Theo und die Schokoladenfabrik

Immer wenn ich in einem russischen Laden bin, kaufe diese bunten Bonbons, Schokoladenkonfekt in den abgefahrensten Verpackungen. Märchenfiguren, Sagengestalten und Bären im Wald. Drei große Marken gibt es, die sich inzwischen zu einem konditorischen Verband zusammengeschlossen haben: Rot Front, Roter Oktober und Babajewskij.

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Als Kinder haben wir genau solche Bonbon-Papiere für sogenannte Sekretiki verwendet…

Roter Oktober, die bekannteste Schokoladenfabrik Moskaus geht auf einen deutschen Begründer zurück: Theodor Ferdinand Einem.

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Der Junge weiß seine Tafel zu verteidigen – Na, nimm doch weg – steht da frei übersetzt.

Der Zuckerbäcker aus Brandenburg hat im Jahre 1851 eine kleine Konditorei am Arbat im Herzen Moskaus eröffnet. Im Laufe der Jahre und mit Hilfe seines Partners Julius Heuss wurde aus der kleinen Konditorei eine bedeutende Schokoladenfabrik mit vielen Produktionsstätten im ganzen Land. Nicht nur Schokolade, auch kandierte Früchte und Marmeladen gehörten zum Sortiment. Zum 300. Jubiläum der Romanow-Dynastie im Jahr 1913 wurde die Süßwarenfirma „Einem“ sogar zum Hoflieferanten ernannt.

Theodor Ferdinand Einem starb im Jahre 1876, doch sein Partner und dessen Söhne bauten das Unternehmen weiter aus, inverstierten in Werbung und hochwertige Verpackungen. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen zeugen vom Erfolg des Unternehmens. Bis sich mit der Revolution von 1917 das Blatt wendete. Die Schokoladenfabrik „Einem“ wurde enteignet und erhielt den Namen: „Staatliche Süßwarenfabrik Nr. 1, vormals Einem“. Doch auch die neuen Machthaber waren der süßen Versuchung nicht abgeneigt, sodass auch weiterhin Schokoladen-Tafeln und Konfekt in den aus roten Ziegeln errichteten Fabrikhallen produziert wurden. Seit 1922 heißt die Marke anlässlich der Oktoberrevolution „Красный Октябрь“ (»Krasnyj Oktjabr« – Roter Oktober).

Was aus den Nachkommen Einems und Heuss’ geworden ist, konnte ich leider nicht herausfinden. Ich wünsche Ihnen allen, dass sie es geschafft haben, zu fliehen.

Übrigens wurde das Unternehmen „Einem“ schon lange vor dessen Verstaatlichung sehr arbeiterfreundlich geführt. Abgesehen von ihrer Werkausbildung bekamen die jungen Leute Unterricht im Lesen und Schreiben, lernten ein Instrument oder sangen im Chor.

Aber dennoch war nicht alles erlaubt. Strenge Sanktionen trafen diejenigen, die es gewagt haben, Schokolade und andere Süßigkeiten aus der Fabrik mitzunehmen.

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Welches ist hier wohl das Original?

1966 begann man bei Roter Oktober mit der Produktion der bekanntesten Schokolade der Sowjetunion: „Aljonka“. Das pausbäckige Mädchen mit Kopftuch, das auf der Verpackung der Schokolade zu sehen ist, existiert wirklich. Es ist die Tochter eines Mitarbeiters, der „Aljonka“ fotografiert hat, als sie acht Monate alt war.

Übrigens ist Geschichte dieser Schokoladen-Firma in einem Dokumentarfilm festgehalten: Roter Oktober – Moskaus Herz aus Schokolade, Film von Roland Strumpf. Er wurde im April 2012 aud 3Sat gesendet.

Sehr ausführliche Infos zu Roter Oktober und „Aljonka“ hier: https://www.osteuropakanal.uni-freiburg.de/Textinterview/aljonka

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

2 Kommentare zu „Theo und die Schokoladenfabrik“

    1. Das ist ja erfreulich, und ich habe auf deinem blog erfahren, dass Deutsche in Argenitinien immer noch Schlitzkiechla backen. Muss ich unbedingt mal probieren, selbst welche zu machen, ist ja kein richtiger Kuchen. Der gelingt mir nämlich nie…

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