Willkommen im Club oder Eine Weihnachtsgeschichte im Januar

Ich habe letztes Jahr im Januar eine Einladung zu einem Schreibwettbewerb erhalten. Das Thema war: deutsche Weihnachten in Russland. Veranstaltet vom Literaturkreis der Deutschen aus Russland e.V. und von der katholischen Seelsorge in den GUS Staaten.

… mit einem besonderem Blick auf die Wechselbeziehungen von religiösen und gesellschaftlichen Problemen und auf die Fragen nach Gott und der Weihnachtstagen im Leben eines Menschen in der heutigen modernen Gesellschaft …

Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, den Wettbewerbstext, dachte ich, toll, da mach ich mit. Der zweite Gedanke: was soll ich dazu schreiben? Ich habe nie deutsche Weihnachten in Russland gefeiert.

Also habe ich genau das geschrieben:

Ich kann mich nicht erinnern, jemals deutsche Weihnachten in Russland erlebt zu haben. Noch nicht mal russisch orthodoxe Weihnachten. Als ich ein kleines sowjetisches Mädchen war, wurde mir gesagt, dass Leute, die in die Kirche gehen, gefährlich leben. Dass sie verachtet werden und Schwierigkeiten bekommen könnten. Welcher Art Schwierigkeiten, hat mir aber niemand genau erzählt. Meine Kernfamilie hat sich diesem Risiko jedenfalls nicht ausgesetzt. Und zuhause haben wir in guter sozialistischer Tradition am 31. Dezember eine Tanne aufgestellt, unchristliche Gedichte aufgesagt, „Die Ironie des Schicksals“ geguckt und das Väterchen Frost brachte uns unsere Geschenke. Ich weiß noch nicht mal, ob ich als Kind was von Jesus gehört habe. Vielleicht eher an Ostern, wo es dieses Brot gab und man sich zuflüstern musste, Iessus woskress, also Jesus ist auferstanden, und die Augen so aufreißen. Aber ich habe die Bedeutung der Wörter nicht verstanden, sie waren für mich eher so etwas wie eine geheime Formel. Zauberei. Gott wurde oft erwähnt, Gott musste man fürchten, denn er strafte alle, die Blasphemie betrieben. Das Wort „Kaschjunstwo“, also Blasphemie kannte ich von kleinauf. Aber ich vermute, dass die katholische Seelsorge diese Dinge eher nicht wissen will.

Mein Vater kann was zu deutschen Weihnachten in der Verbannung in Sibirien erzählen. Wie sie nach dem Krieg aus Zeitungspapier Baumschmuck gefertigt haben gemeinsam mit der Mutter. Das ist aber auch schon alles, was ich dazu habe. Und das ist noch nicht mal meins.

Andere Dinge, die mir dazu einfallen, will die katholische Seelsorge sicher auch nicht wissen.

Wie ich letztes Jahr kurz vor Weihnachten per Mail ein Foto von meinem Großvater bekommen habe, weil ich innerhalb der Familie nach Bildern gefragt hab, die ihn auch mal als jungen Mann zeigen.

Auf diesem Foto sieht er sogar sehr jung aus, fesch und stolz guckt er aus seiner Uniform.  Mit den Sig-Runen am Kragenspiel. Dass er bei der Wehrmacht war, als er für kurze Zeit während des Krieges nach Deutschland kam, wusste ich. Aber dass er auch bei der Waffen-SS gewesen ist, habe ich nicht gewusst oder hatte es all die Jahre verdrängt.

Waffen-SS. Das zumindest besagt seine Uniform. Hat keiner vor mir was gemerkt? Warum hat niemand jemals darüber gesprochen?

Weils damals eben so war? Die Zeit hart war? Du hast zu viel Phantasie, was soll er schon gemacht haben? Alle waren dabei. Sie mussten ja.

Willkommen im Club, lautete der knappe Kommentar einer deutschen Freundin.

1941 Polen 1
In solchen zu Schreibstuben umgebauten LKWs wurden Volksdeutsche eingebürgert und rekrutiert. Polen 1941

Wie habe ich damals reagiert? Panisch und manisch. Habe angefangen wie wild zu recherchieren. Habe Uniformen und Kragenspiele und Embleme auf Tellermützen verglichen. Und erst einmal festgestellt, dass er nur zum Fußvolk gehörte. Keine höheren Rangabzeichen, die unterste Kategorie. Ich habe aufgeatmet. Doch das muss ja nichts heißen.
Ich habe weiter geforscht und ein Buch im Internet gefunden, bei dem es um Volksdeutsche in der Wehrmacht ging. Leider eine Sackgasse, weil das Buch in so einem Zwischenreich zwischen Faszination für den Krieg und Faktenreichtum dämmert. Fakten über meinen Opa habe ich da leider nicht gefunden.

