Starttermin unbekannt: Poka – heißt Tschüss auf Russisch

1628_PokaHeisstTschüssAufRussisch_2014_U18
Eine weite Reise steht Lena noch bevor © Jolle Film

Wieder eine russisch-deutsche Liebesgeschichte im Film. August 1989 – Georg, ein in Kasachstan lebender deutscher Lehrer, verbringt seinen Ernte-Einsatz in einer kasachischen Sowchose. Dort begegnet er Lena, der Tochter von Paschkin, dem Direktor dieser Sowchose. Als Komsomolzin und Kind eines hohen Kaders wurde sie ebenfalls dazu verdonnert, den Sommer über dort zu arbeiten, unfreiwillig, sie will sich eigentlich nicht mit diesen Landeiern abgeben. Doch wie es so oft kommt, die beiden verlieben sich trotz allem ineinander und treffen sich heimlich. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, als Georgs Familie einen Aufnahmebescheid in die BRD bekommt und Lena merkt, dass sie ein Kind erwartet.

Mit „Poka – heißt Tschüss auf Russisch“ ist Anna Hoffmann ein wundervoller Film über Aussiedler gelungen. Er beginnt in Kasachstan und wechselt in eine schwäbische Turnhalle, die in ein provisorisches Aufnahmelager umfunktioniert ist. Mit Duschkontainern auf dem Schulhof. Jeder, der eine ähnliche Reise durchgemacht hat, wird vieles wiedererkennen. Die staubigen Pisten der kasachischen Steppe mit den großäugigen, rundkurvigen LKWs ebenso wie die ersten Schritte in dem neuen Land, wo vieles befremdlich ist und beileibe nicht den überzogenen Vorstellungen entspricht, die man vorher davon hatte.

Bald fangen wir richtig an zu leben“, sagt Georg zu seinem Bruder Mischa kurz vor der Ausreise, „aber die beschissene Steppe wird mir fehlen.“

Es gibt eine wunderschöne Überleitung von Ost nach West. Statt das Gewühl auf dem Flughafen nachzuerzählen, blendet die Kamera von einem Kühlschrankinneren in Kasachstan mit Reihen von selbstgemachten Pelmeni zu dem grellbunten Inhalt eines Geräts in der Notunterkunft, wo unzählige Packungen übereinandergestapelt sind.

Überhaupt ist der Film voll mit feinen Beobachtungen von Menschen, wie sie reden und wie sie sich aufeinander beziehen. Die Spannungen zwischen den frisch verheirateten Paaren sind ebenso minutiös gezeichnet wie die Blicke und Wortwechsel zwischen dem Vorsitzenden der Sowchose Sergej Paschkin und dem deutschen Familienoberhaupt Alexander Weber. Die beiden Väter werden dargestellt von den in Russland bekannten Schaupielern Gennadi Vengerov, der leider dieses Jahr verstorben ist und Jurij Rosstalnyj, der bei uns schon mal in einem Tatort zu sehen ist – als fieser Schurke der Russenmaffia.

Georg Weber ist Lehrer für Physik und Sport und wie bei so vielen werden seine Diplome in Deutschland nicht anerkannt und er muss in einer Fabrik anfangen, wo er ausgestanzte Metallreste wegfegt. Doch er lässt sich nicht entmutigen.

Hauptdarsteller Pasha Antonov, der derzeit in Hamburg beim Musical „Das Wunder von Bern“ zu sehen ist, überzeugt als Wandler zwischen den Welten ebenso wie Natalia Belitzki als Lena, die bereits als siebenjährige nach Deutschland kam und in vielen Film- Fernseh- und Theaterproduktionen auch ohne Akzent auftritt. Die Bilingualität aller Darsteller verleiht diesem Epos übrigens genau die richtige authentische Note, die viele Filme zum Thema Russland vermissen lassen. Hier aber wechseln die Darsteller je nach Situation oder Land locker vom Russischen ins oft holprige Deutsche – mit den damit verbundenen Verwicklungen und Komplikationen.

