Politisch nicht so ganz korrekt – Witze jenseits des Polarkreises

Sibirisch ging es heute draußen zu, der Wind hat tüchtig geheult, ein paar Zentimeter Schnee sind schon gefallen und auf den Ästen lag eine dünne weiße Schicht. Näher kommen wir hier in Norddeutschland dieses Jahr wohl nicht an den Winter heran. Es ist eine gute Gelegenheit, um über die Tschukotka zu schreiben, die nordöstlichste Halbinsel gegenüber Alaska, auf der ursprünglich Inuit und Tchuktschen lebten. Bevor sie von Russland eingenommen wurden, noch zur Zarenzeit, waren die Tschuktschen Nomaden oder Seminomaden, sie lebten von der Rentierzucht oder vom Fischfang und von der Jagd auf Walross und Robbe. Ihre Behausungen hießen Jarangas und die Weißen wurden von ihnen Tangitan genannt.

800px-Anadyr_residents_1906
Einwohner von Anadyr um 1906

Heute sind die Tschuktschen in Russland (und auch hier unter Russlanddeutschen) vor allem als primitive Antihelden unzähliger Witze bekannt.

Und das ist sicher kein einfaches Los, zumal man in Russland mit anderen Ethnien, wie sage ich es politisch korrekt, in der Welt des Humors unbedarfter umgeht als hierzulande oder in anderen Ländern der westlichen Welt. Ukrainer oder Georgier kommen überhaupt nicht gut weg. Am schlimmsten aber hat es dieses kleine Nordvolk getroffen. Witze über Deutsche gibt’s übrigens so gut wie gar nicht, in allgemeinen Anekdoten kommen sie manchmal vor, nach dem Motto, ein Amerikaner, ein Deutscher und ein Russe…

Ein Russland-Journal schreibt online: Tschuktscha-Witze (russ.: чукча) sind in Russland sehr beliebt und vergleichbar mit Ostfriesen-Witzen.

Das ist schlicht und ergreifend nicht wahr, das heißt die Witze sind schon beliebt, aber der Vergleich hinkt. Was ich meine: das Machtgefälle ist ein ganz anderes. Man kann sich eher vorstellen, dass die Tschuktschen mit den indigenen Völkern Nordamerikas vergleichbar sind (und sie sind ja auch mit den Inuit auf der anderen Seite der Behringstraße verwandt).

Und da möchte ich erleben, wie ein weißer Amerikaner über einen Apachen oder Crow Witze reißt, öffentlich und in aller Gemütsruhe. Er hätte, noch bevor er die Pointe zu Ende erzählt hätte, ein halbes Dutzend Anwälte wegen Verleumdung und Verletzung der ethnischen Würde am Hals.

Oder dass ein Kanadier öffentlich über die Inuit herzieht oder ein Finne über die Sami. Aber vielleicht gibt es das ja. In einem Forum habe ich folgende Aussage gefunden:

Witze über Lappen finden sich nur verstreut, sie sind weniger verbreitet als etwa Witze über Tavastländer*. Der politischen Korrektheit wegen wird gelegentlich gefordert, die Ureinwohner der skandinavisch-finnischen Nordkalotte nicht mit Lappen anzusprechen, weil dies eine ursprünglich (!) abwertende Bezeichnung war. Stattdessen solle man die Urbevölkerung so nennen, wie sie es selbst tut, nämlich saami, zu deutsch Samen.

(*vielleicht sind die Tavastländer mit den Ostfriesen vergleichbar???)

Da geht man mit den Tschuktschen viel ungenierter um, hier zwei Beispiele:

I

Чукчу спрашивают на суде:
– Вот зачем ты убиваешь оленя?
– Как, мясо нужно!
– Вот зачем ты убиваешь медведя?
– Как, шкура нужна!
– Ну, зачем ты геологов убил!?
– Как, соль, спичка нужна!

Ein Tschuktsche wird bei Gericht befragt:
– Also weshalb hast du das Rentier getötet?
– Was denn, Fleisch brauch ich.
– Und weshalb hast du den Bären getötet?
– Was denn, Fell brauch ich.
– Na, und weshalb hast du die Geologen getötet?
– Na was denn, Salz, Streichhölzer brauche ich doch auch!

II

Чукча приехал домой из Москвы и говорит:
– Чукча в Москве был, чукча умным стал, все знает. Оказывается, Карл Маркс, Фридрих Энгельс не четыре человека, а два, а ‚Слава КПСС‘ – вообще не человек.

Ein Tschuktsche kehrt aus Moskau heim und erzählt:
– Tschuktscha war in Moskau, Tschuktscha klug geworden, weiß alles. Karl Marx und Friedrich Engels sind nicht vier Leute, sondern zwei, und Slava KPSS*, ist überhaupt kein Mensch!

*(Teekesselchen: Slava= Männername= Ehre, also Ehre der Kommunistischen Partei der Sowjetunion)

III

Пришел чукча к своему другу эскимосу.
Видит на полу лежит шкура белого медведя с разинутой пастью.
Спрашивает эскимоса:
– Ты сколько раз в него стрелял?
– Десять.
– А сколько раз попал?
– Ни одного.
– А от чего же он умер?
– От смеха…

Kam ein Tschuktsche zu seinem Freund, dem Eskimo**.
Sieht auf dem Boden die Haut eines Eisbären liegen und fragt:
– Wie oft hast du auf ihn geschossen?
– Zehn Mal.
– Und wie oft hast du getroffen?
– Kein einziges Mal.
– Und wie ist er gestorben?
– Vor Lachen!

