Ohne Wurzeln kann ich fliegen

Das Wort Heimat versuche ich weitestgehend zu vermeiden. In meinen Gesprächen mit Freunden aber auch hier. Ich glaube, in den knapp 30 Beiträgen, die ich hier reingesetzt habe, fehlt es bisher völlig. Und dennoch kreist mein Schreiben genau um dieses Thema. Das Wort Heimat versuche ich zu vermeiden, weil es nicht salonfähig ist, darüber zu reden. Klingt sehr nach Blut und Boden und Volkstümelei. Außerdem ist mein Bezug dazu so komplex. Das kann nicht nicht in einen Stadt-Land-Fluss-Begriff kleiden.
Wo ich herkomme, ist klar. Omsk, Stadt mit O und drei Konsonanten, der Ort, den ich mit acht verlassen habe. An der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irschysch gelegen. Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja. Es ist eben nicht nur die Erde, die Luft und das Wetter. Es ist die Sprache, die Kinderfilme und die Träume, in die man eingebunden ist, wenn alle schlafen. Das färbt ab. Birkensaft trinken. Pelmeni essen. Das geht in deine Stofflichkeit über. Ohne Zweifel.

Ist die Ukraine, in die ich nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber die Hälfte meiner Ahnen herkommt, meine Heimat? Der Flecken Erde, von dem sie fliehen mussten, lange bevor ich geboren wurde?

Ist denn das Rheinland, in dem ich meine zweite Kindheit verbracht habe, meine Heimat geworden? Ich habe mich dort lange fremd gefühlt, wie zu Besuch. Erst seit dem ich im Norden bin, kommt sowas auf wie ein sich Wiederspiegeln in der Landschaft, in der Stadt in der ich lebe und in den Menschen hier. Vielleicht hat es einfach seine Zeit gebraucht, vielleicht passe ich einfach besser hierher.

Ich durfte lange Zeit nicht zeigen, dass ich meine Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue/alte Heimat meiner Familie einfügen. Heimat war immer Deutschland, nie Russland. Zuhause war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa ich? Klingt nach einem schlimmen Bazillus.

„Herr Doktor, Herr Doktor, ich bin russifiziert, was soll da ich bloß machen?“
„Nehmen Sie die gesammelten Werken von Goethe, vielleicht noch einen Schiller dazu, legen Sie sich damit ins Bett und wenn Sie durch sind, geht es Ihnen schon viel besser. Und nicht vergessen, viel trinken.“

Wenn das so einfach wäre.

Das Gewesene über Bord schmeißen. Einen Cut machen. Sich neu erfinden. Hat auch was für sich. Sich anzupassen, das Neue anzunehmen und sich zu eigen zu machen.

Im April diesen Jahres wurde die Autorin Yasmina Reza auf NDR Kultur nach ihrem Umgang mit ihrer Herkunft gefragt. Sie hat geantwortet, ohne Wurzeln bin ich leichter, ohne sie kann ich fliegen. Und sie muss wissen, wovon sie redet, sie schöpft aus so vielen Kulturen, hat mit iranischen, ungarischen und jüdischen Wurzeln in Frankreich lebend, einen recht vielfältigen Stammbaum. Sie lässt sich aber nicht davon beirren. Sie macht sich frei davon. Bewundernswert.

Ich habe die Leichtigkeit, von der Reza erzählt, nie erlangt. Ich habe mich verstellt und so getan, als würde ich dazugehören, hätte dieselben Sendungen gesehen, dieselben Spiele gespielt und die selben Eissorten gegessen.

„Habt ihr gesehen, Dolomiti gibt’s wieder beim Kiosk“, und derjenige, der das sagt, kriegt so ein „Ach, wie schön war diese Zeit“-Glitzern in den Augen. Sehnsucht nach dem Land der Kindheit. Doch das ist ebenfalls vorbei. Auch wenn die Menschen oft Splitter aus dieser Zeit zu bewahren suchen. Ein Nickihemdchen hier, ein Lurchi-Buch da und eben den Geschmack von 70iger Eiskreme. Was wäre aber, wenn man ihnen verbieten würde, jemals wieder über Dolomiti und Lurchi und Sesamstraße zu reden?

Ich entleihe mir Heimaten. Lasse mir von einer Freundin Bönnsch beibringen und freue mich, wenn ich den Dialekt in der Straßenbahn wiedererkenne. Ich rede über Miss Piggy und Kermit den Frosch, als wäre ich mit ihnen aufgewachsen, anstatt sie erst mit spät kennenzulernen, wenn man für sowas eigentlich schon zu alt ist.

Mir hat es nicht bekommen, mich entwurzelt zu fühlen. Entwurzelt zu werden. Das ist ein Fakt. Aber ich bin angekommen. Ich habe mich angepasst, habe schnell aufgeholt und angefangen, mich heimisch zu fühlen. So gut es eben ging.

Ich weiß nicht, ob mir das zusteht. Aber wenn ich die flache Landschaft im Norden sehe, den tiefen Himmel, die windgebeugten Bäume, dann erlebe ich eine stille Freude und Liebe, die dem Begriff Heimatgefühl wohl am nähesten kommt. Aber ebenso geht es mir, wenn ich die verschneiten Ebenen der sibirischen Steppen sehe. Auf Arte TV.

In Neuseeland, das habe ich kürzlich gelernt, stellen sich die Menschen einander so vor: Mein Name ist …, mein Fluß heißt …, mein Berg ist der …, meine Eltern sind …. und mein Stamm ist…. . Diesen Bezug zur Landschaft und zu den Ahnen finde ich sehr poetisch. Doch können wir, die wir buntgemischt sind und an mindestens drei Orten sozialisiert wurden uns über simple Gebietsmarkierungen definieren? Mein Fluss ist, tja, welcher bloß?

Mein Name ist X, die Grenzen, die ich überschritten habe waren diese, die Städte, die ich bewohnt habe, sind jene, die Menschen, die mich geprägt haben heißen, die Kunstwerke, aus denen ich mich speise sind folgende, die Musik, die mich trägt ist die, die Bücher, die mich haben nachdenken lassen sind jene.

Vielleicht kann ich meinen Begriff von Heimat, im Sinne von Identität, auf diese Weise erweitern. Mich hat der Boden geprägt, auf dem ich geboren bin und die beiden Kulturen, die mich aufgenommen haben. Aber beheimatet und verwurzelt bin ich in noch vielen anderen. Und mit diesen Luftwurzeln kann ich vielleicht doch noch fliegen. Eines Tages.

Advertisements

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s