Das verschwundene Dorf

Den Plan des Dorfes Eigental habe ich von der älteren Cousine meines Vaters, mütterlicherseits geschickt bekommen. Und die wiederum hat ihn von einer anderen Cousine. Eines Tages tauchte diese schematische Skizze einer Siedlung aus dem Hinterland des Schwarzen Meeres, unweit von Odessa, bei mir auf. Eine Momentaufnahme des Zustands irgendwann zwischen 1941 und 1942. Auf jeden Fall knapp vor der Auflösung der Dorfgemeinschaft. Hausnummern und Namen, der Obstgarten, die Hühnerfarm, und zwischen den Wohnhäusern, die Schule und die Kolchose. Auf den ersten Blick ist es ein abstraktes Gebilde, genau wie ein Stammbaum. Für mich ist es ein kostbarer Schatz. Bis vor einigen Jahren, war Eigental einfach nur ein Name für mich. Ein Name, den mein Vater stolz genannt oder geschrieben hat, weil es für ihn wichtig war zu betonen, dass er zwar in der Ukraine, aber in einer deutschen Kolonie geboren wurde.

Lange Zeit wusste ich noch nicht mal, wo dieses Dorf überhaupt liegt, bis ich es mal auf Internetkarten gesucht habe. Und dann kam dieser Plan.

Plan_Eigental_original_kl
Auf den ersten Blick ein idyllisches Dörfchen: Eigental in der Kronauregion

Heute heißt Eigental Ольгине, und befindet sich in der Херсонська область, Україна. Meine Großeltern haben ihr Haus dort irgendwann Mitte der dreißiger Jahre gebaut. Ich stelle mir das Leben dort schön vor, mit Wasserholen am Dorfbrunnen, morgentlichem Kühemelken, Kindern, die überall dazwischen laufen. Holz wird gehackt, Eier aus dem Hühnerstall geholt. Und am Sonntag Zuckakucha gebacken, eine Art Streuselkuchen oder Strudel. Abends spielt jemand auf der Mundharmonika auf. Mein Vater kennt noch eine Melodie, die er immer und immer wieder auf seiner Mundharmonika spielt, ein Tanzlied, etwas melancholisch vielleicht.

Viele der Namen in den Kästchen kenne ich, denn die Leute sind mit uns verschwägert oder verwandt. Sie tauchen in Familienerzählungen auf. Und ich weiß auch von einigen Nachkommen, wo sie mittlerweile leben. In Deutschland meine ich.

Eines Tages habe ich mir den Zettel einfach geschnappt und bin damit auf die Suche gegangen. Nicht in echt gereist. Nein. In die Tiefen der Archive und mit dem Finger auf der Landkarte. Es gibt eine Archivseite (http://www.odessa3.org), die sogenannte war reports enthält. Ich vermute, dass sie amerikanische Truppen im oder nach dem zweiten WK aufgestellt haben. Darum ist alles auf Englisch. Ich habe Listen ausfindig gemacht, mit Namen und Alter der Hausbewohner, dem Jahr der Hochzeit und wie alt sie bei der Eheschließung waren, Anzahl der Kinder zum Zeitpunkt der Befragung. Zahl der gestorbenen Kinder. Und einer Spalte für Bemerkungen.

Und diese Spalte hats in sich. Bei ungefähr 80% der Familien stand: husband banished (Ehemann verbannt) im Wechsel mit husband kidnapped (Ehemann entführt), manchmal stand da auch husband and children starved to death (Ehemann und Kinder verhungert). Ganz selten war vermerkt, dass auch die Ehefrau gestorben war, noch seltener war jemand geschieden oder eben nicht verheiratet.

Ich habe versucht, die Namen den Häusern zuzuordnen. Hinter den meisten Abkürzungen verbargen sich Namen von Frauen, Witwen, die allein mit ihren Kindern in den Häusern lebten. Es war also längst keine Dorfidylle mehr, auch vor dem Krieg nicht. Diese Spalte für zusätzliche Notizen erzählt mehr als nur Fakten. Sie zeigt die Auswirkungen der Politik des Zentralkomittees unter Stalin. Damals wurden alle Deutschen vorsorglich in Sippenhaft genommen, weil sie angeblich Spione des deutschen Reiches, zuerst kapitalistische und später dann faschistische, versteckt hielten. Diese Männer wurden ohne viel Federlesens in die Trudarmia geschickt, eine Arbeitsarmee, um in entlegenen Gebieten Staudämme zu bauen, Mineralien zu schöpfen oder Sümpfe trockenzulegen, um danach ganze Städte zu errichten. Die wenigsten haben überlebt. Und diejenigen, die überlebt haben, wurden nach dem Krieg wieder deportiert. Aus anderen Gründen.

Und nun liegt dieser Plan in meinen Händen. Die Namen, die Hausnummern, die Hühnerfarm, die Dorfstraße.

Wenn ich das alles anschaue, kann ich nichts von dem Leid wieder gut machen. Das weiß ich. All diesen Menschen nützt es nichts, wenn auch ich traurig werde. Aber es ist wichtig, sie zu würdigen. Das, was sie erlebt haben nicht einfach in irgendwelchen Archiven zu begraben.

Advertisements

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s