Ich habe mich bei einem Seminar über Täter in der Familie angemeldet und erst das konnte meine innere Aufruhr ein wenig lindern.

Über Weihnachten habe ich alle Heimatbücher (Text-Sammlungen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland), die bei meinen Eltern zuhause im Schrank standen, durchforstet und nach anderen Russlanddeutschen gesucht, die bei der SS waren. Es scheint allerdings kein sehr gängiges Thema zu sein. Viele Erinnerungen habe ich gelesen, viele Biografien und Memoiren. Alles Opfer. Keine Täter. Von einem Hinweis, dass jemand bei der Wehrmacht oder der SS gewesen wäre, nicht die Spur. Entweder wars wirklich unüblich und mein Opa war ein Einzelfall oder es wird nicht darüber gesprochen. Ist ja auch kein rühmliches Kapitel der Geschichte. Nur in einem Bericht über die Heimholung ins Reich war da dieser Satz, dass alle Deutschen, die mit einem der Trecks durch den Warthegau gekommen sind, im Eiltempo eingebürgert wurden und die halbwegs Kampffähigen unter ihnen eingezogen wurden, in die Wehrmacht, den Volkssturm und eben in die Waffen-SS.

Und in einem anderen Nebensatz wird erwähnt, dass Karl Stumpp, ein hoher SS-Offizier und selbst Russlanddeutscher, damit beauftragt war, die Volksdeutschen in den Ostgebieten zu zählen und statistisch zu erfassen. Vielleicht mit dem Ziel, sie als letztes Aufgebot Hitlers ins Deutsche Reich zu holen? Heimholung ins Reich. Was für ein Euphemismus. Dafür was dann geschah.

Die SS, das war die Schutzstaffel Hitlers, sie war Heinrich Himmler unterstellt und für Sonderaufträge zuständig. Diese Sonderaufträge mag ich mir nicht vorstellen. Die ganze Operation im Ostraum und in den Baltischen Ländern, in der Ukraine und in Ostpreußen stand unter ihrem Kommando. Sie waren ebenso für die Konzentrationslager zuständig. Für den Bau, die ganze Abwicklung, den Mord an Millionen.

Ein Stück meiner Welt ist letztes Jahr ins Wanken geraten. Mein Opa hat bei denen mitgemacht?

Das geht nicht. Ist undenkbar. Wir waren doch Opfer. Seit ich denken kann, heißt es, wir wurden verschleppt und ungerechtfertigt verfolgt, in Russland festgehalten bis lange nach dem Krieg. Wir haben büßen müssen für das, was wir nicht verbrochen haben. Das sind unverrückbare Sätze, mit denen ich aufgewachsen bin. Wie in Stein gemeißelt. Für die Ewigkeit.

Andere haben eine Geburtsurkunde, ich habe eine amtliche Verschleppungsurkunde. Verschleppt am soundsovielten (mein Geburtsdatum) nach Omsk. Sie hatten wohl im Auffanglager an dem Tag als wir kamen, keine Formulare für Kinder mehr und haben mir eine Verschleppungsurkunde ausgestellt. Anders kann ichs mir nicht erklären.

Aber zurück zu meinem Opa. Ich habe wenig Hoffnung, dass ich herausfinde, was wirklich geschah. Wie so viele, die im Krieg gewesen waren, wie so viele seiner Generation, hat er viel geschwiegen und wenig gesagt. Über diese Zeit. Und in Archiven ist auch nicht viel über ihn zu finden.

Wenn ich diesen Text für den Weihnachtswettbewerb wirklich abschicken würde, nach dem ich ihn auf 5 Seiten a 30 Zeilen gebracht habe, würde es heißen: Sorry, am Thema vorbei. Die Frage nach Gott kann ich auch nicht beantworten. Der 26. Januar, der Tag an dem ich die Ausschreibung erhalten habe, war zufällig der Tag, an dem Auschwitz befreit wurde. Wenn irgendwas mich an Gott zweifeln lässt, dann die Tatsache, dass es sowas wie Auschwitz überhaupt gab.

