Viel Wind – Unser Mädchen aus Berlin

Irgendein Tief fegt über unsere Stadt hinweg. Seit Tagen pfeift es schon draußen. Ab und an zwischen Wolkenfetzen ein Stück unverhangenes Blau, wenn man Glück hat. Nass und kalt und dunkel, schon um drei, vier Uhr am Nachmittag, genau das richtige Wetter, um sich zu verkriechen. Was haben sie im Radio gesagt, zu viel Vitamin D ist nämlich auch nicht gut. Leute fallen öfter hin mit einer Überdosis davon und brechen sich häufiger was, genau wie mit einem Mangel.

von Winde verweht
Vom Winde verweht – der Fall Lisa, eine haarige Sache

Windmacherei. Panikmacher. Die große Welle machen. Der Januar war voll damit. Und jetzt eine kleine Ruhepause. Die Aussiedler werden wiedermal entlarvt als Fremdenhasser und Verführte vom russischen Fernsehen. Als russischsprechende Diaspora und Putins fünfte Kolonne, die kaum Deutsch können und gegen Ausländer hetzen. Am Anfang steht ein Mädchen, dass sich eine Lügengeschichte um ihr Wegbleiben gesponnen hatte. Und zwei Wochen später spricht der russische Außenminister von „unserem“ Mädchen in Berlin und aufgebrachte Russlanddeutsche demonstrieren gegen Gewalt an Kindern und lauschen den Reden der braunen Agitatoren, die aus ihren Löchern gekrochen kommen. Wer hat sie eingeladen? Das soll allen eine Lehre sein, sich aufbauschen zu lassen wie ein Betttuch auf einer Wiese. Das reinste Agit-Prop. Naja, gewohnt sind sie es ja, von früher. Aber welche Presse lügt? Welche Polizei vertuscht besser? Welcher Macht kannst du vertrauen? Dem eigenen Urteilsvermögen anscheinend nicht.

Ganz schön viel Wind hat er aufgewirbelt, dieser Fall Lisa. Von Vertuschung war die Rede. Ängste sind hoch gekrochen von Muslimen die sich zu dritt auf ein wehrloses Mädchen stürzen. Dabei hatte sie bloß Angst gehabt, nach Hause zu kommen, Schulprobleme wollte sie verbergen und hat bei einem Freund übernachtet. Ohne Sex. Auch nicht einvernehmlich. Solche Wellen kann es schlagen, wenn sich ein Kind eine Ausrede sucht und die Eltern die Geschichte aufgreifen und die Tante, oder die Pseudotante (?) für einen russischen Sender ein tränennasses Interview gibt. Gefundenes Fressen. Die Deutschen haben die Lage nicht im Griff. Seht, das passiert mit dem Multi-Kulti-Wahnsinn.

Die Trolle des Kreml haben ihren Auftrag erfüllt. Und was bleibt? Der fade Nachgeschmack. Das Bild vom Aussiedler an und für sich, der gegen andere Minderheiten und auf Flüchtlinge hetzt. Tendenziöse Berichte über Landsleute, die billigste Verleumdungen ausstoßen, null Kultur oder Weitsicht, aber mich repräsentieren sollen. Mischa steht in Jogginghose im russischen Supermarkt in Dinslaken und erläutert dem WELT-Redakteur seine WELT-Sicht. Ich seh ihn förmlich auf die Straße spucken.
Und das, was Wladimir Kaminer im Radiointerview mit dem NDR sagt, geht in dem ganzen Spektakel unter, dass wir froh sein sollen, dass von 6 Millionen (russischsprechenden Einwohnern in Deutschland) bloß etwas über dreihundert vor dem Kanzleramt standen. Lass es Tausend sein, die breite Masse ist das nicht. Und dass alle Aussiedlerfreunde von ihm nicht so sind. Nicht so rechts und putingläubig.

