Haufenbildungen

Es war fast schon etwas Unpersönliches. Die Unordnung hatte von ihrem Leben Besitz ergriffen und beherrschte es mit strenger Hand. Ein Diktator, der seine Zeit forderte, der von ihr eine tägliche Verneigung erwartete. Man könnte meinen, Ordnung zu halten, würde Zeit kosten. Trugschluss: die ewige Sucherei ist es, die wertvolle Lebenszeit frisst.

Wann hatte Melitta sich eigentlich dazu entschieden, diesem Gott zu huldigen, den die Griechen Chaos nannten? Mit zwölf? Dreizehn? Als all das, was Gut war, gerade und ordentlich und plausibel sein musste. Und sie allen am liebsten entgegen geschrien hätte, aber Erfindungen kommen nicht aus ordentlichen Berechnungen, Phantasie ist nicht gerade, und die Welt ist schon gar nicht plausibel.

Haufenbildungen
Eines muss man lassen: im Chaos gibts viel zu entdecken.

Die Huldigung an das Chaos hat sie letztendlich in eine Sackgasse geführt. Denn irgendwann fehlt die Kraft für phantasievolle, einer eigenen Logik folgende Geschichten, wenn man ständig etwas suchen muss und immer neue Haufen vor Augen hat, bei denen man nicht weiß, was nun zu unters liegt. Einzelne Kontoauszüge für die Steuer, die sich regelmäßig ein Jahr später zwischen anderen Papieren oder Bons einfinden, die überhaupt nicht für die Steuer relevant sind. Schlüssel und Schwimmbrillen, und sogar Geschichten, die zufällig an einem ganz anderen Ort auftauchen. Und dazwischen Flyer, Programmheftchen und Folder mit Ankündigungen von Neuerscheinungen, die sie auf jeden Fall noch lesen wollte. Unaufmerksamkeit gehört dazu, sehr unbuddhistisch. Vielleicht war es eher das.

Sie bewegte sich in diesem Raum der Wahrscheinlichkeiten. Das, was zufällig aus den Wogen der Zeit wieder auftauchte, darauf reagierte sie, nahm es als Dingorakel, folgte der Spur der eingeworfenen Zeichen und Hinweise. Doch das klappte leider nicht immer. Manchmal wurde ein ganz konkreter Nachweis verlangt, wurde etwas dringlich, was sich aber in einem Haufen versteckt hat, der erst in drei Monaten ins Blickfeld rücken wollte.  Pech gehabt.

Menschen, die für jedes Ding einen eigenen Platz haben, die stehen nicht eine geschlagene Viertelstunde mit einem Nupsi oder einer Postkarte in der Hand und überlegen, mit welchen anderen Dingen im Haushalt könnte das denn harmonieren? Denn so wie Leute auch, lassen sich die Dinge nicht immer in Schubladen einordnen. Gut, bei einigen ist es leicht, flache Teller zu flachen Tellern und Töpfe zu Pfannen und große Schüsseln unter die kleinen Schüsseln. Aber was ist mit Plastikbehältern und Gläsern mit Deckel, für den Fall des Marmeladeeinkochens? Dort wo die Töpfe sind oder dort wo Alufolie und Backpapier liegen oder doch nur dort grad wo Platz ist? Dort wo grad Platz ist ist ein schwieriges Kriterium, auch wenn sie mit der Zeit ein inneres Koordinationssystem für alle Dinge in der Wohnung entwickelt hat. Manchmal versagt dieses Navi und dann ist „dort wo grad Platz war“ kein sonderlich hilfreiches Attribut, um etwas zu finden. Aber manchmal blieb ihr nichts anderes übrig. Serviettenringe und Kerzenstummel. Zu welchen Dingen passen sie in einen Kontext? Oder schafft man ihnen eine eigene Welt? Nur weil sie selten gebraucht werden und schon fast heruntergebrannt sind, kann man sie doch nicht verurteilen und den Weg allen Irdischen gehen lassen? Auch Menschen sind manchmal abgebrannt, durch Burnout oder finanzielle Pleite. Was, du kannst nicht zahlen? Raus aus der EU. Das geht doch nicht. Da brauch es langwierige Verhandlungen in Brüssel. Auch ein Serviettenring, selbstgebastelt und mit unseren Namen in Goldbuchstaben, hat ein Recht darauf, zu existieren. Stopf ins Fach und weg damit. Kurz und schmerzlos verstaut. Aber wenn es gedankenlos geschieht, dann kann man diese Dinge gleich im Bermudadreieck versenken. Auch wenn die Serviettenringe ihr in regelmäßigen Abständen vor die Füße fallen, weil darunter Zettel mit alten Rezepten, Mülltüten, die ein Fehlkauf waren und zu keinem Mülleimer der Wohnung passen und die Broschüre von der Stadtreinigung lagern. Durch die Mülltütenrollen bilden sie eine gekippte Ebene, von der rutscht schon mal was runter.

