Das große Schweigen

Wenn man bedenkt. Wir sind vier Millionen. Unter euch. Mitten unter euch. Das sind gute fünf Prozent aller Einwohner dieses Landes. Und mit keinem Wort tauchen wir in der Medienlandschaft auf. Bitte widersprecht mir, und überzeugt mich vom Gegenteil. Nein, Helene Fischer gilt nicht.

Aber ich sehe es doch. Oder eben nicht. Nichts. Nada. Niente. Nitschewo!
Vor gut zehn Jahren waren Aussiedler-Jungs noch in der Presse als harte Drogendealer oder als Psychopaten, die Steine von Autobahnbrücken werfen. Und jetzt. Das große Schweigen.

Gut, Europa wird aus den Angeln gehoben. Epedemien erschüttern Afrika, die Wirtschaft ist überall dabei, den Weg allen Irdischen zu gehen. Aber trotzdem. Irgendwo eine klitzekleine Nachricht. Im Sommerloch. In den Provinzblättern. Eine Randnotiz. Aber nein. Nichts. Rein gar nichts.

Aussiedler ist ein Unthema. Ein NoGo. Übern Tellerrand gerutscht und auf dem Teppich vergessen. Mit der Schuhspitze aus Versehen verrieben mit dem hübschen Rankenmuster. Noch nicht mal darunter gekehrt. Einfach uninteressant. Was ist das Gegenteil der Präposition IT-?

Igitt-? Oder einfach nur egal-?

Heul doch!!!

matroeshka_kl

Tu ich ja.

Soll ich etwa annehmen, dass alle meine vier Millionen Mitaussiedler so  gut integriert sind, dass sie sich nicht von den Einheimischen unterscheiden und herzlich aufgenommen sind in der bundesrepublikanischen Gesellschaft? (Ich habe nicht geschrieben Multikulti-Gesellschaft, bitte mir das zugute halten!)

Schön wärs. Also, zum großen Teil ist es sicher so. Wir haben Jobs, Familie, wohnen immer schöner und gehen irgendwo einkaufen. Verbringen unsere Freizeit in Freizeitparks wie alle anderen auch. Aber sind wir so vollständig assimiliert? Bleiben keine Wünsche offen?

Warum werden wir denn dann unterschlagen? Mit keiner Zeile gewürdigt?

Warum wird nicht der Aussiedler des Jahres gewählt, weil er sich für aussiedlerische Belange einsetzt oder kulturell irgendwas erreicht? (Es wird übrigens der Aussiedler des Jahres gewählt, seit Jahrzehnten schon, ich glaub seit 1952 oder so, muss mal nachgucken, aber die Abstimmung und die Veranstaltungen finden unter den Einheimischen so wenig Resonanz, dass ich vierunddreißig Jahre lang Aussiedlerin gewesen bin, bevor ich überhaupt mitbekommen habe, dass es sowas gibt!)

Soll ich etwa annehmen, dass Aussiedler so bescheiden sind und keinerlei Aufhebens von sich machen aus jahrhundertelangen Erfahrungen mit diversen diktatorischen Gesellschaftsformen. So ist es.

Aber dennoch. Nicht ein Wort. Nicht ein kleines: Hallo, euch gibt’s auch noch! Oder: Was macht eigentlich mein Nachbar, der Aussiedler?

Soll ich etwa annehmen, dass das Thema Aussiedler einfach zum Gähnen langweilig ist? Wer hat da genickt? Das will ich gar nicht sehen. Nicht das Thema ist langweilig, sondern wie es präsentiert wird. So ein kleiner Genozid am Rande von Europa, irgendwo hinter dem Ural und in den Flachländern Sibiriens kann durchaus seine malerischen Seiten haben. Seine erzählerischen Höhen. Seine fotogenen Qualitäten. Auch wir haben uns im Gulag Frostbeulen geholt! Ich meine natürlich nicht WIR im Sinne von ich, aber WIR im Sinne von die Vorväter und Urgroßmütter. Da steckt vielleicht ein Stoff drin, Plots für mindestens fünf Kinofilme. Die eh keiner guckt. Die werden nämlich nicht im Primetime TV gezeigt. Höchstens nach Mitternacht. Wieso eigentlich?

Die Kinder und Jugendlichen haben mit Ressentiments auf dem Schulhof zu tun. Das ist wenigstens eine Reibungsfläche. Nicht schön. Aber sie werden wahrgenommen. Als Fremdkörper. Als Ungleiche unter Ungleichen. Sie werden gesehen. Als Russen. Aber immerhin.

Und der Rest. Gut, einmal war eine Aussiedlerin beim Frauentausch auf RTL II. Ich habs recherchiert. Aber wer guckt das von euch? Ha. Also alle.

Und sonst. Schweigen im Walde. Im Bücherwald sowie in der Medienlandschaft überhaupt. Halt, nein, ich lüge, Wolfgang Herrndorf, der hat einen Aussiedlerjungen als Protagonisten in „Tschick“ gehabt. Puh! Gerettet. Na dann ist ja alles gut. Frauentausch und ein Roman, der relativ bekannt ist. Dann war ja die ganze Aufregung umsonst. Dann nehme ich alles zurück.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

2 Kommentare zu „Das große Schweigen“

    1. Liebe Olga,
      wie gut das tut, all die vielen Erfolgsgeschichten zu lesen. Doch genau das meine ich ja auch mit meinem Text, mit diesem ganzen blog. Es gibt so vieles über das Thema Aussiedler zu berichten, aber es bleibt verborgen. Wen hat diese Broschüre eigentlich erreicht? Ich sollte mich vielleicht nicht mehr darüber auslassen, dass geschwiegen wird. Sondern einfach weitermachen.

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