Quellenforschung

Bereits Ende letzten Jahres hat die Bundeszentrale für politische Bildung ein Buch des Historikers Dr. Viktor Krieger herausgebracht. Es heißt: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. In drei Teile gegliedert, beschäftigt es sich mit der Auswanderung der ersten Siedler ins russische Reich vor 250 Jahren, mit dem Leben ihrer Nachkommen im Sowjetstaat und schließlich mit ihrem Verbleib nach der Auflösung dieses Staates.

Ich habe es zunächst durchgeblättert und gedacht, aha, Vertreibung, aha, Fotos in schwarz-weiß, alte Schriftstücke aus Archiven, kenn‘ ich schon.

Doch dann habe ich mich hingesetzt und angefangen, wirklich zu lesen.

Ich kann diesem Buch zwar nicht entnehmen, worüber sich die Leute damals beim Frühstück unterhalten haben, wie sie ihr Brot schnitten, auf russische oder aus deutsche Art, aber ich lerne, dass es seinerzeit unter den Siedlern-Eigentümern an der Wolga und an anderen Orten Arm-Bauern gab, die kein Land besaßen. Ich bekomme eine Übersicht über die vielen verschiedenen Berufe, die sie in Deutschland ausgeübt hatten. Bevor sie sich in Russland ausschließlich mit der Landwirtschaft beschäftigen mussten. Die Geschichte von vielen hundert Siedlungen breitet sich vor meinem Auge aus. Und sie ist sachlich erzählt, nicht zu trocken, sondern stringent, so dass an ihr gut folgen kann.

Durch die emotionslose Sprache eines Geschichtsbuches hört das Spekulative, die dunkle Erinnerung auf und die Fakten treten hervor und zeigen etwas Unumstößliches, etwas Objektives. So wars. So kanns gewesen sein. Ihr Alten habt es uns erzählt und hier ist es widergespiegelt.

Die Wege der Siedler damals
Die Wege der Siedler damals

Das Buch ist kein unverdaulicher Brocken, es umfasst (das Glossar eingerechnet) lediglich 270 Seiten und ist klar und verständlich geschrieben. Ich kenne sonst nur den anklagenden Ton, der sich hineinsickert, wenn jemand über die Vertreibungen und die Diskriminierung berichtet. Hier treten die widrigen Umstände auch klar hervor, aber in sehr distanzierter Form. Als Statistiken, die den Grad der Beherrschung der Muttersprache zwischen 1959 und 1989 beschreiben, oder die Anzahl der Akademiker einiger Sowjetvölker, darunter der deutschen Minderheit im Jahr 1939 und rund fünfzig Jahre später. Sie tauchen auf als Abbildung einer Medaille, die 1991 angeblich als Wiedergutmachung den deutschen Opfern der Trudarmee verliehen werden sollte. Deren Vorderseite ziert doch tatsächliche das Konterfei Stalins mit einem Spruch, der nur zynisch aufgefasst werden kann: Unsere Sache ist gerecht – wir haben gesiegt!

Da ist kein Jammern, noch nicht mal auf hohem Niveau, sondern eine Darlegung der Fakten, die für sich genommen, eine deutliche Sprache sprechen. Und die vieles von der Mentalität und der Motivation der Russlanddeutschen verständlich machen. Dem Autor gelingt es, durch fundierte Recherche und mithilfe einer großen Ansammlung von Daten, einen Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen zu geben. Aber er reiht nicht nur Jahreszahlen und Aussiedlungsrouten aneinander, sondern schafft Zusammenhänge, bezieht die Ereignisse aufeinander und beschreibt die Strömungen und die politischen Einflüsse, die diese Ereignisse herbeiführten. Ein Lesebeispiel:

