Alexander Schmorell – Die weiße Rose in der Hand

Wenn über die Weiße Rose gesprochen wird, dann stehen oft die beiden Geschwister Scholl im Vordergrund. Sophie und Hans. Über die anderen des inneren Kreises dieser Widerstandsgruppe, die ebenfalls involviert waren und auch hingerichtet wurden, wie Willi Graf, Christoph Probst oder Alexander Schmorell erfahren nur diejenigen etwas, die sich näher mit dem Thema befassen.

Studierte zwar Medizin, träumte davon, Bildhauer zu werden - Alexander Schmorell
Gründungsmitglied der Weißen Rose: Alexander Schmorell

Alexander Schmorell ist wohl das am wenigsten bekannte Mitglied der Weißen Rose, er ist jedoch auch der einzige aus ihrem Kreis, der als Heiliger verehrt wird. Am 2. Februar 2012 wurde er als Neumärtyrer der russisch orthodoxen Kirche heiliggesprochen und trägt den Namen Alexander von München. Auf den Ikonen wird er mit einer weißen Rose in der Hand abgebildet. Sein Gedenktag ist der 30 Juli.

Was wissen wir über ihn, außer, dass seine Spuren uns in den Ural führen? Alexander Schmorells Mutter hieß Natalja Petrowna Wwedenskaja und war die Tochter eines orthodoxen Priesters, sein Vater der Arzt Hugo Schmorell stammt aus einer deutschen Familie, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Russland angesiedelt hat. Er selbst wurde am 16. September 1917 in Orenburg, im südlichen Ural geboren.

Nach dem frühen Tod seiner Mutter und der Wiederverheiratung des Vaters mit einer Russlanddeutschen emigrierte Alexander 1921 mit seiner Familie und seinem russischen Kindermädchen nach München, wo er aufwuchs, zur Schule ging, anfing zu studieren und sich mit Christoph Probst und später auch mit Hans Scholl anfreundete. In seiner Familie wurde er stets Schurik genannt, das ist eine vielen russischen Koseformen von Alexander. Seine deutschen Freunde haben diesen Namen irgendwann einfach übernommen.

Schurik trägt beide Kulturen in sich. Er wurde nach orthodoxem Ritus getauft und behält bis zum Schluss die Konfession der Mutter bei. Er kann sich fließend in beiden Sprachen verständigen. Der Umstand, dass er im Ural geboren wurde und dass er zur Hälfte Russe war, erklärt seine Ablehnung gegen ein Regime, das alle Slaven zu Untermenschen abstempelt und auf brutalste Weise im Osten wütet. Er ist zwar kein Bolschewist, aber russland-affin und bleibt gegen die Hasspropaganda der Nazis immun.

In München ist Alexander Schmorell seit Beginn an allen Aktionen der Weißen Rose maßgeblich beteiligt. Die ersten Flugblätter verfassen er und Hans Scholl in der Wohnung von Schmorells Eltern in der Benedektinerwandstraße. Von ihm stammt auch der Teil des II. Flugblatts, der den Mord an den Juden erstmals öffentlich macht. Er ist auch derjenige, der die Schreibmaschine der Marke Remington bei einem Kommilitonen ausleiht. Dostojewskijs Werk „Die Brüder Karamasow“ ist Schuriks Lieblingsbuch. Darin kommt die weiße Rose mehrmals vor, als Zeichen für Unschuld und Reinheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Gruppe sich nach diesen Zitaten benannt hat, ist hoch. Auch wenn Hans Scholl bei den Verhören zugibt, spanische Lieder Brentano hätten ihn inspiriert. Das war wohl eher dazu gedacht, um den Verdacht von seinem Freund Schurik abzulenken, der noch auf der Flucht war.

Alexander_Schmorell_Pferd

In der Anklageschrift des Volksgerichtshofs gegen ihn heißt es:

Als er nach dem Arbeitsdienst in die Wehrmacht trat, hatte er innere Hemmungen, den Eid auf den Führer zu leisten und offenbarte einige Zeit später seinen Vorgesetzten seine politische Einstellung. Seine Bitte um Entlassung aus der Armee hatte jedoch keinen Erfolg.

