Ungelebte Trauer

Der folgende Beitrag wurde von dem Journalisten Georg Löwen im Jahr 1999 in der Zeitschrift ‚Semljaki‚ veröffentlicht. Damals gab es einige scharfe Reaktionen seitens der Leserschaft zu Artikeln, die sich thematisch mit der Aufarbeitung der Vergangenheit der Russlanddeutschen beschäftigten. Manche Leser reagierten regelrecht agressiv und ablehnend. Dieser Text war eine Antwort auf diese harsche Resonanz. Daraufhin kamen wieder Lesebriefe mit viel Zuspruch, ein Leser schrieb: „Ich habe den Gulag selbst erlebt, aber meine Gefühle so genau auszudrücken, wie Sie es getan haben,  hätte ich nicht vermocht. Danke dafür.“

Hier die Übersetzung des Beitrags von damals, bei dem es um die Notwendigkeit der kollektiven Trauer und den Konsequenzen des Schweigens geht und der nach so vielen Jahren nicht an Aktualität verloren hat:

Unvergessen - ein Denkmal in Berlin
Unvergessen – ein Denkmal für russlanddeutsche Opfer des Krieges

Wir sind nicht weinerlich. Wir beweinen

Die Briefe über die Vergangenheit der Deutschen aus Russland lassen bei einigen Lesern die Frage aufkommen: wozu sich an das Schwere und Traurige erinnern? Einige sagen sogar: Schluss mit der Weinerlichkeit! Schluss mit dem ewigen Gejammere! Wie könnte man das am besten erklären?

Offenbar fällt es schwer, über den staatlich nicht nur sanktionierten, sondern regelrecht verordneten Sadismus zu hören und zu lesen und insbesondere tun sich diejenigen schwer damit, die für lange Zeit unfreiwillig-freiwillig in diesem Staat gelebt haben. Der Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen und sich somit der dunklen Schatten zu entledigen, die von der Erinnerung an die schweren menschlichen Schicksale hervorrufen werden, ist nur zu verständlich. Vermutlich kommt deswegen oft auf die Beschreibungen der Qualen, die die Russlanddeutschen ertragen mussten, folgende Reaktion: „Alle hatten es doch schwer!“

Richtig. Alle hatten es schwer. Das Maß zu finden, mit dem man ermitteln kann, wer es schwerer hatte, ist schier unmöglich.

Denn das Erleben von Verlust, von physischem und seelischem Leid, sogar des Leides der Vorfahren, ist eine sehr subjektive Empfindung. Wer hat damals mehr gelitten – die Russen, die Ukrainer, die Weißrussen, die Kasachen oder andere Völker der Sowjetunion, die während des Krieges 20 Millionen Menschenleben zu betrauern hatte. Oder waren es die Russlanddeutschen, die nicht an der Front, sondern im Hinterland, in den Lagern der Arbeitsarmee und den Sondersiedlungen den Großteil ihres Volkes einbüßten? Allein diese Frage ist absurd. Doch Menschen neigen dazu, zu vergleichen, in diesem Fall leisten jedoch weder Abakus noch Taschenrechner ausreichende Dienste.

„Ich habe alles am eigenen Leib erfahren und nichts davon vergessen,“ schreibt Albina Bender, „nicht vergessen habe ich, wie ich bereits nach dem Krieg das Radio eingeschaltet hab und einen während des Krieges aufgezeichneten Aufruf von Ilja Ehrenburg hörte: ‚Töte den Deutschen!‘ Ich dachte, dass wenn ich gleich auf die Straße gehe, dann kann mich irgendein Fanatiker einfach so erschlagen.“ Weiter berichtet sie: „Wo ist der Unterschied zwischen Erschießungen und anderen Vernichtungsmethoden? Wenn die Deutschen aus Russland in der nackten Steppe bei Schnee und Minus 40 Grad ausgesetzt wurden? Der Ausgang ist der Gleiche: der Tod.“
Die Deutschen aus Russland leiden nach wie vor darunter, unschuldig verfolgt und mit einem furchtbaren Stigma belegt worden zu sein: Verräter. Es quält sie, dass sie von einem Staat verfemt und zu Gesetzlosen erklärt wurden, in dem sie friedlich und ehrlich gelebt haben.

„Der Feiertag mit den Tränen in den Augen“ nennt man in Russland den Tag des Sieges. Viele Jahre sind seit dem Krieg vergangen, aber noch immer trauern die Bürger an Obelisken und Denkmälern und beweinen die Toten des Krieges. Ihnen gebührt ewiges Gedenken. Sie sollen unvergessen bleiben.

Den Toten aus den Reihen der Deutschen aus Russland wurden bis zum Ende der Sowjetzeit keine Obelisken aufgestellt. Und sie hatten daher keine Gelegenheit, gemeinsam ihre Trauer auszudrücken, die Väter zu beweinen, die erniedrigt und von unerträglicher Plackerei und Hunger geplagt wurden, die Mütter zu beweinen, denen ihre minderjährigen Kinder entrissen wurden und die sie nie wieder sehen durften. Sie hatten kein Recht auf ein ewiges Gedenken. Hatten kein Recht darauf, dass wir uns an sie erinnert und offen um sie getrauert haben.

