Zwei Mütter, eine Waise – eine Rezension

Es ist die Geschichte eines Waisenkindes und beginnt in der Sowjetunion irgendwo Mitte der Fünfziger Jahre. Straßenkinder bzw. Waisenkinder sind nach wie vor ein sensibles und unerfreuliches Thema in dem Land, das sich jetzt Russische Föderation nennt.

Besonders dann, wenn die Eltern gar nicht tot sind, sondern in einem Straflager leben. Und besonders dann, wenn sie scheinbar ohne juristisch nachvollziehbare Gründe für Jahrzehnte weggesperrt worden sind.

Und dennoch nimmt sich Eleonora Hummel gerade dieses Themas an und baut daraus eine Geschichte. Inspiriert wurde In guten Händen, in einem schönen Land von einer wahren Begebenheit.

Drei Leben, drei Stränge werden aus drei Perspektiven erzählt. Aus der Sicht der „Waisen“ Vika Makarowa, die glaubt ihre Mutter habe wirklich etwas verbrochen. Aus der Sicht ihrer leiblichen Mutter Olessia Lepanto, die eigentlich nur zum Theater berufen war und ihr Kind im Gulag zu Welt bringt, es aber nicht behalten darf. Und aus der Sicht einer Leidensgenossin der Mutter, Nina Belikowa, die früher entlassen wird und verspricht, das Kind ausfindig zu machen und sich darum zu kümmern.

In Ansätzen ähnelt der Plot dem Stück Der kaukasische Kreidekreis von  Bertholt Brecht. Das Schema scheint ähnlich zu sein, zwei Frauen, ein Kind. Aber natürlich macht die Autorin etwas ganz eigenes daraus.

Wie beschreibe ich die Sprache dieses Romans, darüber habe ich lange Zeit nachgedacht.

Schon ab der ersten Seite kommt die Prosa verdichtet-poetisch daher. Da heißt es: Das Fensterbrett ist ein Ort der Wünsche.

Aber Poesie deckt hier bei Weitem nicht alles ab. Lakonisch wäre wohl der Ausdruck für diesen Tonfall oder eine leicht distanzierte Ironie und eine genaueste Beschreibung der Wirklichkeit.

Es sind drei Melodien, drei innere Monologe, die zu einem Ganzen verflochten werden. Was auf den ersten Blick leicht kategorisch wirkt, denn Vika tritt permanent als ich-Erzählerin auf, ihre Mutter redet ausschließlich in der zweiten Person von sich (was anfangs ungewohnt ist) und über Nina Belikowa wird folgerichtig in der dritten Person gesprochen.

Aber das ist nur ein äußeres Muster, eine Struktur. Bemerkenswert ist, dass durch den gesamten Roman hindurch der Ton niemals anklagend oder wehleidig wird. Obwohl alle drei Frauen Opfer des großen Terrors geworden sind und sicher Grund hätten zu verzweifeln und anzuklagen.

Wahrscheinlich ist dieser distanzierte, beschreibende Ton eine Möglichkeit über das Nicht-Sagbare zu reden. Die Wirklichkeit wird wie durch ein Vergrößerungsglas gezeigt.

Die Autorin lenkt die Aufmerksamkeit auf ein scheinbar unbedeutendes Detail wie einen Fussel am Kleid. Einen kleinen Fleck, der mit dem Finger bedeckt werden muss.
Das Unerträgliche an den Lebenssituationen wird nicht explizit ausgebreitet, schwingt aber mit.

So kann ich mich als Leserin auf dieses schwere Thema einlassen.

Ich habe das Buch auch meiner Tante ausgeliehen. Sie sagt, sie hat vieles aus Russland wiedererkannt (das kann ich bestätigen auch wenn mir aufgefallen ist, dass in der Straßenbahn so ein Kasten zum Kartenabstempeln hängt. War das in echt so? Bei uns gab es dafür noch die echte Konduktorinnen, aber vielleicht trifft diese Luxusvariante auf Charkiv ja zu). Meine Tante jedenfalls erinnert sich noch an die Heimkinder, die in der Schule immer nur unter sich bleiben. Als wäre eine Trennmauer zwischen ihnen und den anderen, als wären sie Nichtberührbare. Die mit den kurzen Haaren. Manchmal sogar kahlgeschoren, auch die Mädchen, das ist die Hauruck-Methode um Läusen vorzubeugen oder deren Beseitigung zu erleichtern. Und natürlich musste das von Mädchen und auch von Jungs als Makel erlebt worden sein – und als Erkennungszeichen der Aussätzigen. Aber ich schweife ab, denn Eleonora Hummel geht nicht so weit, sich bei diesem Klischeehaften Bild aufzuhalten und es auszuwalzen.

Waisen in den Hungerjahren um 1920
Waisen in den Hungerjahren um 1920
Jahreswendfest im Waisenhaus
Jahreswendfest im Waisenhaus

Es ist mein Film. Seit ich das Buch lese, habe ich öfter an dieses Bild vom russischen Heimkind denken müssen. Große, traurige Augen, großes Gesicht, schmaler Hals und dieser kahle Kopf.

Zum Glück kehrt Eleonora Hummel solche vordergründigen Klisches nicht in den Mittelpunkt.

Er geht nicht gleich unter die Haut, dieser Stoff, aber er wirkt lange nach. Durch die distanzierte Haltung ist es nicht so, dass ich mit angehaltenem Atem über die Schrecknisse und Erniedrigungen lese und innerlich die Augen zudrücken muss. Und das ist die Kraft dieses Romans. Ich bin hineinversetzt, kann das alles aufnehmen ohne dass es mich hinwegschwemmt, ich verstehe etwas von der Zeit, erkenne die Zustände und die Zusammenhänge. Die Geschichte der Verfolgung von sogenannten Kulaken und Intellektuellen leuchtet auf. Sie werden aus der Geschichte heraufgeholt.

