Worthülse des Tages. 21. September:

wertkonservativ

Dieses Adjektiv stößt mir regelrecht auf, denn es wird in den letzten Wochen und Monaten dafür benutzt, Russlanddeutsche zu charakterisieren und zu erklären, warum die alle (ich betone alle! Denn Unterscheidungen sind nur was für Warmduscher) zur AfD laufen.

Sie haben Migrationshintergrund, also sind sie auf Sicherheit bedacht und eben w e r t k o n s e r v a t i v. Eigentlich was Schönes, Werte zu bewahren, aber darum geht es hier nicht.

Sie wollen keinen Sex vor der Ehe, also wählen sie AfD. Das ist die einfache Rechnung. Redakteure der taz haben vor dem Mix-Markt (Geschäft mit russischen Lenbensmitteln, es gibt drei davon in Berlin, da tummeln sich die Reporter immer, um typische Aussiedler*innen beim Pelmenikauf zu erwischen) eine Frau angesprochen, die einer dieser strengen religiösen Gruppierungen angehört, wo die Frauen Hauben tragen und niemals Hosen. Und die ist gegen Sex vor der Ehe und wird AfD wählen.

Damit ist doch alles geritzt. Eine für alle. 4 Millionen. Eine wertkonservative Masse. Ist Wertkonservatismus nun eine Umschreibung für Rassismus oder nicht?

Also. Zum Mitschreiben.

Russlanddeutsche sind alle: wertkonservativ, ferner wortpreservativ (denn mit Argumenten erreichst du sie nicht), ferner Wurstpersistent (oder hat jemand schon mal russlanddeutsche Vegetarier gesehen? Ganz zu schweigen von Veganer*innen – ja ich, und zwar einige. Wenige. Mindestens eine. Die war mal Vegetarierin, für mindestens 15 Jahre, dann hat sie sich auf ihre Werte besonnen und ist zu uns zurückgekehrt. Aber egal. Es geht um die Sache an sich!)

Und überhaupt sind sie entwicklungsresistent. Alles Hillbillies. Von dort, von der Wolga eben, liegt noch weiter weg als die Walachei. (Ätsch, seit 1941 lebt kein einziger mehr von ihnen an der Wolga, aber Kasachstan ist auch weit weit weg.)

Aber im Moment ist zumindest eine von ihnen wutimperativ und presseavertiv. Nämlich ich.

Denn das Dumme ist, diejenigen, die sowas in der Zeitung lesen, glauben das am Ende auch noch.

 

(P.S.: Liebe Wildgans, ich habe mir erlaubt, dein Format mit dem Wort des Tages zu entwenden und zu verfremden. Ich hoffe, du denkst jetzt nicht auch noch, ach, die wiedermal, alles Diebe, diese Aussiedler, einer wie die andere.Ich habe mich nur inspirieren lassen, konnte aber natürlich nicht lassen, zu dem Wort meinen Senf dazuzugeben…)

 

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

10 Kommentare zu „Worthülse des Tages. 21. September:“

  1. Der Begriff „konservativ“ meint ja oft gar nicht konservierend oder bewahrend, sondern rückwärtsgewandt, und das ist eben, was verschiedentlich mit der AfD assoziiert wird. Ich glaube allerdings, viele, ich schließe da einmal von mir auf andere, haben kaum eine Meinung zu sogenannten Russlanddeutschen. Der einzige, der mir jetzt speziell einfällt, hat wohl irgendwie ukrainische Wurzeln, ich weiß also nicht, ob er unter den Begriff Russlanddeutscher fällt, aber der ist tatsächlich Vegetarier, ein kluger Mensch und ein herausragender Musiker (Tua, keine Ahnung ob du ihn kennst, oder mit seiner Musik etwas anfangen kannst/könntest).
    Um noch einmal auf die Wahrnehmung zurückzukommen: Für meinen Geschmack wird wenig berichtet, besonders im Vergleich zu sogenannten Deutschtürken; so wenig, dass man sich kaum eine solide Meinung bilden könnte, und also lass ich es. Ich sehe schon gerade in den Schlagwörtern rechts eines, das mir rechtzugeben scheint: „Warum Russlanddeutsche oder Deutschrussen nicht in den Medien vorkommen. Und wenn doch doch, dann so.“ – Demnach ist das ein wiederkehrendes Motiv für dich, Artikel zu verfassen und ich werde also ein wenig mehr bei dir lesen müssen 🙂
    Abschließend: Der Kommentar hier wirkt mir etwas wirr und mir missfällt, wie wenig ich zu dem Thema beizutragen habe, nämlich eigentlich nichts, aber vielleicht willst du eben genau solche Menschen wie mich erreichen – solche mit wenig Ahnung, die aber immerhin noch bereit sind, dazuzulernen und also sich belehren zu lassen.
    Hast du dich denn mit deiner Kritik einmal an die TAZ gewandt? Mitunter entsteht dadurch ein interessanter und vielleicht auch nachwirkender Austausch.
    Besten Gruß!

