Russisch-deutsche Liebesgeschichten: Franz + Polina

Ich habe den Kriegsliebesfilm Franz + Polina neulich über einen Zufallsgenerator gefunden. Naja, vielleicht nicht ganz so zufällig. Der Große Bruder kennt meine Vorlieben schon. Aber dann hätte er wissen müssen, dass ich ja eigentlich keine russischen Kriegsfilme mehr sehen kann. Es gab zu viele davon in meiner Kindheit – und immer ging es gegen die bösen Faschisten. Doch dieser Film ist anders.
Zwar musste ich oft Pausen machen, aber ich habe tapfer bis zum Ende durchgehalten. Bis auf eine Szene.

vor dem Grauen. Foto: Za Film
Zarte Annäherung am Fluss. Foto: Za Film

Dieser Streifen von 2006 kommt ganz leise daher, zunächst jedenfalls, aber dann ist da diese Spannung, die fast nicht auszuhalten ist. Die Tatsache, dass sich ein deutscher Deserteur unter Russen verbergen muss, ist einfach zu doll für mich. Und auch die unmögliche Liebe, sehr ungewöhnlich für diese Zeit und diese Umstände. Und dann, der ewige kalte Wald. Auch wenn man bei manchen Szenen, merkt, dass der Regisseur früher Clips für teure Autos gemacht hat. Die Ästhetik und auch in großen Teilen die musikalische Untermalung hilft dem Film nicht wirklich. Zu viele Filter. Zu viele Harmonien. Zu schön über weite Strecken, aber ohne sich gegen das Schreckliche abzuheben. Vielleicht wollte der Regisseur Michail Segall genau diese Diskrepanz herausarbeiten, die schöne Landschaft, die schönen Menschen versus rohe Gewalt, aber dann hätte er das stärker machen sollen. Nein, ich will nicht meckern, für einen russischen Kriegsfilm ist dieser hier super. Da kommen die Deutschen besser weg als sonst. Bekommen ja sogar menschliche Züge – Franz ist jedenfalls nicht der typisch dargestellte SS-Mann. Und die Einstiegsszene ist auch sehr schön, ausgelassenes Baden von Kindern und Erwachsenen im Fluss, bis dann klar wird, die Kinder sind weißrussische Dorfjungen und die Gruppe der jungen Männer gehört zur SS. Aber nichts verraten. Das wäre grausam und das Känguru würde mich auf seine schwarze Todesliste setzen, wenn ich zu viel von dem Film preisgebe. Das will ich nicht riskieren.

Aber ich brauchte halt ein Beispiel für die folgende Frage:
Gab es solche Überschneidungen von normalem Alltag mit der Ausnahmesituation Krieg? War nicht alles ein Töten und Vernichten? Wahrscheinlich war es wie alles im Leben durchwachsen, der scheinbar ruhige Alltag mit Frühstück, Mittag und Abendessen (falls es was gab), gehört dazu und dann kommen unvermittelt Fahrzeuge und alles wird zerstört. Eine Kommentatorin auf einer Filmseite schreibt, sie findet ihn zu langsam, den Film, und das ewige Gegesse unnötig und nervig. Er ist episch, das stimmt. Aber langatmig? Die Hauptdarsteller können die Spannung jedenfalls gut halten und so schweigsam durch Sümpfe waten, dass es eine Freude ist, zuzusehen. Der Autor des Drehbuchs, Ales Adamowitsch stammt selbst aus Weißrussland und ist zehn Jahre vor Drehbeginn gestorben. Haben sie eine Kurzgeschichte von ihm adaptiert? Oder hatte Segall dieses Drehbuch in einer Schublade gefunden, weil es Mitte der Neunziger nicht zu realisieren war? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Ein junger Regisseur (Jahrgang 1974) und ein Autor, der 1928 geboren wurde, irgendwie auch eine gelungene Kombination. Die starke Ausstrahlung der Hauptdarsteller wirkt durch den ganzen Film hindurch und trägt ihn. Aber irgendwie kommt mir diese Umsetzung vor wie ein Kästchen. Herausgenommen aus der Zeit, auch wenn sie die Zeit widerspiegelt. Was ist da in der Tiefe der Schatulle verborgen? Jemand wie Franz, der so verträumt, so wenig abgehärtet und so unsoldatisch ist, dieser Gefühlsmensch, würde doch viel mehr zurechtgestutzt werden von seinem Kommandeur, der selbst zwar nicht wirklich menschlich, aber was sonst? Einfach angepasst an das Leben oder hedonistisch ist? Jedenfalls scheint ihm die Sahne der Bäuerin sehr zu schmecken. Solange er nicht schießt wirkt er wie ein Onkel von nebenan.

 Foto: Za Film
Der Bruch ist ihnen anzusehen. Foto: Za Film

Mich hat das etwas stutzig gemacht, vielleicht weil ich selbst gewohnt bin in Schubladen zu denken? Aber warum soll es jemanden wie Franz nicht gegeben haben, einen Charakter, der nicht vom nationalsozialistischen Drill gebrochen wurde. Der sich irgendwie durch die Reihen der Pimpfe und militaristischen Jungenorganisationen laviert hat, ohne an Seele zu verlieren. Oder vielleicht sogar nicht der HJ angehörte – hats ja auch gegeben. Ein sensibler Mann. Um 1943 auf der Seite der Nazis. Eine sehr differenzierte Herangehensweise.

Eindrücke habe ich aufgesogen, die Bilder und die singende weißrussische Sprache – der Film ist mehrsprachig mit Untertiteln, was ein Gewinn ist. Und eigentlich sprechen die Hauptdarsteller nicht die Sprache des anderen, und verstehen sich doch.

Mir ist der Unterstand im Wald aufgefallen, in der dem beiden Liebenden für kurze Zeit Unterschlupf finden. So müssen die Erdhütten ausgesehen haben, die meine Leute sich nach ihrer Ankunft im Nichts, im sibirischen Wald gegraben haben. Und auch die Bauernkaten, das alles wirkt so echt und ermöglicht mir eine Reise ins Damals. Und was ich gut finde, der Film verzichtet weitgehend auf die zynische Vernichtung, das tierisch Verrohte, das jegliches menschliche Maß hinter lässt. Natürlich tauchen auch Szenen auf, die einem das Herz gefrieren lassen, klar, aber diese Brutalität ist so auf ein erträgliches Maß gebracht, dass ich nicht schreiend aus dem Zimmer rennen muss und höchstens an einigen Stellen den Ton leiser gestellt habe und das wars. Naja und einmal musste ich vorspulen, aber das ist vielleicht so weil ich als Kind zu viele von diesen anderen Kriegsfilmen gesehen habe.

Den deutschen Trailer haben sie leider aus dem Netz genommen und der russische Trailer zeigt nur die schnellen grausamen Seiten, deshalb hier zur Einstimmung die schöne Overtüre (etwas mehr als 3 Min.):

Advertisements

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s