Im Gegensatz zu den Jahren 1921/22 leugnete die Kremlführung dieses Mal [1933] hartnäckig die Existenz der selbstverschuldeten Hungerkatastrophe. Auf Druck der internationalen Öffentlichkeit stimmte sie jedoch der Zustellung von Lebensmittelpaketen und Geldüberweisungen an die Bedürftigen zu. In Deutschland organisierte und leitete der Reichsausschuss „Brüder in Not“ verschiedene Sammlungen, Paketsendungen und andere Aktivitäten. (…) Sobald sich im Ausland die Kunde über die schwierige wrtschaftliche Lage zu verbreiten begann, suchte die Sowjetregierung allerdings sofort die Auslandsverbindungen zu beschränken und die Empfänger von Hilfslieferungen einzuschüchtern. In den Massenmedien wurden diese Geschenkpakete als „Hitlerhilfe“ diffamiert und die Adressaten als „faschistische Agenten“ verleumdet. S. 107

Heimkehrer im Lager Hammerstein 1929, Seite 106
Frühe Ausreisewelle: Heimkehrer im Lager Hammerstein 1929, aus Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Seite 106

Ich erkenne Stücke aus diesem Mosaik, aber ich kenne bei weitem nicht alles. Das Durchackern dieses historischen Umrisses verbindet Wissensinseln miteinander und füllt die Lücken.

Welchen Anteil die Deutschen in Russland an der Demaskierung des Systems hatten, war mir beispielsweise nicht bewusst. Dadurch, dass sie wegen ihrer Ethnie und ihrer Religion stark verfolgt wurden, haben sie sich schon früh von der staatlichen Einheitsdoktrin abgewendet.

Neben dem religiös motivierten Wiederstand setzte die Ausreisebewegung der Deutschen aus der Sowjetunion ein deutliches Zeichen des Protests und Freiheitswillens. Sie stellt einen wichitgen Beitrag dar, die ideologischen Säulen der sozialistischen Gesellschaftsordnung wie Internationalismus, Völkerfreundschaft, Gleichberechtigung oder Religionsfreiheit in den augen nicht nur der sowjetischen Bevölkerung, sondern auch der ausländischen Öffentlichkeit als leere Worthülsen zu entlarven. S.158

Nicht dass ich es an einem Stück lesen könnte, wie einen Krimi,  dazu enthält es zu viele Informationen, aber ich werde es wohl öfter zur Hand nehmen, um zu forschen, um mich inspirieren zu lassen. Und vor allem um nachzuspüren, wie es damals war und woher ich eigentlich komme.

Die Auflistungen der geschichtlichen oder kulturhistorischen Ereignisse verankern mich. Sie betreffen meine Vorfahren und deren Landsleute. Es sind keine bahnbrechenden, weltbewegenden Dinge, aber sie sind gut zu wissen, denn sie geschahen mit meinen Leuten. Oder solchen wie ihnen. So liegt das Woher und Wann und Wie nicht mehr im Dunkeln, in den mündlichen Überlieferungen und den fast verlorenen Bildern.

Sieh an, alles ist geordnet, dann und dann haben sie Priesterseminare gegründet, da Jubiläen gefeiert.

Mir wird jäh bewusst, dass ich vor 12 Jahren ein Jubiläum verpasst habe, denn ungefähr da muss ein Altvater nach Russland aufgebrochen sein. Halb so schlimm. In wenigen Generationen kommt schon die 300-Jahresfeier und die wird doch hoffentlich festlicher begangen und mit mehr Echo in den Medien und in den Köpfen meiner eigenen Sippe.

Aufgepasst: diejenigen, deren Vorfahren vor 200 Jahren im Transkausus siedelten, haben bereits 2019 die Chance auf ein großes Fest.

Mehr noch als Quelle für Ereignisse und Geschichten, ist dieses Buch für mich eine Art Rückversicherung. Als Garantie dafür, dass es die Gräueltaten und das einfache alltägliche Leben, die vielen einzelnen Schicksale und das kollektive Erleben wirklich gegeben hat. So dass es objektiv festgehalten werden kann. Nicht in mündlicher Überlieferung, nicht lediglich in Geschichten und Filmen, sondern ganz offiziell in einem historischen Werk. Schwarz auf Weiß mit Tabellen und Zeittafeln, so dass alles seine Ordnung hat.

Das ist mir sehr wichtig gewesen, als ich das Buch in den Händen gehalten habe. Denn nur zu leicht wird die Geschichte der russischsprechenden Diaspora, wie Russlanddeutsche kürzlich (fälschlicherweise) betitelt wurden, ganz elegant übergangen. Als wäre das, was sie erlebt haben, nur eingebildet und nicht der Rede wert.

