Wie ein Stein im Wasser

Seelische Trümmer: der Zweite Weltkrieg in der Familienbiografie
Vortrag von Monika Richter, am 11.11.2014

Dieses Thema lässt mich nicht los. Wie denn auch. Vorgestern war dieser Vortrag in einem Kirchenzentrum hier in der Nähe und ich bin mit einer Freundin hin.

Die Referentin wirft viele Fragen auf und stellte Bezüge her. Und die Frage, die über allem schwebt: Können Sie sich vorstellen, dass unser Leben heute noch immer vom II WK beeinflußt wird?

Wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Die einen sehen das Wasser spritzen. Die nachkommenden Generationen spüren die Bewegung des Wassers, nehmen diffus wahr, dass da etwas sein muss und können es oft nicht einordnen, weil geschwiegen wurde. Über das Schweigen in den Familien wurde nach dem Vortrag auch viel gesprochen.

Sogar in unserem Wortschatz finden sich immer noch Vokabeln, die aus der Kriegszeit herrühren: Wir sagen „Bombenwetter“, etwas „bunkern“, oder ganz makaber: „bis zur Vergasung etwas üben“.

Im Vortrag geht es oft darum, was Kinder damals im Krieg alles gesehen haben. Was wurde in den Augen der Erwachsenen gespiegelt? Welches Leid und welche Gräueltaten haben sie mitbekommen? Wolfskinder. Flüchtlingskinder. Kinder in Schutzbunkern.

Heute versuchen wir, schlimme Nachrichten und Horrorfilme von unseren Kindern fernzuhalten. Es gibt ein FSK für alle Filme. Ich bin dagegen, dass meine Tochter mit acht Harry Potter Filme schaut. Aber vor siebzig Jahren haben die Kleinsten den Horror live erlebt, da hat keiner gesagt, schau nicht hin. Höchstens hinterher: Du hast nichts gesehen, hast du verstanden. Es ist nichts passiert. Die Erwachsenen waren nicht in der Lage, sich zu schützen, wie sollten sie ein Kind schützen?

Monika Richter weist auf den Unterschied zwischen bewusstem und unbewusstem Erinnern hin und  zeigt mögliche Zusammenhänge auf, zwischen unserem Verhalten jetzt und dem Leben damals. Wie wichtig Schuhe waren. Etwas, das für uns selbstverständlich ist. Woraus alles Schuhe gemacht wurden, aus Maisstroh, aus Zeitungspapier mit Gummisohle aus Reifen. Wie sich Einschnitte, wie der Hungerwinter ’46/’47 nach dem Krieg immer noch auswirken.

Quelle: In Darkest Germany, table 39.
Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh! Kinder im Jahr 1946

Flucht. Wieder Füße, wieder Schuhe. Vielleicht haben sie auf der Flucht keine vernünftigen Schuhe gehabt? Vielleicht haben sie an den Füßen Verletzungen davongetragen. Flucht und Füße stehen in einem starken somatischen Zusammenhang. Wir sagen ganz lapidar Schuhtick, fragen uns aber nie, warum Leute wie aus einem Impuls heraus Schuhe kaufen und, wieder dieses Wort, „bunkern“. Wie die Geschichte von dem Mann, bei dem nach dessen Tod 30 Paar fabrikneuer und nie benutzter Schuhe im Keller gefunden wurden. Durch die Lagerung nicht mehr brauchbar geworden. Er hat seinem Sohn zu Lebzeiten immer gesagt: Pass auf deine Schuhe auf! Schuhe sind wichtig. Und selbst trug er nur ein einziges Paar, bis es auseinanderfiel. Wenn man seine Geschichte kennt, versteht man vielleicht eher. Bloß, geredet wurde nicht. Das Geschehene drückt sich unwillkürlich in seltsamen Verhaltensweisen aus. Wie Wellen, die von einem Steinwurf ausgelöst wurden. Eine Mutter, die nie in den Keller gehen mag und immer ihr kleine Tochter schickt. Der Drang nach Perfektion, weil der kleinste Fehler den Tod bedeuten kann. Gerüche, Geräusche, Bilder, die das Erlebte heraufholen. Der bloße Gedanke an Kriegsessen, an Steckrübeneintopf, der zu Übelkeit und Magenschmerzen führen kann. Und über Generationen verbreitet: es wird nichts weggeworfen. Schon gar nicht Nahrungsmittel. Oder das Gegenteil, es wird alles wie manisch aussortiert, reduziert. Man will sich nicht mit Dingen belasten, will vorbereitet sein zu neuer Flucht. Allzeit bereit. Wach. Immer nur wach.

Das Publikum ist nicht unbedingt gemischt zu nennen. Nur sehr wenige unter fünfzig, einige der Teilnehmenden haben den Feuersturm auf Hamburg noch selbst erlebt und haben im Anschluss darüber erzählt. Sehr ergreifend.

Und ich gehe mit neuen Impulsen und wertvollen Tipps zur eigenen Suche, zu Büchern und Filmen. In eine friedliche Novembernacht.

 

Weitere Vorträge und Seminare von Frau Richter sind bei der Rubrik Termine zu sehen.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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