Musikalisches Intermezzo: Tariverdiev reloaded

Folgende Geschichte: 2011 sucht ein britischer Musikproduzent mit einer Freundin Zuflucht vor dem frostigem Schneewind in einem Moskauer Café und als seine Begleiterin ihn etwas fragt, hört er gar nicht hin, so sehr ist er hingerissen von der Musik, die gerade gespielt wird. Als er die Bedienung fragt, was da grade läuft, antwortet sie : Ach, das ist etwas von früher.

Die Musik im Café war der Soundtrack zum Film «До свидания, мальчики!» Auf Wiedersehen Jungs! aus dem Jahr 1964, sein Erschaffer: Mikael Tariverdiev, einer der bekanntesten Filmmusikkomponisten der Sowjetunion.

Für den Briten Stephen Coats beginnt mit dieser Platte (die er bald ergattert) eine Reise in die Welt der russischen Filmmusik der Sechziger/Siebziger Jahre und insbesondere in das Leben und Schaffen des außergewöhnlichen Musikers und Komponisten. Er trifft sich mit seiner Witwe Vera Tariverdieva, die im gleichen Appartment lebt wie zu Lebzeiten ihres Mannes. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, sie bewahrt die Erinnerung an ihren berühmten Gatten, widmet sich seinem Nachlass. Sein Studio ist noch genau so wie vor dreißig Jahren, nichts ist angetastet. Hier findet Coates alte, gut erhaltene Tonband-Aufnahmen, die entweder nie veröffentlicht wurden oder zu den Filmen gehören, die das kulturelle Leben der Sowjetunion stark geprägt haben.

Wenige Jahre später bringt er in London selbst eine Sammlung mit Tarivardievs Filmmusik heraus. Sie umfasst ganze drei Schallplatten oder CDs, ist thematisch unterteilt und liebevoll gestaltet.

Eine der Scheiben wird von der Musik aus dem Kultfilm «Ирония судьбы, или С лёгким паром!» Ironie des Schicksals (1975) dominiert, auf einer sind zumeist Liebeslieder und Balladen aus diversen Filmen versammelt und die dritte ist Jazz-betont mit Musik aus «До свидания, мальчики!», (Auf Wiedersehen Jungs, 1964) «Маленький школьный оркестр» (Kleines Schulorchester, 1968) oder «Русский регтайм» (Russischer Ragtime, 1993) .

Was übrigens an der Machart des Booklets besonders schön finde: die russische Schreibweise der Lieder sind vom Grafiker oder der Grafikerin zum Teil so abenteuerlich aufgefasst worden, dass es wieder kultig wirkt. Aber das ist gut so. Genau das ist das Zeichen dafür, dass sich der Westen endlich für die Kultur, die hinterdem eisernen Vorhang entstanden ist, interessiert. Und wenn einem die kyrillischen Buchstaben durcheinander geraten, so what! Die Absicht ist eine sehr löbliche. Und bis auf diese klitzekleinen Flüchtigkeitsfehler sind die CDs sehr gelungen.

 

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Die Sammlung, herausgebracht bei earthvenyl 2015

Anfang Dezember letzten Jahres hat Stephen Coates diese Zusammenstellung mit einem künstlerischen Happening im Pushkin House in London präsentiert. Es wurden Ausschnitte aus einigen Filmen gezeigt, auch private Fotos des Komponisten waren zu sehen und die in London lebende, in Russland geborene Sängerin Daria Kulesh hat einige der Lieder live vorgetragen.

Der Initiator sagt auf dem folgenden Clip über sein Projekt: Obwohl Tariverdievs Name in Russland zum Allgemeingut gehörte, blieb er im Westen weitgehend unbekannt. Jetzt wird es Zeit, das zu ändern.

https://www.youtube.com/watch?time_continue=31&v=aHxhj6M2g4c

Die CD, die es seit Ende 2015 auch bei uns zu kaufen gibt, führt mit ihrer erlesenen Auswahl in die gefühlvolle und doch unbeschwerte Welt des russischen Kinos der Sechziger und Siebziger Jahre. Mit einigen sehr jazzigen Überraschungen dazwischen.

Kurz zum Künstler, um den es geht:

Tariverdiev wurde 1931 in der Hauptstadt Georgiens, Tbilissi als Sohn armenischer Eltern geboren, doch verlief sein künftiges und künstlerisches Leben in Moskau. Dort hat er neben zahlreichen anderen Kompositionen Musik für mehr als 130 Filme geschrieben. Besonders in die Geschichte und ins kollektive Gehör eingegangen sind jedoch seine Melodien zu Ironie des Schicksals und zu der Fernsehserie 17 Momente des Frühlings «Семнадцать мгновений весны» von 1973.
Der erste ist ein regelrechter Kultfilm geworden, der seit Mitte der Siebziger jedes Jahr an Silvester läuft. Es ist eine Verwechselungskomödie und eigentlich unglaublich lang. Das liegt sicher auch daran, dass oft zur Gitarre gegriffen und ausgiebig gesungen wird, oder dass ein musikalisch untermalter Spaziergang durch ein verschneites Leningrad seine 5 Minuten dauert.

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Мне нравится что вы больны не мною, Es gefällt mir, dass sie nicht verrückt nach mir sind..

Die Texte zu den Liedern in diesem Film stammen zum Teil aus der Feder so bekannter Dichter wie Boris Pasternak, Marina Zwetajewa oder Jewgenij Jewtuschenko.

Mehr Infos über das Projekt von Stephen Coates, auch mit mehr Musik zum anhören, (Texte in englischer Sprache) auf http://www.tariverdiev.com/

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

8 Kommentare zu „Musikalisches Intermezzo: Tariverdiev reloaded“

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