    1. Ach , es wäre schön, wenn mehr Unvoreingenommene solche Kommentare schreiben würden. Nein, den Musiker kannte ich nicht, werde mal recherchieren. Und an die taz habe ich mich nicht gewandt. Es ist ja nicht nur die taz, auch die Zeit, oder Berliner Zeitungen. Ich werde mal eine Replik schreiben und sie in einem Rutsch abhandeln. Obwohl, so ein konstruktiver Austausch wäre auch was Feines. Vielleicht versuch ichs doch mit nem Leser*innen-Brief. Und Tua ist wirklich Vegetarier. Hm. Interessant

      1. Mitunter freuen sich die Journalisten sogar. Hatte mal den Fall, dass ich mich für Details bezüglich der Drusen im Libanon sowie in Syrien interessiert hatte. Die Antwort befriedigte mich zwar nicht komplett, aber man spürte die Überraschung (und sie wurde auch explizit ausgedrückt), dass sich tatsächlich mal jemand genauer für eine Sache interessiert – die schreiben letztlich für eine allgemeine Zeitung, eine, die alles abdecken muss und viele Menschen erreichen soll. Es mag schön sein, von vielen gelesen zu werden, andererseits bleibt konstruktiver Wider- als auch Zuspruch eine Ausnahme. Ein Journalist, der um aufmerksame und vorgebildete Leser weiß, wird, so er rechtschaffen ist, umso mehr Acht geben, was und wie er schreibt. Von daher könne ich mir vorstellen, dass so ein Brief oder eine Mail etwas bewirken könnte. Zugleich spricht ja nichts dagegen, sich auf dem eigenen Blog einiges von der Seele zu schreiben.

        Ich empfehle auch recht gern einmal folgendes Buch: https://www.wagenbach.de/buecher/ebooks/titel/819–dabei-und-doch-nicht-mittendrin.html Das setzt sich zwar explizit mit Türkeistämmigen in Deutschland auseinander, einige Befunde dürften sich aber übertragen lassen. Menschen, die von außerhalb dazukommen, integrieren sich generationenübergreifend, das ist nur natürlich und nichts Spezifisches für eine bestimmte Gruppe.

  2. Oh je, meine Sympathie haben Sie – Ich kann die Frustration sehr gut nachvollziehen.. Zum mitschreiben: Alle aus den deutsch sprachigen Gebieten der Tschechoslowakei (von manchen Sudetenland genannt) und deren Nachfahren sind 200% unverbesserliche Nazis. Diese böse Sudetendeutsche. Mit deren Vertriebenenverbände SdL. Wem interessiert es, dass weniger als 5% dort Mitglied sind (wobei selbst in der SdL es jetzt neue Töne gibt), u, es auch man glaubt es kaum Vereine wie die Ackermann Gemeinde oder die Seliger Gemeinde gibt und die allermeisten garnicht organisiert sind? Nein, wenn einige Ewigestrige ihre Sprüche lassen und natürlich sich einbilden für alle sprechen zu müssen, stürzen die Medien auf sie, aus Prag wird dann geschossen (wörtlich) verständlicherweise u. man duckt und schämt sich und versteckt seine Familienherkunft. Das man evt selbst schlimm niedergemacht wird von diesen Ewiggestrigen wenn man etwas kritisch die Geschichte betrachtet (Henlein u. Co lassen grüssen) interessiert keine Sau. Man ist dann Volksverräter und fragt sich, schreiben wir das Jahr 1939 etwa Schon zischt es von Bundesdeutscher Seite: Die haben es verdient vertrieben u ermordet zu werden. Ohne Ausnahme. Und von den national kommunistischer Partei in Tschechein: schade, dass man nicht alle gleich umgelegt hat.
    Nimms mit Humour, ändern können wir es eh nicht.

