Die Gleichung vom Glück

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Irgendwann hat Olga ganz verlernt, auf die guten Momente zu achten. Hat angefangen, nur die Ärgernisse zu betonen, das was schief läuft zu kolportieren, durchzuhecheln mit Freundinnen, mit Leuten, die es eigentlich gar nicht hören wollten. Flasche im Supermarkt an der Kasse geplatzt. Halb so schlimm. Das Konzert, das ausverkauft war, der Drucker, der wiedermal streikt, wenn die Bewerbung raus soll. Shit happens. Was überhaupt alles kaputtgehen kann und erforderlich macht, dass man sich drum kümmert. Reißverschlüsse, Jalousien, Kühlschränke und gern mal Waschmaschinen. Aber auch Gurte von Taschen und der Rekordmeister: das Fahrrad. Damit ist ständig was. Sie braucht sich nur von Zimmer zu Zimmer zu bewegen und sieht das Unperfekte, Verbogene, Unnütze herausstechen. Der Nupsi vom Wasserkocher, die schöne Teekanne, die jetzt hin ist. Genau. Einhändig, weil irgendwas schnell getan werden musste, hat sie was vom Spülgitter genommen, rausgezerrt und dabei ist ein Topf rausgerutscht und hat die Teekanne mitgerissen. Der Kannenkörper ist unversehrt, aber die Halterung für den Henkel total hinüber. Unwiederbringlich. Falsche Bewegung, zu viel Eile. Und schon ist die Katastrophe passiert. Kleines Pech. Im Gegensatz zum ganz großen Unglück.

Wenn nichts sonst klappt, immerhin hatte sie ihre Teezeremonie am morgen. Gehabt. Jetzt ist das Teetrinken keine entspannte Angelegenheit mehr. Eine andere wäre am selben Tag zum Teehaus Kröger gefahren und hätt sich kurzerhand eine neue Kanne geholt. Aber nicht sie. Nicht Olga. Erst mal leiden. Der Welt zeigen, wie arm sie dran ist. Ach. Deine Teekanne ist kaputt, einmal ein Ohhhh! Für die kleine Olga!

Der Mangel ist ein breites Feld. Da kann man sich so richtig reinwerfen und sich drin verlieren. Sich darin suhlen, wie dieser große schwarze Eber auf dem Bauernhof mit seinen abstehenden Hauern. Bis zu den Knien eingesunken im Matsch, bewegt er sich schwerfällig wankend, grunzend, sinkt ein bei jedem Schritt, den er macht. So wie diese zertrampelte Schlammkuhle sind die Gedanken, die sie sich macht, darüber, was schief läuft, darüber was man nicht hat, was man versäumt hat oder falsch entschieden hat. Sie bilden den Bodensatz in ihrem seelischen Schweinekoben, durch den sie täglich waten muss, um an den Trog zu kommen. Kein Wunder, dass sie am Ende eines Tages immer so erschlagen ist, so viel Schlamm, wie sie immer bewegen muss. Im Kopf. Hirmmasse. Schlammlawine.

Ihr Großvater soll immer gesagt haben, mach dir keine Sorgen wegen dem, was du verlierst. „Genau soviel wie verloren ist, Oljenka,“ hat er immer zu ihr gesagt, „kriegst du auch wieder zurück. Und noch mehr. Wenn dir jemand fünf Rubel klaut, dann passiert kurze Zeit später etwas, ein Zufall, und du bekommst was genau im Wert von diesen fünf Rubeln zurück. Also ein Nachbar bringt ein Huhn, weil beim Schlachten eins über war.“ Schlechtes wird durch Gutes aufgewogen. Das ist wie Minus und Plus. Daran hat der Großvater fest geglaubt. Doch irgendwann hat sie die Rechnung einfach umgedreht: Wenn du zuviel Glück hast, dann kommt irgendwann das dicke Ende.

Und sie war wirklich sehr darauf bedacht, nicht allzu viel Glück zu haben. Nicht wie in dem einen Lied „Wenn ich mir was wünschen dürfte“, weil sie dann „Heimweh nach dem Traurigsein“ hätt.  Sie würde liebend gern auf  die vielen Mißgeschicke verzichten. Oder weil sie fand, es stünde ihr nicht zu. Das spielte schon eher eine Rolle. Wenn andere so litten, andere vor ihr so gelitten haben, warum sollte ausgerechnet sie glücklich sein dürfen? Aber eigentlich ging es ihr um eine simple gradezu mathematische Gleichung. Es galt, eine Ausgewogenheit zu schaffen, sich mit kleinen Unglücken ein wenig Glück zu erschleichen. Sich das große Glück zu versagen, um echte Katastrophen zu vermeiden. Weil sie fest davon überzeugt war, dass das Pech durch übermäßiges Glück angezogen wird.

