Die Angst ist Gast an ihrem Tisch

Immer wieder sucht es sie heim. Dieses Gefühl. Dumpfe Angst oder Melancholie. Immer wieder führt sie sie selbst herbei, diese Situationen, die dem Gefühl erlauben hervorzutreten und sich auszuagieren. Ob sie will oder nicht. Fast zwanghaft schon.
Sie legt ihr Leben so, damit sie in Abständen denken kann, dass sie vor dem nichts steht und von vorn beginnen muss. Neubeginn ist oft verbunden mit Hoffnung, mit Gelingen mit Mut und Beherztheit. Nicht so bei ihr. Möglicherweise hats auch mit ihrem Thema zu tun. Mit dem Verschleppungssyndrom. Sie ist auf ihre Weise ein Ghost Whisperer. Sie kann sie zwar nicht sehen oder hören, die Geister, aber sie muss fühlen, was sie gefühlt haben. Immer wieder. Was ist das für ein Gefühl? Wo sitzt es? Wodurch wird es ausgelöst?

Dieses Gefühl des Verlustes. Des daneben seins. Des das ist nichts für dich. Ein gutes Leben. Ein guter Job? Das ist nichts für dich. Du wirst es nie erreichen. Und wenn du dir was aufbaust, wird es dir genommen. Also versuchs gar nicht erst.

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Sie ist doch fast hier aufgewachsen, ist hier erzogen worden. Ist auf deutsche Schulen gegangen. Sie hat humanistische und fortschrittliche Bildung genossen. Seit ihrer Jugend kennt sie Geschichten von Optimisten, die alles und Pessimisten, die nichts erreichen. Also weiß sie im Grunde, wie es läuft, was man machen muss. Von zig Disney Filmen, wo es heißt, glaub an dich, hab vertrauen und arbeite hart, dann wird es funktionieren. Das ist auch in ihrem Gehirn verankert. Und es wirkt. Ist zumindest mächtig genug, um ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Im Sinne von, du glaubst nicht fest genug, du versuchst es nicht genug, du arbeitest schon mal gar nicht hart genug.

Und dennoch. Irgend ein perfides Programm lässt sie immer wieder zu diesem Abgrund laufen. Lässt sie zweifeln, verzögern, verhindern. Nur um diese Angst zu spüren. Dass alles sinnlos ist und sie mal wieder vor einem Scherbenhaufen steht. Die Angst ist Gast an ihrem Tisch.
Woher hätte sie denn das Vertrauen nehmen können? Ihre Eltern gaben ihr Liebe, aber Vertrauen und Zuversicht war leider nicht mit im Gepäck. Eher die Gewissheit zu scheitern. Zu verlieren. Ohne dass sie es explizit genannt hätten, es war eher so ein Grundgefühl.
Auch wenn es nicht ihr eigenes ist. Auch wenn diese Lage, in die sie sich hineinmanövriert, um zu leiden, ererbt ist. Überliefert. Ein besonderer Nachlass. Warum dann nicht den Schalter einfach umkippen und gut ist? Arividerci liebe Angst, oder noch besser, ciao und lass dich hier nicht mehr sehen. Ihr Mantra müsste lauten: ich habe Vertrauen, es wird alles gut. Aber es hat in Wirklichkeit einen anderen düstereren Klang.

Geht es anderen mit ähnlichen Lebenswegen  auch so wie ihr? Sie wollen kein Haus. Ein Haus könnte genommen werden. Sie wollen keinen erfüllenden Beruf. Denn dann riskieren sie glücklich zu sein. Und das wäre ja Verrat. Verrat an denen, die gelitten haben. Die ihr Haus verloren, die nicht die Möglichkeit hatten, einen guten Beruf auszuüben, weil sie in Sondersiedlungen Bäume gefällt haben für Onkelchen Stalin, den Großen Gewinner des Vaterländischen Krieges.
Also spielt sie das Leidensszenario bis zum Erbrechen, sie beherrscht die Klaviatur aus Krankheit, Armut, Mangel und Versagen. Sie erfindet trickreiche Möglichkeiten, sich selbst zu sabotieren. Und wagt nie den nötigen Schritt.

Stimmen aus dem OFF zischen ihr zu:

Das bildest du dir nur ein.

Du suhlst dich in deinem eigenen Leid.

Triefst ja vor Selbstmitleid.

Siehst die Schuld nur bei den anderen, den Eltern, Stalin, Hitler.

Hör auf, dich immer nur mit dir selbst zu beschäftigen & dich zu bemitleiden.

Das bringt doch nichts. Diese ganze Nabelschau.

Falsch! will sie ihnen zurufen, diesen Gegenstimmen.

Es ist nicht Selbstmitleid. Es sind die anderen mit denen sie Mitleid hat. Die vor ihr da waren. Die mit 27 Jahren grade ihr Haus fertig gebaut haben als der Krieg in ihr Dorf kam. Und sie weg mussten, in eine ungewisse Zukunft. Auf eine Ost-West-Dyssee, die unfreiwillig war. Verbannung Verschickung. Exil. Und wieder zurück. In die Sondersiedlungen dann.