Was auch vorkommt: in der Medienlandschaft tauchen unsägliche Verallgemeinerungen oder schlecht recherchierte Thesen auf, wie neulich der lapidare Satz in einem FAZ Artikel, der mir noch immer die Haare zu Berge stehen lässt: von wegen, die Russlanddeutschen wurden von Josef Stalin umgesiedelt und haben dabei (huch, wie konnte das passieren? Eben war sie noch da!) ihre Muttersprache verloren.  Dieser Journalistin und anderen auch lege ich ans Herz, ein Buch wie das von Viktor Krieger zu Recherchezwecken zu verwenden, bevor sie sich an das Thema setzen. Es ist erschreckend, wie schlecht informiert die Presse ist und vor allem wie unsensibel sie über die Geschicke dieser kleinen Volksgruppe schreibt. (Als Vertreterin der Zweit- oder Drittgeneration von Kriegstraumatisierten und Vertriebenen bin ich auf diesem Ohr sehr hellhörig. Also mehr emotionale Intelligenz und Empathie, bittschön!)

Das einzige Manko des Buches ist in meinen Augen, dass der Fokus sehr auf den Wolgadeutschen liegt, auf ihrer autonomen Republik. Die Zeittafel beginnt zum Beispiel erst 1763 mit dem Manifest Katharinas II, dabei gab es schon Jahrhunderte vorher Deutsche in Russland. Bereits seit der Hansezeit. Aber vielleicht fällt mir das auf, weil meine Vorfahren aus der Ukraine stammen. Sie werden auch erwähnt, aber ich hätte sie vielleicht gerne stärker behandelt gesehen. Und auch die Deutschen, die sich im Kaukasus angesiedelt hatten, werden nur am Rande erwähnt.

Auf dem Umschlag steht ein Geiger am Ufer eines Flusses (der Wolga?) und spielt. Fünf Kinder fläzen sich im Gras und lauschen ihm andächtig. Die Mädchen haben diese weißen pludrigen Schleifen in den Haaren, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Wir hören sein Lied nicht. Doch die Melodie soll nicht ungehört verklingen. Sie hat ihren eigenen Klang und ihre eigene Berechtigung und wir sollten sie kennen. Damit wir uns im Klaren darüber bleiben, woher wir kommen.

krieger_kolonisten_sowjetdeutsche_aussiedler

Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler: eine Geschichte der Russlanddeutschen
Dr. Viktor Krieger, bpb, Bundeszentrale für politische Bildung.
Bonn, 2015. – 272 S.
ISBN 978-3-8389-0631-7

Übrigens: Der Deutsche Bundestag führt dieses Buch in der Liste der neuerworbenen Werke des Jahres 2016, unter Innenpolitik/Landeskunde, neben dem aktuellen Roman von Martin Walser und hunderten anderer Publikationen. Hoffentlich schauen die Abgeordneten auch mal hinein. Könnte nicht schaden. Aber für den unglaublich Preis von 4,50 plus Versandkosten kann ein jeder und eine jede dieses Geschichtsbuch auch selbst erwerben und muss dafür nicht in die Bib des Bundestages nach Berlin reisen:

https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/217258/kolonisten-sowjetdeutsche-aussiedler

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

4 Kommentare zu „Quellenforschung“

  1. das titelfoto macht im gegensatz zum beschriebenen inhalt auf idyllisch. ich denke, auch dies gehört zum gelebten leben: erinnerungen an solche, auf dem titelbild gespiegelte momente. danke für die aufklärenden informationen, inklusive «wander»-grafik.

    1. Das Foto ist symbolträchtig auf seine Art. Ich glaube nicht, dass ein Zwangslagerbild auf dem Cover sehr zum Verkauf beitragen würde. Und es ist auch nicht der Punkt. Allerdings, mir könnte es schon einfallen, ein abstoßendes Bild auf die Titelseite zu nehmen…Und Idylle gab es auch. Und gibt es. Wassermelonen essen auf dem Bazar zum Beispiel. Werd ich nie vergessen.

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