Denn wenn du dein Glück offen zur Schau stellst, kann es durchaus geschehen, dass ein paar angeödete Gottheiten auf dich aufmerksam werden und Lust bekommen, ihre grausamen Spielchen mit dir zu treiben. Für sie ist es ein Leichtes, am Rad des Schicksals zu drehen und Schwupp, Bein ab. Oder noch Schlimmeres. Weil du ihnen aufgefallen bist, weil Glück ihnen ins Auge sticht. Also Obacht. Das hat die Mutter auch immer gesagt:„Kind, du darfst niemandem zeigen, wie gut es dir geht, was du Gutes kannst oder hast. Führe nie deinen Stolz oder deine Zufriedenheit spazieren, denn du weißt nicht, wem du alles begegnest.“ Sie bezog sich zwar nicht auf die Fiesigkeit der Götter, sondern auf den Neid ihrer Mitmenschen. Aber die kleine Olga hat sich das auf den Schnurrbart gebunden. Oder hinter die Ohren geschrieben, wie es hier in Deutschland heißt. Glück versteckt man, wie eine dreckige Unterhose. In früheren Sowjetzeiten war das auch wichtig gewesen, überlebenswichtig, als die Mutter selbst Kind war und auch später. Warst du stolz auf eine kleine Wohnung, die du nicht mit sechzehn anderen teilen musstest? Schnell hat jemand dem zuständigen Hauswart was gesteckt und du bist zum Mineralien schöpfen in den hohen Norden gekommen. Ohne mit der Wimper zu zucken und ohne Gerichtsverfahren.

Diese Zeiten waren längst vorbei. Doch gelernt ist gelernt. Und so geht Olga geduckt durch die Welt, damit sie nicht auffällt, damit niemand sie schief angucken kann. Schön unauffällig bleiben. Das große Glück, nicht für mich. Verzichte dankend.

Außerdem hat sie regelrecht Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Dann macht sie lieber gar nichts, nimmt das was kommt, das was ihr vor die Füße fällt und greift nicht nach Wünschen, nicht nach den Sternen. Falsche Entscheidungen hat es in ihrer Familiengeschichte nämlich schon einige gegeben. Da war die Urgroßmutter, die einem vorbeiziehenden Soldaten nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, so zerlumpt wie er aussah, ein Russe, abgemergelt, sie hat ihm Wasser gegeben, eine Kelle aus dem Bottich gereicht, damit er seinen Durst löschen konnte und dann? Der Soldat ist weitermarschiert, weitergestolpert bis er auf seine Leute traf oder auf die Feinde, auf die Weißen. Aber der kleine Erreger, der ist geblieben, der saß im Wasserbottich und als die Männer vom Feld kamen, als das Abendessen auf dem Tisch stand, hat er sich rausgetraut.

Die schweren Stiefel, die guten, hat der Vater vor der Tür stehen lassen, um die würde er sich morgen früh kümmern. Es wusch sich die Hände an der Tränke, nahm eine Kelle vom kühlen Brunnenwasser und setzte sich an den Tisch. Es war seine Aufgabe, das Brot zu schneiden.

„Gibst du mir das Brot, Mutter?“

„Stellt euch vor, heute war ein Soldat hier,“ die Mutter wickelte das Brot aus dem Tuch und gab es ihm zusammen mit dem Messer, „ein Roter, alle Knöpfe lose an seiner alten zusammengeschusterten Jacke, aber ganz höflich war der, hat Wasser getrunken und sich bedankt. Auf russisch. Spassiba bolshoje, hat er gesagt.“

„Ein Soldat?“, schrie Jakob der Zweitjüngste, „warum war ich nur nicht hier, ich wär mit ihm mitgegangen. Ich will auch kämpfen, Vater, erlauben Sie es mir endlich! Sagen Sie denen, dass ich schon alt genug bin, ich will auch gegen das Unrecht kämpfen.“

„Sei still,“, hat der Vater streng gesagt, „muss ich dich wieder im Kühlkammer einsperren wie beim letzten Mal, als die Soldaten kamen? Andere sperren ihre Töchter ein und ich meinen halbwüchsigen Sohn, weil er so toll aufs Soldatenleben ist.“

„Der hat wohl schon vergessen, dass wir nicht länger hier bleiben“ warf sein älterer Bruder ein, der Karl, “ nach Ostern fahren wir eh alle rüber, nach Amerika. Dort kämpfen auch Rote gegen Weiße, da kann er mitmischen, wenn er noch will.“

„Ja, die Papiere sind schon da“, meinte der Vater, „Onkel Friedrich hat doch geschrieben, sie haben alles vorbereitet für uns, einen Platz ausgesucht, da können wir das neue Haus bauen.“

Die Mutter trug die Suppe auf und sie aßen schweigend. In dieser Nacht ging es dem Vater gar nicht gut. Er hat zu schwitzen angefangen, alles tat ihm weh wie bei einer Grippe. Und am nächsten Tag standen die erdklumpigen Stiefen noch immer an der Vortreppe. Aber keiner kam dazu, sie mal sauber zu machen. Die zwanzigjährige Eugenie, die war schon immer schwächer als die anderen, hat es nach ihm erwischt, dann die Mutter. Die kleineren Geschwister und die älteste, Olga waren die einzigen, die sich nicht angesteckt haben. Einige Tage hohes Fieber, dann der Durchfall. Einer der Kleineren wurde auf dem Klepper aufs Nachbardorf geschickt nach dem Doktor. Als der kam, konnte er schon nichts mehr machen. Der Typhus hatte sie im Griff. Der Karl, der hat überlebt und der Jakob, und die älteren Schwestern auch, aber die Eugenie und der Vater und die Mutter, die sind innerhalb einer Woche gestorben. Und nach Ostern fuhren sie nicht nach Amerika. Dem Onkel musste man schreiben, dass daraus vorerst nichts wird. Die guten Stiefel wollten sie dem Vater mit ins Grab legen, aber Karl, der Älterste nahm sie an sich und mit den Worten, die lass mal, wir wissen nicht, was noch auf uns zukommt hier.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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