Fluss und so bin ich auch ein Fluss, zwischen zwei Ufern.

Ich habe mich dran gewöhnt, nur auf einem Ufer zu stehen und zu dem anderen nur gelegentlich rüberzulinsen. Manchmal mache ich auch einen kleinen Ausflug ans andere Ufer.

Egal wo ich stehe, ich bin immer vom anderen Ufer. Immer fehlt ein Stück – the missing link.

Als Fluss bin ich beides. Ich streife von den Uferbänken Geröll und Steine ab und kleine Wurzeln und Äste und schwemme sie in meinen Wassern vor mich her. Beides vermischt sich, bildet den Schlamm des Bettes, in das ich nachts meinen Kopf zur Ruhe lege.

Zwischen den Ufern in gutem Gleichgewicht.
Zwischen den Ufern in gutem Gleichgewicht.

Und so schleppe ich die Geschichte und die Geschichten von beiden Völkern mit. Das bedeutet Hänsel und Gretel sind genauso in mir verankert wie die Baba Yaga. Mir fehlen vielleicht Stücke, ich war schon lange nicht in Russland und hab den Hype um die Wächter der Nacht und die Wächter des Tages nicht mitbekommen. Aber das hole ich jetzt nach. Nach und Nach. Mit Paula haben wir die Zerrissenheit diskutiert. Das Uneins-sein der Leute, die zwischen oder mit oder aus zwei Kulturen sind. Es gibt keinen Begriff dazu.

Nur einen abfälligen: Halbblut. Das bedeutet, dass du nicht ganz bist, immer nur zur Hälfte.

не рыба, не мясо – ne ryba, ne mjaso. Nicht Fleisch, noch Fisch. Also Tofu!

Der Begriff: Migrationshintergrund ist unzulänglich und sehr BRD-zentristisch. Von hier aus gesehen, treiben sich im Hintergrund dieser Leute irgendwelche Schemata herum, Wurzeln, nur ganz schwach angedeutet. Es geht nicht um Vordergrund oder Hintergrund. Es geht nicht um innen und außen. Es gibt zwei Mengen, zwei Kulturmengen und die schieben sich ineinander und in der Mitte entsteht ein WAS?

Dort, wo die Mitte ist, da bin ich. Und wenn ich aber eins der beiden Ufer nicht will und nicht akzeptiere und mich nur auf eins stürze, dann gibt es Probleme. Ich kann nie ganz sein. Ich bin abgeschnitten von meinem Lebensmittelpunkt. Ich funktioniere. Bin immer fremd, immer anders. Aber nicht für die anderen. Ich werde mir fremd. Es ist nicht möglich beides gleichzeitig zu leben. Ich kann nur springen. Oder ich kann die Quintessenz bilden zwischen den beiden.

Ich habe Eltern, die a priori zwei Feinde sein müssen. Der Russ und der Fritz. Der Iwan und der Fritz. Wenn ich eins bin, muss ich das andere hassen. Muss misstrauisch sein, der andere ist ein wildes Tier. Kein Mensch. Feindbild. Und dennoch ist ein Zweig von meinem Stammbaum russisch und reicht tief in die Geschichte hinein. Und der andere ist deutsch, bis auf vielleicht die beiden oberen Schichten, die leicht russifiziert sind. Sowjetisch sozialisiert, trotz der Versuche, sich davor zu bewahren. Mit Namen wie Waldemar und Ottilie. Arme Kinder, die die alten Namen mitschleppen müssen. Aber es sind nicht nur die Namen, die sie mitschleppen. Das Geröll hindert sie zu fließen. Es ist ein Sumpf.

Russische Recken auf der einen Seite, germanische Helden auf der anderen. Traurige Helden. Familien, die von Typhus fast komplett ausgerottet wurden. Zwei Kinder sind übriggeblieben. Zwei Mädchen auf der deutschen Seite, ein Bruder und eine Schwester auf der russischen. Das Leid schafft eine traurige Parallelität. Aber was weiß ich über sie? Was kann ich wissen? Die liebe zum Wald? Die Liebe zum Meer? Wenn es wahr ist, was ich vermute, dann ist ein Ur-Ahn von hier irgendwo aufgebrochen, von der Nordsee oder der Ostsee und ist am schwarzen Meer gelandet. Ich kenne es nicht. Noch nicht. Odessa soll sehr schön sein.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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