Mustererkennung

das Leben ist eine Baustelle - auch ein Muster
Das Leben ist eine Baustelle – auch so ein Muster

Heute wieder zwei Scherben aufgelesen. Sie lagen am Rand der Baustelle von gegenüber, dort wo vor dem Krieg Häuser standen und für lange Jahre ein Industriegelände war mit Hallen und LKW-Parkplätzen. Dazwischen Brachland. In dieser Straße gab es einst Häuser auf beiden Seiten, jetzt sind die Hausnummern lückenhaft. Nach 55 kommt lange Zeit nichts mehr und auf der anderen Seite gehen die geraden Zahlen bis weit über die 100. Sind diese Keramikscherben mit irgendwelchem Geröll für die Baustelle hierhergekarrt worden oder stammen sie noch aus dem Schutt der alten Hausruinen? Die ins Erdreich eingesunken sind als die Erde für die Lagerhallen planiert wurde und die jetzt durch das erneute Aufgraben wieder heraufgeschwemmt sind?

Die kleinere Scherbe zeigt drei hellblaue Flecken auf weißem Grund, vielleicht sind es abstrahierte Blätter, möglicherweise nur der Teil eines nicht bestimmbaren Rapports aus Tupfen. Die andere könnte das Stück einer Kachel sein und hat eine blaufleckige Oberfläche. Königsblau. Darauf erkenne ich wolkige Gebilde, dichtgeballt, aufgerastert in kleine Pünktchen, wie beim Druck. Ich sehe darin den Ausschnitt eines Gewitterhimmels über einem barocken Schäferidyll oder Wölkchen neben einer nicht mehr sichtbaren ostfriesischen Windmühle. Oder aber es ist reine abstrakte Klekserei. Aber wer weiß das schon, denn womöglich entstehen diese Wolken, diese Küchenfliesenmotive nur in meiner Einbildung. So ist es mit Scherben, sie zeigen immer nur einen Ausschnitt des Ganzen. Und wie es hinter ihren Rändern weitergeht, kann man mit Glück manchmal erahnen. Oft noch nicht einmal das. Das Gesamtbild, die Matrix, kriegt man meist nicht mehr zusammen.
Es sei denn, es tauchen weitere (alle?) Bruchstücke auf oder man verfügt über genug Erfahrung, wie die Archäologen, die anhand eines Splitters sagen können, diese Ranke ist eindeutig Teil einer etruskischen Frieszeichnung oder dieser Klecks da ist das Ohr von Anubis, dem ägyptischen Gott der Totenriten, aber sowas von. Aber auch sie müssen sich an Tatsachen halten und dürfen nicht spekulieren. Sie brauchen Beweise, im besten Fall chemischer oder radioaktiver Natur.

Und wir? Wir sind Archäologen des Alltags. Wir setzen zusammen. Fabulieren das was wir nicht sehen einfach weiter. Von unseren Mitmenschen kriegen wir ja auch nur einen Bruchteil mit, womöglich nur den Ansatz eines weitergehenden Musters. Aber was sich wirklich außerhalb der sichtbaren Ränder abspielt, aus welchen inneren Motiven, aus welcher Ursuppe die Worte und Handlungen unseres Gegenübers gespeist werden – das entzieht sich unserer Kenntnis. Bis zu einem gewissen Punkt zumindest. Wenn wir Pech haben, dann ist dieser Mensch ein einziger Scherbenhaufen, und dann finde mal raus, welches konkrete Muster er mal gehabt hat.
Egal wie gut man ist, egal, wie tief man gräbt, es bleiben immer Leerstellen. Brachland zwischen den Bauwerken.

Die beiden Bruchstücke von der Baustelle wandern jedenfalls in unsere „Wird-mal-zu-einem-Mosaik-zusammengesetzt-Kiste“. Ich bin sicher, dass ich auf die Reste der ehemaligen Altbauten der gegenüberliegenden Straßenseite gestoßen bin. Bräuchte nur mal ein Labor, um ihr wirkliches Alter festzustellen.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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