Kartoffelschalensuppe

Es geht mir immer noch so, ich kann nicht Kartoffeln schälen, ohne daran zu denken, dass meine Oma im Krieg aus den Schalen noch eine Suppe gekocht hat. Alle sagen das. Wenn sie sich dran erinnern, was es zu essen gab in den schweren Jahren bis 45 und auch danach, in der Sondersiedlung. Dann heißt es, unsere Mutter hat noch aus den Kartoffelschalen eine leckere Suppe gekocht, nichts wurde weggeworfen, nichts verschwendet.

Ich lebe im Nachkriegs-Überfluß und habe es noch nicht ausprobiert. Denn dazu muss man die Kartoffeln vor dem Kochen gründlich mit einer Bürste schrubben und dazu hatte ich bisher keine Lust. Die gekochten Kartoffeln wurden natürlich gleich gegessen und erst am nächsten Tag gabs dann die Kartoffelschalensuppe. Ich dachte jahrelang, die hatten so wenig, dass es nur die Schalen gab. So verfälscht sich das Geschichtsbild.

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wieder ein Bild aus Orianes Fund

 

Im Internet gibt es recht viele Tipps dazu. Sogar ein extra Buch, mit lauter Rezepten aus Zeit des 2WK: „Tante Linas Kriegskochbuch“. In einem Forum zum Thema wird aber nicht empfohlen, die Sachen nachzukochen, zu ungenießbar höre sich das alles an.

Resteverwertung heißt ja eigentlich so, weil man eben das, was da ist verarbeitet, und sei es irgendwelches Unkraut oder das Grünzeug von Radieschen. Natürlich wurde je nach Köchin und je nach dem was es gab oder eben nicht gab, variiert. Aber die Grundzubereitung aus Linas Kochbuch habe ich hier:

Die Zwiebeln in Fett andünsten (wahlweise Butterschmalz oder Rindermark, es geht aber auch Rapsöl). Ich frage mich, wo hatten die Rindermark her? Geht auch das Mark von irgendwelchem Kleingetier? Es gab zur damaligen Zeit ja für alles ein Ersatz, für Kaffee, für Zigaretten. Sicher auch für Fett.

Dann kommt Gemüse dazu. Gemüsereste gehen natürlich auch, zum Beispiel die Schalen von Möhren. Im Winter ging auch getrocknetes Gemüse.

Zusammen mit den Kartoffelschalen in einer Brühe (? wenn welche da war) aufkochen, einige Zeit köcheln lassen und dann pürieren. Woher hatten die denn einen Pürierstab? Vielleicht geht stampfen auch. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses Rezept authentisch ist. Vielleicht in den Trümmern von Gütersloh, aber doch nicht im tiefsten Sibirien, wohin es meine Leute verschlagen hat.

Angedickt wurde mit altbackenem Brot, ansonsten gemahlenen Linsen, Erbsen oder Bohnen. Gewürzt wurde mit getrockneten Kräutern, allen voran Liebstöckel auch Maggikraut genannt. Wächst denn sowas auch in Sibirien? Auch Brennesseln, Löwenzahn, Borretsch u.ä. wurden verwendet. Das klingt schon mehr nach dem, was ich suche.

Dann abschmecken mit Salz und Pfeffer.

Hier ich habs: falsches Schmalz aus Hefe, Mehl und Majoran wurde auch als ‚Stalinbutter‘ bezeichnet. Das kommt den Möglichkeiten einer verschleppten Familie in einem sibirischen Arbeitslager schon näher. Außer Majoran natürlich. Das gabs sicher nicht.

Also, angepasst an die Verhältnisse, geht das Rezept folgendermaßen:

Gehackte Zwiebeln anrösten in Stalinbutter (ohne Majoran), dazu Kartoffelschalen und andere Gemüsereste geben, etwas Flüssigkeit dazu, mit Brennesseln und Salz würzen, und falls nicht schon am Vortag aufgegessen, eine „Chaika„* altbackenes Graubrot zum Andicken. Aufkochen, garen und dann mit dem dicken Ast einer Birke zerstampfen. Mit geschmolzenem Schnee strecken. Fertig!

 

Tante_Lina

Hier noch weitere exquisite Kriegszeitrezepte aus dem Forum:  „Kochen: nach Weltkrieg“ von PowerGirl aus dem Jahr 2002:

Falsches Wiener Schnitzel:
Große Pellkartoffeln weich kochen; in fingerdicke Scheiben schneiden, auf beiden Seiten mit Salz und Paprika bestreuen, etwas einziehen lassen; dann in Milch oder mit Eipulver (!) (sicher aus einem Care-Paket) verrührter Milch, danach in Semmelmehl wenden. In wenig Fett schön knusprig braten.

Falsches Schmalz ohne Öl:
kleingeschnittene Zwiebeln in 1/4 Liter Wasser geben, zwei Eßlöffel Grieß hinzu und alles gut durchkochen lassen. Mit Salz, Pfeffer und Majoran abschmecken.

Dicke Eichelsuppe als Hauptgericht:
(für 4 Personen!)
5 g Fett erwärmen, darin 1 Esslöffel Mehl braun schwitzen. mit Wasser aufkochen und 6 Eßl. Mehl, vorgequollen, einrühren, außerdem 7 Eßl. Eichelmehl trocken einrieseln, gut durchrühren u. aufkochen. 10 Minuten garquellen.

Brotaufstrich:
2 Eßlöffel Mehl, 2 Eßlöffel Fett, 1/8 Flüssigkeit (Bouillon, Milch oder Wasser), Prise Salz.
Zubereitung:
Man läßt das Fett heiß werden, gibt das trockene Mehl hinein, läßt alles durchschwitzen (nicht bräunen) und löscht mit der kalten Flüssigkeit ab, läßt unter Rühren 3 bis 5 Minuten gar werden, mit Salz abschmecken. Während des Erkaltens der Grundtunke rührt man öfter um, damit sich keine Haut bildet, dann kann man sie zu beliebigem Brotaufstrich verwenden.

Nur die Harten kommen in den Garten, oder wie war das? Ich hoffe jedenfalls, dass wir niemals in die Verlegenheit kommen, auf  diese Rezepte angewiesen zu sein. Morgen gibt’s Kartoffelsuppe. Ganz ohne Schale.

 

* Chaika ist ein kleine Brotration

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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