Melitta macht den Tee zum Genuss

Mel geht in die Küche und setzt schon mal das Wasser auf, es soll ja genug Zeit haben, abzukühlen. Sie füllt den Beutel mit grünem Tee und geht die Kleine wecken. Wieder in der Küche schaut sie raus auf die mit Efeu bewachsene Mauer. Nach dem Sturm letztes Jahr haben sie viele der Ranken abgeschnitten, aber es wächst wieder nach, in zarten schlängelnden Lianen.

Ausgerechnet sie, die so heißt wie die Kaffee-Firma, trinkt Tee. Fast ausschließlich.

Am Anfang, als sie neu in Deutschland war, hat sie noch ihren vollen Namen genannt. Melitta Roth. Mit rollemdem ERRR. Aber sobald sie in die neue Schule kam, wurde aus Melitta einfach Mel und alle dachten, es käme von Melanie. Sollten sie doch. Ihre Eltern haben ihr diesen Namen gegeben. Sie wussten nichts vom Aufstieg der westfälischen Hausfrau Melitta Bentz, die 1911 den ersten Kaffeefilter erfunden hat. Als das passiert war, lebte ein Teil ihrer Vorfahren in Sibirien und der andere schon seit mehreren Generationen in der Ukraine. In ihrer deutschen Enklave. Es gab zwar deutsche Lieder, und deutschen Strudel aber getrunken wurde Tee. Wenn es denn Tee gab. Den Namen bekam sie also aus Unwissenheit und um die Großmutter väterlicherseits zu ehren, die bestimmt kein leichtes Leben gehabt hat. In Russland war es schon schwierig, mit so einem untypischen Namen, aber in Deutschland, eine Katastrophe.
Im ersten Jahr in Deutschland wurde sie viel gehänselt. Nicht nur wegen des leichten rollenden Rs, sondern vor allem wegen Melitta. Melitta! Macht Kaffee zum Genuss. Jedes Mal wenn sie sie sahen. Oder: „Na Melitta, wo bleibt denn der Kaffee, ich habe Durst!“ Oder: „Hmm, wie riecht es gut! Na wenn das nicht der Kaffee ist“. Jedesmal. Sie verbeißen sich in irgendein Detail und dann kriegst du dein Fett weg. Das kann nur jemand nachvollziehen, der immer zu klein oder zu groß ist, der was im Gesicht hat, das da nicht hingehört oder eben komisch heißt. Manche Jungs, aber auch Mädchen, haben es so sehr auf die Spitze getrieben, dass sie erst weinen musste, dann irgendwann resigniert hat und bei der erstbesten Gelegenheit einfach die Abkürzung genommen hat. Mel. Wie Mel Brooks, Mel Gibson oder Mel C von den Spice Girls.

Von wegen Kaffee. Sie jedenfalls konnte gar keinen Kaffee kochen, denn sie hat seit ihrer Kindheit immer nur Tee getrunken. Zuerst natürlich Schwarzen, dann während des Studiums erst Kräutertee und später grünen Tee und inzwischen konnte sie sich keinen Morgen ohne das Ritual vorstellen. Wasser abkühlen lassen, eigentlich bis 70° aber manchmal war sie zu ungeduldig und hat ihn mit 80° aufgegossen. Dann zwei bis zweieinhalb Minuten ziehen lassen. Und am liebsten richtig guten Tee. Sencha oder milde chinesische Mischungen.
Und erst der zweite Aufguß! Der chinesische Dichter Lo Tung hat vor hunderten von Jahren über die zweite Tasse Tee geschrieben, dass sie seine Trauer vertreibe. Und die sechste bringe ihn sogar nah an die Unsterblichkeit. Na gut. Vielleicht hatte er auch soviel Zeit, um im Teehaus zu sitzen und seine sechs Aufgüsse und mehr zu trinken und zu sinnieren. Beneidenswerter Mann.

Sobald sich die Tochter aus dem Bett schält, ists vorbei mit den schönen Ritualen, dann wird geplappert, gesungen oder gemault. Zack zack, anziehen, Zähne putzen. Und das Schulbrot nicht vergessen. Meinst du, Nina kommt auch zum Laternelaufen? Ein halber Arbeitstag in nur einer Stunde. Wenn die Kleine in den Klassenraum geht, atmet Melitta auf. Nun beginnt ihr Tag, ihre Arbeit.

