70 Jahre danach – Erinnerungskultur

In diesen Tagen sind sieben Jahrzehnte vergangen, seit die deutsche Wehrmacht kapituliert hat und damit die Schrecken des zweiten Weltkriegs offiziell vergangen sind. Es häufen sich die Beiträge und Meldungen, die Thementage und Gedenkreden im Radio, in den Zeitungen im Fernsehen. Die Gedenkmaschinerie ist angelaufen.

‚Es ist alles gesagt, oder?‘ fragt Oliver von Wrochem provokativ, einer der Leiter des Seminars Täter, Mitläufer, Zuschauer in der Familie, das ich im April diesen Jahres besucht habe.

‚Medial ist das Thema präsent‘, führt er weiter aus, ‚die Gedenkveranstaltungen sind ritualisiert. Aber es gibt immer noch eine mangelnde Auseinandersetzung in den Familien. Man sieht nicht genau hin.‘

Es gäbe zwar ein großes Wissen über die Verbrechen, aber es werde nicht mit der eigenen Familiengeschichte verbunden. Doch die Teilnehmer des Seminars wollen genau das. Hingucken, weil die vorherigen Generationen nicht hingucken konnten. Um zu überleben? Vielleicht.

Nun trafen sich die Nachkommen von möglichen und tatsächlichen Tätern und Mitläufern schon zum 14. Mal auf dem Gelände des ehemaligen KZs Neuengamme. Die Teilnehmerzahlen sind steigend. Diese Veranstaltung ist im Moment noch einmalig in ganz Deutschland und wird zwei Mal jährlich, im Frühjahr und im Herbst angeboten. Das nächste Mal Anfang Oktober.

Ich war im April dort, weil ich hoffe herauszufinden, was mein deutscher Großvater im Krieg (das heißt in der Zeit nachdem er aus der Ukraine nach Deutschland geholt wurde bis zu seiner Auslieferung durch die Alliierten und der Inhaftierung in einem sowjetischen Gefangenenlager), erlebt, gesehen und getan hat. Ich habe allerdings nicht viel Hoffnung, dass ich viel in den Archiven finden werde. Es gibtzwar einige Familienerzählungen, aber, so habe ich in diesem Seminar auch mitbekommen, auf die ist nicht immer Verlass.

Ich war auch dort, weil ich gehofft habe, zu lernen wie ich mit dem, was ich rausfinden könnte, umgehen kann. Es geht mir nicht um Schuld. Es ist eh die Frage, wie viel Handlungsspielraum die einzelnen Beteiligten in solchen diktatorischen Regimes hatten. Die Frage, so lerne ich in dem Vortrag von Dr. von Wrochem, ist nicht ob, sondern warum? Leider ist es sehr wahrscheinlich, dass ich keinerlei persönliche Aufzeichnungen finde, nichts, woraus ich schließen kann, wie mein Opa damals gedacht hat.

Nochmals.

Es geht nicht um Schuldzuweisung. Obwohl ich, seit ich halbwegs erwachsen bin, ein diffuses Gefühl von Schuld mit mir trage, das ich nicht näher einordnen kann. Vielleicht möchte ich dieses Gefühl, das sich wie ein Nebel über viele Jahre auf mich gelegt hat, näher beleuchten und ihm seinen Stachel nehmen. Aus der Distanz betrachten. Auflösen.

Hilfreich finde ich Sätze, die nach Begegnungen von Menschen aus Täterfamilien mit solchen, die von den Opfern abstammen, herausgearbeitet haben.

In Hamburg gibt es diesen speziellen Dialog wohl seit 2013, als auf dem hiesigen Kirchentag der Sohn eines Polizisten aus der NS-Zeit mit der Tochter einer KZ-Insassin zusammentrafen. Aber ich meine, es gibt solche ähnlichen Treffen auch weltweit.

Im Mai letzten Jahres wurden jedenfalls bei einer solchen Zusammenkunft in Neuengamme jedenfalls Ergebnissätze formuliert, die, wie ich finde die Frage nach Schuld oder Verantwortung bündig beantworten:

Die Kinder von Tätern und die Kinder von KZ-Häftlingen müssen mit den Folgen einer Vergangenheit umgehen, für die sie keine Verantwortung tragen.

Sie können und sollten gemeinsam handeln, damit die Verbrechen, die ihre Eltern verübt haben oder erleiden mussten, sich nicht wiederholen.

Seminare wie das im April und auch Veranstaltungen wie Forum Zukunft Erinnerung, das heute und morgen auf dem Gelände von Neuengamme stattfinden, ebnen den Weg zu einer verantwortungsvollen, persönlichen Erinnerungskultur jenseits der offiziellen Verkündigungen.

Klingt pathetisch. Sorry. Ich meine einfach, es tut gut, sich mit anderen in einem geschützten Raum mit Tabu-Themen zu befassen und auszutauschen. Ich habe viel gelernt an diesem Wochenende auch wenn ich noch immer nichts Konkretes zu meiner eigenen Spurensuche gefunden habe.

Ich habe versprochen, keinerlei Details aus den sehr persönlichen Gesprächen öffentlich zu machen. Das Thema ist sensibel. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie ich in diesem blog, der ja auch öffentlich ist, mit meiner eigenen Geschichte umgehen kann. Wie viel gebe ich preis? Es gibt Scherben, die wehtun, ihre Kanten sind scharf.
Wir werden sehen.

Mehr Infos zu den Seminaren der Gedenkstätte Neuengamme hier und hier.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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