Warum den flüchtlingen keine hörner wachsen – deutsche Version

Diese Geschichte ist ein Gastbeitrag und stammt von dem russlanddeutschen Dichter Sergej Tenjatnikow. In dieser hitzigen medialen Debatte ist es wichtig, dass auch solche Stimmen zu hören sind. (Hier gehts zur russischen Originalfassung…)

etwas geschieht in meiner stadt. niemand versteht so recht was, aber die bürger versuchen ihre empfindungen irgendwie zu reflektieren und gehen zum flüstern über: Die Flüchtlinge Flüchten. und wirklich – auf den straßen flüchten flüchtlinge aus dem heim in den supermarkt, aus dem supermarkt zum kiosk, wo jungs, die auch nicht von hier sind, in nach hiesigen maßstäben teuren jeans billigen tabak und dazu gute papierhülsen kaufen.

die flüchtlinge flüchten aus monumentalen marmorierten zelten und spazieren gemächlich durch schlecht beleuchtete parkanlagen. die flüchtlinge sprechen nicht die hiesige sprache, sie kennen nicht die hier geltenden sitten. die meisten von ihnen, so scheint es, ahnen noch nicht mal, dass in dieser stadt einst der junge Goethe glänzte, und Schiller hier in einer winzigen bauernkate gehaust und die „Ode an die freude“ verfasst hat, deren vertonung durch Beethoven das vereinigte europa zu seiner hymne erklärt hat. diese stadt gibt aber noch viel mehr her: die völkerschlacht (als sich auf einem feld etwa eine halbe million soldaten versammelt haben, das wären alle einwohner des heutigen Leipzig), die novemberrevolution des jahres 1918, der zweite welt- und der kalte krieg, die demonstrationen des jahres 1989, die zum vereinten deutschen staat geführt haben, und nun, eine neue frontlinie, die sich von syrischen straßen aus auf deutsche straßen verlagert hat.

ich höre: Die Flüchtlinge Flüchten! und spule automatisch meine eigene geschichtliche chronik ab – und denke an meinen achtjährigen großvater, der in der mitte eines ihm völlig fremden dorfes steht und nicht begreift, was um ihn herum geschieht. er spricht nicht die hiesige sprache, kennt nicht die hiesigen sitten. unbekannte menschen treten heran und beäugen ihn sorgfältig. später erfährt er, dass sie seine stirn nach hörnern abgesucht haben und enttäuscht waren, dass die deutschen (wir verzeihen den sibirischen bauern die übermäßige beieindruckbarkeit durch die schablonenhafte darstellung der teutonen bei „Alexander Newskij“ von Eisenstein) sich anatomisch in nichts von anderen völkern der ökumene unterschieden.

ich sehe auf den straßen meiner stadt flüchtlinge. und ihnen wachsen ebenso wenig hörner auf der stirn, weil das entstehen von hörnern bei menschen nicht mit der physiologie oder der kultur zusammenhängt, in der sie geboren wurden. und wenn bei jemandem die schläfen anfangen sollten zu jucken, so geschieht dies aus anderen rein subjektiven gründen.

Weitere Infos zu Sergej Tenjatnikow:

Gedichte und Übersetzungen auf Russisch und auf Deutsch:
https://vimeo.com/user19730266/videos

Gedichte auf einem russischen Literaturportal:
http://magazines.russ.ru/authors/t/tenyatnikov/

Kurzbiografie auf Russisch:
http://www.plavmost.org/?p=6901

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

5 Kommentare zu „Warum den flüchtlingen keine hörner wachsen – deutsche Version“

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