Der Philosoph schießt aus der Hüfte – ein Eastern erster Güte

Fast rechtzeitig zum Sommeranfang, möchte ich einen weiteren russischen Film aus den Achzigern vorstellen: Der kalte Sommer des Jahres 53Холодное лето пятьдесят третьего. Es war der erste Film in der Sowjetunion, der sich mit Opfern der Stalinzeit und dem Schicksal der Verbannten befasst hat. Er wurde – was nicht so oft vorkommt – gleichermaßen von den Kritikern und den Zuschauern begeistert aufgenommen. Mit mehr als 40 Millionen Zuschauern war es die meistgesehene Kinoproduktion des Jahres 1987/88 und hat sofort den gerade ins Leben gerufenen sowjetischen Filmpreis „Nika“ erhalten – neben anderen Auszeichnungen. Der andere große Preis, der Staatspreis der UdSSR, eine heißbegehrte Trophäe, wurde übrigens bis 1954 Stalinpreis genannt. Dass dieser Film ihn erhalten hat, ist fast so was wie Eine Ironie des Schicksals.

er kann sehr gut schießen, dieser Philosoph
Er kann sehr gut schießen, dieser Philosoph

Die Filmhandlung:

Ein kleiner verschlafener Ort, irgendwo in Sibirien, der vom Fischfang lebt. Neben einigen, meist älteren Dorfbewohnern gibt es hier den Kapitän, den Polizisten und den Ladenverwalter. Und was zu der Zeit nicht ungewöhnlich ist für ein entferntes sibirisches Dorf war, zwei Strafversetzte, die ihre Zeit statt im Lager hier abbüßen müssen. Der ehemalige Ingenieur Kopalytsch, fleißig und angepasst und Lusga, leicht renitent und verschlossen. Dieser Lusga ist ein seltsamer Typ, sitzt stundenlang im Gras, tut nichts, selbst wenn es ihm befohlen wird, selbst auf die Gefahr hin, dass er nichts zu „fressen“ bekommt. Träumt den Tag einfach weg. Die einzige, die mit ihm Umgang hat, ist das Kindweib Schura, die Tochter der taubstummern Lida.

Es ist das Jahr 1953 – Stalin stirbt und Berija erlässt eine Amnesie, begnadigt Gulag-Häftlinge, nicht nur die politischen, so dass marodierende Banden über Land ziehen. So wird auch dieses Fleckchen Erde von einer Gruppe Krimineller heimgesucht, die sich als erstes beim Dorfkrämer einnisten.

Doch als es drauf ankommt und das Mädchen Schura von einem der Banditen verfolgt wird, erwacht Lusga plötzlich aus seiner Starre, bewahrt sie vor der Vergewaltigung und tötet ihren Peiniger. Und auch die anderen Bösewichte erledigt er auf leise unaffektierte Weise.

Äußerlich gleicht Lusga in keinster Weise einem Superman oder Helden – er hat nicht vor, sich gegen die Bande zu stellen, will ursprünglich nur das Mädchen retten. Doch als nun der erste Gangster getötet ist, muss er seine Mission fortsetzen.

Kalter Sommer 1953
Lusga ( Valerij Pryomychow) und Kopalytsch (Anatoli Papanow)

Sein Spitzname Лузга, bedeutet Spelze, ist Teil eines Korns, ein kleines Blatt an einer Ähre, vielleicht weil er so dünn ist, wie ausgetrocknet. Keiner der Dorfbewohner weiß seinen richtigen Namen und auch nicht den des anderen Strafgefangenen, des ehemaligen Ingenieurs Staroborodin, der Kopalytsch (Gräber) genannt wird, dabei sind es genau diese beiden,  die das Dorf von den Eindringlingen befreien.

Abgelegene Ortschaft mit nur ein paar Hütten, Knarren, harte und dabei coole Typen, klare Linie zwischen Gut und Böse – dieser Film hat alles, was einen guten Western ausmacht. Aber er geht drüber hinaus. Als es zur extremen Situation der Geiselnahme kommt, treten plötzlich alle Charaktere deutlich hervor, wie scharf gezeichnet. Es ist eine genaue psychologische Studie mit unerwarteten Wendungen. Außerdem ist dieser Film eine frühe Aufarbeitung der grundlosen Verschickungen, politische Gefangene bekommen in dem Alten Kopalytsch und in Lusga ein Gesicht und eine Stimme.

Regie: Aleksandr Proschkin
Lusga: Valerij Pryomychow
Kopalytsch: Anatoli Papanow (in seiner letzten Rolle)
Schura: Soya Burjak

Hier ist er zu sehen, leider nur auf Russisch:

https://www.youtube.com/watch?v=dAYOT6MvVuU&feature=player_embedded

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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