Das große Schweigen, Teil zwei

Vielleicht habe ichs mit dem Wettern vor ein paar Tagen übertrieben. Aber es ist einfach so über mich gekommen, wie ein heiliger Zorn.

Noch eine gesammelte Scherbe: in einem Emailaustausch zu diesem Thema hat mir eine Freundin einen Link geschickt, ein Interview  mit der Tagesschau von 2011. Dort behauptet der Experte Reiner Klingholz zum Thema Aussiedler, dass „nichts über Aussiedler in der Zeitung steht, ist ein gutes Zeichen. Die Normalität interessiert ja oft keinen.“ Aber ich habe da so meine Zweifel. Nach einigen Tagen des Abkühlens und Nachdenkens noch immer. Wir kommen nicht vor, und das ist nicht gut.

Klingholz vergleicht die Situation der jetzigen Aussiedler aus der Sowjetunion mit den Polen, die einst in den Ruhrpott gekommen sind, um unter Tage zu arbeiten und von deren geglückter Integration noch heute die polnischen Namen, die häufig dort auftauchen, zeugen.

Pflaumenkompott und stolz drauf
Pflaumenkompott und stolz drauf.

Aber das ist wie Birnen mit Wassermelonen vergleichen. Oder mit Pflaumenkompott. Wenn wir den Vergleich schon weiterspinnen, dann müssten wir die Polen, die damals gekommen sind, in ein fiktives Deutschland versetzen, wo sie nach ca. hundert, hundertfünfzig Jahren in einem diktatorischen Regime genau wegen ihrer Herkunft in Arbeitslager gesteckt, in entlegene Winkel des Schwarzwaldes oder auf eine Hallig zwangsumgesiedelt werden und weitere siebzig bis achzig Jahre gewaltsam im Land festgehalten werden, ohne dass sie ihre Kultur offen leben dürfen und mit Beschränkungen, wie erschwertem Zugang zu Universitäten. Und wenn sie es nach Lockerung der Verhältnisse, nach über zweihundert Jahren schaffen nach Polen zurückzukehren, werden sie dort auf ihren deutschen Akzent reduziert und als Teutonen bezeichnet. So würde der vergleich zwar immer noch hinken, aber sich immerhin auf Krücken fortbewegen können.

Ich reite immer wieder drauf rum, auf der Verschleppung und dem Rest, ich weiß, aber diese Leidensgeschichte lässt sich nicht so leicht wegwischen. Auch mit Meister Proper nicht. Sie ist ein Teil der Identität und des seelischen Cocktails von uns Aussiedlern. Bei manchen mehr, bei anderen weniger. Wenn auch nicht immer nach außen getragen. Das werden Traumata ja nicht, sie äußern sich anders.

Außerdem glaube ich nicht, dass eine echte Integration bedeutet, zu verdrängen, was früher war und woher man kommt. Denn das ist ein Teil der Identität. Und das geschieht ja, wenn diese Dinge nie thematisiert werden. Und sowenig wie ein Aussiedler eins zu eins ein Russe ist, auch wenn durch die Sprache, einige leckere Gerichte und gemeinsam geguckte Zeichentrickfilme da eine gewisse Schnittmenge besteht, genauso wenig ist er eins zu eins gleichzusetzen mit den Einheimischen (oder den Hiesigen, wie mein Vater so gern sagt…). Eben wegen der drei oben genannten Sachen und einiger mehr, die in ihrer Sozialisation unterschiedlich waren. Es ist halt eine eigene Volksgruppe. Die sich natürlich im Laufe der Zeit, im Laufe der Generationen dem Land, in dem sie lebt, immer mehr anpasst. Wäre ja auch noch schöner. Aber auch eine mit ihrer eigenen Geschichte, ihren eigenen Vornamen, ihrer Auffassung von Familie und ihrem eigenen Ehrenkodex. (Nachtrag vom 30.10.: damit es hier zu keinen Mißverständnissen kommt: Aussiedler sind Deutsche. Sie sind nur nicht exakt wie die Einheimischen. Es ist vergleichbar mit dem Arm eines Flusses, der sich abzweigt und um eine Insel fließt, um danach mit dem ursprünglichen Fluss zusammen zustoßen. Ich habe das Gefühl hier ist ne sensible Stelle und ich muss mich vorsichtig ausdrücken.)

Bitte nicht falsch verstehen, es geht nicht darum, sich abzugrenzen und immer wieder auf sein Anderssein zu pochen. Oder von den Einheimischen darauf zurückgeworfen zu werden mit Fragen wie, ach, sind Sie dort auch mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren? (Die richtige Antwort wäre, nein, aber ein Teil meiner Familie ist dabei umgekommen, die Schienen dafür zu verlegen…)

Darum geht es mir überhaupt nicht. Sondern, dass gesehen wird. Wahrgenommen wird, was das genau für Menschen sind, die da mit ihrem mehr oder weniger gebrochenen Deutsch vor einem stehen. Woher sie kommen. Nicht nur geografisch sondern, wie drück ichs aus, stammesgeschichtlich und psychodynamisch vielleicht. Das Warum. Das Wie-ist-es-gekommen, dass. Das, Wie-kommst-du-damit-zurecht, dass… und nicht nur immer die ewige Frage nach dem woher und was du bist.

Und deshalb ist es notwendig, dass Filme wie „Nemez“ oder „Poka heißt Tschüs auf Russisch“ (wie, noch nichts davon mitbekommen? Ich hoffe, dass ich ihn irgendwann zu sehen kriege und auch mal besprechen kann.) einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Dass Literatur von Deutschen aus Russland von großen Verlagen gedruckt und ihre Geschichten in den überregionalen Zeitungen erscheinen und nicht nur auf einem kleinen blog am Rande der Betageuze. Und zwar ohne diese blöden Gangsta-Vorurteile, die übrigens eher ein Produkt der Presse sind und nicht der Wahrheit entsprechen. Aber das ist eine andere Geschichte und wird ein anderes Mal erzählt werden.

Advertisements

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

2 Kommentare zu „Das große Schweigen, Teil zwei“

    1. Liebe Olga,

      vielen Dank für diese Rückmeldung! Ich hätte besser recherchieren können und mich nicht so von einem Gefühl leiten lassen sollen. Ich will nicht leugnen, dass hunderte von Aussiedlern ihren Weg machen und auch Erfolg damit haben. Und möglicherweise laufen sie „so“ mit. Also ohne, dass ihre Herkunft gesondert betont werden muss. Aber wie du schon andeutest, dringen solche Erfolgsgeschichten nicht nach außen. Und das hat sicher komplexere Gründe, als ich sie in einem kurzen Text ausdrücken kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s