Liebst du Boogie-Woogie? Swing-Kultur in Russland

Ekaterina_Vilkova_and_Igor_Voynarovsky
Stiljaga Bob und ein  Swing-Mädchen am Set

Letzten Sonntag sind uns beim Schlendern durch den Park Swingtöne entgegengekommen. Und per Zufall sind wir bei der Openair-Bühne in ein Konzert der Hamburger Kombo Sun-Jon & the Big Jive geraten. Mehrere Dutzend Tänzerinnen und Tänzer haben sich neben der Bühne versammelt und zu der Musik geswingt. So richtig, so wie damals. Teilweise sogar genauso angezogen wie zwischen 1935 und 1960. Ein Retromix aus allen Stilen.

Doch anstatt mich zu freuen und die Musik zu genießen, habe ich nur gemurmelt: Vor siebzig Jahren bist du für sowas noch eingebuchtet worden. Mein Denken ist halt für immer verseucht, hoffnungslos.

Also zurück zum Thema:

Über die Swingjugend und die Schlurfs in Österreich wurde bereits viel geschrieben, doch die Subkultur der Stiljagi oder Стиляги,  in der Sowjetunion der Endvierziger bis Anfangsechziger Jahre ist hierzulande noch weitestgehend unbekannt.

Russische Jungs und Mädels, die statt Komsomolzen-Uniform lieber buntgemusterte Kostüme und Petticoats trugen, sich mit Eiweiß eine Tolle ins Haar schmierten und Swing, Jazz und Rock’n’Roll hörten. Halbstarke, die auf dem Schwarzmarkt ergatterte Platten eines Charly Parker oder Duke Ellington auf Röntgenfolien (sogenannte „rips“ oder Rippen) raubkopierten und sich heimlich in nächtlichen Pavillons zum Tanzen trafen.

Sie fielen nicht nur auf im sozialistisch verordneten Einheitsgrau, sie lebten auch riskant in einer Zeit, in der die Verherrlichung westlicher Kultur zu Verhaftungen und sogar Lagerhaft führen konnte. Stichwort: heimatlose Kosmopoliten! Denn dieser Lebensstil war verpönt und galt als Dekadenz pur.

2008 ist in Russland ein Film mit dem gleichnamigen Titel Стиляги erschienen, der diesen unbekannten Teil der russischen Swing-Kultur beleuchtet und einen eigenen Trend begründet hat.

Unter der Regie von Valerij Todorovskij ist eine Mischung aus schrillem Musical und Tragikomödie um den zunächst angepassten Komsomolzen Mels entstanden, der angezogen von der Musik und dem Lebensstil einer kleinen Gruppe von Hipstern selbst zu einem Rock’n’Roller mutiert.

Mir gefällt besonders die Szene am Anfang, wo er sich von einem Stiljaga namens Bob (Boris mit russischem Namen) zeigen lässt, wie man richtig tanzt. Als Bob merkt, wie verbissen der sportliche Mels an die Sache herangeht, erklärt er dem Anfänger, worauf es wirklich ankommt:

„Hier braucht man nicht stärker, höher, weiter,..hier braucht man… Drive!…von hier aus!“ Und er zeigt dabei auf seinen eigenen üppigen Bauch. Hier ist dieser Filmausschnitt mit engl. Untertiteln:

https://www.youtube.com/watch?v=_Ff52VA8n7Q

Köstlich, und mir ist ganz egal, ob das Wort Drive in dem damaligen Sprachgebrauch üblich war oder nicht.

Sein Wandel bleibt natürlich nicht ohne Konsequenzen. Der Stiljaga Mel wir vor den Komsomol geladen.

‚Wo sind deine Ideale, du hast auf sie gespuckt, du verkaufst dich für bunte Lappen,‘ wirft die Vorsitzende ihm vor. Währenddessen skandieren brav frisierte Studenten im grauen Einheitslook im eindringlichen Sprechchor: ‚Geschmiedete mit einer Kette, Verbundene mit einem Ziel.‘

Die Partei ist ihren Mutter, der Komsomol Vater: Individualismus und Rock’n’Roll sind hier fehl am Platz. Also muss der, der sich zum Fremdkörper gemacht hat, die Kette durchbrochen hat, gehen.