Da war er zwanzig und bis zum Angriff auf Polen bleiben noch zwei Jahre.

Als der Krieg beginnt, kommt er zusammen mit seinen Freunden Hans Scholl und Willi Graf an die Ostfront, aber als Sanitätsarzt muss er wenigstens keine Waffen gegen sein eigenes Volk richten. Doch sie werden alle Zeugen der dort herrschenden Grausamkeiten gegen russische Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung.

Nach seiner Verhaftung als Mitglied der Weißen Rose gibt Schmorell folgendes zu Protokoll:

Sie können sich vorstellen, dass es mich besonders schmerzlich berührte, als der Krieg gegen Russland, meine Heimat begann. Natürlich herrscht drüben der Bolschewismus, aber es bleibt trotzdem meine Heimat, die Russen bleiben doch meine Brüder.

Das russische Wikipedia schreibt:

Пребывание в России он воспринял как возвращение на Родину: Александр устанавливал контакт с местным населением, переводил товарищам по «Белой розе» разговоры с крестьянами и даже организовал хор военнопленны

Die Ankunft in Russland empfand er als eine Rückkehr in die Heimat: Alexander nahm Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung auf, übersetzte für seine Freunde aus der Weißen Rose die Gespräche mit den Bauern und hat sogar einen Gefangenenchor organisiert.

Und in seinem politischen Bekenntnis, das Schmorell im Gefängnis verfasst hat, schreibt er:

So erklärt sich auch meine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. In der gegenwärtigen Zeit konnte ich mich also nicht damit begnügen nur ein stiller Gegner des Nationalsozialismus zu sein, sondern ich sah mich in der Sorge um das Schicksal zweier Völker verpflichtet, meinen Teil zur Veränderung der Verfassung des Reiches beizutragen. In der Person des Scholl erblickte ich einen Mann, der sich rückhaltlos meiner Idee angeschlossen hatte. Wir zwei versuchten deshalb durch die Herstellung und Verbreitung unserer Druckschriften das deutsche Volk auf die Möglichkeit einer Kriegsverkürzung hinzuweisen.

Neumärtyrer Alexander von München
Neumärtyrer Alexander von München

Auch wenn er Russland verklärt und Hitler ablehnt passt Schmorell in keine ideologische Schublade. Bolschewist ist er nicht ein Domokrat eigentlich auch nicht. Seine Antriebsfeder ist wohl eher die Menschlichkeit und Solidarität mit den Opfern des Regimes. Noch bevor er mit Hans Scholl die Richtlinien für den passiven Widerstand in der Weißen Rose ausarbeitet, brachte er beispielsweise mit dem Fahhrad französischen Gefangenen ins Lager Brot und Zigaretten mit.

Nach der Verhaftung von Sophie und Hans Scholl konnte Schmorell für einige Tage untertauchen. In einem Gasthof in Elmau ist er knapp den Männern der Gestapo entkommen. Seinen Plan, sich vorübergehend in den umliegenden Bergen zu verstecken, ließen Kälte und Schnee aussichtslos erscheinen. Deshalb machte sich der Flüchtige auf den Weg zurück nach München, wo er am 24. Februar 1943 von einem Blockwart im Luftschutzkeller am Habsburger Platz entdeckt und der Gestapo übergeben wurde. Zwei Monate später hat ihn das Volksgericht im April 1943 zum Tode verurteilt. Am 13. Juli desselben Jahres starb Alexander Schmorell durch das Fallbeil, doch die wenigen Zeugen und auch die wenigen schriftlichen Zeugnisse, die wir über haben, berichten davon, wie ruhig und gefasst er in den letzten Tagen und Stunden seines Lebens gewesen war.

In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter und ich werde Euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für Euch bitten. Und werde auf Euch warten! Eins vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergesst Gott nicht! schrieb er kurz vor seiner Hinrichtung.

