Agnes friert

Sie fror. Drinnen zeigte das Thermostat der Heizung 28°, draußen waren es sicher über dreißig. Sommerliche Hitze. Auf dem Spielplatz, den sie von ihrem Fenster aus einsehen konnte war die Plantschbecken-Saison längst eröffnet. Kinder in Badehöschen oder nur in Windeln oder ganz ohne liefen kreischend vor Vergnügen durch das niedrige Wasser, kaum größer als eine Pfütze, ließen sich fallen, spritzen sich nass. Sie fror.
Trotz Wolle-Seide-Unterhemd. Trotz Skisport-Leggins unter der Hose und Fließpulli.
Die Eltern saßen verteilt auf der Wiese, auf Decken und Tüchern rund ums Becken, Reiswaffeln und Frotteetücher einsatzbereit. Sonnten sich, kurzärmelig und mit Shorts oder Röckchen bekleidet und plauderten unaufgeregt miteinander. Sie saß in ihrem Zimmer an der Heizung, die auf drei stand, und fror. Seit Monaten schon. Kein Arzt konnte ihr das bisher erklären. Irgendwann im Herbst fing es plötzlich an. Die Härchen stellten sich auf, sie fröstelte, ging nie ohne Wärmflasche ins Bett, schaltete die Heizung immer höher. Trug bei jedem Wetter eine wattierte Schneehose und fror immer mehr. Ganze Tage verbrachte sie an die Heizung gelehnt, Musik hörend, oder ihre Lieblingsserien schauend. Sie ging nur noch raus, wenn sie neue Vorräte besorgen musste. Oder zum Arzt gehen musste. Aber keiner von Ihnen hat ihr sagen können, was mit ihr los war. Und auch der Psychologe nicht, den sie Dienstags aufsuchte seit dem und liebevoll den Pseik getauft hatte.

Frieren? Was ist das für eine Krankheit? Habe ich noch nie was von gehört, Sie steigern sich da in irgendwas hinein, Frau Nikisch. Trinken Sie mal einen Ingwertee.

Warme Brühen, Kräutertee rauf und runter, Kohlsuppen mit Chilli.

Sie fror weiter. Zitterte am ganzen Körper, kalte Füße, eisige Fingerspitzen. Ihre Meridiane scheinen verstopft zu sein, sagte die traditionelle chinesische Medizinfrau, sie machte irgendwelche Buxtationen oder Moxitationen. Umsonst.

Den ganzen Winter verbrachte sie an der Heizung gelehnt und fror. Dabei war der noch nicht mal besonders streng. Immer über null.

Als die Knospen anfingen aufzublühen, guckten die Leute schon komisch, wenn sie ihre Hamstertouren in den nächstgelegenen Discounter unternahm. In Winterjacke und Skihose, Mütze und Schal bis in den Sommer hinein. Wie die Teilnehmerin einer Expedition zum Nordpol. Die Pelzmütze tief ins Gesicht geschoben. Fehlte nur noch der Husky und ein Schlitten.

Reinhard Schild 2010
Schnee, Schnee, Schnee – 2010 – credits: Reinhard Schild

Wie war Ihre Mutter zu Ihnen, Frau Nikisch? War sie eine warmherzige Frau? Fragte der Pseik. Ist es die zwischenmenschliche Wärme, die Ihnen fehlt? Finden Sie, wir leben in einer, bildlich gesprochen, kalten Welt?

Ihre Mutter war ok. Eine Mutter eben. Sie war zwar auch mit ihren eigenen Krankheitsbildern und Diäten befasst, aber sie war ok. Nichts besonderes.

Was ging sie die Kälte der Welt an?

Sie schaute auf Mütter der kreischenden Kinder am Plantschbecken, die den Sommer genossen und Wassermelone aßen. Ab und an kam ein Kind, schmiegte sich an seine Mutter, wärmte sich auf und ab gings, zurück in die Wasserpfütze.
Ihre Mutter war schon ok, und was hatte die für eine Kindheit gehabt, im Krieg, mit einem Vater, der erst zwei Jahre nach Kriegsende wieder auftauchte, als sie schon ein Schulkind war. Der Opa Stephan. Hat bei Stalingrad gekämpft. Erzählt hat er nicht viel darüber. Er kam mit mehreren Granatsplittern zurück, war arbeitsunfähig. Invalid in jungen Jahren schon.

Sie wusste, ihr Opa war in Kriegsgefangenschaft gewesen, irgendwo in Russland. Harte Zeiten, aber so war es eben. Ein Wunder, dass er überlebt hat. Über das Essen dort hat er manchmal gesprochen. Wie er das Brot eingeteilt hat, immer nur einen Bissen, nie alles auf einmal. Das habe ihn gerettet. Und dass ihn sogar seine Kameraden gebeten hatte, ihr Brot an sich zu nehmen und nur Portionsweise wieder rauszugeben. Damit auch sie nicht alles auf einmal verschlangen. Auf den Stephan, da war Verlass. Disziplin hatte der. Auf den sibirischen Winter waren sie nicht vorbereitet. Der Endsieg sollte doch schon viel früher da sein. Aber es kam anders dann. Viel hat er ja nicht erzählt. Hat immer nur in sich hinein geschaut und geschwiegen. Aber kleine Boote hat er ihr geschnitzt, das weiß sie noch. Und Briefmarken gesammelt. Dafür hat er sich extra den einen Fingenagel am Zeigefinger lang wachsen lassen, damit er die Briefmarken leichter aufklauben konnte. Mit Licht und Lupe saß er da über den Tisch gebeugt, stundenlang. Über die Kälte hat er nicht gesprochen. Nie. Über die abgefrorenen Zehen, die Fußlappen, die immer feucht geworden sind in den Stiefeln, die nie passten. Aber Stiefel. Wer sowas hatte, der war gerettet. Es gab auch Kameraden, die hatten keine. Bis jemand anders den Löffel abgab. Wie haben sie sich um die harten, krummen Stiefel geprügelt. Mit Staub in den Falten. Nachts ist der Opa immer an den Kühlschrank gegangen. Ist aus dem Bett gestiegen und in Schlappen in die Küche geschlurft. Ihr Zimmer lag über der Küche, sie konnte ihn immer gut hören. Das leise Quietschen der Kühlschranktür, dann das Klicken und wieder die Schlurfgeräusche. War der Opa nachts wieder am Käse gewesen, sagte die Großmutter. Oder an der Wurst oder an der Butter. Von der Butter konnte er nie genug kriegen. Weiße Brötchen mit Fingerdick Butter drauf. Genug trockenes Graubrot und wässrigen Gerstenbrei fürs ganze Leben hab ich gehabt, sagte er, wenn die Großmutter ihn schief ansah, weil die Butter schon wieder alle war. Genug gehabt.

Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Wo er stationiert war, mit wem, welche Dinge er erlebt hat, vor der Gefangennahme. Nichts. Weißes Feld. So wie eine Wiese nach einer durchneiten Nacht. Muss doch auch landschaftlich schön gewesen sein dort.

Sie lehnte sich an die Heizung, die Kinderstimmchen hallten durch das geschlossene Fenster. Auf drei hatte sie das Thermostat gestellt. Und dennoch richteten sich die feinen Härchen an den Armen auf. Und alles zog sich zusammen. Wie lange würde sie noch frieren.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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