Spruch der Woche – Leid

La Discretion, C.M. Dubufe, 1820
La Discretion, C.M. Dubufe, 1820

Verschwiegen Leid heilt nur die Zeit.

Diesen Satz finde ich in einem dicken Band über Sprichwörter. Und stutze. Widerspricht er doch allem, was ich über dieses Thema gelernt habe.

Es hört sich so an, als ob die Zeit von selbst das heilt, was man heimlich an Leid mit sich trägt.

Kommt daher auch die Redewendung: die Zeit heilt alle Wunden?

Es wird wahrscheinlich leichter mit der Zeit.

Aber der erste Spruch meint, dass all das Verschweigen, der Ereignisse, der Verbrechen, der Opfer dazu beitragen würde, dass die seelischen Wunden besser heilen. Tun sie aber nicht. Sie schwelen im Inneren. Sogar das Gegenteil ist der Fall, nicht bearbeitetes Leid bekommt ganz seltsame Ausformungen, über Generationen hinweg. Schweigen, das haben viele in unserer und der Generation davor erfahren, macht nichts wieder gut. Da nutzt die Zeit auch nichts.

Aber bei einer kurzen Recherche merke ich, es ist nur eine falsche Übersetzung aus dem Niederländischen. Denn im Original heißt es:

Verborgen pijn, geen medicijn. – Voor verzwegen pijn is geen medicijn.

Gegen verschwiegene, gegen verborgene Pein gibt es keine Medizin. Das klingt schon logischer und ist dem näher, was ich so erlese und erfahre.

Aber das andere reimt sich halt so schön. Leid und Zeit. Da hat sich wohl jemand dem Dichten hingegeben und den Sinn verdreht. Ts.Ts.Ts.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

6 Kommentare zu „Spruch der Woche – Leid“

  1. liebe scherbensammlerin, einmal mehr: dein in die tiefe gehen, lässt so vieles erfahren. nur schade, dass leider der bessere reim, der nicht mit den gemachten erfahrungen übereinstimmt, noch mehrfach kopiert wird. der sinnige immer wieder auf «scherbensammlerinnen» warten muss, die es wirklich wissen (wollen). danke fürs zu recht rücken. barbara

  2. Ich finde Reime meistens furchtbar, in vielerlei Hinsicht. Es wird sehr oft passieren, dass das Suchen nach einem Reim den Inhalt einer Botschaft verändert, sie wie in diesem Fall

    1. Ja, genau, reim mich oder ich fress dich! Aber: Gereimtes lässt sich leichter behalten und rezitieren…. Aber es gibt durchaus Lyriker und Lyrikerinnen, denen so eine Schlamperei nicht passiert wäre. Die beherrschen ihren Jambus und Trachäus noch aus dem eff-eff.

  3. Das Pons-Wörterbuch gibt für „verzwegen“ auch „uneingestanden“ her, was der Aussage eine weitere Bedeutungsnuance hinzufügt. Nimmt man aber noch einmal die Übersetzung aus dem Buch: „Verschwiegen Leid heilt nur die Zeit.“, so habe ich weitere Interpretation: Ein Leid oder Unrecht, das nicht eingestanden (sich selbst gegenüber) wird, kann nicht behandelt werden. Lediglich die Zeit tut ihren Teil. Wenn ein Patient seine Krankheit verleugnet und keinen Arzt aufsucht, wird ihm kein Arzt helfen können, dies gilt umso mehr bei solchen Leiden, die tatsächlich „verborgen“ sind.

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