Was wir erben

Die Augen sind die Spiegel der Seele. Aber was, wenn die Seele ein Spiegel ist, nicht die Oberfläche eines Sees, sondern ein ganz normaler Spiegel aus Glas. Und wenn es so ist, dann sind die Seelen unserer Eltern zerbrochene Spiegel. Erfahrungen, die sie als Kinder machen mussten in Krieg, Flucht, Verschleppung und Lager oder einfach nur Hunger und Kälte und Angst, haben die Oberfläche mit Rissen überzogen oder sie sogar komplett zerbrochen.zerbrochener_Spiegel_kl

 

 

 

 

Aber um zu überleben, haben unsere Eltern ihre Scherben zusammengehalten, waren strengstens darauf bedacht, als Ganzes zu funktionieren. So war das halt damals. Wenn noch nicht mal die Kriegsheimkehrer zu einem Traumatherapeuten gegangen sind, sondern Zähne zusammenbeißen und weitermachen im Tagesgeschehen. Hopp Hopp.
Das geht am besten wenn man verdrängt. Scherben unter den Teppich kehren und so tun als wäre nichts geschehen, ist eine Überlebensstrategie. Und diesen Teppich erben dann die Kinder und Kindeskinder. Sie sind gewöhnt über die Erhebungen des Teppichs zu laufen, wo es knirscht und knurspelt.
Manchmal denke ich darüber nach, dass wir Kinder diese alten Gefühle als Stellvertreter ausleben, das unvorstellbare Grauen. Über die Soma oder über die Psyche je nach Veranlagung. So wie der Typ, der sich gestern zu uns auf die Bank vor der Bücherei gesetzt hat.

Er sah nicht wie ein gewöhnlicher Penner aus. Ganz in Schwarz, groß und schlaksig , mit einer Plastiktüte und einem Glas mit Teebeuteltee darin. Der Blick hinter der fast randlosen Brille huschte leicht und ein Hautausschlag überzog das Gesicht. Oder war es nur etwas gerötet? Er zeigte kaum Anzeichen von Vernachlässigung, und höflich war er, fragte, ob er sich dazusetzen darf, obwohl alle Bänke frei waren, das war schon ungewöhnlich für Deutschland. Dann fing er an, uns zu zu texten und es wurde deutlich, der ist manisch. Über unsere Kinder, die Schaukelten, kam er auf die Waldorfschule. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, dann kam sein Vater ins Spiel, die Bibel, die er geerbt hatte bei seinem Tod. Eine evangelisch-lutherische Bibel, aus Moskau, sein Vater käme aus Moskau, Deutscher aus Riga, das ist in Lettland. Er springt gedanklich, spinnt wilde Assoziationsketten, singt zwischendurch, von Glaube Liebe Hoffnung, seine einzigen Waffen, kommt er zu Marlenes Lied Liebe nur und sonst gar nichts, erzählt, dass er in Bamberg beim Marlene Musical mitgespielt hat. Kontrabass und Gitarre. Mit einem renomierten Regisseur aus Hamburg, eine wichtige Produktion. Im Bambergerschloss wohnen sie. Springt von Bamberg ganz easy nach New York, Carnegy School, gibt es das? Und dann nach Danzig und übers Haff, nach Nebel auf Amrum. Jede Station bekommt eine Jahreszahl verpasst.

Über den Anker, ich als Anhänger trage, kommt er auf seine Taufe auf Amrum zu sprechen, 1971, in der Kapelle auf Nebel, und seine Mutter, die dort als Kind war, geflohen aus Danzig, Lungenleiden im Lager zugezogen. Und mein Vater hat im Krieg gekämpft, in beiden Kriegen, wir sind keine Drückeberger, wir verteidigen unser Land, das war ihm total wichtig. Er hat es oft wiederholt. Es kreiste wiedermal um den Krieg.

Und es kam aber durch, dass er seinen Vater total liebt oder verehrt, ein Heldenvater, er war bei der Luftwaffe/Marine/Infanterie, ich habs vergessen. Aber er wusste es noch und auch das Regiment. Er befindet sich in der manischen Phase, wo die Gedanken zwar schwirren, aber noch zusammenhängend und logisch wirken. Also nicht unerträglich, wenn man den Kapriolen folgen kann. Ich habe aber auch nachgefragt, weil ich es spannend fand, die ganze Geschichte, habe mich aber nicht als Gleichgesinnte und gleich schicksalhaft Getroffene zu erkennen gegeben. Und da sein Vater aus Riga kommt und er Kontrabassist, frage ich ihn spontan, ob er Ole kennt. Und Bingo. Sie haben zusammen in Lübeck studiert. Mein Bruder in der Seele nennt er ihn, gibt später aber zu, dass er mit ihm uund Katja in letzter Zeit wenig zu tun hatte.

Wie oft tragen die Kinder diese Scherben vor sich, diejenigen, deren Seelen nicht zersprungen sind, tragen symbolische Sprünge, verheddern sich in einem Trauma, das nicht ihres ist. Steht auch übrigens in der Bibel und die alten Griechen haben es auch gewusst, die Sünden der Väter tragen wir bis in das siebte Glied. Und was ist mit den Traumata?

Kann man diesen Eltern einen Vorwurf machen? Den Kindern des Krieges, die vor Panzern weglaufen und neben Detonationen spielen. Die Geschwister, Eltern, Freunde verlieren auf die grausamste Weise. Sie schweigen, sie spalten ab, sie wollen vergessen. Das ist gesünder für sie.

Aber auch für uns? Gut, wenn es so ist, tragen wir die Brüche, die Bürde des Krieges, die Spätfolgen. Aber dann darf keiner von uns verlangen, dass wir funktionieren. Dass wir unseren Alltag meistern und nicht abdriften.

Ach lamentier doch nicht so. Das ist Jammern auf hohem Niveau. Du hast doch Zeit und Muße, dir über solchen Unsinn Gedanken zu machen, du kämpfst nicht um dein Leben. Um die bloße Existenz wie noch so viele auf diesem Planeten.

Aber eben grade deswegen! Weil Frieden ist, weil der Krieg bei uns hier eine Pause macht, kann das raus. Lebt es sich aus, und die alten Emotionen-Zombies kriechen aus der Gruft und zeigen ihr hässliches Gesicht. Und halten mich und auch den schlaksigen Kontrabassisten davon ab, unser Leben zu leben. Denn wenn ich sie nicht einlade an meinen Tisch, spuken sie im Leben meiner Tochter herum. Tun sie wahrscheinlich sowieso.

Advertisements

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s