Aber ebenso undenkbar ist es, dass ein naher Verwandter von mir, mein Opa, dass er ein Rädchen in dieser Todesmaschinerie gewesen sein soll. Viel hat er nicht erzählt, aber dass er nie eine Waffe in der Hand hatte, nur Chauffeur und Kammerdiener eines Generals gewesen sei, dass er nie eine Waffe abgedrückt hat in diesen Jahren, das hat er gesagt. Ich will ihm gern glauben. Ein schwacher Trost. Das ganze deutsche Volk war einst voller Chauffeure und voll mit denen, die nichts gewusst haben. Oder nichts gewusst haben wollen. Nun gehören wir dazu. Ich bin angekommen, in der Mitte der Gesellschaft. So sarkastisch das auch klingen mag.

Ich richte nicht. Ich weiß nicht, auf welcher Seite ich gestanden hätte damals. Auf der sicheren Seite?

Mein Los ist, dass ich beides in mir trage. Das Blut der Russen trage ich in mir, die unter den Faschisten gelitten und sie ebenso grausam bekämpft haben. Die Gräueltaten, die russische Soldaten auf deutschem Boden oder die NKWD Männer gegenüber deutschen Zivilisten in Russland verübt haben, stehen denen der Nazis in nichts nach. Gut, die einen können wenigstens sagen, die anderen haben angefangen.

Und ich bin die Enkelin eines Mannes, der Teil der Waffen-SS gewesen ist. Wenn auch nur für kurze Zeit. Teil derjenigen, die damals gedacht haben, auf der richtigen Seite zu stehen. Auf der sicheren Seite. Die Guten sein. Das Böse vernichten.

Täter – Opfer. Opfer – Täter. Die Linien verschwimmen. Manchmal komm ich mir vor, als wäre ich genau dazwischen. Accidently inbetween.

Mein Großvater kam nach Kriegsende in englische Kriegsgefangenschaft und wurde an die Rote Armee ausgeliefert. Er hat in einem russischen Kriegsgefangenenlager überlebt und hat seine Familie wiedergefunden, auf wundersame Weise.
Das Foto, das unmittelbar danach von ihm aufgenommen wurde, zeigt einen Mann in Zivil, der um mindestes 10 Jahre gealtert ist. Er schaut noch immer geradeaus, aber mit einem gebrochenen Blick.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

10 Kommentare zu „Willkommen im Club oder Eine Weihnachtsgeschichte im Januar“

      1. Lass die Wogen ruhig ne Weile wogen. Zu ruhig ist es um die Fragen geworden, die du aufgeworfen hast.

      2. das kann ich nachvollziehen. ist es doch eine sehr persönliche geschichte, die auf ähnliche art viele menschen ebenfalls erleben – die schweigenden, die damit lebenden, die antwortlosen fragenden und viele mehr … und gerade deshalb finde ich deine sätze so wichtig – auch weil es immer und überall ein wieder gibt mit damit verbundenen schmerzhaften erfahrungen und fortsetzungen.

        ich wünsche dir, dass die wogen wichtiges auslösen – auch bei andern, die froh sind, nicht alleine im club leben zu müssen.

  1. unbedingt einsenden! Das ist ein Text, den viele lesen sollten, selbst wenn sie ihn verwerfen. Er ist zudem ausgezeichnet geschrieben. Mich hat er ziemlich aufgewühlt, Erinnerungen werden geweckt. Mir (Jg 42) wollte man immer das Weihnachten bei den deutschen Soldaten in Stalingrad nahebringen – es gibt da so eine rührende Geschichte mit einem Bild – , aber ich wills nicht hören. Mein Vater ist am 23. Dezember 1942 gefallen, da war er 33. Dieser schmerzhafte Zwiespalt zwischen der Liebe zum Vater, den man vermisst, und dem unerträglichen Wissen, dass er zur Partei gehörte und sich in Russland als Angreifer befand, hat meine Jugend und mein Denken auch als Erwachsene tief geprägt. Erst spät begriff ich, dass ich nicht die Verantwortung für die Taten anderer trage, sondern ausschließlich für meine eigenen. Alles andere ist Hybris. Gerda

    1. Danke dir Gerda. Besonders für den Gedanken mit der Hybris, die will, dass man sich weiter und größer fasst als man selbst. Der Zeitpunkt, den Text einzusenden, ist schon längst verstrichen. Danke für deinen Zuspruch!

      1. Wenn nicht dort – behalte den Gedanken, dass der Text irgendwo erscheinen sollte, er ist wichtig. Und das mit der Hybris – ja, das ist auch wichtig. ich muss es mir immer wieder hinter die Ohren schreiben.

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