„Was habt ihr denn, liebe Leute, ihr genießt es wohl sehr, um die Vergangenheit zu weinen, tut euch selbst leid. Schaut euch um, das Leben geht für euch doch weiter, und das gar nicht mal so schlecht!“
Die Rede geht wieder um uns, die Deutschen aus Russland. Was kann man darauf antworten? Wir freuen uns ja auch an unserem gegenwärtigen Leben. Doch sogar jetzt wachen die alten Männer, die früher in der Arbeitsarmee waren, mit Tränen in den Augenwinkeln aus ihren nächtlichen Alpträumen auf: sie hören erneut die letzten Atemzüge der sterbenden Leidensgenossen auf den Pritschen nebenan, sehen ihre Leichname in den Gräben liegen.

Ironisch daher gesagte Sprüche über das „unglückliche Volk der Russlanddeutschen“ sind ebenso unüberlegt wie anmaßend. Es bleibt ein Gefühl der Peinlichkeit, des Fremdschämens gegenüber denjenigen, die so wenig Empathie für das Leid anderer aufweisen, obwohl sie diese seelischen Zustände doch selbst erlebt haben.

Wir sind nicht weinerlich, wir beweinen. So wie jedes Volk seine leidgeprüften verstorbenen Töchter und Söhne beweint. Schon immer haben die Menschen getrauert, und genau dieses Verhalten ist imstande, die quälenden Alpträume und die innere Ausweglosigkeit zu erleichtern – über den Prozess der Trauer gelangt die Seele zu innerem Frieden. Wir müssen sogar trauern und die Toten beweinen, damit unsere Seele ihre Ruhe findet. Dass es so ist, werden Ihnen sowohl Priester als auch Psychologen bestätigen können – ein jeder mag denjenigen fragen, dem er in dieser Hinsicht am meisten vertraut.

Jedes Volk hat sein eigenes Trauma. Bei Völkern, die Vertreibung und Genozid durchlebt haben, wirken diese Traumata noch lange nach. Sehr lange. Die Deutschen aus Russland waren gezwungen, dieses Trauma über Jahrzehnte in sich zu unterdrücken, sie mussten schweigen, und so hat es sich in immer tiefere Schichten zurückgezogen.

Vielleicht kommt es daher, dass unsere alten Leute, wenn sie in der Kirche um ihre Verstorbenen beten, so bitter und so leise, fast heimlich aufschluchzen, als würden sie ihre Trauer nicht zeigen wollen.
Ihnen gebührt ein ewiges Gedenken. Sie sollen unvergessen bleiben.

Stalins Erlass von 1941 sorgte für Massendeportationen
Stalins Erlass von 1941 sorgte für Massendeportationen

 

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

6 Kommentare zu „Ungelebte Trauer“

  1. ich verstehe das sehr gut. Nicht nur die Trauer durften sie nicht zeigen, sondern sie standen immer in der Gefahr, dass ihre Verluste politischen Falschmünzern dienten.

    1. Liebe Gerda, es hat etwas gedauert, bis ich verstanden habe, was du mit politischen Falschmünzern meinst. Es ist mir schwergefallen, mit dem Regime von damals das Wort Falschmünzer zu verbinden. Denn sie taten ja nicht nur so, sie waren überzeugt davon, dass es unter den Bauern an der Wolga Tausende von Spionen und Diversanten gab.Das ist das Paranoide daran gewesen. Auch wenn es für mich heute total absurd klingt.

      1. Nein, du hast mich missverstanden. Mit Falschmünzern meinte ich nicht das damalige Sovjetregime, sondern die Altnazis und Vertriebenenverbände, die das Leiden der deutschen Volksgruppen benutzten, um gegen Russland bzw die SU zu hetzen.

  2. Sehr guter Bericht und Kommentar. Genau das ist auch das Problem: man läuft die Gefahr von Revisionisten, Nazi (Sympathisanten – und nicht nur „alte“) und gewisse Teile mancher Vertriebenenverbände missbraucht -/instrumentalisiert zu werden. Dazu kommt noch vermutlich einfach die Scham über das Erlebte – über Folter usw redet man nicht, das „nicht verstehen wollen“ bzw Desinteresse der Umwelt und den Wunsch, den Kindern, die Vergangenheit zu ersparen. Und in den Gebieten wo es auch tatsächlich Kollaboration von manchen deutsch sprachigen Menschen gab mit den Nazis, wird es richtig schwierig: es wird ständig aufgerechnet. Erwähnt man etwas, kommt der Vorwurf der Relativierung und des „Selbstmitleides“ – auch wenn man erst vor kurzem von Ereignissen erfahren hat, per Zufall – weil alles verschwiegen wurde/wird. Also schweigt man lieber. Internet, google Übersetzung und selbst kritische Nachkommunismus Zentral/Osteuropäer machen es möglich, dass man mehr in den Herkunftsländern erfährt wenn dort die Geschichte langsam aufgearbeitet wird -auch wenn die deutsche Regierung es tunlichst vermeidet, dass solche Bücher der nach Kommunismus Historiker die keine ideologische Linie fahren ins Deutsche übersetzt wird. Also wird geschwiegen …. und manchen von Denjenigen die damit konfrontiert werden, laufen die Gefahr, sich bei falschen braunen Quellen sich zu informieren. Und der Kreis schließt sich – dann sind wir wider alle Nazis, ohne Rücksicht auf Individualität.

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