Русский Джаз – russischer Jazz

Begleitmusik der Terrors – Genau in der Zeit der größten politischen Säuberungen der Sowjetära, als täglich Tausende verschwanden, einfach so abgeholt wurden von Männern in Uniform, im besten Fall in einem der unzähligen Lager endeten oder im schlimmsten Fall in einem Massengrab, genau in diesen Jahren um 1937 gedeiht in Russland eine Musikrichtung, die man nicht mit der strukturellen Enge des Sozialismus in Verbindung bringen würde: der ДЖАЗ (Dshas).

Schon in den Zwanziger Jahren wurde der Jazz von russischen Musikern in Hotels oder bei Tanzveranstaltungen und in Theatern gespielt. Namhafte Vertreter dieser Stilrichtung wie Alexander Tfasman oder Leonid Utjossow stammen aus jüdischen Familien rund um Odessa am Schwarzen Meer.

dzhaz_plakat
Plakat für die Jazz-Band von L. Teplitzkij im großen Saal der AK-Philharmonie

 

Neben instrumentalen Nummern gibt es Stücke mit Gesang, wie den Gangsta-Jazz, die sogenannte „Murka“. Matrosen und Gauner sind ihre Helden, überhaupt wird die Hafenstadt Odessa und das Meer gern und oft besungen.

Hier das Beispiel Gop so Smukom ein Gangster-Stück von Leonid Utjossow. Und ein Swingtitel von Alexander Tsfasman von 1939. Und hier ein sowjetischer Jazztitel aus einer späteren Zeit.

Zeitgleich eroberten auch der Tango und der Foxtrott, vereinzelt auch der Charlston die Tanzböden der großen Hotels und Restaurants aber ebenso die Tanzfeste der Dörfer.

Russische Jazz Kombos gewinnen internationeale Wettbewerbe und geben Gastspiele an exotischen Orten – wie zum Beispiel Shanghai. In Moskau und St. Petersburg sind Utjossows Konzerte nicht selten ausverkauft.

Die Kulturfunktionäre führen in den Presseorganen „Prawda“ und „Iswestja“ bereits 1936 eine heiße Debatte darüber, ob „es einen proletarischen Jazz geben könnte oder ob Jazz an sich bereits bourgeois und dekadent sei.“ (Karl Schlögel, Terror und Traum, Moskau 1937)

Schlögel schreibt, diese Diskussion sei durch eine direkte Intervention von Stalin beigelegt und zugunsten des Jazz entschieden worden. Erst in den fünfziger Jahren wird der Dshas in Russland faktisch verboten und wird nur von wenigen Enthusiasten in kleinen privaten Klubs vorm Aussterben bewahrt.

Die Musikrichtung „Estrada“, eine schlagerhafte Populärmusik, die sich ohne Unterbrechungen bis heute gehalten hat, ist zeitgleich mit dem russischen Dshas entstanden. Isaak Dunajewski entwickelt aus dem Dshas das Massenlied zur Erbauung des Volkes. Sein „Lied von der Heimat“ wird zur inoffiziellen Hymne der Sowjetunion.

Der König des russischen Tango: Petr Leschtschenko
Der König des russischen Tango: Pjotr Leschtschenko

Neben den Größen des russischen Jazz möchte ich gerne einen Sänger erwähnen, dessen Leben, würde es verfilmt werden, jeden James Bond ausstechen würde. (* wurde schon verfilmt… siehe Kommentar)

Пётр Лещенко oder Pjotr Leschtschenko, ist zwar Nahe Odessa geboren, es hat ihn aber schon als Kind nach Bessarabien verschlagen. In den dreißiger Jahren ist er mit seiner Schmelzstimme und seinen pomadierten Haaren sehr populär, später gerät er zwischen die Räder der Geschichte, als der Ort, in dem er lebt, Rumänien zugesprochen wird und somit irgendwann auf der falschen Seite der Macht liegt. (Rumänien war im zweiten Weltkrieg ein Verbündeter Deutschlands). Leschtschenko gilt als Landesverräter, da er seit 1918 die rumänische Staatsbürgerschaft besitzt. „Außerdem war er in den von deutschen, bzw. mit ihnen verbündeten rumänischen Truppen, besetzten Gebieten der Sowjetunion aufgetreten. Es folgen Auftrittsverbote und nur noch seltene Konzerte. Im Zigeunerkostüm wird er von der Bühne herunter verhaftet und stirbt 1954 … in einem Lagerlazarett in Târgu Ocna.“ So stehts bei Wikipedia. Als seine Musik offiziell nicht erlaubt war, kursierten seine Platten lange als aus dem Ausland geschmuggelte Schellackplatten und sogenannte „Ribs“ oder „Rippen“ – Raubpressungen auf ausgedienten Röntgenplatten. Mit dem Niedergang der Sowjetunion setzte ein regelrechter Leschtschenko-Boom ein und er gilt heute als der ungekrönte König des russischen Tangos. Hier ein Hörbeisiel: Петр Лещенко – „Скажите, почему“. (Sagen Sie mir, warum.)

bei dieser Röntgenplatten-Raubkopie sieht man sogar noch die Rippen! - gesehen bei wanderer-records
bei dieser Röntgenplatten-Raubkopie sieht man sogar noch die Rippen! – gesehen bei wanderer-records

Inzwischen ist Odessa wieder die Stadt des Jazz, jährlich werden im Sommer Festivals abgehalten, an denen auch viele internationale Künstler teilnehmen.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

Ein Gedanke zu „Русский Джаз – russischer Jazz“

  1. * Übrigens zum Leben von Petr Leschtschenko wurde bereits 2013 eine Miniserie mit 8 Folgen gedreht und im ersten Kanal des russischen Fernsehens ausgestrahlt. Als König des Tangos brilliert sogar ein Schauspieler, den ich total gern mag, Konstantin Chabenskij, der die Hauptrolle im Fantasy-Epos „Wächter der Nacht“ gespielt hatte.

    http://ruskino.ru/premiere/507

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