Sonnenblumenkerne I

Rückblick // Auszug aus dem Tagebuch // Moskau Besuch // August 2005

Ich weiß, warum das russische Volk seit Jahren keine Revolutionen mehr macht. Viel aushält, schluckt ohne zu murren. Alle denken, es läge an dem ihm angeborenen Fatalismus. Das ist Quatsch. Es liegt an den Sommenblumenkernen.

Das war eine Schau gestern beim Spiel ZSKA Moskau gegen Zenit St. Petersburg im Dinamostadion. Die Fans in der Westkurve um uns herum knacken Kerne und fluchen. Alkohol im Stadion ist wegen Krawallgefahr verboten. Also greifen die Leute zurück auf ein altbewährtes Mittel zur Beruhigung der Nerven. Und die Miliz und die Soldaten, die zur Bewachung abgestellt sind und von denen keiner älter aussieht als achtzehn, knacken ihrerseits Sonnenblumenkerne. Und schweigen.

Malzenitschkin, du Teekanne! ist noch die harmloseste Bezeichnung, die die Fans den Spielern entgegenbrüllen. Genetalien werden benannt und als pervers geltende Sexualpraktiken erwähnt. Dem Schiri der Hang zu Kindsmissbrauch zugesprochen. Dazwischen Sprechchöre, die ich leider nicht richtig verstehe, außer, dass es um Sieg geht und die gegnerische Mannschaft etwas lutschen soll.

Nach einem mühsam erkämpften 1:1 werden alle per Lautsprecher aufgefordert, gesittet das Stadion zu verlassen. Und zwar die Flanken im Süden und Norden zuerst, dann die harten ZSKA Anhänger und zum Schluss die Petersburger, die einen geschlossenen Block im Osten gebildet haben. Es wird höflich darauf hingewiesen, dass auch Frauen und Kinder unter den Zuschauern seien. Und es geht gespenstisch ruhig zu. Dank Softgetränken und eben Sonnenblumenkernen.

Was ist an ihnen dran, dass sie friedlich machen? Ist es das Öl mit der nervenberuhigenden Wirkung? Oder ist es der Akt des Knackens, die Zähne mahlen und in der Kieferpartie wird Spannung abgebaut, auch die Hand hat was zu tun. Wie beim Stricken. Nur besser, weil lecker. Bloß, dass dabei viel Müll entsteht. Denn von den hartgesottenen Fußballfans kann man nicht auch noch erwarten, dass sie gesittet die Kerne in ein eigens dafür mitgebrachtes Tütchen spucken.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

7 Kommentare zu „Sonnenblumenkerne I“

  1. Ein echt geiler Artikel.
    Echt witzig und frisch geschrieben. Ja, es stimmt. Sonenblumenkerne zu essen beruhigt und es macht auch noch Spaß! Dazu schmecken sie auch noch verdammt gut. An den Zuschauern des Fußballspieles zu sehen. Mehr Infos zu Sonnenblumenkerne findet man Hier

    Danke für den tollen Artikel Kasimir

    1. Lieber Kasimir,
      konnte erst jetzt deine semetschki- Seite lesen. Sehr amüsant finde ich vor allem die Instruktionen, wie die Schalen am besten geknackt werden. Und auch die Geschmackstests, sehr ausführlich. LG Melitta

  2. Seit mein Mann sich das Rauchen (ca 60 Zigaretten täglich) dadurch abgewöhnte, dass er am Kiosk statt Zigaretten Tütchen mit Sonnenblumenkernen kaufte (und sie natürlich auch knackte und verspeiste) – habe ich größte Hochachtung vor den kleinen Kernen. Sie stinken nicht (die frischen duften angenehm), sie gehen nicht auf die Lunge, und der Abfall ist weit angenehmer zu beseitigen als, sagen wir mal, die Reste der Glimmstengel.

    1. Das ist eine schöne Geschichte. Ich werde es an alle, die aufhören wollen, weiterempfehlen…Besser als jeden Tag ne Tafel Schokolade. Und gut für die Nerven. Nur muss die Umwelt mit dem kleinen Knackgeräusch leben lernen…

      1. nun ja, besser als Qualm, finde ich. Und hoffe, dass in Brüssel keine Direktive gegen des Knacken von Sonnenblumenkernen erarbeitet wird.

      2. Das Knacken von Sonnenblumenkernen in der Öffentlichkeit – oder ein Genaralverbot? Oder ein Verbot der öffentlichen Bewerbung von Sonnenblumenkernen und die Darstellung von knackenden Menschen? Der einzige Grund gegen das Sonnenblumenkernessen auf öffentlichen Plätzen wären die Berge von Hülsen, die Zurüclbleiben. Bis das soweit ist, sind wir in Sicherheit… Hoffe ich.

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