Magische Klänge – Hörwelten von Alfred Schnittke

Sein Name war Magie – so titelt ein postumer Bericht über Alfred Schnittke. Einer der bedeutendsten russischen Komponisten nach Schostakowitsch, heißt es weiter. Doch nicht alle in der Sowjetunion haben ihn zu seinen Lebzeiten als Magier gesehen. ‚Darf man die Sinfonie von Schnittke in den öffentlichen Konzerten aufführen?‘ oder ‚Ein ernsthafter Schaden für die Musik‘, so lauteten die Kommentare 1974  nach der Uraufführung seiner ersten Sinfonie. Plakate wurden abgerissen, seine Aufführungen offen boykottiert.

Alfred Schnittke
Der Komponist Alfred Schnittke

Neue Musik ist umstritten – nicht nur in diktatorischen Regimes. Aber Schnittke hat sich nicht beirren lassen, hat seine avantgardistischen Kompositionen weiter geschrieben, hat geforscht, ausprobiert. Auch als er nicht mehr unterrichten durfte auch später, als er schon krank war. Von den 70 Werken, die er in 20 Jahren geschaffen hat, wurden vom allrussischen Kulturministerium ganze zwei aufgekauft. Statt heroischer Klarheit und Verherrlichung der Massen, taucht in seinen Kompositionen das Widersprüchliche auf. Das Unvereinbare, das Verletzliche. Der Abgrund. Dieser Ausdruck passte nicht in jede Epoche der glorreichen Sowjetzeit und führte wohl auch dazu, dass er eher im Ausland Lob und Anerkennung fand. Und auch das verhältnismäßig spät.

1990 wurden in Schweden anlässlich eines ihm gewidmeten Festivals 40 verschiedene CDs publiziert und einige Jahre später eine Schnittke-Gesellschaft gegründet. 1992 erhielt er in Japan den hochdotierten ‚Praemium Imperiale‘ Preis – als erster deutscher Künstler überhaupt.

Ich habe mich lange schon damit rumgetragen, etwas über ihn zu schreiben, wir haben hier in Hamburg schließlich die Alfred-Schnittke-Akademie und in den Heimatbüchern lese ich manchmal etwas über ihn, oder seine Mutter, Marie Schnittke, die sich Ende der Sechziger sehr für die Neuerschaffung einer deutschen Wolgarepublik eingesetzt hatte. Und von einem ihrer Söhne hieß es dort immer, er sei ein weltberühmter Komponist. Jaja, dachte ich. Jeder Aussiedler, der was macht und in die Öffentlichkeit geht, muss gleich eine Weltberühmtheit sein. Darunter machen wirs nicht. Wir halten sie vor wie Standarte, schaut, wir sind auch wer. Aber Schnittke ist nicht nur ein Komponist von Weltrang, er ist phantastisch. Diese Entdeckung durfte ich machen, als ich mich in seine Töne hineingehört habe.

Die Symphonien, das Requiem und seine avantgardistischen Trios und Quartette machen ihn sicher zu dem bedeutenden Komponisten, der er ist. Aber auch die Filmmusik braucht sich nicht dahinter zu verstecken.

Ich bin eine ungeübte Hörerin und so hat sie mich zuerst angesprochen. Zu Rikki Tikki Tavi oder zu der Verfilmung von Anna Karenina von 1967. Zu mehr als 60 Filmen hat Schnittke die Musik geschrieben. Der Meister und Margerita ist ebenso darunter wie der schwarzweiße Klassiker Die Kommissarin. Dabei war er anfangs eher unglücklich damit, U-Musik machen zu müssen, wo es ihn doch zur avantgardistischen E-Sparte hingezogen hat.

Dabei hatte Schnittke sich jahrelang mit diesem Widerspruch gequält, hat versucht, seine avantgardistischen Kompositionen und das andere, das eher Populäre zu trennen. Er spürte den Riss zwischen der sogenannten laboratorischen und der Kammer-Musik. Doch bei der Arbeit an der Musik zur Gläsernen Harfe (Стеклянная гармоника), gelang es ihm, diesen Abgrund zu überbrücken. Es war wie eine Erleuchtung. Übrigens ein ganz zauberhafter Zeichentrickfilm über die Kraft der Kunst mit vielen Bildzitaten aus der Kunstgeschichte, mit Anleihen bei DaVinci, Bosch, Magritte:

Die gläserne Harfe, ein Film von 1968
Die Glasharfe, ein Film von 1968

Wie gesagt, er hat lange dagegen gekämpft, was er als das Seichte, das Schlagermäßige in der Musik bezeichnet und wollte nicht damit in Verbindung gebracht werden. Seine Worte:

Schlager ist eine passende Maske für jede Teufelei, darum sehe ich keine bessere Möglichkeit für die Verkörperung des Bösen in der Musik als das Schlager-Moment (er sagt wörtlich: Schljagernostj).

Vielleicht weil der Schlager so eingängig ist, so schmeichlerisch. Wie eine Kobra. Was ist sein Biss?