Doch bevor sie sich an den Rechner setzt, brüht sie sich doch noch den dritten Aufguss an diesem Tag auf. Seit die neue Teekanne da ist, eine kleine chinesische mit blauen emalierten Mustern, macht ihr das Teetrinken noch mehr Freude. Sie konnte noch nie verstehen, wieso sich die Leute hier so sehr ins Kaffeetrinken verbissen haben. Doch. Sie konnte schon. Wenn sie daran dachte, dass alle, auch in den Cafés, einfach kochendheißes Wasser auf die sensiblen Teepflanzen kippten. Das musste ja abartig schmecken. Wie Känguru-Pups, hat eine Freundin von ihr mal über grünen Tee gesagt.

Family_portrait_by_T.Myagkov
„Семейство за чайным столом“ oder Familienportrait von Timofej Mjagkow, 1844

Das ist wie mit dem Teeaufguss, schreibt sie und nippt aus ihrer Schale. Die Generationsübergabe ist mit dem Teeaufguss vergleichbar. Der starke Teesud, das sind die ersten mit ihrem Trauma. Dann wird immer wieder heißes Wasser nachgefüllt, zum zweiten, dritten und vierten Mal. Aus dem Samowar. Oder mit japanischem Teegeschirr. Oder mit einer arabischen Metallkanne mit der eleganten Tülle. Also die Generation der Großeltern und der Eltern, die im Krieg noch Kinder waren, das ist der erste Aufguss. Sie haben das Grauen erlebt, in ihnen ist das Erlebnis verdichtet, aber so stark, dass man es fast nicht trinken kann. So stark, dass der Löffel drin stehen bleibt. Das Trauma ist unmittelbar und frisch, sie können sich nicht damit auseinandersezten. Sie müssen verdrängen, um weiterzumachen. Oder wegschmecken beim Trinken.

Und dann kommt der zweite Aufguss. Das war sie, die neue Generation, die Nachgeborenen, die es scheinbar leichter haben und denen im Frieden alles zufällt. Glück und Wohlstand. Der Sud wurde bereits mit heißem Wasser verdünnt und man kann ihn trinken, er ist aber bitter. Noch immer. Die Nachwehen des Traumas sind noch deutlich spürbar. Die folgenden Generationen, die der Enkel und Urenkel schmecken fast nichts mehr von der Bitterkeit, sie können genießen. Sie können Feinheiten spüren. Dem Nachspüren, was die Früheren erlebt haben. Sie haben genug Abstand um zu betrachten, was Oma und Opa im Krieg gemacht haben. Nur dass Oma und Opa dann, wenn sie soweit sind zu fragen, vielleicht nicht mehr antworten können. Auch bitter. Ach ja, und weil er so bitter ist, der Tee, muss in Russland noch soviel Marmelade hienein. Wie passt das wieder ins Konzept?

Genealogische Fortschreibung. Neulich in der „Zeit“ hat sie von einer prominenten deutschen Autorin mit bulgarischen Wurzeln gelesen, diese habe verzichtet, sich genealogisch fortzuschreiben, sprich Kinder zu bekommen. Mel hat der Ausdruck so fasziniert. Genealogische Fortschreibung. Vera Nikolajewna und Malanija Maximowna Mischnewa haben sich in mir fortgeschrieben. Melitta Saar und Katharina Roth, geb. Melm, haben sich in mir fortgeschrieben. Malanija, das klingt ja fast wie Melanie. Also Mel. Aber sie wurde sicherlich Malascha abgekürzt. Mel hat mal ein Foto von ihr gesehen, sie sah mit Ende Dreißig, Anfang Vierzig schon wie eine alte Frau aus. Das war zur Zeit des Bürgerkriegs. In den Hungerjahren.

Ich trage ihren Sud in mir, denkt Mel, einfach nur Mel, im Guten wie im Schlechten. Und ich werde diejenige sein, die was weiterträgt. Vielleicht werde ich mich irgendwann wieder Melitta nennen. Die Zeit, wo man cool sein muss, ist doch längst vorbei.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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