Und dass sich Teilnehmer der Demo schon vor Ort gegenüber einer Reporterin von der Deutschen Welle von den Agitatoren der NPD und der Pegida distanzieren, kommt bei der westlichen Presse gar nicht erst an.

Viel Wind gemacht, wiedermal. Um unser Mädchen.

Das arme Kind, das bleibt doch an ihr kleben wie Pech. Ein kleiner Teeniestreich und was für Konsequenzen! In Zeiten medialer Schnellstverbreitung darf man das nicht bringen. Arme Teenies.

Ein deutscher Comedian hat gefordert, dass alle Dreizehnjährigen sich von diesem Vorfall distanzieren sollten und wenn das nicht hilft, die Ausweisung aller Dreizehnjähriger. Vielleicht hat er recht. Die einzige Weise, wie man diese absurde Geschichte nehmen darf: mit Humor.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

9 Kommentare zu „Viel Wind – Unser Mädchen aus Berlin“

  1. du hast so recht. Den Moslems geht es wohl noch schlechter, die sind nun durch die Bank Vergewaltiger von 13Jährigen. Wie kann man sich gegen eine solch gemeine Kollektivierung schützen, wenn man doch auch irgendwo dazu gehören möchte?

  2. Es ist ein seelischer Mechanismus (Einschließen – Ausschließen, Wir und die Anderen), den alle Menschen in irgendeiner Form in sich tragen. Uralt wie das Leben selbst. Für die Politiker ist es ein Hebel, um Menschenmassen in Bewegung zu setzen. In guten Zeiten kann man hoffen, dass man selbst bestimmt, wo es mit einem lang geht. In Krisenzeiten wird es schwierig, da rotten sich die Menschen in Kollektiven zusammen und stigmatisieren andere Kollektive, schlagen sie auch tot. Die Einzelgänger haben da wenig Chancen. Viele gehen dann in die „innere Emigration“, um nicht zur Zielscheibe zu werden.

      1. Ja. Ein Geheimnis ist es wohl für die vielen. Übrigens, das eine schließt das andere nicht aus. In Frankfurt mieteten wir eine Wohnung, deren Besitzerin „gegen Ausländer“ war (mein Mann ist Grieche), aber „ihre“ Griechen und Türken waren für sie keine „Ausländer“, die hatten Namen und Charaktere, und gelegentlich kümmerte sie sich um die Kinder, wenn die Eltern auf Arbeit waren.

  3. Ich habe auf deinen Beitrag zu diesem Thema gewartet!

    Zum ersten Mal mobilisieren sich Russlanddeutsche, werden medial als Kollektiv wahrgenommen und geben ein scheußliches Bild ab. „Denn sie wissen nicht, was sie tun …“ trifft es ganz gut. Rechte Parolen, Hetzkommentare, Aufstände. Lawrows Strategie – Unruhe zu erzeugen – geht auf.

    Die fehlende (politische) Bildung regt auf. Russlanddeutsche haben nun Angst, um die Kinder, mangelnde Sicherheit, usw. Sie rücken in die rechte Szene, unbewusst, aber sie tun es dann doch angesichts ihrer Einstellung. Nicht alle, aber viele, das hast du mit deinem Text klargestellt. Sie blasen zum Angriff, fühlen sich in der Ehre verletzt, verteufeln die Lügenpresse, die alles verharmlost.

    Man kann es mit Humor nehmen, der meiner Meinung nach hier allerdings nicht angebracht ist … Denn die Kommentare in meinem Umfeld erschrecken mich. Es wird lediglich darauf gewartet, bis sich eine neue Protagonistin, Lisa, findet und alle werden sich bestätigt fühlen. „Haben wir doch gesagt … die Fremden, Moslems auch noch. Wir üben jetzt Selbstjustiz, der Rechtsstaat tut doch eh nichts …“

    Manchmal wünscht sich man sich diese Zeiten zurück. Als Stammtischparolen noch Stammtischparolen waren, nicht öffentlich in den Sozialen Medien verbreitet wurden, sodass Dritte Gefallen daran finden konnten. Jetzt springen sie alle auf den Zug! Wittern Verschwörungen. Propaganda 2.0. Statt den eigenen Kopf mal einzuschalten, eins und eins zusammenzuzählen.

