Auftraggeber unbekannt – Geheimsache Ghettofilm

Das Warschauer Ghetto im Mai 1942, nur wenige Wochen vor Beginn der ersten Deportationen der eingepferchten Bevölkerung: ein deutsches Filmteam reist mit seinem Equipment an und nimmt in 30 Drehtagen scheinbar den Alltag der Bevölkerung auf.

Die Filmrollen lagern fast siebzig Jahre als Rohschnitt in den Regalen des Bundesarchivs bis die israelische Filmemacherin Yael Hersonski 2009 darauf stoßen wird und einen eigenen Dokumentarfilm daraus macht. Sie ergänzt das ursprüngliche Filmmaterial mit Statements von Überlebenden aus dem Ghetto, die sie mit diesen Aufnahmen konfrontiert, außerdem mit den Aufzeichnungen des jüdischen Kommandanten und den Aussagen des damaligen Kameramannes, den sie ausfindig gemacht hat.

Polen, Ghetto Warschau, Brücke
Brücke zur Verbindung zweier Ghetto-Teile (1942)

Einen konkreten Auftraggeber dieses NS-Filmprojekts kann sie jedoch nicht ermitteln. Es gibt kaum Hinweise darauf in den Archiven, bis auf eine kurze Notiz in Goebbels Tagebuch. Der Film sollte eine aufwändig gedrehte Dokumentation werden– und war doch bloße Propaganda. Denn so wie es die Tätersprache gibt, sind diese im Frühling 1942 aufgenommenen Bilder ein klares Spiegelbild der NS-Ideologie.

Yael Heronski ist selbst Enkelin einer Überlebenden aus diesem Ghetto. In einem Interview beschreibt sie ihren ersten Eindruck der Originalaufnahmen: Es war schrecklich: 60 Minuten, grob geschnitten, weder mit Tonspur noch mit Zwischentiteln. Ich war total geschockt von diesen unfassbaren Szenen und von der Tatsache, dass ich nichts davon gewusst hatte. Aber vor allem war ich schockiert, dass man in diesem Film den Sadismus spüren konnte, mit dem die Szenen produziert worden waren.

A film unfinished, so die Unterzeile von Geheimsache Ghettofilm – ein unfertiger Film. Hersonski benutzt das ursprüngliche Material und enttarnt es Stück für Stück. Sie deckt auf, wie die Szenen entstanden sind, um noch mehr Hass auf die Juden zu schüren. Wie minutiös inszeniert sie sind, wie ein Spielfilm, mit Statisten, Kulissen und Requisiten.

Der jüdische Kommandant dokumentiert die Dreharbeiten in seinem Tagebuch, wie beispielsweise in einem Lokal prassende reiche Juden gezeigt werden sollten, was zu keinem Zeitpunkt der Realität entsprach. Dagegengehalten wurden Bilder von hungernden Kindern auf der Straße, um die Herzlosigkeit und Gleichgültigkeit der besser gestellten Ghettobewohner anzuprangern.

Eigentlich ist es absurd, das Regime benutzt die Bilder vom Ghetto, um die dort eingesperrten Menschen noch mehr zu verunglimpfen und vorzuführen. Die Aufnahmen waren wohl dafür gedacht, um eine Geschichtsschreibung im Sinne der Nationalsozialisten zu untermauern. Es ist nur nie zu einer Vollendung oder Veröffentlichung gekommen.

Warum erwähne ich diesen Film auf diesem blog?

Abgesehen davon, dass zu der Zeit auch Russlanddeutsche, damals Volksdeutsche genannt, nach einer raschen Einbürgerung als SS-Wachmänner im Warschauer Ghetto eingesetzt wurden, und somit diese Szenen ganz konkret zum Teil unserer Vergangenheit werden, ist dieser Film ein Paradebeispiel wertvoller Aufklärung. Er bietet einen Blick hinter die Kulissen von Propagandafilmen und zeigt ganz konkret auf, wie deren Mechanismen funktionieren.

Auf der Seite des bpb (Bundeszentrale für politische Bildung) kann man sich Geheimsache Ghettofilm in voller Länge ansehen: http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/geheimsache-ghettofilm/

»FSK« ab 12 freigegeben. Die bpb empfiehlt den Film erst ab einem Alter von 14 Jahren.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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