Die Nebenrollen sind bis zu den Statisten stark besetzt, eine gelungene Mischung aus Profis und Laiendarstellern. So wird zum Beispiel Georgs Bruder Mischa von Thomas Papst gespielt, der im Film so herrlich bedröppelt gucken kann und im echten Leben als Singer-Songwriter in Berlin lebt und einige Stücke zu dem Soundtrack beigesteuert hat. So zum Beispiel das Lied “Ветер степей“ (Steppenwind), das im im Aufrag der Regisseurin für diesen Film geschrieben wurde und im Abspann zu hören ist:

„Poka- heißt Tschüss auf Russisch“,  entstanden in Koproduktion mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF, stand bereits bei zahlreichen Festivals im Wettbewerb (so beim 35. Filmfest Max Ophüls Preis 2014 und dem 24. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern 2014 und beim Film Festival Cottbus 2014 ) und hat in Mecklenburg-Vorpommern den Förderpreis der DEFA-Stiftung und in Cottbus den Preis als Bester Jugendfilm gewonnen (dieser Preis wurde übrigens von einer deutsch-polnischen Jugendjury vergeben). Außerdem war er für den Prix Europa 2014 nominiert.

Um so erstaunlicher ist es, dass er für die breiten Massen weder im Fernsehen noch im Kino zu sehen ist. Dabei zeigt er einen wichtigen Teil der Geschichte von russlanddeutschen Übersiedlern und könnte, packend und identitätsstiftend wie er ist, durchaus zum Kultfilm avancieren. Könnte, würde, sollte. Ich schreibe im Konjunktiv. Dabei wünsche ich diesem Film und uns allen, dass er in nächster Zukunft einen Verleih und einen Sendeplatz (nein gleich mehrere Sendeplätze) findet. Und dass ich in der Zukunftsform folgendes über ihn berichten kann:

Der Film ‚Poka…‘, einer der ersten ernstzunehmenden Streifen über die Aussiedlerwellen der Neunziger Jahre, wird dann und dann auf ZDF und ARTE ausgestrahlt, er kommt dann und dann in die Kinos und so und so viele haben ihn gesehen und waren begeistert!

Ich verspreche, sobald ich die Ausstrahlungstermine für Kino oder Fernsehen erfahre, gebe ich sie hier und auf der Facebookseite von ‚Scherben sammeln‘ bekannt.

Als kleiner Vorgeschmack hier schon mal der Trailer:

poka_trailer
© Jolle Film

Poka – heißt Tschüss auf Russisch, (Deutschland, Kasachstan 2014),

Regie: Anna Hoffmann

Darsteller: Pavlo Pasha Antonov, Natalia Belitski, Gennadi Vengerov, Jurij Rosstalnyj, Thomas Papst, Regina Kletinitch, Patrick von Blume uvm.

Starttemin: unbekannt

Advertisements

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

4 Kommentare zu „Starttermin unbekannt: Poka – heißt Tschüss auf Russisch“

  1. ANNA HOFFMANN / POKA: Ich habe selten einen so schönen, behutsamen, brachial brutalen und aufopferungsvoll liebevollen Film gesehen, Bilder, Stimmungen, Darsteller/Innen und eine hervorragende Story vereinen sich zu einem echten Kunstwerk. Ich verneige mich vor Anna Hoffmann.

    1. Behutsam und brachial, was für eine Kombi, sie triffts aber genau. Nach mehrmaligem Sehen bemerke ich immer neue Details. Die blauen Tore, die kleinen roten Wimpel. Die Eisenbetten in den Übergangslagern. Was mir besonders auffällt: die Sprache. Die Sprachen. Das Russische in der Kolchose in Kasachstan, und dann die verschiedenen Kauderwelsch-Färbungen in der süddeutschen Turnhalle. Alles so vertraut.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s