Dabei ist er nun wirklich weit weg davon, was ich als ’seicht‘ bezeichnen würde. Nein, was ich an manchen Stellen in den Stücken spüre, ist Zerrissenheit. Sublimierter Schmerz aber mit dem Zartklang einer Schmetterlingsblume. Ein Schlager hat das nicht.

Ein weiteres Zitat von ihm selbst: Im Lauf mehrerer Jahre war es für mich ein inneres Bedürfnis, Theater- und Filmmusik zu schreiben. Anfangs machte es mir noch Spaß, aber schon bald wurde ich dessen überdrüssig. Erst später ging mir ein Licht auf: Die Aufgabe meines Lebens besteht darin, die Kluft zwischen E- und U-Musik zu überbrücken, auch wenn ich mir dabei den Hals breche.

Statt sich den Hals zu brechen, schaffte er es durch Zitate, durch Querverweise und durch Überlappungen diese beiden Pole zu verbinden. Und natürlich durch unermüdliche Arbeit.

Ein britischer Autor sagt, Alfred Schnittkes Musik war schon immer ein unbehagliches Spiel zwischen Tiefe und Oberfläche.  Tiefe-Oberfläche, Osten-Westen. Schlager-Avantgarde. Ein Wanderer zwischen den Welten auch er, das spürt man beim Hineinhorchen in die Stücke. Das liest sich auch in der Biografie des Komponisten.

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Das erste Instrument in Wien: ein Akkordeon

Obwohl er der Sohn einer Wolgadeutschen war, verlief sein Leben zunächst etwas anders als das der meisten Russlanddeutschen seines Jahrgangs. Sein Vater, ein Journalist, kam aus einer Familie von baltischen Juden und durfte Mitte der Vierziger mit der Familie nach Wien ausreisen und dort leben. So blieb ihnen die Deportation zunächst erspart. In der Walzerstadt Wien hat das Kind Alfred seine Liebe zur Musik weiterentwickelt. Diese Zeit und dieser Ort waren für ihn immer mit Sehnsucht verbunden. Ab 1948 lebte er mit seinen Eltern, der Oma und den Geschwistern bei Moskau. Nicht eindeutig russisch, nicht ganz deutsch und auch nicht richtig jüdisch. Und doch mit dem Vermächtnis von allen drei Völkern. Auch hier ein Wanderer. Auch hier kennt er das Dazwischen.

Auch wenn ein Schnittke-blog nur bis 2012 fortgeführt wurde, scheint es, als ob das Interesse nicht abreißt. Seine Aufnahmen werden im Netz weitergeteilt und die vielsprachigen Kommentare klingen sehr begeistert. Beispielsweise zu dem Stück ‚Labyrinths‘, einem Stück aus den Siebzigern:

‚Hairraising at times‘ (Shoyu Tao)

‚Overwhelming. Surely, the greatest piece of 1971 and then some.‘ (PolkRidgeAesthete)

‚Спасибо. В 1971 Mы ни о чем подобном понятия не имели. У нас был сплошной Хреников.‘ (Леонид Бейзерман)

‚Musica che amo malinconica grazie del bel brano sentimentale.‘ (macciboma)

Mein absolutes Lieblingsstück ist und bleibt die Filmmusik zu Story of an Unknown Actor von 1976.

Hier in einer wilden Orchesterfassung:

https://www.youtube.com/watch?v=M3EuHTOLG8o

oder hier der eingängige Originalwalzer aus dem Film:

Auch Schnittke galt la lange Zeit als ein eher unbekannter Künstler – außer natürlich in Fachkreisen.
Polyphone Klänge, Mixtur aus vielen Zeiten und Stilen. Das schreiben die Experten. Seine Zitate kommen dabei nicht nur aus der Klassik, Schnittke bedient sich auch der russischen oder slawischen Musiktradition und natürlich auch den Klängen der Moderne. Neben dem Atonalen in dem verwobenen Klanggefüge ist soviel was ich wiederfinde, etwas knüpft an meine Gefühlswelt an, ganz direkt.

Trotz neuer Hörgewohnheiten und der aufwühlenden Gemütszustände, die diese Musik auslöst, erkenne ich also Vertrautes, wird mein Geist angesprochen. Oder eher nicht der Geist, sondern mein Herz. Oder wo sonst die Musik gespeichert wird, wenn sie verklingt. An einem magischen Ort eben.

Weitere Links:

Ein Schnittke Blog bis 2012: https://alfredschnittke.wordpress.com/2010/02/

Eine englische Rezension: http://www.allmusic.com/composition/the-story-of-an-unknown-actor-film-score-mc0002458493

Die Sammel-CD zu seiner Filmmusik: http://www.e-filmmusik.de/filmmusik/alfred-schnittke.html

Die Dokumentation über Alfred Schnittke (‚Дух дышит, где хочет‘) von 2004 auf russisch: https://www.youtube.com/watch?v=xiiOvAsL2uY

Und zum Abschluss, das Requiem:

https://www.youtube.com/watch?v=M9UiT_KOE-s

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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