Die langen Schatten unserer Ahnen

Dass wir von unseren Vorfahren die Augenfarbe oder die Lockepracht, manchmal sogar Vorlieben oder Anlagen für bestimmte Krankheiten erben, ist bekannt. Was ist aber mit weniger den sichtbaren, subtileren Dingen, wie schrecklichen Erlebnissen, verdeckten Loyalitäten oder Familiengeheimnissen, über die nicht gesprochen werden darf? Wie wirken sich Traumata der früheren Generationen auf unser jetziges Leben aus? Welche von ihren Erinnerungen tragen wir weiter?

Die Psychoanalytikerin Anne Ancelin Schützenberger, die 1919 in Moskau geboren und schon als kleines Mädchen mit ihrer Familie nach Frankreich ausgewandert ist hat einen Bestseller geschrieben (mit 84 Jahren…). Er heißt „Oh, meine Ahnen!“, Wie das Leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt.

Darin vertritt sie die These, dass wir nicht nur äußere Merkmale von unseren Vorfahren übernehmen, sondern auch Traumata, verdeckte Loyalitäten oder sogar bestimmte Jahrestage, an denen sich Ereignisse häufen. Es sind „ständig wiederkehrende Lebens- oder Krankheitsmuster im Sinne posttraumatischer Stressreaktionen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden,“.

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Die Fraktale des Chaostheoretikers Mandelbrot haben Anne Ancelin Schützenberger zu ihren Forschungen inspiriert

Diesem psychogenealogischen Ansatz zufolge, kann die Erinnerung an ein schreckliches Erlebnis ebenso weitergegeben werden wie das Schuldgefühl für eine Tat, die ein ferner Ahn begangen hat. Auch wenn nie explizit darüber gesprochen wurde. Gerade weil nie darüber gesprochen wurde. Die verschwiegenen Geheimnisse kapseln sich in der Seele der Nachkommen ein und sind schwer zu entfernen. Weil sie so subtil wirken. Weil sie den Menschen vorkommen, als wären sie ein Teil von ihnen selbst.

Als Französin bezieht sie sich auf Fallbeispiele aus ihren Land, die Revolution von 1789 und die Résitance spielen da eher eine Rolle als die Aufarbeitung von Nazi-Verbrechen. Aber man kann die Theorie mit ein wenig gutem Willen auch gut auf die eigene Geschichte übertragen.

Synchrone Landkarten der Familienereignisse

Die Basis für diese Therapie ist die biographische Rekonstuktion der Vergangenheit in einem sogenannten Genosoziogramm. Das ist eine Art Stammbaum, nur geht die Darstellung über bloße Geburts- und Todesdaten hinaus. Es ist wichitg, dass es aus dem Gedächtnis erstellt wird. So kommen Dinge ans Tageslicht, die lang vergessen waren.

Faktoren, die in dieser Grafik eine Rolle spielen, sind zum Beispiel: Unfälle, Krankheiten und Krankenhausaufenthalte, Trennungen und emotionale Verbindungen. Wer hat alles unter einem Dach gewohnt? Wer hat sich gut verstanden oder war vollkommen isoliert? Wo haben Spannungen bestanden? Die Weitergabe von Vornamen kann eine besondere Rolle spielen. Aber auch außerfamiläre Ereignisse werden berücksichtigt, wie Revolutionen, Kriege, Völkerwanderungen. Alle diese Einflüsse werden mithilfe von grafischen Symbolen aufgezeigt und erlauben es, Zusammenhänge besser zu erkennen.

Genosoziogramm
Ausschnitt aus einem, zugegeben schlecht fotografierten, Genosoziogramm. Zur Verdeutlichung.

Die Methode erlaubt es, verdeckte Symmetrien im Familienstammbaum aufdecken. Dinge und sogar Daten, die wiederkehren. Ein bestimmter Tag kann bei einer Familie ein besonderes Datum sein. Da häufen sich Geburtstage, Hochzeiten aber auch nicht so schöne Ereignisse wie Krankenhausaufenthalte. Oder man fühlt sich regelmäßig in einer bestimmten Zeit im März irgendwie schlecht, weiß nicht warum, und erfährt irgendwann durch Zufall, genau in dieser Woche ist das Dorf der Urgroßmutter überfallen worden. Das nennt sie in ihrem Buch Jahrestag-Synchronizität. Wenn man ihren Thesen glauben will, führen unausgesprochene Familiengeheimnisse bei den Nachkommen zu körperlichen und seelischen Leiden.

Ancelin Schützenberger beschreibt viele eingängige Fallbeispiele aus ihrer Praxis. Da ist ein Vater, der mit 39 stirbt und einen neunjährigen Sohn hinterlässt. Die Witwe ist eine starke, dominante Frau aus einer Reihe von starken und dominanten Frauen. Das Muster wiederholt sich sich mehrere Generationen später. Ein Vater, der mit 39 an Krebs erkrankt und seinen neunjährigen Sohn zum Halbweisen macht. Klar, dass die Mutter eine willensstarke, selbstbewußte Frau ist. Was diese Zusammenhänge noch bemerkenswerter macht, der Urahn ist an einem Tritt in den Hoden gestorben. Der zeitgenössische Vater erkrankt an Hodenkrebs. Und will sich nicht einer weiteren Behandlung unterziehen als die Krankheit wiederkommt als er 39 Jahre alt wird. Eine unbewusste Loyalität seinem Großvater gegenüber? Erfüllt er ein Lebensskript, das mit unsichtbarer Tinte geschrieben worden ist?

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mich erinnern Familienstrukturen an Rhizome – wie bei Deleuze und Guattari

Es ist nicht so, dass man Familienchronik nach tödlichen Krankeiten und Unfällen durchgrast und dann Angst haben muss, mit 39 sterben zu müssen oder im März auf einen Berg zu kraxeln.