Leute, die Ordnung halten, schmeißen wahrscheinlich alles was nicht in eine klare Kategorie hineingehört, einfach weg. Und Tschüss. Oder sie haben ein inneres Ordnungssystem, das jedem Ding seinen unverwechselbaren, logischen Platz zuweist. Aber dafür fehlte ihr das Organ. Und so wuchs die Dingwelt und verfilzte sich, verklebte miteinander, verformte sich an den Rändern und in den Ecken und führte ihr Eigenleben. Ließ wichtige Dinge verschwinden, ließ andere wieder auftauchen und war auf diese Weise ständig präsent. Ein sich windender Leviathan.

Auch wichtige Papiere mussten jedes Mal neu gefunden werden. Entweder lagen sie in einem der drei Haufen (in drei Teile geteilt, nicht nach Sinn und Unsinn, sondern weil der Stapel verrutscht, wenn er zu hoch wird) oder in einem der vielen Leitzordner. Aber aus einer Rebellion gegen das Spießertum heraus, hat sie ihren Ordnern früher mal kreative Bezeichnungen gegeben. Zum Beispiel: Tiger (um sich Mut zu machen, mit Behörden umzugehen), oder Write or Wrong, oder 9. Haus und 10. Haus. Die letzteren wegen der Astrologie, denn das 9. Haus umfasst alles, was Weiterentwicklung und Reisen betrifft, Lernen und persönliche Entwicklung. Das zehnte Haus ist der Bereich der Karriere, des Berufes und der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Ein schickes Haus oder ein Auto würden auch dazu zählen. Statusobjekte. Aber was half das alles, wenn sie die Sozialversicherungsnummer suchen wollte. Oder eine Bescheinigung aus dem Studium. Manchmal war ein Ordner schon voll und ein Rest der Krankenkassen-Korrespondenz landete in dem Ordner vom Arbeitsamt. Also musste sie in mehreren Ordnern nachsehen, wenn sie was finden wollte. Und am Ende durchforstete sie sie alle und fand das Gesuchte dann doch nicht. Kein Wunder, dass ihr der Mut sank, wenn ein Brief kam, dies und dies muss noch bis dann und dann nachgereicht werden, unverzüglich und vollständig. Nein, sie mochte diesen Gott nicht mehr. Kreativität hin oder her. War es nicht ein Gott der Zerstörung? Sie wusste aber auch nicht, wie sie sich daraus befreien sollte. Irgendwann mit über dreißig hat sie angefangen, die Ordner anders zu beschriften und wichtige Dinge, wie Haustürschlüssel, Kamera und Thesafilm immer an ein und den selben Platz zu packen. Aber was wurde mit den Stoffen und der Wolle, die darauf warteten, verarbeitet zu werden? Was mit den vielen Kabeln von Handys, die vor Jahren den Kindern zum Spielen abgegeben wurden? In einer Welt der Ordnung muss man so viele Kleinigkeiten beachten, man kann nicht einfach nur in den Tag hinein leben. Die Dinge nehmen auch ihren Platz ein im Kopf, wollen angefasst, verstaut, kategorisiert und abgespeichert werden. Bleibt da noch Zeit für was anderes? Ja, denn sobald sie wegsortiert und eingeordnet sind, am richtigen Platz, am besten in geschlossenen Schränken, aus den Augen sozusagen, kommen sie auch aus dem Sinn. Und es wird Raum frei für anderes. Leere. Vakuum. Sehnsucht Vacuii. Ein unerfüllbarer Wunsch.

Hatte sie vielleicht messiehafte Ansätze? Wäre sie ein geeigneter Kandidat für eine Spätabendsendung, wo Aufräumtrupps mit Schutzanzügen in vollgemüllte Häuser eindrangen, um zusammengepappte Schichten von Essensresten und Kleidung zu entfernen und Ungeziefer mit kleinen Giftgaben zu vernichten?

