Spruch der Woche

Курица не птица, баба не человек
russisches Sprichwort

Über dieses noch heute gebräuchliche Sprichwort muss man einfach stolpern. Das Huhn ist kein Vogel und das Weib ist kein Mensch, so lautet die Übersetzung. Abgesehen davon, dass ein Huhn natürlich ein Vogel ist, stellen sich bei jeder selbstbewusst denkenden Frau bei diesem Spruch doch die Haare zu Berge.

Über die Macho-Kultur bei den Russen und den Russlanddeutschen lässt sich sicher noch viel erzählen. Aber der ursprüngliche Text dieses Vergleichs ist ein militärischer und geht auf Peter den Großen zurück, er soll einst auf dem Exerzierfeld gesagt haben:

Der Fähnrich ist kein Offizier, so wie das Huhn kein Vogel ist, so wie das Weib kein Mensch (sprich: Mann) ist. (женщина не человек, курица не птица, прапорщик не офицер…)

Bedeutet: Der Fähnrich muss sich seinen Soldatenstatus noch erwerben, das Huhn kann nicht wie andere Vögel fliegen und das Weib hat nicht die gleichen Rechte wie ein Mann. Um 1720 hatten die Frauen auch kaum Rechte und wurden nicht als Menschen betrachtet. Am russischen Kaiserhof zumindest.

Man kann viel über Peter den Großen sagen, aber liberal oder frauenbewegt war der nun wirklich nicht. Der absolutistischer Herrscher soll angeblich den Kopf seiner Geliebten, die in Ungnade gefallen war, neben seinem Bett auf dem Nachttisch aufstellen lassen. Ich hoffe, dieser war in Formalin eingelegt, aber ihm traue ich so einiges zu. Und es ist ja auch fast dreihundert Jahre her, da war das Frauenbild eh ein anderes.

Doch dass dieser Spruch in verkürzter, sprich verfälschter Form noch immer präsent ist und ganz viele Ableger gefunden hat, das ist das eigentlich Interessante an der Geschichte. Und spricht Bände.

Mittlerweile haben sich aus diesem Satz zig Varianten entwickelt:

Ein Huhn ist kein Vogel und

– Polen/Mongolei/Ukraine/Bulgarien kein Ausland (!)

– eine Mathematik-/Chemie-/Physik-Studentin keine junge Frau (!!)

– ein Lada/Fiat/Mini kein Auto

Vor einigen Jahren wollte in irgendeiner russischen Provinzstadt eine ältere Frau die Straße über einen Zebrastreifen überqueren –  und hat gezögert (sehr unvorsichtig von ihr!). Der Fahrer eines PKW wollte aber nicht extra anhalten. Er hat die alte Dame aus dem Auto heraus mit deftigen Schimpfwörtern bedacht und ihr Kuritza ne Ptitza, Baba ne Tschelowek zugeschrien.
Der Mann hat sie zwar nicht angefahren, es aber als sein Recht betrachtet, da durchzubrettern. Das Verhalten auf russischen Straßen wäre vielleicht auch mal einen eigenen blog-Eintrag wert.

Das Amateurvideo von diesem Vorfall hat der Blogger +100500 daraufhin als Paradebeispiel in seine Sendung eingebaut und berühmt gemacht. Lustig finde ichs nicht. Deshalb hier kein Link dazu.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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