Eine leise aber rhythmisch gelungene Kritik an der Gleichförmigkeit und den fast radikal-religiösen Werten der Sowjetgesellschaft klingt hier durch. Hier der Song:

https://www.youtube.com/watch?v=0Mt0–JSe88&list=RDgOuqZG7UUgs&index=20

Der Amerikaner Richard Hume, der im heutigen Moskau lebt und Rock’n’Roll Konzerte im Esse Club organisiert, schreibt auf seiner Website Co-op-jive über die Kultur der Stiljagi:

Ihr Stil entsprach nicht zu 100% dem Rock’n’Roll – sie hörten auch andere Musikrichtungen, wie zum Beispiel Jazz – und das spiegelte sich auch in ihrem Kleidungsstil wieder. Aber es war nah genug dran, um sie als echte jugendliche Rebellen in Russland zu etablieren.

Stiljagi - damals
Stiljagi – damals, die kurze Kravatte ist ihr Markenzeichen.

Während der Fünfziger Jahre spielten einige Leute in der Sowjetunion Rock’n’Roll Platten, aber meistens in ihren eigenen vier Wänden. 1959 haben die sowjetischen Autoritäten dann ein großes Jugendfestival in Moskau organisieren lassen. Sie luden auch Musiker und Bands aus den USA ein, dort zu spielen, (…) Der Einfluss dieses Festivals auf einige junge Russen war enorm. Es löste eine bedeutende Jugendbewegung in Russland aus, die sich auf die Metropolen Leningrad und Moskau konzentrierte.

Doch die russische Jugend bezahlte einen hohen Preis für dieses Festival. Einige junge Frauen aus Moskau versuchten mehr über diese aufregende Kultur zu erfahren und plauderten während des Festivals mit amerikanischen Musikern. Später wurden diese sie (die jungen Frauen) isoliert und von der Miliz inhaftiert. Ihre Haare wurden ihnen abgeschnitten und ihre Kleider zerrissen. In anderen Worten: sie wurden gedemütigt. Es war ein klares Signal seitens der Kommunisten, dass obwohl sie netterweise ein einmaliges publicityträchtiges Festival zugelassen hatten, die Verbrüderung mit dem Klassenfeind noch immer verboten war.

Mein Vater hat, auch wenn er nicht in den beiden Metropolen lebte, ebenfalls zu den Stiljagi gehört und noch immer schwingt er gern das Tanzbein zu der guten alten Rock’n’Roll Musik. Aber verhaftet wurde er nie, hat es immer rechtzeitig geschafft zu türmen, sagt er.

Mit dem Film Stiljagi startete vor sieben Jahren in Russland jedenfalls ein ungeheurer Kult und es begann eine regelrechte Verklärung der damaligen Jugendbewegung als hippem Style. Nicht wenige Hochzeiten wurden fortan im Fifties-Look abgehalten und es gab auch einige Flashmobs wie hier 2012 und hier 2011  mit als stilgerecht verkleideten Hipstern, die sich synchron zu Swingmusik bewegen.

Im Frühjahr diesen Jahres fand in Kiev sogar eine Stiljagi-Parade statt, aber in inwiefern dieser Trend noch heute als Widerstand zu werten ist, kann ich leider nicht einschätzen. Ich müsste es noch recherchieren. Ich vermute eher, dass die Leute es als ein buntes Retro-Abziehbild mit Musikbegleitung lieben. Der Trend stellt also eher einen Rückzug zu fröhlich swingender Musik und schönen Kleidern dar als eine rebellische Gegenbewegung. Ein Paradox?

Stiljagi_Parade_Kiev
Schön bunt, die Parade in Kiev am 18.4.2015

Übrigens:

Die amerikanische Autorin und Theaterkritikerin Dorothy Parker schreibt begeistert kurz nach dem zweiten Weltkrieg über ein Stück von Lew Tolstoi: „Sehen Sie es sich an, auch wenn Sie eine Hypothek auf Ihr Auto aufnehmen, ihr Apartment untervermieten oder alles verkaufen müssen bis auf die Kriegsanleihen…“ Nur eins bemängelt sie daran, nämlich, dass die russischen Namen unmöglich auszusprechen und noch unmöglicher zu merken sind. Sie bitte herzlich darum, bei der nächsten englischen Übersetzung aus Fjodor Wassilljewitsch Protossow, Sergej Dmitriewitsch Abreskow und Iwan Petrowitsch Alexandrow schlicht Joe, Harry und Fred zu machen.

Im Film Stiljagi sehen wir, dass genau das geschehen ist, aus Fjodor wurde Fred aus Boris Bob. Aber aus Mels wurde seltsamerweise Mel. Ob das Dotty Parker gefallen würde?

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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