Auf den letzten Drücker – Besuch beim Filmforum

Vorletzter Tag des russisch-deutschen Filmfests im Metropolis Kino und ich habs endlich geschafft. Bin wie eine Wilde gerast, mich mit einer Autofahrerin angelegt, die mir die Vorfahrt abschneiden wollte. Mein Kind hustet und ich musste ihr erst noch die Heiße 3 einflößen und warten, bis die nicht mehr ganz so heiß war. Bin total groggy. Aber jetzt bin ich endlich hier, sogar rechtzeitig vor Filmbeginn. Höre nur russische Satzfetzen um mich herum. Und ein wenig Polnisch auch. Die Musik in der sehr stylischen Bar des Kinos ist aber Dixieland oder irgendwas aus den frühen Jahren des Jazz. Nichts aus dem Ostblock. Obwohl, habe ich nicht mal gehört, in Odessa war Jazz mal ganz groß? Ja, vielleicht hätte ich mir genau diesen Sowjet-Jazz gewünscht. Unten im Foyer sind die Bilder von Dmitrij Leltschuk gehängt. Leider etwas zu hoch für mich kleine Person. Werde sie mir nach dem Film mal genauer ansehen. Es geht um Gastarbeiter in St. Petersburg. Das Wort Gastarbeiter hats übrigens ins Russische geschafft, dort heißen die georgischen oder usbekischen Männer auf dem Bau „гастарбайтэры“. Für morgen habe ich mir vorgenommen, wenigstens den 21-Uhr-Film zu sehen. Dann habe ich einen Spielfilm und eine Doku gesehen. Nächstes Jahr werden wir versuchen, unsere Virenerkrankungen so zu legen, dass wir in der Woche vom Filmfestival verschont bleiben und ich mehr mitbekomme.

kinopoisk.ru
Sasha/Olja oder Olja/Sasha – das doppelte Lottchen auf der Krim

Gern hätte ich auch den Film „Patriotinnen“ von Irina Roerig gesehen, mit der Stimme von Iris Berben als Marina Zwetajewa. Ob der Fim heute der richtige für mich ist? „Wie ist mein Name“ , Regie: Nigina Sajfullaewa. Zwei junge Frauen fahren auf die Krim, um den Vater der einen aufzusuchen, den sie noch nie gesehen hat. Aber kurz vor der Begegnung beschließen sie ihre Rollen zu tauschen und so gibt sich die mitgekommene Freundin als die Tochter Olja aus. Falsche Tochter, wiedergefundener Vater. Und das vor der Kulisse eines eindruckvollen Meeres. Wellenrauschen, Wolkenspiel. Sonne, mediterrane Stimmung, nur die Häuser sehen anders aus, mehr Wellblech und haushohe Zäune und sie reden alle Russisch miteinander. Oder ein paar Brocken Ukrainisch. Und ich spüre, ich wollte doch schon vor Jahren hin, die Sehnsucht steigt auf. Der Film ist von 2014, und ich hätte die Regisseurin gern nach den Begleitumständen des Drehs gefragt, aber es gibt kein Gespräch, diesmal nicht.

Jetzt nach dem Film, ist die Musik lateinamerikanisch, soft und chillig. Wenige Deutsche scheinen unter den Zuschauern zu sein. Anscheinend ist es eine kleine verschworene Gemeinde, die sich hier trifft. Ich kenne keinen. Vielleicht sind darunter auch welche, die Slawistik studieren oder sich für den Nachbarn im Osten interessieren.

Ich schau mir die Bilder der Ausstellung an. Bin beeindruckt. Die Gastarbeitery schuften auf dem Bau, ohne Helm und nur in Badelatschen, ihre Behausungen zusammengeschustert und ärmlich. Ich muss an die polnischen Arbeiter denken, die unser Vermieter hier in Hamburg anheuert und in seinen leerstehenden Wohnungen im Block unterbringt. Mit Etagenbetten. Sechs Mann in einer kleinen Bude.
Ist der Mann mit Bärtchen und Brille der Regisseur des Films, der als nächstes gezeigt wird? Haitarma, ein Drama über die Krim-Tataren. Nein, wohl nicht, er zieht seine Mütze auf und geht. Meine Freundin Anja hatte mal ne Bekannte in Köln, die war Slavistin, ein bißchen kauzig und sehr intelektuell, hat ganz bescheiden gelebt, ohne Kühlschrank, und hat sich von Olivenpaste und Brot ernährt. Sachen, die nicht gekühlt werden müssen. Muss grade an sie denken.

In dem Film eben habe ich nicht alles verstanden. Den Inhalt schon, ich meine eher, bei der Sprache musste ich total aufpassen, die haben so schnell und so nuschelig gesprochen. Ich nehme an, dass früher die Schauspieler, ganz deutlich reden mussten. Sauber und klar, wie im Theater. In modernen deutschen Filmen ist es auch so, die Leute reden undeutlich, das ist authentischer und cooler. Nur fällt mir das nicht auf, weil ich nicht jedes Wort fangen muss um zu verstehen. Und außerdem sind die Protagonistinnen 17/18 Jahre alt und reden so jugendliches Neusprech, das ich nicht kenne. Aber es hat auch Spaß gemacht, zuzuhören und zu erraten. Viele Vokabeln habe ich nicht gelernt, ging zu schnell. Vielleicht noch das Wort „крут“ (krut), weil es ständig vorkam, es bedeutet so etwas wie witzig oder cool. Bockig sagen die Hamburger Schüler dazu. Und noch was, als sie ihrem Vater vorwirft ein Loser zu sein, beschimpft Sasha/Olja ihn als „лох“. Ich wundere mich woher das Wort stammt. Doch nicht etwa aus dem Deutschen? Klingt nach „Loch“. Und wirklich, jemand der versagt, der total abloost kann doch wie ein Loch sein. Ein Nichts in der Landschaft. Schöner, wilder Film, schöne Menschen. Und so heiter, wie die Landschaft wirkt, ist es gar nicht, es geht auch ganz schön ans Eingemachte.

Schreibend fühl ich mich nicht mehr so seltsam fehl am Platz. Das altbekannte Fremdheitsgefühl. Nicht Fisch nicht Fleisch. Nicht russisch, nicht deutsch. Auch wenn mir der Klang der Sprache vertraut ist, die letzen 30 Jahre habe ich wenig mitgekriegt von den Entwicklungen. Nur so sporadisch wie hier bei einem Film, einem Lied, einem Buch.

In einer Gruppe, die sich angeregt unterhält, sehe ich einen Mann stehen, der sieht im Dämmerlicht aus, wie der Businessmän in der österreichischen Miniserie „Die Schlawiener“. Krass, er bewegt sich auch so. (Als ich zuhause nach dem Macher des Dramas „Haitarma“ im Netz suche, stelle ich fest, dass er der Regisseur Achtem Sejtablaew war und doch nicht der mit Bärtchen und Brille.)

Wenn ich verrückt genug wäre, würde ich mir spontan noch eine Karte für diesen Film kaufen, aber ich bin brav und bleibe bis zum Einlass und gehe dann heim. Morgen habe ich noch eine letzte Chance und ich habe mir den Spätfilm ausgesucht. Ich brauch die Kraft noch.

Für ganz kurz entschlossene, hier der Link zum Kinoforum. Heute laufen noch drei Filme, die bestimmt ganz sehenswert sind.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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