    Traurig!

    1. Ich bin mit meiner Analyse der Lage noch nicht durch, deshalb ist es nur eine kleine Bestandsaufnahme geworden. Daran habe ich ja noch gar nicht gedacht, dass die diffuse Angst irgendwann einmal echtes Futter kriegen könnte. Gott bewahre! Es ist etwas in Bewegung geraten und ich hoffe, dass die Menschen zur Besinnung kommen -sich Zeit nehmen, klar zu werden, was da mit ihnen abläuft. Aber du hast schon Recht, lieber Muromez, das was geschieht mit einem Witz oder einer simplen Stigmatisierung einfach beiseite zu wischen, wird wohl nicht genügen. Sabine Arnold von der evangelischen Sinnstiftung aus Nürnberg (einer Seelsorgeeinrichtung extra für Russlanddeutsche) hat neulich im Radiointerview kluge Dinge gesagt, unter anderem, dass Aussiedler aus einer inneren Lebensunsicherheit (verursacht durch die eigene Migration, Traumata im Gepäck, etc.) nach äußerer Sicherheit rufen. Da möchte ich genauer hinschauen. Denn eine komplett einsehbare, konstante Welt wird es vermutlich nicht geben. Was mich wundert, ist die Projektion, die bei einigen stattfindet, und dazu führt, dass sie kein Vertrauen mehr in unser Staatssystem haben. Als ob sie noch immer in einem totalitären Regime leben würden. Es gibt viel Denkstoff.

  4. Ist die Sache nicht einfacher? Menschen gehen auf die Straße, weil sie genug haben. Innen bitte schön – Milliarden, außen bitte schön – Milliarden, an die eigenen Leute, die einfachen Arbeiter und ehrlichen Steuerzahler wird zuletzt gedacht … Zumindest dem Gefühl vieler nach, denn die wirtschaftliche Komplexität wird nicht von jedem durchgeblickt. Der uralte Klassenkampf. Die oben sind, wollen Ruhe, die unten den Sturm. Man muss nur täglich unter der einfachen Arbeiterbevölkerung sein, um diesen Wind zu spüren. Macht es einen großen Unterschied, ob Einheimische oder Zugewanderte? – Spitze des Eisbergs! Aber: rechtes Gedankengut als Ersatz für linkes, weil das Zweite offenbar noch öfter durchgekaut und aktuell eben ein unmodischeres Überbleibsel ist. Der Gegner ist der gleiche: der „Ich schaffe alles, bis nichts mehr geht“-Optimkapitalismus.

    1. Es ist sehr komplex, du hast recht. Und es läuft nicht alles gut für viele Teile der Bevölkerung. Ich denke an den Satz: Bildung für alle. Das ist leider nur eine Hülse. Aber kann die Lösung sein, sich einen Sündenbock zu suchen und die Angst und die Wut in diese Richtung zu schleudern? Und hey, was ich beobachte ist, dass bestimmte Gruppen, die Angst der Menschen, ihren Wunsch nach Sicherheit recht massiv missbrauchen und die Demos mit ihren Parolen auf eine sehr eindeutige Weise lenken. Und das ist sicher nicht der Wunsch von denen, die da auf die Straße gehen. Aber da widersprichst du mir ja auch nicht. Du merkst, das ist ein Thema, dass mich aufwühlt. Dennoch. Auf keinem der Plakate stand: Optim-Kapitalismus, go home! Oder habe ich da was übersehen? Vielleicht muss man hinter den Schleier des Offensichtlichen blicken, um die Zwischentöne wahrzunehmen. . .

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