Hier ein Zitat, in dem die Liebe zum Detail deutlich wird:

Als es wieder soweit ist, bringt Jewgenia einen Korb voll Piroggen mit süßer Füllung mit, bestehend aus Nachtschattenbeeren vermischt mit gleichen Teilen aus Mehl und Zucker. Die zugeklebten Teigränder haben bei aller Sorgfalt dem Fruchtsaft nicht überall standgehalten, da, wo er ausgetreten ist, sind die Piroggen mit klebriger violetter Masse bedeckt. Man muss den Teller unterstellen, damit der Saft abtropfen kann. Er lässt sich nur schwer aus der Kleidung herauswaschen. (S. 158)

(Das Dilemma kenne ich zu gut, nur mit Erdbeerfüllung, ich habe beim Lesen den Geschmack der zerkochten Erdbeeren glatt im Mund, vermischt mit geschmolzener Butter allerdings. Denn es waren Wareniki und nicht Piroggen, aber dennoch. Etwas wird hier getriggert.)

Und noch ein Detail, in dem die leichte Ironie deutlich wird:

Von unserem Sommerquartier aus gehen wir mit Laternen auf Nachtwanderung durch den Wald, sitzen am Lagerfeuer, bis alle nach Bückling stinken, baden im See, spielen Volleyball ohne Netz. (S. 143)

Mir fällt auf, dass die ironischen/lakonischen Gedanken oft in den Abschnitten mit Vikas Perspektive vorkommen. Aber nicht immer, wie man bei Olessias Erinnerungen sieht:

Der Ermittler kramte in deiner Akte, warf dir ein Blatt hin.

„Was ist das?“

Du erkanntest in deiner Handschrift den ersten Gesang aus der Hölle.

Vor einer Ewigkeit hattest du, um dich auf die Schauspielschule vorzubereiten, aus der Bibliothek deiner Eltern Dantes Göttliche Kommödie, die zweisprachige Ausgabe, gerettet, sorgfältig auf Italienisch abgeschrieben und am Spiegel befestigt, um den Text beim Zähneputzen vor Augen zu haben. Sie hatten die Abschrift offenbar bei der Durchsuchung deines Zimmers als Beweisstück eingepackt.

„Das ist ein Gedicht.“

„Ein Gedicht, sieh an. Worum geht’s denn in diesem Gedicht?“

„Um die Hölle, es stammt ja nicht aus meiner Feder.“

„Soso. Wer hat’s denn gedichtet?“

„Dante.“

„Und weiter?“

„Allighieri.“

„Ali…wer? In welcher Beziehung stehst du zu diesem Dante, und wieso schreibt er über die Hölle? Gefällt’s ihm bei uns nicht?“ (S. 79)

Aber hier ist die Situation absurd. Nicht die Haltung der Protagonistin. Für ein bloßes Gedicht schuldig zu werden. Unvorstellbar. Und dennoch geschieht so etwas auch heute.

Noch eine Besonderheit des Buches, rein optischer Natur, aber bemerkenswert, wie ich finde… Auf dem Buchcover ist eine junge Frau zu sehen. Es ist in Wirklichkeit auch ein Antlitz aus einem Gulag. Das Bild stammt von Ursula Rumin, die in den Fünfzigern aus Berlin nach Russland verschleppt und in ein Lager in Workuta kam, wo sie wegen Spionage zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Sie saß 15 Monate davon ab. 1953, nach dem Tod Berijas wurde Rumin freigelassen und hat einige Bücher über diese Erfahrung publiziert. Auch sie hatte ein Kind, das sie erst im erwachsenen Alter kennengelernt hat. Ob sie es selbst auf dem Cover ist, weiß ich allerdings nicht.

Eine fremde Stimme zum Roman von Eleonora Hummel: (aus dem Tagesspiegel von vor drei Jahren)

Die erzählerische Stimme des Kindes erzeugt im Dreiklang dieser bewegenden Innenansichten den intensivsten Widerhall: unversöhnlich und radikal egozentrisch. Viktoria will endlich ein Zuhause haben und der Ödnis des Kinderheims entkommen, in dem es nicht einmal gestattet ist, am Fensterbrett auf Besuch zu warten. Sie kann nicht wissen, dass ihre Mutter zu Unrecht verurteilt wurde. Ihr ist nur gesagt worden, dass sie sich nicht an die Gesetze gehalten hat – so entstehen Ablehnung und unbegründeter Hass. Die Heimerziehung gemäß der politischen Linie führt im Laufe der Jahre zu der Überzeugung: „Ich bin in guten Händen, in einem schönen Land.“ Für Viktoria sind Erkenntnis und Versöhnung mit ihrer Mutter erst nach Jahrzehnten möglich.

Hummel_Haende

Eleonora Hummel
„In guten Händen, in einem schönen Land“
im April 2015 als Taschenbuch im Ullstein Verlag erschienen, (vorher bei einem anderen Verleger…)

Broschur
352 SeitenISBN-13 9783548287249

http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/in-guten-haenden-in-einem-schoenen-land-9783548287249.html

…als E-Book:

http://www.buecher.de/shop/sowjetunion/in-guten-haenden-in-einem-schoenen-land-ebook-epub/hummel-eleonora/products_products/detail/prod_id/41848873/

…und mehr über die Autorin:

http://www.eleonora-hummel.de/

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

2 Kommentare zu „Zwei Mütter, eine Waise – eine Rezension“

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