Baba Dunja und ihre letzte Liebe

Der Hahn Konstantin sieht wohl etwas älter aus...
Idylle mit Hahn

Eine alte Frau ist in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Es war lange verlassen und nach und nach folgen ihr andere Alte. Das Dorf heißt Tschernowo und liegt in der Todeszone um den Reaktor, in dem es 1986 einen radioaktiven Gau gab. Das ist die Ausgangssituation des Romans Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky.

Es macht Spaß zu lesen, aus welchen klitzekleinen Alltäglichkeiten ihr Leben besteht und wie scheinbar nebenbei die großen Themen eingebunden werden. Die Familie, Zwischenmenschliches und Geschichte und immer wieder ragt er aus dem Text hervor: der Reaktor mit seinen Folgen. Mit ironischer Distanz und mit Wärme betrachtet Baba Dunja ihre Mitmenschen, die Tiere wie den Hahn Konstantin und die Welt um sich herum.
Die Geschichte kommt in Schwung als ein Unbekannter mit seinem Töchterchen im Tschernowo auftaucht und auch Baba Dunjas Enkelin Laura, die sie noch nie gesehn hat, ihr einen Brief auf Ausländisch schickt. Einige Herausforderungen hat sie noch zu bestehen, die alte Babuschka mit ihrem Kopftuch, die weder Tod noch Teufel fürchtet. (Ich stelle mir einfach vor, dass sie ein Kopftuch trägt…)

Es gibt Tage, da treten sich auf unserer Hauptstraße die Toten auf die Füße. Sie reden durcheinander und merken nicht, welchen Unsinn sie erzählen. Das Stimmengewirr hängt über ihren Köpfen. Dann gibt es Tage da sind Sie wiederum alle weg. Wohin es sie dann verschlägt, weiß ich nicht.

Die Autorin stellt das Leben in der reaktornahen Provinz genauso authentisch dar wie die Enkelin aus dem fernen, uns nahen Deutschland, die ihr auf englisch schreibt und sie dadurch in Aufregung versetzt. Und ich mag auch besonders die Hörbuchfassung die von der österreichischen Schauspielerin und Sängerin Sophie Rois gelesen wird. Unverwechselbar. Die Figur entwickelt in dieser Darstellung soviel Eigensinn, soviel altersweise Findigkeit, dass man sie einfach ins Herz schließen muss.

Sophie Rois ist est Mitte 50, die Autorin fünfzehn Jahre jünger. Dennoch schaffen es die beiden, in uns die Illusion einer betagten Frau entstehen zu lassen, die allem trotzt auch dem Reaktor Tschernobyl. Zum Nachhören ist diese Fassung in der Reihe „Heimat“ noch bis zum 7. Oktober 2015 auf NDR Kultur/Mediathek.

Alina Bronsky,  geboren 1978 in Jekaterinburg/Russland, ist mit ihrem Debütroman Scherbenpark über eine junge Aussiedlerin in einer Hochhaussiedlung bekannt geworden. Es folgten die Romane Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche und Nenn mich einfach Superheld. Heute lebt die Autorin in Berlin und ihre Bücher werden in vielen Ländern außerhalb Deutschlands gelesen. Baba Dunjas letzte Liebe war übrigens für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Die nächstliegende Lesung dieses Romans, die ich gefunden habe:

16.10.2015 | 19:00 Uhr
Altes Rathaus
Göttingen
veranstaltet vom Literarischen Zentrum Göttingen

Baba_Dunja_Cover
Alina Bronsky: “Baba Dunjas letzte Liebe”
Kiepenheuer&Witsch € 16,00
als eBook € 13,99
Bei Roof Music als Hörbuch auf CD, gelesen von Sophie Rois € 19,99
Hier ein Interview mit der Autorin von der bloggerin Sophie Weigand:
http://literatourismus.net/2015/08/alina-bronsky-im-interview/

 

 

 

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

2 Kommentare zu „Baba Dunja und ihre letzte Liebe“

  1. „Scherbenpark“ fand ich durchaus gelungen, wahrscheinlich lag es an der Thematik, weil bisher solche Aussiedler-Geschichten kaum behandelt wurden. „Nenn mich einfach Superheld“ war in Ordnung, davon habe ich aber nur wenig behalten. Bin mir unsicher, ob ich zu „Baba Dunja“ greifen soll, weil es vielen zu ’seicht‘ war.

    Mit Tschernobyl will ich mich, davon unabhängig, sowieso noch ausführlicher befassen und habe bereits eine kleine Liste angefertigt:

    Emmanuel Lepage – Ein Frühling in Tschernobyl (Graphic Novel)
    Javier Sebastián – Der Radfahrer von Tschernobyl
    Swetlana Alexijewitsch – Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft

    Hast du davon schon was gelesen? Oder kannst du Zusätzliches empfehlen?

    Liebe Grüße

    1. Lieber Recke Muromez,
      ich habe mich mit Tschernobyl noch kaum auseinandergesetzt. Den einen oder anderen Zeichentrickfilm oder Kurz-Film gesehen. Die Titel die du aufführst klingen ironisch bis betroffen machend, sicher auch informativ. Ich glaube nicht, dass es Alina Bronski in erster Linie um Infos zum ganzen Reaktorunglück-Komplex ging. Sie war nur angetriggert von der Meldung, dass einige alte Leutchen wieder zurück sind trotz Verseuchung. Und vielleicht hat der Roman nicht diese philosophischen Tiefen, die manche brauchen, dafür ist Baba Dunja zu erdig. Aber er wird in einem so knorrigen und knarzigen Ton erzählt, dass es Spaß macht, zu lesen. Mir zumindest. Vielleicht wäre es ein kleiner Zusatzpfad zu deiner Hauptlektüre. Und vielleicht auch als Hörspiel bei einer langen Autofahrt… Nein, ich kriege keine Prozente vom Hörbuchverlag, ich mag diese Stimme einfach, die manchmal bricht.

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