    1. Hast recht, ich kanns mit Humor nehmen, oder anfangen, es zu beobachten wie ein fremdes Tier.
      Da taucht ein rechter erzkonservetiver und putin-afiner Verein auf, so ein Konvent der Russlanddeutschen, es sind nur 50 Leute, aber sie schaffen es, ihr Braun auf alle abzufärben. Das ist so, wie wenn man ein falsches Stück Wäsche mit Weißwäsche in die Maschine wirft und dann kommt alles raus und ist nur noch rosa. Oder im besten Falle hell hell blau.

      1. Natürlich ist dies unfair. Ich kann nur raten, evt sich mit anderen zusammenzutun oder Artikel für Zeitungen zu schreiben (lassen). Der Ruf der Russlandsdeutschen ist noch nicht so verschrien denke ich, sah eine ganz faire Reportage vor einigen Wochen. Allerdings lieben es die meisten Journalisten, alles in schwarz/weiss zu vereinfachen und fokusieren auf extremes – ist ja viel interessanter u. macht Schlagzeilen.. Die mesten Recihs/Bundesdeutschen haben einfach null Ahnung von deutsch sprachigen Minderheiten, noch irgendwelche andere Minderheiten. Es gibt auch die Tendenz, die „bösen“ anderen Deutschen zu finden a la alle Nazis wohnten in West Deutschland – das Sündenbock syndrom eben, dann muss man nicht evt in der eigenen Verwandschaft schauen .
        Da die Russlandsdeutschen von Stalin „rechtzeitig“ verschleppt wurden, hätte ich gedacht dass kein NS Gedankengut sich eingenistet hat, oder irre ich mich? Erzkonservativ kann ein Einzelner natürlich dennoch sein, oder man kommt in BRD mit dieser Weltanschauung in Kontakt? Herzlichen Dank!

      2. Liebe Beobachterin, ich glaube nicht, dass es um NS-Gedankengut im eigentlichen Sinne geht. Habe ich das geschrieben? Die Frage ist vielleicht zu kompliziert, um sie hier auf einigen Zeilen auszubreiten. Nur weil sich die Sowjetunion klar antifaschistisch positioniert hat, heißt es aber auch nicht, dass dort nicht Gedanken und Ideologien verbreitet waren, die wir als als rückwärtsgewandt und am rechten Rand bezeichnen würden. Gerade in dem stalinistischen Regime. Und die Deportation war nicht eine Rettung vor rechtem Gedankengut, sondern eine pauschale Verurteilung als Handlanger Hitlers. Vielleicht bin ich deshalb so allergisch gegen Pauschalisierungen und Vorverurteilungen. Es war ein Regime. Zwar ein linkes, aber auch da wurden Menschen in Lager gesteckt. Ich kann hier nicht für etwaige rechtsgerichtete Individuen sprechen und rechte Tendenzen unter den Aussiedlern erklären.Ich weiß nicht, was in ihren Köpfen vorgeht und woher sie ihre Ideen haben. Sollte ich?

  3. Liebe Scherbensammlerin,
    solche Gedanken, wie Du sie denkst, dass ich sie denke, kämen mir nicht in den Sinn. Habe viel mit Russlanddeutschen zu tun gehabt und mir war nie danach, sie alle über einen Kamm zu scheren! Es sind rein Deine Gedanken! Ich freue mich nur, dass mein Blog als Anregung dient!

    1. Das mit den Dieben war nur ein (wahrscheinlich mißlungener) Witz. Schon als ich versucht habe, auf dem Geburtstag meiner Schwester als Clown aufzutreten, hat keine von ihren Freundinnen gelacht. Naja. Da ist wohl das Pointen-Pferd mit mir durchgegangen! Ich will dir nichts unterstellen!

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