Spruch der Woche II

Irgendwo habe ich den Satz aufgeschnappt: land without past, das war der Titel eines Fotobandes aus England – Land ohne Geschichte.

Sofort hat sich das in meinem Kopf umgedreht:

past without landGeschichte ohne Land. Das sind doch wir, habe ich gedacht. Aussiedler und Umsiedler und Landlose, die sich kurz irgendwo angedockt haben, um 1800 (plus minus 30 Jahre) vertrieben aus kriegsgeschüttelten deutschen Ländern. Arme Drittsöhne ohne Anspruch auf ein Stück Land, gelockt in die weiten Steppen Russlands mit unzähligen Privilegien und einer Aussicht auf Auskommen und Einkommen. Und die Nachkommen? Vertrieben und eingekerkert. Und wir, die neue Generation? Back to the roots. Zurück zum Ursprung? Gehen Sie zurück auf LOS, ziehen Sie kein Geld ein. Wir sind wieder dort angekommen, woher unsere Vorväter und Vormütter aufgebrochen sind. Und fühlen uns wie Drittsöhne ohne Anspruch.

So viel Geschichte, so viele Geschichten und kein Land in Sicht. So komme ich mir vor. Dieses Haus am Rande der großen Baustelle, mit den zwei Lindenbäumen davor und dem aufgerissenen Asphalt, das ist für diesen Moment mein Land. Ein Provisorium. Wie das ganze Leben.

Bedaure ich, dass ich keine Erbin bin? Neulich kam ein Buch über Erben (Wir Erben, von Julia Friedrichs) heraus, Erbschaften machen nicht nur frei, so ihr Fazit, sie belasten auch. Nachlass will verwaltet sein. Traditionen können einen hindern, den eigenen Weg zu gehen. Adel verpflichtet, wie es so schön heißt.

Aber wenn dir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, wenn alles, was du kennst durch eine Flucht in ein anderes System plötzlich infrage gestellt wird, das ist auch nicht eben förderlich. In einem Telefonat hat mir der Autor Heinrich Rahn mal gesagt, die Menschen, die mehr als ein System kennen, die mehr Länder erleben, mehr Weisen kennen, wie etwas getan wird, die haben den anderen etwas voraus. Die lassen sich von einer einzigen Wahrheit nicht mehr einlullen, denn sie kennen mindestens zwei Perspektiven. Hoffentlich hat er recht. Dann wäre das unser bestes Erbstück, die andere Betrachtungsweise, die Doppelsicht der Dinge, wertvoller als Meißner Porzellan. Aber es ist die Frage, ob uns das handlungsfähiger macht.

Ist nicht die Erde auf der wir leben letztendlich wie Sand, der uns durch die Finger rieselt? Egal, ob sie uns gehört oder nicht. Und am Ende bleiben nur noch Geschichten übrig. Und Geschichte.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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