Ohne Sprache

Es gibt Geschichten, die kann man nicht erzählen. Wie kann man das beschreiben, wenn ein Kind auf der Flucht während eines Bombenangriffs zu seiner Mutter sagt, Mama, da schau, meine Kutteln kommen raus. Und dann stirbt? Und Wochen später die selbe Mutter in Kinosälen sitzt, in denen Heimatfilme gezeigt werden. Mit Musik. Und möglicherweise wird ihr Mann, nun heimgeholt ins Reich, in den letzten Monaten des Krieges doch noch eingezogen und begibt sich als das „letzte Aufgebot des Führers“ auf die Seite der Täter. Mehr als 600 000 Volksdeutsche wurden in den letzen Kriegsmonaten für das Deutsche Reich rekrutiert. Nicht nur in die Wehrmacht, auch in die Waffen-SS und in den Volkssturm. Mit welchen Worten kann man das umschreiben? Mit welchen Farben die Opfer-Täter-Achse ausmalen. Wer will das alles sehen? Wozu?

Tagelang habe ich mich in die Geschichten anderer versenkt. Mich in sie hineingewühlt wie in die Eingeweide eines Tiers. Und nun kann ich nicht mehr. Flucht. Vertreibung. Tod. Oder Überleben, aber zu welchem Preis? Einzelne Schicksale und doch ähneln sie sich alle in ihrer zeitlichen und räumlichen Struktur.

Seit einem Monat habe ich nichts geschrieben, was für die Öffentlichkeit eines elektronischen Aushangs taugen würde.

Ich frage mich, was hat das alles mit mir zu tun? Mit diesem Leben, in dem ich Streu kaufe für die Meerschweinchen und mir die Popsongs meiner Tochter mitanhöre. Versuche Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Ich will nicht, dass es was mit mir zu tun hat. Das Alte ist vergangen. Es muss ruhen. In Frieden ruhen. Warum kann es das nicht?

Wenn mein Vater seine Kriegskind-Erinnerungen auspackt, sage ich halb im Scherz, abwehrend, bitte nicht, keine Leichen beim Frühstück. Und auch keine beim Mittagessen oder Abendbrot, wenns nach mir ginge. Aber nun bin ich genauso. Schau mir die ollen Geschichten an. Ich kann nicht wegsehen. Und habe kein anderes Thema mehr.

Was werde ich mit all diesem Elend anfangen? Welche Form soll es denn annehmen, damit es annehmbar ist? In mundgerechte Häppchen portioniert und zu Annekdötchen verarbeitet?

Ich werde Abstand brauchen und mich anderen Themen zuwenden. Leichteren. Oder andere sprechen lassen. Bis ich meine Sprache wiedergefunden hab.

Advertisements

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s