Der Brunnen

slawischer_brunnen_klIch denke viel über ein Bild nach, der in den Geschichten von früher und in meinen Träumen oft vorkommt. Der Brunnen.

Mein Brunnen ist meine Kehle. Und die Tiefe des Brunnens ist nicht das eigentliche Problem, auch nicht was unten verborgen ist,  meine Stimme, meine Geschichten und meine anderen Talente.

Das eigentliche Problem ist, jedenfalls ist das Bild sehr deutlich, dass der Brunnen mit etwas zugedeckt ist. Mit einem Brett und einem Stein drauf. Verschlossen ist dieser Brunnen. Wenn ich was preisgebe, von dem was drin ist, begebe ich mich in Gefahr. Es darf nicht sein. Ich habe ein inneres Redeverbot. Das war mir so nicht bewusst. Wundern tuts mich nicht. Nicht nachdem ich diesen Wälzer lese über das Leben in Russland der Stalin-Zeit. „Die Flüsterer“ heißt das Buch. Zurecht. Es war gefährlich kundzutun, nach 1917 besonders, was man dachte, woher man kam, aus welcher sozialen Schicht. Es gab zwei Realitäten, die des Außen, die des Sowjetmenschen und die des Innen, das verdächtige, reaktionäre, private Leben.
Und dieses Verbot, auszusprechen, was innen ist. Die Meinung offenzulegen, für sich und seine Meinung einzustehen, mit dem was man weiß nach außen zu treten, das gilt immer noch für mich. Mit jeder Faser meines Körpers habe ich es verinnerlicht. Das Schweigen. Sich ducken und Mund halten.

oткровенность – otkrowennost’. Ich assoziiere: freiheraus sein, offen die Meinung sagen, nicht verstellt sein. Eine urrussische Tugend. Auch nach 1917? das Wort Blut ist darin, ot krowji, „vom Blut her“ . Na, wohl eher, dass es zu viel Blut gekostet hat, offen zu sagen, was man dachte… Auch wenn die Kollektivierung ökonomisch ein Desaster war. Auch wenn die Versorgungssituation sich nie gebessert hat. Auch wenn die Tante unschuldig im Gulag saß.

Wenn du was sagst, das nicht der SozNorm entspricht, wanderst du in eine Sondersiedlung oder ins Lager oder ins Gefängnis. Oder wirst gleich erschossen, wie wärs damit?

In dem Buch habe ich gelesen, dass die Errungenschaften des Sozialismus, die kühnen Bauten, die Moskauer Metro, der Weißmeer-Kanal, die Transsib, ist nur mit der Kraft der Gefangenen, der Geächteten entstanden sind. Kulak heißt Faust. Und mit diesen Fäusten, fast ohne Werkzeug, haben sie das alles errichtet. Sklavenarbeit.

Und wie wurdest du zum Sklaven? Durch deine zu hohe Geburt (es reichte, dass der Vater Schuster war oder eine Bäckerei besaß!) oder durch deine Ansichten, dadurch, dass dich irgendein übereifriger Linientreuer verpfiffen hat, weil er dein Zimmer in der Kommunalka haben wollte. Denn dieses Flüstern, das Zutragen von Gerüchten, war wohl erlaubt. Armes reiches Russland. Erbaut auf Knochen, von einem Geflüster aus zig Tausend Kehlen begleitet. Dem Chor der Gefangenen.

Aber wie begegne ich diesem Verbot? Wie kann ich meine Geschichte, meine Geschichten erzählen? Wie kann ich mich überlisten? Ich will nicht stumm bleiben.

Stimme – stumm – die Stummen, „nemzy“ also die Deutschen wurden so genannt, die Stummen. Weil sie nicht des Russischen mächtig sind. Mit Gesten sprechen.

Ich finde immer mehr Gründe, warum die Aussiedler so ein Unthema sind. Es sind Fehler gemacht worden. Mistakes have been made. Mehrmals und von höchster politischer Seite. Es wurden keine Abkommen getroffen, oder welche, bei denen sie zwischen die Zeilen fielen. In den Zwanziger Jahren hätten sie nach Deutschland kommen können. Nein, die Position der Weimarer Regierung blieb zu vage. Man wollte es sich mit dem übermächtigen Nachbarn im Osten nicht verscherzen.

In den Vierzigern waren sie schon unterwegs, waren da, und wurden von der russischen Armee zwangs-repatriiert. In den Wirren des Krieges. Wer hätte sich auch um ihre Belange kümmern können? Die Allieierten? Das rote Kreuz?

Und nach 1955, nachdem Adenauer sich um die Rückkehr der Kriegsgefangenen bemüht hat, wurden sie außer acht gelassen, vergessen, ihrem Schicksal überlassen. Das sind Skandale, über die man nicht so gerne spricht. Adenauer, der Erfinder von Haushaltsgeräten. Adenauer mit seinem beleuchteten Stopfpilz. Nicht geschenkt.

Na, und auf der Sowjetseite kann man auch nicht einfach zugeben, dass man die zivilen Kriegsgefangenen für den Bau brauchte, für die Salzgewinnung und fürs Holzhacken. Dass Menschen, nicht nur Deutsche übrigens, aber gern die, waren ja staatenlos, familienweise verschickt und interniert wurden, um zu arbeiten. Auch eigene Leute hat man genommen, war ja nicht zimperlich damals und hat sie schlicht als Kulaken oder später als Volksfeinde, oder als „wurzellose Kosmopoliten“ defamiert. Ohne rechtliche Grundlage, aufgrund von vagen Beschuldigungen. Jeder Deutsche ein Spitzel. Jeder Bauer mit mehr als einer Kuh ein blutsaugender Kulak. Und auch die Kinder. Nein, wenn wir das aufrollen, das ist gar nicht schön, unter den alten Teppich zu linsen, wo sich schon allerlei Gewürm gebildet hat.

Als es um die Lager nach dem zweiten WK geht, schreibt Orlando Figues: „Das Gulag System wuchs sich zu einem gewaltigen Industrieimperium aus, mit 67 Lagerkomplexen, 10 000 Einzellagern und 1700 Kolonien, die um 1949 eine Zwangsarbeiterschaft von 2,4 Millionen Menschen beschäftigten. (verglichen mit 1,7 Millionen vor dem Krieg). Insgesamt stellten Zwangsverpflichtete zwischen 1945 und 1948 schätzungsweise 16 bis 18 Prozent der industriellen Arbeitskräfte in der Sowjetunion.“

Er beschreibt, dass deutsche Kriegsgefangene einen Teil dieser Arbeitskraft gebildet haben, die aber nach 1945 freigelassen wurden. Von den Zivilgefangenen, die aus der Wolgaregion, aus dem Schwarzmeergebiet – kein Wort. Bis 1956 bestand der Zustand der Kommandatur. Danach durfeten sie innerhalb der Sowjetunion frei ziehen. Immerhin.

Das sind so die Geschichten, die nicht hochkommen dürfen. Die sich aber nach vorn drängen. Olle Kamelle. Klebrig und zäh. Und bin ich mutig genug, sie zu erzählen?

Und vor allem, wie verpacke ich sie in ein ljustiges Gewand, so dass sie nicht abstoßend wirken? Wie erzählt man Deportation als Musical? Mit bunten Kopftüchern und schwermütigen Liedern auf einer Mundharmonika? Oder bombastisch, so wie die Eröffnung der Olympischen Spiele in Sotchi vielleicht? (Übrigens auch auf unbezahlter Arbeit gegründet, wieso etwas aufgeben, was so gut funktioniert?)

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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