Letzte Ruhe in Chudschand

Meine Tante ist kurz vor ihrer Ausreise nach Deutschland von Kasachstan aus noch Mal nach Leninabad geflogen, da war es gerade wieder in Chudschand umbenannt worden, denn 1992 hatte Lenins Sowjetreich längst aufgehört zu existieren.

Sie wollte auf den christlichen Friedhof von Chutschand, um vom Grab unserer Oma ein wenig Erde mitzunehmen. Sonnengetrocknete Gebirgserde aus dem Dreiländereck von Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan, unweit des Stausees Kairakkum. Ich selbst war nie im Leben dort, aber in einem Film habe ich die Gegend, ohne es zu wissen, schon mal gesehen. Der gefeierte Kinofilm „Luna Papa“ wurde nämlich fast vollständig in Chutschand gedreht. Bei uns wurde er nur gezeigt, weil Moritz Bleibtreu in einer der Hauptrollen zu sehen ist. Das wäre überhaupt eine gute Quizfrage fürs Fernsehen: Was hat Moritz Bleibtreu mit meiner Großmutter Melitta gemeinsam?

Doch zurück zur eigentlichen Geschichte: Meine Tante ist also hin, um ein wenig Erde zu holen, weil irgendjemand ihr das geraten hat, wer weiß, ob ihr jemals wieder zurückkehrt, hat er gesagt, ihr werdet’s sonst noch bereuen.

Vor der Übersiedlung noch Erde mitzunehmen war wohl so üblich bei den Russlanddeutschen, es muss in den 90iger Jahren viel davon über die Grenze gekommen sein. In Einweckgläsern, Filmdosen, Cremeschachteln oder in geschnitzten Holzkisten mit altslawischen Motiven. Wer weiß, wie viel davon aus Versehen verschüttet wurde. Nicht auszudenken.

Deutscher Friedhof in Duschanbe copyright: abenteuerosten
Deutscher Friedhof in Duschanbe
copyright: abenteuerosten 2007

Nun hatten wir aber in Deutschland noch keine Grabstätte, um Großmutters Erde endgültig zur Ruhe zu betten und ihr Mann, unser Großvater, war damals auch noch sehr lebendig, also bat die Tante unsere Eltern, ihr zu helfen und Großmutters symbolische Überreste in einem, wie sag ichs am besten, Leihgrab zwischenzulagern. Aber es sollte selbstverständlich einer Person mit dem gleichen Vornamen gehören. Damit man es besser wiederfinden kann und überhaupt.

Unsere Mutter war damals der Ohnmacht nahe, als die Tante das Einweckglas mit Großmutters Erde vor sie hingestellt hat. Sie hatte regelrechte Panik davor, dass etwas davon auf den Teppich fallen könnte. Sie als Russin hat uns immer strengstens verboten egal was vom Friedhof mitzunehmen. Das gehört sich nicht. Das bringt Unglück, nachher klebt da noch was dran von den bösen Geistern!

Also war es, wie man sich denken kann, meiner Mutter ein starkes Anliegen, diese Erde, bei allem Respekt, so rasch es geht aus dem Haus und in ein passendes Grab zu bekommen. Doch genau das war nicht so einfach. Metas, Hedis und Charlottes gab es zuhauf, aber keine einzige Melitta, im gesamten Umkreis nicht. Warum hat Oma bloß nicht Maria geheißen, oder Anna oder wenigstens Martha.

Doch dann, nach vielen langen Spaziergängen auf den Gottesackern diesseits und jenseits des Rheins hat mein Vater doch noch eine Melitta gefunden. Und was für ein Zufall, auch sie ist im Jahr ’57 gestorben, nur ihr Sternzeichen und ihr Geburtsjahr waren andere. Und ja, die Lebensumstände natürlich auch. Nordrheinwestfalen ist ja nicht Tadschikistan.

Und so wurde unsere Großmutter symbolisch aus dem uranhaltigen Boden von Chudschand, vormals Leninabad, in die nasskalte Meerbuscher Friedhofserde gesenkt, wo sie für fünf Jahre ausharrte, bis mein Großvater verstarb und sie noch einmal in sehr homöopatischer Dosis diesmal in ihre gemeinsame Ruhestätte überführt werden konnte.

Zwar steht auf ihrem neuen Grabstein noch immer ein falsches Geburtsdatum, alte Zeit, neue Zeit, wer soll sich da auskennen mit dem Julianischen Kalender, sie ist ja noch vor der Revolution zur Welt gekommen. Aber was machen diese zwei Wochen schon aus? Wenigstens stimmen ihre Sternzeichen: Eine Skorpiongeborene im Jahr des Hasen. Wenn man den Astrologen glauben schenkt, sind beide Zeichen keine Freunde von großen Veränderungen oder Ortswechseln, aber wer kann es sich schon aussuchen.

Melitta jedenfalls nicht. Es hat so viele hin und hers gegeben in ihrem kurzen Leben. Anfang des Krieges Flucht aus der Ukraine, nach einem kurzen Aufenthalt im zerbombten Deutschland dann die Zwangsumsiedlung in den Ural, bis ihr Mann es schafft, sie zu sich nach Sibirien in ein anderes Lager zu holen. Nach der Aufhebung der Kommandatur einige Monate im warmen Tadschikistan, bis zu ihrem plötzlichen Tod im Krankenhaus von Leninabad. Und selbst nach ihrem Tod hat sie ja noch mehrmals umziehen müssen, bis sie an ihrem endgültigen Bestimmungsort angekommen ist. Bis zu nächsten Migrationswelle zumindest.

Nach dieser Erfolgsgeschichte mit dem Erdaustausch ist übrigens noch ein angeheirateter Onkel zu meinen Eltern gekommen und hat, nach dem er ein Geschenk, einen glänzend neuen Dampfkochtopf für Manty eine echte Mантоварка aus seiner Tasche ausgepackt hat, noch mal vier Einmachgläser auf den Tisch gestellt.

„Ich habe gehört, ihr habt die Melitta umgebettet,“ hat er gesagt „Ich möchte euch bitten, auch mir dabei zu helfen, ich habe auch Erde mitgebracht von drüben aus Frunse und aus Taldy-Kurgan.“

Meine Mutter schnappte nach Luft, „Nicht hierher, sonst fällt es noch runter! Pass doch bitte auf!“

„Das hier sind Großonkel Theophil und Cousine Eugenie und die beiden Schwestern von der Tante Emilie, mit Namen Evangelina und Krezenzia Cramer“, hat er gesagt und meine Mutter erwartungsvoll angeschaut, „Ich habe gehofft, dass ihr mir helfen könnt, die letzte Ruhestatt für sie zu finden.“

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

5 Kommentare zu „Letzte Ruhe in Chudschand“

      1. Ich nehme mir mal deine Worte zu Herzen. Aber da sind diese hausgemachten Hindernisse, zum Beispiel solche, über die Jutta heute in ihrem Blog geschrieben hat. Traute und Selbstbewusstsein, mal sehen ob ich sie irgendwo finde. Aber solch ermunternde Zeilen wie deine, ob Kompliment oder nicht, die schubsen eine schon in die richtige Richtung. Hoffentlich! LG

      2. bin gerne bereit, noch ein paar Schupser zu geben. Du hast ein Thema, das dich innerlichst angeht, du hast Material, das du ausbauen kannst, du hast wunderbare Menschen, die deine Geschichten bevölkern, und du schreibst klasse. Was willst du mehr? ich gebe zu, dass ein größeres Format auch größere Schwierigkeiten bietet, also könntest du es mit längeren und kürzeren Geschichten versuchen.

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