Stehaufweibchen – Неваляшкa

Неваляшка heißt dieses typisch russische Stehaufweibchen. Es hat ein Glöckchen innen und ist so gewichtet, dass es sich immer wieder aufrichtet. Ein beliebtes Spielzeug für Kinder, obwohl ich mich nicht erinnern kann, dass wir eins hatten. Aber in vielen anderen Familien war das Standard. Diese habe ich in einem Café auf St. Pauli entdeckt. Es standen vier bis fünf davon in einer Vitrine, zum Verkauf angeboten. Die kleinen für 12,- Euro, die großen für 18,-

Unten auf der Verpackung stand: Поиграй-улыбнись (Spiel-Lächle)

Неваляшка bedeutet „Die, die nicht umfällt“, aber валятсья heißt auch herumliegen, im Sinne von faul irgendwo abhängen. Also wenn ich frei übersetze: die die nicht rumgammelt, oder die, die nicht herumfaulenzt.

Kein faules Rumgeliege, aber dennoch kein voranschreiten, dieses Püppchen tänzelt immer auf der Stelle. Orientierungslos. Aber immerhin, ein guter Schwerpunkt.
Kein faules Rumgeliege, aber dennoch kein Voranschreiten, dieses Püppchen tänzelt immer auf der Stelle. Orientierungslos. Aber immerhin, ein guter Schwerpunkt.

 

Ich deutele wieder herum und betreibe Nabelschau. Wenn ich Nabelschau betreibe, merke ich, dass meine Nabelschnur weg ist, klar bin schon über 40, sollte so sein. Aber was ich meine ist, die Verbindung ist weg. Die Verbindung zur Muttersprache und zum Ursprungsland fehlt. Und zu meinen Wurzeln. Immer wieder taucht irgendwo so ein Splitter auf wie dieses nimmerfaule Stehaufweibchen. Diese Puppe gibt es übrigens nur in weiblich. Sie hat kein männlich-blaues Pendant. Zu meiner Zeit gabs sie eigentlich auch nur in einer Größe, diese kleinen gab es nicht. Warum sie wohl in diesem Café stehen, mit dem Namen Kandy. Hier werden Muffins angeboten und Apple Crumble. Ist einer der Betreiber vielleicht Russe oder so wie ich aus Russland?

Vorhin, als ich gekommen bin und meinen Tee bestellt habe, ging mir das heiße Wasser (im russischen existiert übrigens ein Wort eigens dafür, кипято́к, nicht zwei, nicht горя́чийя вода́). Also ich habe mein heißes Wasser umgekippt auf ein Magazin mit dem Namen „The Germans“. Was sehr bezeichnend ist für den Moment. Das Deutsche ist außen. Es ist anerzogen, abgeschaut eingeübt. Meine Wurzeln und mein ursprüngliches Fühlen ist immer noch russisch. Es gibt ein Leugnen.

Mein inneres Kind ist russisch. Fühlt russisch. Und es kommt grade alles hoch. Natürlich besteht kein Zweifel daran, dass ich gerade jetzt hier lebe. In Hamburg, in Deutschland, im Westen. Als Westlerin im Westen wohlgemerkt. Augenscheinlich. Kaum jemand merkt auf den ersten Blick, wo ich herkomme. Das ist ein Vorteil. Ich bin Teil einer offenen, urbanen Kultur ohne politische Zensur und mir einer noch intakten Wirtschaft. Es ist besser so. Dein bestes. Es ist besser für dich. Was hättest du denn in Omsk für eine Zukunft? Es war doch gut für dich, von dort rauszukommen.
Vernunft spricht so und sie hat recht.
Aber.
Es tut trotzdem weh. Es tut weh herausgerissen zu werden aus deiner Kindheit, aus dem Gewohnten. Von Freunden und Verwandten.

Ich war ein Kind und habe das getan, was von mir verlangt wurde. Bin einfach mit.
Es ist grundsätzlich nichts Falsches daran die Heimat zu verlassen, Millionen tun es und taten es und werden es tun. Freiwillig oder gezwungenermaßen.

Was wehtut ist, nicht zurückblicken zu dürfen. Die Vergangenheit ablegen wie einen Mantel, der von Motten zerfressen wird. Keine Trauer zeigen dürfen, nur Dankbarkeit und Erleichterung und Freude darüber endlich im gelobten Land angekommen zu sein. Halleluja! Ich habe damals keinerlei Bedauern gespürt, keine Regung gezeigt, weder auf dem Flughafen in Moskau. Noch auf dem Flughafen in Frankfurt. Abgeschnitten von den Gefühlen. Ich habe nicht getobt. In Watte gepackt. Nicht geweint. Es stand nicht zur Debatte, ob ich bleiben wollte. Kinder gehen einfach mit. Und ich war so vernünftig sie zu schlucken die Pille des Vergessens. Und bin zu einem Stehaufweibchen geworden. Kopf immer erhoben. Augen nach vorne gerichtet, niemals nach hinten. Never look back.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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