Stumme Zeitzeugen

Es ist die Geschichte vom wiedergefundenen Werk eines Fotografen, eine Vivian Maier Story, nur ganz ganz anders. Die Bilder des rumänischen Fotografen Costică Axinte oder Acsinte (1897-1984) wurden von seinem Landsmann Cezar Popescu wiederentdeckt und in mühevoller Arbeit digitalisiert. Er fand sie in einem sehr schlechten Zustand, denn die Zeit ist nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Und mit jedem Tag verfallen die Negativ-Glasplatten mehr. 7031 Bilder hat Popescu bereits restauriert und auf flickr im Costica Acsinte Archiv gepostet.

Und auch ein kurzer Film auf Youtube gibt eine ganz schöne Beschreibung hierzu.

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Man kann sich darin verlieren. Diese Gesichter, diese Augen. Stumme Zeitzeugen, die uns aus ihren zerstörten Bildern anblicken.

Die geretteten Fotoplatten stammen alle aus dem Atelier „Foto Splendid C. Acsinte“, das Acsinte nach dem ersten Weltkrieg in Slobodzia eröffnet hat. Selbst Pilot hat er bald angefangen die Bilder der Erkundungsflüge der anderen Piloten zu entwickeln und ist danach bei der Fotografie geblieben. Die meisten Negativplatten sind nicht größer als 10 x 5 cm groß. Manche sind zerbrochen, bei anderen hat sich die Schicht abgelöst, sich gewellt, oder ist aufgeplatzt. So entstehen Strukturen, die aussehen als hätte ein Künstler die Bilder mit Säure oder mit Hitze und Kälte bearbeitet. Experimentell. Doch hier war die Zeit wohl die Autorin dieser Effekte.

Die Blicke, intensiv, wie so oft auf ganz alten Fotos, die Begebenheiten, dörflich. Hochzeitsbilder, Kinderfotos, Portraits, Bilder von Beerdigungen. Brüder Schwestern, Familien, Schulklassen und ein Soldatenkorps und auch eine Jazzband. Auf einigen sind Jahreszahlen eingeritzt. Manchmal eine 1938, und dann wieder eine1943.

Was erzählen sie uns? Ein Stück Zeitgeschichte aus einem für uns nicht so zugänglichen Landstrich. Die Damen tragen Kragen. Die Herren Anzug. Oder auch eine Schaffellmütze. Eine junge Frau in einem dunklen Kleid hält fast provokativ einen Briefumschlag in der linken Hand. Hat sie grade eine Nachricht von ihrem Liebsten bekommen? Ist es die Nachricht von seinem Tod an der Front? Oder ist es ihre eigene Einberufung?

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Ich weiß, dass diese Bilder nicht ganz in meinen Themenkreis passen. Weder war Costică Axinte ein Russlanddeutscher oder, passend zu Rumänien, ein Sudetendeutscher, noch haben die Leute auf den Bildern etwas mit mir und meiner Familie zu tun. Was ich sagen kann, die Bilder sehen denen ähnlich, die wir hätten, wären die Fotoalben nicht verloren gegangen. Die Zeit stimmt und diese Hintergründe auch und die Mode uneindeutig Vor-Nachkriegszeit. Ich stelle mir vor, dass es in Russland oder der Ukraine genau solche Ateliers gab, oder fahrende Fotografen, die übers Land gezockelt sind und die Dörfer abgeklappert haben, um Kleinkinder, Familien und Paare aufzunehmen. Erich Fromm hat mal geschrieben, dass das fotografische Festhalten von Momenten etwas Nekrophiles hat. Mag sein. Dann ist genau das Moment des Nekrophilen in diesen Bildern auf die Spitze getrieben. Die Liebe zum Verfall. Zu einer entschwundenen Zeit.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

3 Kommentare zu „Stumme Zeitzeugen“

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