А после этого пришел адвокат, и он вспоминает: „я увидел человека прямо, надо сказать, веселого. Он ко мне обратился и сказал: ‚Вы удивитесь видеть меня в таком бодром и светлом духе. Я исполнил дело своей жизни. И если бы мне сейчас сказали, что из жизни должен уйти кто-то иной, а я буду освобожден, то я бы сам не захотел этого, а выбрал бы эту смерть. Потому что, хотя я и очень молод, но у меня все завершено‘.

Nach dem (Priester) kam der Anwalt, und der erinnert sich: Ich sah einen Menschen, der, ich muss gestehen, fast fröhlich wirkte. Er sagte zu mir: ‚Sie sind erstaunt, mich so mutig und zuversichtlich zu sehen. Ich habe die das Ziel meines Lebens erfüllt. Und wenn mir jetzt jemand sagen würde, dass jemand anders an meiner Stelle aus dem Leben treten soll, und ich wäre frei, so würde ich es selbst nicht wollen, sondern ich hätte dennoch diesen Tod gewählt. Denn, obwohl ich noch sehr jung bin, ist alles vollendet.‘

Mit diesem Grenzgänger zwischen den Welten möchte ich eine Serie fortführen, die den Arbeitstitel trägt: bekannte Deutsche aus Russland. Nicht um hervorzuheben, wie viele Leistungsträger darunter sind, sondern um aufzuzeigen, dass es sie überhaupt gegeben hat, auch wenn  sie kaum bekannt sind. Für die Identität, die persönliche und die kollektive, ist es heilsam zu sehen, dass es Menschen aus der eigenen Gruppe gibt, die Spuren in der Geschichte hinterlassen haben. Besonders weil diese Spuren gerne mal verschwiegen werden. In Russland nicht und in Deutschland. Über den Fabrikanten Einem habe ich schon geschrieben und auch über den Erfinder des Ätherophons, Leo Theremin.

Schmorell ist zwar kein Wolgadeutscher oder Schwarzmeerdeutscher im engeren Sinne, auch wenn Orenburg zum Föderationskreis Wolga gehört. Er ist kein Sohn von kleinbäuerlichen Siedlern, die 1763 und 1804 von russischen Zaren nach Russland gerufen wurden, sondern der Abkömmling einer reichen Kaufmannsfamilie, die ihre Geschäfte und ihren Lebensmittelpunkt nach Russland verlegt hat. Dennoch passt er zu diesem zweigeteilten Volk, besitzt die zerrissene Identität eines Kindes zweier Länder.

In seiner Heimatstadt Orenburg gibt es seit dem 24. Dezember 2013 eine nach ihm benannte zentrale Parkanlage und in seiner anderen Heimatstadt München einen Alexander-Schmorell-Platz. Darüber hinaus tragen Schulen in Rostock und Kassel seinen Namen und in vier Orten gibt es eine Alexander-Schmorell-Straße. Seit dem Jahr 2000 werden alljährlich von der Stiftung Weiße Rose finanzierte Alexander-Schmorell-Stipendien an vier Studenten vergeben.

Und vor drei Jahren ist er gegen einige Widerstände in religiösen Kreisen in der Berliner Gemeinde der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland in einer feierlichen Zeremonie heiliggesprochen worden. Die jetzige Kanonisierung entspricht in etwa einer Seligsprechung in der römisch-katholischen Kirche. Dennoch bleibt er der erste und einzige heilige Aussiedler, den ich kenne. Und der wohl einzige uns bekannte Märtyrer und Heilige unseres Landes im 20. Jahrhundert.

Hier ist eine Kurzbiografie:

http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/weisse-rose/60984/alexander-schmorell

Ein religiöses Buch, das über ihn erschienen ist:

G. Fernbach (Hg.): Vergesst Gott nicht! Leben und Werk des heiligen Märtyrers von München, Alexander (Schmorell), Edition Hagia Sophia, 2012

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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