„Mir sind Raabe. Mir sind dem Stalin ssai Raabe,“ sagte der Großvater. Sie stellt sich Männer mit spitzen Nasen und schwarzen plusterigen Mänteln vor. Edgar Allan Poes „Nevermore“ im Hintergrund. Er meint aber was ganz anderes, der Opa, er meint das russische Wort: Rab. Sklave. Nicht die Slaven sind Sklaven gewesen in ihrer Familie. Sondern aufgegriffene Deutsche. Aus den deutschen Kolonien auf russischem Boden. Inwieweit sie in den Komplot des zweiten Weltkrieges verwickelt waren, sei dahingestellt. Aber danach fragte eh keiner. Deutscher? Fritz? Also, ab nach Sibirien mit dir oder in den Ural. Dawei, dawei! Alle gleich schuldig durch ihre Geburt. Egal ob Männer, Frauen oder kleine Kinder. Zivilgefangene. Das ist ein Euphemismus für Arbeitssklaven. Aber warum sich aufregen? In jedem Krieg werden Gefangene gemacht.

Vollster Arbeitseinsatz bei minimaler Entlohnung. Das ist ihr liebstes Wirtschaftsmodell bis heute. Bietet ihr jemand niedrige Arbeit an, für kein oder wenig Geld, wird sie hellhörig. Her damit. Das kenn ich. Das verdien ich doch auch. Ich werde schön fleißig sein, nicht aufmucken und keine Forderungen stellen. Ein Schälchen (miska) Suppe und ein Kanten (chaika) Brot. Und schon lauf ich auf Hochtouren. Einmal Sklave immer Sklave. Die Mentalität hat sie mit dem Gerstenbrei gelöffelt, mit dem Kefir in Flaschen eingesogen. Von außen gesehen, geht sie vielleicht aufrecht. Aber innerlich ist sie tief gebeugt. Ihre Aufopferungsbereitschaft ist grenzenlos. Vielleicht sollte sie einen Verein gründen: Sklaven ohne Grenzen. Selbstausbeutungen, Erniedrigungen und Beschimpfungen inklusive.

Wie lange dauert es wohl bis sich eine solche Mentalität rauswächst? Nach wie vielen Generationen entsteht wohl sowas wie ein gesundes Ich-Gefühl? Ich bin hier. Ich nehme mir den Raum, den ich brauche. Ich nehme mir das, was mir zusteht. Hey, wem gehört die Welt?
ICH.WILL.DAS.HABEN.

 

Kleinkinder machen das schon im Sandkasten. Kleinkinder hier. In dieser Zeit.

Statt dessen: Nein, nein, gehen Sie ruhig vor, ich stelle mich ganz hinten in der Reihe an. Entschuldigung, sie haben mir auf den Fuß getreten. Ach so, ja nehmen Sie ruhig. Ich brauch es gar nicht. Gehört Ihnen. Falsche Bescheidenheit. Als Höflichkeit interpretiert. Als Schwäche verachtet.

Sie atmet ganz flach, nur kein Aufsehen erregen. Sie redet ganz leise, fast unhörbar. Nur nicht auffallen. Sie schaut zu Boden, sie tritt ganz sacht auf.

Wer mit seinen Worten oder Taten auffällt, weckt die Aufmerksamkeit der Mächtigen. Gefahr. Wer sich etwas erarbeitet, zieht sich die Mißgunst anderer zu. Gefahr. Wer sich groß macht, wird plattgemacht. Das sind Erfahrungswerte von Generationen. Aber es kann doch nicht sein, dass diese Überlebensstrategien der 30iger und 40iger Jahre aus einer Diktatur noch immer greifen? Was für eine Horror-Vorstellung. Gefühlsmäßig 70 bis 80 Jahre zurückzuliegen. Wie alt bist du? Minus 73.  Aber sie braucht sich ja nur zu beobachten. Vom Charakter her will sie was Besonderes sein. Muss sie, sonst geht sie vor die Hunde. Das familiäre Psychogramm hat aber was ganz anderes in sie gepflanzt. Bloß nicht hervortreten, nicht auffallen, wenn dir dein Leben lieb ist. Sich klein halten, nicht zu viel wollen, nicht viel erreichen –  sonst droht Enttäuschung oder Gefahr. Such es dir aus. Das sitzt. Das sitzt tief. Subkutan. Das ist ihr Fersensporn, ihr Stachel, der sie daran hindert den Wettbewerb aufzunehmen, einfach durchzustarten. Noch immer.
Aber es hilft nichts. Sie muss sich bewerben, sie muss was verdienen. Sie muss sich wieder in diese Situation begeben.

Angst beiseite schieben. Aber wie?

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

2 Kommentare zu „Die Angst ist Gast an ihrem Tisch“

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