Dieser Ansatz ist nicht zu verwechseln mit einer selbsterfüllenden Prophezeihung. Er funktioniert eher umgekehrt. Die Phänomene sind wie Kapseln. Solange sie verschlossen bleiben, solange wir sie nicht erkennen, wirken sie. Erst die Einsicht kann zu Heilung führen.

„Es gibt ein schwerwiegendes Ereignis, von dem niemand spricht; ‚das war nicht gerecht’. Dann passiert etwas, als ob man nicht vergessen dürfte, aber nicht das Recht hätte, sich zu erinnern.“ (Seite 146)

Allein die Auseinandersetzung damit hilft, das Muster aufzulösen oder zu durchbrechen. Phobien können damit behandelt werden und Selbstblockaden. Angsterkrankungen und psychosomatische Leiden, vor denen die Medizin kapituliert.

Da ist der Fall zweier Brüder. Der Ältere stirbt in jungen Jahren auf tragische Weise. Als der Jüngere, „Bernard, sich dem Alter von 33 näherte, dem Alter, das sein Bruder Lucien hatte, als er starb, erlebte er eine ganze Reihe von Krankheiten und Unfällen: Grippe, Bronchitis, Pneumonie, Autounfall usw. Als man darüber sprechen konnte und die eventuelle Verbindungen zum Tod seines Bruders ans Licht kamen, verschwanden die Symptome,…

…Wir fingen an zusammen zu arbeiten, und versuchten, das innere unbewusste Programm – sein Lebensskript – , das er sich gemacht hatte, zu verstehen und eine ‚Deprogrammierung’ und eine ‚Neuprogrammierung’ zu machen.“ (Oh, meine Ahnen, Seite 156)

Familäre Verstrickungen

Unterschwellige Verbindlichkeiten und Loyalitäten, innere Befehle, die man ohne sie zu kennen, erfüllt. Ganz einfaches Beispiel. Die Eltern und Großeltern waren einfache Arbeiter oder Bauern. Die Kinder haben die Chance zu studieren, verhindern aber ihren eigenen Erfolg, boykottieren sich selbst, um ihre Familie nicht zu überflügeln. Um nicht besser gestellt zu sein als sie. Weil genau dieser Satz als Weisung in einer überlieferten Kapsel steckt: du sollst nicht besser sein als ich. Hab Respekt vor meinem Status. Hab Respekt vor dem, was ich erlitten hab.

Andere Beispiele für familiäre Geometrien:

Die älteste Tochter übernimmt über Generationen die Stelle der Mutter, die früh stirbt, weggeht oder psychisch krank wird.

Ein Mann wird von unheimlich starken Migräneattacken geplagt, bis er herausfindet, dass ein Urahn während der französichen Revolution enthauptet wurde.

Ein Zitat des Heiligen Augustinus ist dem Buch vorangestellt: „Die Toten sind unsichtbar, sie sind nicht abwesend.“

Etwas von ihrem Leben wirkt in uns fort wie in einer geheimen Matrix. Und detektivische Arbeit macht möglich, sich aus diesem Knäuel zu lösen. Wäre das nicht toll, wenn es so einfach wäre, hinschauen, das Geschehene betrauern und das Gespenst/Gespinst, das durch die Generationen spukt, ein für alle mal auszutreiben – oder ein besseres Wort: zu versöhnen. Doch oft scheint genau dieses Hinsehen unmöglich zu sein. Es gibt in uns Widerstände dagegen, den wunden Punkt, den blinden Fleck oder das Tabu ans Tagslicht zu zerren. In jeder Familie wird viel Energie darauf verwendet, bestimmte Dinge zu verdecken, geheimzuhalten. Und wer sich darüber hinwegsetzt, gilt nicht selten als Nestbeschmutzer.

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noch ein rhizomatisches Gebilde

Man mag das alles als Zufall abtun, als Hirngespinnst. Wenn Psychoanalytiker nicht über Jahrzehnte mit dieser Methode bei der Heilung von Menschen große Erfolge erzielt hätten. Anne Ancelin Schützenberger ist nicht die einzige mit diesem Therapieansatz, sie zitiert viele andere Therapeuten und Analytiker wie beispielsweise den Unhgarn Boszormenyi-Nagy und war lange Zeit Teil der Palo Alto Gruppen, in denen über Jahrzehnte in Sachen Familien- und Systemische Therapien geforscht wurde.
Faszinierend ist dieses Konzept allemal und es bleibt jedem selbst überlassen, seine synchronen Jahrestage und vererbten Krankheitsbilder zu erforschen und aufzulösen. Ich denke da besonders an die Traumata die meine Volksgruppe erlebt hat. Wieviel davon ist als Kapsel in uns, den nachfolgenden Generationen verborgen?

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

5 Kommentare zu „Die langen Schatten unserer Ahnen“

  1. Nachdem ich das Buch in der Bücherei entdeckt habe werde ich es mir nun auch kaufen – Danke für den Artikel, wäre das ok ihn zu rebloggen?

      1. Merci, ich hatte ja schon angefangen, aber gleich gemerkt das es mich so sehr begeistert und ich unbedingt Dinge anstreichen muß 🙂 Bon Nuit

  2. Hat dies auf reingelesen rebloggt und kommentierte:
    Hier habe ich einen spannenden Artikel zum Buch „Oh meine Ahnen“ gefunden, was ich fett auf meiner Wunschliste stehen habe und was ich mir wohl nächste Woche selbst schenken werde. Hatte es aus der Bücherei, aber es war so Gehaltvoll das es ohne anstreichen nicht geht. 😀

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