Harte Jungs

Harte Jungs
Frankfurter Tatort, „Wer das Schweigen bricht.“ Regie: Edward Berger/Drehbuch: Lars Krume

Ich muss mich berichtigen. Spätaussiedler kommen doch in den Medien vor. Wie gestern wieder beim Frankfurter Tatort. Es war zwar eine Wiederholung eines Tatorts vom April 2013, aber damals habe ich ihn nicht gesehen. Er spielte in einem Jugendknast und da dürfen Deutschrussen, wie wir mittlerweile genannt werden, bekanntlich nicht fehlen. Jurij und Sergej. Über und über tätowiert mit slavischen und religiösen Symbolen und nur am trainieren. Klitschkomäßig. Knallhart. Sie stehen unter Verdacht einen Libanesen gefoltert und umgebracht zu haben und Drogen haben sie auch bei Ihnen gefunden. Das einzige Wort, dass diese harten Jungs im Skript zu sagen haben, ist: „Eigenbedarf“,  mit rollemdem R natürlich. Diese Jungs zeigen alle Anzeichen der homo sovieticus Mentalität. Sie waren es am Ende doch nicht, Gott sei Dank, also das mit den Drogen natürlich schon, aber den Mord haben nicht sie begangen.

Wieso wird nicht mal ein ganzer Tatort genau über diese Typen gemacht und mit dem ganzen Milleu und dem Hintergrund? Wäre doch spannend. Für mich. Vielleicht für 99% der Bundesbürger nicht. Weil das Thema ja irgendwie nicht so öffentlich behandelt wird. Wo sie Borsch essen und „Nu Pogadi“ gucken, und wo ihre Oma bei einer Beerdigung noch die deutschen Lieder aus den Kolonien singt.
Aussiedler oder Deutschrussen (klingt irgendwie rauer als Russlanddeutsche, Russen mit nem deutschen Namen oder besser: Russen mit nem deutschen Schäferhund…) als kriminelle Drogendealer, das entspricht dem Bild in der Öffentlichkeit. Ich will jetzt nicht in Abrede stellen, dass sich unter den Spätaussiedlern kein Drogendealer befindet. Oder die Gründe und damit alles Soziologische aufrollen, das haben andere vor mir besser getan.
Es ist schade, dass nur dieser Splitter der ganzen Gruppe wahrgenommen wird. Die Krankenschwestern und die Ärztin in dem Film hätten auch in Karaganda oder Dnjepropetrovsk ihren Abschluss gemacht haben können. Aber nein. Nur die Knastis haben den Russen-Touch.

Gut, es gibt noch Nadeshda im Münsteraner Tatort. Ihre Eltern feiern exakt wie die Russen. Bloß in einer Kneipe (!?) und nicht zuhause. Sehr untypisch und zudem schlecht recherchiert. Ich habe da nichts von mir und meinen Leuten wiedererkannt. Nada. Niente. Nitschewo. Wer sie geschrieben hat, diese Rolle, hat wohl nicht soviel Ahnung. Sie hat nämlich gar keinen Hintergrund, weder einen Immigrations-, noch einen Deportations- noch einen sonstwie Background. Oder ist das das Gute? Ein positives Beispiel für eine gelungenen Integration? Na denn, dann ist ja alles gut. Oder wie Jurij oder Sergej sagen würden: Прикрасно!

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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