**(allein das würden wir nicht sagen)

In einem von den Anekdoten-Büchern von Papa Schulz sind ganze 12 auf diese nordsibirische Ethnie gemünzte Witze zu finden. Aber das ist nur ein Auszug. Sicher gibt es mehr als 15.000 Witze über sie. Immer wenn ein treudoofer Unzivilisierter mit echt barbarischen Bräuchen gesucht wird, greift man gern nach einem Vertreter dieses Stammes.

Darf Humor das? Wer verteidigt sie?

Die heutigen Tschuktschen sind wohl ein gutmütiges Volk, außerdem leben sie weit weit weg und pflegen die Witze von Papa Schulz nicht zu lesen. Vielleicht hat man sie auch gewählt, weil sie sich nicht wehren und auch keine Lobby haben und nicht sehr zahlreich sind.

Ihre Population zählt heute nur noch knappe 15.000. Sie haben sich zwar im Achtzehnten Jahrhundert mutig gegen die Invasion aus Russland gewehrt. Aber irgendwann war die Übermacht zu groß.

Und jetzt fristen sie ein Dasein als Witzfiguren.

Nein. Nicht ganz.
Ich habe einen Autor ausfindig gemacht, Juri Rytchёy (1930-2008). Seine Bücher kann man wohl zur Gattung der Minderheitenliteratur zählen. Er verleiht den Tschuktschen eine Stimme, in einem Roman, den ich habe, kommen die Russen eher nicht so gut weg…Da sind sie die Barbaren und diejenigen, die nichts verstehen.

Wikipedia über diesen Autor:

Bis zur Perestroika zeichnete sich Rytchёy wie die meisten Vertreter der staatlich geförderten „Nationalliteraturen“ vor allem durch weitgehende Regimetreue und ideologische Zuverlässigkeit aus. Diese Frühwerke sind fast ausschließlich in russischer Sprache erschienen und nie übersetzt worden. Das Sujet seiner Werke aus den 70er-Jahren, die stark vom sozialistischen Realismus geprägt sind, stellt zumeist die „lange Reise“ der indigenen Völker des Nordens aus der „Rückständigkeit“ in die sowjetische Zivilisation dar. Sie gehören damit in ein Genre, das im Wesentlichen vom sowjetischen Staat gefordert und gefördert wurde.
(…)
In den 80er-Jahren änderte sich der Tonfall seiner Werke, zunächst indem Rytcheu etwa die Figur des Schamanen zur positiven Figur erhob und es wagte, das Wort „Zivilisation“ erstmals in Anführungszeichen zu setzen und später, indem er während und nach der Perestroika wie viele andere Nationalschriftsteller auch, offene Kritik übte, indem er etwa die Behandlung der indigenen Völker als „stillen Genozid“ anklagte.

Ich habe den Roman Gold der Tundra gelesen, eins seiner späteren Werke. Es macht großen Spaß aus seiner abseitigen und humorvollen Sicht die Wirrnisse der Übergangszeit der Neunziger und die fast skurrilen Ereignisse während der Sowjetzeit zu betrachten.

An einer Stelle macht sich einer der Charaktere darüber Gedanken, dass Tangitan, die sich am Polarkreis aufhalten, wenn es auch nur wenige Tage sind, oder auf einer Eisscholle treiben, mit zuverlässigem Rettungsgerät und Sanitäter und Klavier (!) als Helden gefeiert werden. Aber:

Warum bezeichnet man die Rentierzüchter, die unter weit schlechteren Bedingungen lebten als diese heiteren, wohlgenährten Bartmenschen, nie als Helden? Später ging ihm dann auf, dass sich der Tangitan natürlich nicht auf einer Stufe mit dem Rentierzüchter oder dem Meeresjäger sah. Er stand darüber. Und der Eingeborene, der war gewissermaßen Teil der Landschaft… (S 252)

Als ich noch Mal nach dem Entstehungsjahr (2001) des Buches geschaut habe, las ich zu meiner Überraschung, dass der russische Titel von Gold der Tundra ‚Tschukotskij Anekdot‘ (Чукотский Анекдот), also Tschuktschen-Witz lautet.

 

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

2 Kommentare zu „Politisch nicht so ganz korrekt – Witze jenseits des Polarkreises“

  1. Danke, historisch informativ und feinfühlend geschrieben.
    Was die Witze angeht, so würde ich nicht so streng urteilen: zB der Witz mit den 2 bzw 4 Personen und dem Kürzel ist ein Bumerang, er macht sich über die Ideologieversessenheit im damaligen Moskau lustig. Und der Mit dem Bären – na ja, der ist albern.
    Was die „political correctness“ im Westen angeht, so finde ich sie eher gefährlich, da sie die wirklichen Gefühle gar nicht in Frage stellt. Einen Menschen mit dunkler Hautfarbe „schwarz“ oder gar „farbig“ oder, noch idiotischer, „Afroamerikaner“ zu nennen, oder alle irgendwann mal Zugewanderten in den einen Topf der „mit Emigrationshintergrund“ zu werfen, ist kein Mittel gegen die Verachtung oder Ignoranz mancher „Weißen“ (auch so ein Wort!) bezüglich der übrigen Welt.

    1. Da sprichst du was Wichtiges an. Dass politische Korrektheit ein Deckmäntelchen für eine sogenannten sanften Rassismus sein kann. Dennoch finde ich es gut, auf die Befindlichkeiten einiger Ethnien einzugehen und wenigstens bei der Bezeichnung nicht zu diskriminieren. Und stimmt, ich hätte als Beispiel drastischere Witze wählen können. Es ist ja Internet, also füge ich gleich mal einen hinzu, der die Tschuktschen als Wilde abstempelt… Merci fürs Feedback!

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