Sommer Sonne Ferienlager

Wenn ich versuche Dinge über meine Familie herauszufinden, zum Beispiel, wo genau die Sondersiedlung lag, wohin sie von 1946 bis 1957 deportiert worden sind, stoße ich auf interessante Links.

So gibt es spezielle Reiseangebote durch sowjetische Lager, auf den Spuren von Solschenitzyn und Co. sozusagen. Bei Russia Beyond the Headlines wurden letztes Jahr fünf Ziele vorgestellt, „an denen sich der Schrecken heute noch hautnah nachfühlen lässt.“ Perm-36 ist darunter und Magadan. Aber auch das Gulag-Geschichtsmuseum in der Uliza Petroka in Moskau ist eine der genannten Adressen. Ein weiteres Beispiel Beispiel:
Das Reiseunternehmen Nata-Tour in Komsomolsk am Amur bietet unter dem Titel „Stalin Camps“eine Reise zu ehemaligen Gulag-Stätten an. Diese schließt auch Eisenbahnstrecken und Steinbrüche mit ein, wo Gefangene arbeiteten, sowie Friedhöfe, auf denen Häftlinge beerdigt worden sind.“

Das kleine Örtchen Bursol oder Bursolprom in der Altai-Region, das mich interessieren würde, ist leider nicht dabei. Es war wohl nur ein Nebenschauplatz des Gulag-Systems, an den es meine Vorfahren verschlagen hat.

Ein anderer Reiseführer aus dem Jahr 1982, „The First Guidebook to the USSR, to Prisons and Concentration Camps of the Soviet Union“ von Avraham Shifrin, ist nur antiquarisch auf Englisch zu bekommen, gibt aber detaillierte Auskünfte für eine Erkundung auf eigene Faust. Laut der darin veröffentlichten Kartenskizze „für Nowosibirsk, kommt man, mit Buslinie 8 oder 22, zum Lager Nr. 91/3.“

Gulag_Guide, Avraham Shifrin
Ein Reiseführer der besonderen Art

Der Sohn eines Gulag-Häftlings ist in den Siebzigern nach Israel ausgewandert. Er hat Tausende jüdischer Emigranten befragt, die viele Jahre Lagererfahrung hinter sich hatten. Er sammelte Berichte, Fotos, Skizzen und Karten zu einem illustren Führer durch die Gulags zwischen Ural und Archangelsk. Shifrin erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und es ist auch fraglich, ob die Buslinien heute noch so heißen. Um so interessanter wäre es, heutzutage diesen Pfaden zu folgen, mal sehen, wohin sie führen…

Also meine Empfehlung für alle, die ihre Sommerreise noch nicht gebucht haben: Gulag-Tours GmbH und Co.KG. Ich würde vorschlagen, auf original zeitgeschichtliche Verpflegung zurückzugreifen: eine trockene Chaika Brot und eine wässrige Kohlsuppe für den kleinen Hunger zwischendurch. Schläge und Beschimpfungen inklusive. Sarkasmus beiseite, möglicherweise nutzen Menschen diese Reisen, um etwas über die Zeit damals und ihre Angehörigen zu erfahren. Aber für mich bewegen sich diese Reiseangebote an der Grenze zum Absurden.

Andererseits. Wie will man sich sonst dem Grauen annähern als mit einer Prise Sarkasmus?

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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