Unsere Weihnachten in Russland – der Wettbewerb 2015

Etwas verspätet (weil ein Zahlendreher in der Adresse war) kam vorgestern die Broschüre des ökumenischen Wettbewerbs: Unsere Weihnachten in Russland. ‚Weihnachten verbindet‘ ist der Titel, die Unterzeile: Erinnerungen und Gedanken an ein christliches Fest. Die Verleihung der Preise ist in großem Stil am 6. Dezember 2015 in Detmold im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte begangen worden.

In den Texten geht es viel um Tradition, um Erinnerungen an schöne Weihnachtsfeste und Vorfreude. Zunächst habe ich mich gewundert, dass viele der Beiträge fast in unisono ein frohes Fest heraufbeschwören, also recht nah an einem konventionellen Bild von harmonischen Feiertagen geblieben sind. Der Geruch nach Stollen und Strudel und Lebkuchen, Tante Lisa als Christkind oder die Begegnung mit dem Weihnachtsmann.

Zunächst habe ich gedacht, kenne ich schon, ist doch nichts Besonderes.

Doch nein, gerade in Zeiten, in denen alles Christliche verpönt und verboten war, war es wohl etwas Besonderes, vielleicht sogar Verwegenes Christi Geburt zu feiern. Und es war den Autoren auch wichtig zu betonen, dass sie in der Fremde ihre eigenen Feste weiterbegangen haben, nach überlieferten Traditionen. Weihnachten war also etwas, das man heute als identitätsstiftend bezeichnen würde. Deshalb tauchen diese Momente so oft und unkommentiert auf.

Diese Geschichten spiegeln wieder, dass es der Gruppe der Volksdeutschen in Russland äußerst wichtig war, die christlichen Bräuche zu bewahren und an die Kinder weiterzugeben. Oder den Kindern auch in schweren Zeiten schöne, festliche Momente zu schaffen, an die sie sich zeitlebens klammern können.

Auffällig ist, dass die GewinnerInnen und viele der Teilnehmer und Teilnehmerinnen unter 24 Jahren alt sind. Einige Geschichten sind von Landsleuten, die in Russland leben, eingeschickt worden und wurden von Mitgliedern des Literaturkreises liebevoll ins Deutsche übersetzt.

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Die PreisträgerInnen: Alexander Kessler (23), Angelika Wagner (16), Sofia Novitzkaya (17) und Pavel Kreismann, (18) mit Heinrich Zertik (Mitte)

Aber nicht alles ist im gleichen Tenor gehalten, die Gedichte von Andreas Peters und Irene Dirks fallen zum Beispiel etwas aus dem Rahmen. Er beleuchtet das Fest in ironischen Versen und sie nimmt in ihrem Brief vom Weihnachtsmann an die Engel unsere materialistische Haltung zum Weihnachtsrummel unter die Lupe. Auch der Gewinner des zweiten Preises Alexander Kessler deutet in seiner Geschichte „Der Farbenblinde“ so heikle Themen wie Depressionen und schwere Erkrankungen an und beschreibt den Vater des Protagonisten als jemanden, der mit seinen sowjetischen Prinzipien von Männlichkeit eher an Karl May als an Karl Marx erinnert.

Es war übrigens doch gut, dass ich meinen Text zur Vergangenheitsbewältigung nicht eingeschickt habe. Der wäre wirklich nicht passend gewesen und gehört wohl eher in einen anderen Kontext.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

4 Kommentare zu „Unsere Weihnachten in Russland – der Wettbewerb 2015“

  1. Das finde ich interessant!
    Auch wenn der Text nicht eingeschickt wurde, so hat er mich doch sehr bereichert – und in meinen eigenen Nachforschungen bestätigt! Früher war ich ungestüm, hätte am liebsten ein Foto bei Verwandten, auf dem einer in SS-Uniform zu sehen ist, von der Wand gerissen und die mir lieben Menschen beschimpft. Zum Glück habe ich es nicht getan. Versuche jetzt aber, mehr über diesen, über den so entschieden geschwiegen wird, zu erfahren!
    Gruß von Sonja

    1. Liebe Wildgans,
      ungestüm sein ist auch sehr befreiend und oft vonnöten. Aber in diesem Fall ist alles so undurchsichtig. Ursprünglich war der Beitritt zur SS ja eine freiwillige Sache und wurde von Aufnahmeriten begleitet, aber gegen Ende des 2.WK wurden die Menschen, besonders ganz junge Männer und eben Volksdeutsche einfach zwangsverpflichtet. Man kann also durch die Teilnahme daran nicht unbedingt auf die Gesinnung schließen. Aber da es wenig Material gibt, ist es eh schwierig, etwas rauszufinden. Es tut eben auch gut anhand solcher Geschichten wie den Weihnachtsbeiträge etwas über den Alltag der Menschen dort und damals zu erfahren. Mir jedenfalls.

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