Wie grob da mit der Psyche umgegangen wird. Ja, bei der Melli, da sitzt eine Angst ganz tief in ihr drinne und lässt sie all diese Sachen horten, nicht wahr? Welche Angst könnte das denn sein, Melli, dreh dich mal eben zur Kamera hin und sag unseren Zuschauern, ob dein Vater dich geschlagen hat und wie oft. Und am Ende waren sie beim Friseur und auf dem Friedhof und in der Hundeschule, ganze vier Stunden, damit das Hundchen nicht über das Frauchen herrscht sondern umgekehrt. Und kommen zurück in eine abgetünchte, leergeräumte und gelüftete Wohnung, die aus dem Katalog eines niedrigpreisigen Möbelhökers eingerichtet ist. Bist du sicher, dass du diesen New-York-Kalender behalten willst, der ist doch schon angeschimmelt. Ach, der ist aus dem Jahr, in dem deine Mutti gestorben ist? Loslassen, Melli, ich bin sicher, du kannst das. Eins, zwei, und schmeiß ihn in den Container, wir werden was Schöneres finden. Die Mutti, die ist doch in deinem Herzen, da brauchts dieses Pappding nicht. Go Melli, go!!! Du schaffst es! Jaaa, suuper!

Wenn das so einfach wäre. Eine Fernseh-Psychotante und ein Renovierungsteam und schon sind deine Skrupel, die du hast, wenn du Dinge zuordnen sollst, Geschichte. Als ob sich ein Trauma mit Tapetenfarbe übermalen ließe.

Es heißt übrigens, dass bei anderen Aussiedlern ihrer eigene und der älteren Generation die Wohnungen total ordentlich und septisch rein seien. Da ist Melitta eher die Ausnahme. Sie muss das wohl nicht kompensieren, das Gebeutelt sein. Oder sie tut es auf andere Weise. Und außerdem war ihre deutsche Oma schon tot, als sie geboren wurde und konnte ihr die Ordnungsliebe nicht eindrillen. Fast war sie froh darum. Es ist zwar hilfreich, Kleidung so falten zu können, dass im Schrank und in den Schubladen nicht alles so aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen, aber um welchen Preis? Strenge und Kontrolle und das Verbot, mal was Unkonventionelles zu tun oder zu denken. Ihre Tante hat erzählt, aufs gemacht Bett durfte sich tagsüber niemand setzen, als sie Kind war. Und das war schon in der Sondersiedlung so, als sie bereits in echten Baracken wohnten. Wie das bei dem Erdloch war, das sie in der Anfangszeit gegraben und bewohnt hatten, weiß niemand. Wetten, dass auch dort täglich gefegt und die Holzbretter, die als Bett dienten, jeden Morgen gemacht wurden? Mit Kanten, so gerade wie mit dem Lineal gezogen. Man muss sich seine Kultur erhalten, wenn alles andere nicht funktioniert. Wenn um dich herum die Welt zerbricht, wenn alles verschwindet und du dich an nichts mehr festhalten kannst, dann ist zwanghafte Ordnungsliebe wohl das Gebot der Stunde.

Tja und da wundern sie sich alle, dass Aussiedler aus Russland, die Erben der Verschickung, der Lager und Vertreibungen so furchtbar konservativ sind. Die retten bloß ihr Seelenheil. Freies Denken und Ablehnung der Konventionen kann nur derjenige zulassen, der in Sicherheit lebt. Das hat sie mal irgendwo gelesen. Was ist mit der Kriegskindergeneration? Wie sehen deren Betten aus, gemacht oder ungemacht? Na also.

Wie schön die Blätter an der Linde vorm Fenster im Wind tanzen, nie gerade ausgerichtet oder abgezählt, scheinbar chaotisch wachsend und doch einer eigenen Ordnung folgend. Bei manchen Bäumen bilden sie buschige Zusammenrottungen bei anderen sitzen sie in eleganter Langgezogenheit auf den Zweigen, jedes Blatt separat. Bäume sind doch klüger als wir, dachte sie, aber sie müssen auch nie eine Steuererklärung abgeben.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

4 Kommentare zu „Haufenbildungen“

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