Ortserkennung

Sie kommt geografisch einfach nicht zurecht. Wenn Olga eine neue Adresse aufsuchen muss, selbst wenns in einem Viertel ist, das sie schon kennt, wird ihr Atem flacher und die Hände fangen an zu schwitzen. Es graust ihr, ihren angestammten Stadtteil zu verlassen. Altona ist mein Rayon, denkt sie. Da bin ich sicher. Besonders schlimm ist es, wenn sie zu einem Vorstellungsgespräch nach Jott wie De rausfahren muss. Ihre Angst vor Befragungen und ihre Angst, eine Adresse nicht vorzufinden, oder sich zu verlaufen, vervielfachen sich. Und dann kommt noch dazu, dass sie sich selbst sabotiert und die Zeitplanung schief läuft. Ausgerechnet an dem Morgen klappt was nicht, es gibt Stress, oder sie sucht was, einen Schirm. Wo doch alle Schirme normalerweise im Flur hängen. Aber in dem Moment: kein einziger. Das sind die verhexten Augenblicke, in denen sie sich wie im falschen Film vorkommt. Und so geht sie erst kurz vor knapp los und irrt umher. Natürlich ist es self-fulfillig prophecy, natürlich sind das die Geister, die sie rief. Aber sie ruft sie regelmäßig und bekommt Panik. Läuft wie ein weidwundes Reh durch die unbekannten Straßen und biegt in die falsche Richtung ab. Garantiert. Sie kann sich Hausnummern und Straßen einfach nicht merken oder verwechselt sie ständig. Vielleicht ist das normal. Andere haben sich möglicherweise Tricks zurechtgelegt, um mit solchen Situationen fertig zu werden. Aber Olga gerät immer in eine Spirale der Panik. Bis sie doch irgendwann doch vor der richtigen Tür steht. Verschwitzt und verschüchtert. Nicht grade die optimale Voraussetzung für ein Vorstellungsgespräch. Da hat ihr jemand mal einen Schuhoutlet empfohlen. Ganz einfach zu finden. Nur drei Haltestellen von ihrer Straße stadtauswärts und dann immer gradeaus. Es war aber das falsche Gradeaus und nach einer halben Stunde hat sie es aufgegeben. Beim zweiten Anlauf erst, einige Tage später hat sie dann diesen Laden gefunden. Aber so ist es mit neuen Orten, mit unbekannten Straßen und unlogischen Hausnummern. Wie oft hat sie erlebt, dass es die Nummer zwei in dieser und jener Straße nicht gibt. Oder nach 44 irgendwann die 56 kommt und die dazwischen sind wie ausgeblendet. Das ist, wie in einem Albtraum gefangen zu sein. Das Ankommen ist gefährlich, hat sie irgendwo mal gelesen. Gibt es keine Geo-Coaches, die einen unterstützen, wenn man durch die Stadt fährt? Sie kann doch nicht nonstop mit einer kleinen Frau im Ohr rumlaufen, die ihr sagt, in drei Schritten links abbiegen, nach der Apotheke, links abbiegen. Das ist ihr dann doch zu peinlich.

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Ihr ureigenes GPS ist außer Kraft gesetzt. In Russland kannte sie sich aus. Da ist sie gut zurecht gekommen, sie wusste instinktiv wo abbiegen und welches Links das richtige war. Aber hier kommt es ihr vor, als hätte sie ihr inneres Orientierungssystem verloren.

Im Radio kam was über Orientierung. Das Ehepaar Moser aus Norwegen, Edvard und May-Britt, haben dieses Jahr den Nobelpreis in Medizin bekommen, dafür, dass sie solche Orientierungszellen im Gehirn gefunden haben. Bei Ihren Versuchen mit Laborratten haben sie entdeckt, dass es die sogenannten „Grid-Cells“ gibt, also „Gitternetz-Zellen“, die eine Art Koordinatensystem im Gehirn darstellen und es dem Tier erlauben, präzise Informationen über ihre aktuelle Position zu finden – und damit auch die Möglichkeit zu haben, einen anderen Ort zu finden.
Warum finde ich meinen Ort dann nicht?, denkt Olga. Wie ist es eigentlich, wenn man diese Ratten aus ihrer Umgebung rausnimmt und zig-Tausend Kilometer weit weg verpflanzt. Funktionieren die Gitternetz-Zellen dann genauso wie in ihrem Heimatkäfig? Oder sind die Koordinaten verschoben. Man sagt nach langen Reisen ja auch, die Seele ist noch nicht angekommen, die Seele braucht länger als der Körper.

Wenn sich nun ihre Zellen an das Omsker Stadtsystem angepasst haben? Kein Wunder, dass ich mich dauernd verrenne, denkt sie. Im Raum. Im Leben. Zumindest ein paar Sackgassen sind ihr sicher. Aber wie sagte ein kluger Mann: Sich zu verlaufen, erweitert die Ortskenntnis. Wer weiß, vielleicht heißt das ja, dass neue Orts- und Gitterzellen gebildet werden.
Es kann doch nicht sein, dass es allen so geht, die ausgewandert sind. Dann würde doch die Hälfte der Bevölkerung orientierungslos durch die Gegend torkeln. In Großstädten zumindest. Witzig, denn als Kind konnte sie sich genaustens orientieren. Ist weiter und immer weiter weggelaufen von der Wohnstraße und hat immer zurückgefunden. Wie eine Taube mit einem Erdmagnetsensor. Oder die Ratte in May-Britts und Edvards Labor. Aber bei ihr ist diese Gabe irgendwann abhanden gekommen und sie wurde hilflos. Irgendwo hat sie noch gelesen, dass der Orientierungssinn von der Menge an männlichen und weiblichen Hormonen im Körper abhängt. Je mehr Östrogene, desto verwirrter? Das ist doch der Freibrief für Diskriminierungen. Dann ist ihr die unbewiesene Theorie mit den verschobenen Gitterzellen doch lieber. Sie ist doch keine Laborratte. Oder?

Ach, hier ist es, die Nummer 43. Na dann mal los.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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